Hong Kong: Reisen damals und heute

Historischer Hintergrund

Am 30. Januar 1889 nimmt sich Rudolf, Sohn und Thronfolger von Franz Josef, Kaiser von Österreich-Ungarn, in einem Jagdschloss in Mayerling bei Wien, zusammen mit seiner Geliebten Mary Vetsera das Leben. Neuer Thronfolger wird der 26 jährige Erzherzog Franz Ferdinand, ein Neffe des Kaisers. Er sollte diese Stellung bis zum 28. Juni 1914 behalten. An diesem Tag fällt er zusammen mit seiner Frau in Sarajevo einem Attentat zum Opfer. Sein Tod löst den 1. Weltkrieg aus.

Im Jahr 1892 beschließt Franz Ferdinand eine Reise um die Welt zu machen. Es sollte eine kombinierte Land – Schiffsreise werden. Zuerst über das Mittelmeer, durch den Suezkanal und dem Roten Meer nach Indien. Der Indische Subkontinent wurde auf dem Landweg bereist um dann weiter per Schiff durch die Inselwelt des heutigen Indonesiens bis nach Australien zu fahren, und von dort wieder zurück nach Singapur und über Hong Kong nach Japan. Nach Überquerung des Pazifik auf einem kanadischen Passagierschiff und Landung in Vancouver ging es auf dem Landweg quer durch die Vereinigten Staaten nach New York, wo die Reise mit einem Liniendampfer fortgesetzt und Europa in Le Havre wieder betreten wurde. Mit der Eisenbahn ging es von dort nach Wien.

Franz Ferdinand schifft sich am 15. Dezember 1892 in Triest an Bord des Torpedo-Rammkreuzers „Kaiserin Elisabeth“, einem Juwel der Österreichischen Kriegsmarine, ein. und kehrte am 18. Oktober 1893 wieder nach Wien zurück.

Franz Ferdinand zur Zeit seiner Weltreise

Franz Ferdinand zur Zeit seiner Weltreise

Er führt während der gesamten Reise ein Tagebuch und lässt dieses im Jahr 1895 erscheinen. Es ist ein umfangreiches Werk: Zwei Bände im Quartformat (18 x 25 cm) mit zusammen über 1100 Seiten.

Fast 125 Jahre sind seither vergangen und haben die Welt grundlegend verändert. Aber was heißt grundlegend? Was hat sich denn konkret verändert oder gibt es etwas, was sich bis heute nicht verändert hat?

Es sollen im Folgenden einige Streiflichter auf damals und heute geworfen werden. Als Beispiel sei die Stadt Hong Kong ausgesucht, weil Franz Ferdinand mehrere Tage dort verbracht hatte und in seinen Tagebüchern ausführlich darüber geschrieben hat und weil angenommen werden kann, dass doch eine erkleckliche Anzahl von reisefreudigen Menschen unserer Zeit schon einmal dort waren und die Stadt ein wenig kennen.

Hong Kong

Franz Ferdinand läuft am 21. Juli 1893 zu früher Morgenstunde an Bord der „Kaiserin Elisabeth“ in den Hafen von Hong Kong ein.

Hong Kong war damals der drittgrößte Hafen der Welt. Da hat sich seither nicht viel verändert. Hong Kong liegt heute im Ranking an vierter Stelle.

„Die höchste Erhebung der zumeist kahlen, zerklüfteten Insel Hong Kong ist der Victoria Peak (556m); am Fuße desselben und am Nordrande der Insel liegt die Stadt Victoria, gewöhnlich Hong-kong genannt.“
„Die Stadt Victoria baut sich am Fuße des Victoria Peak amphitheatralisch auf……“

Hong Kong ca. 1893

Heute ist von diesem amphitheatralischen Aufbau nichts mehr zu sehen.

Die alten Häuser haben Wolkenkratzern Platz gemacht.

Die alten Häuser haben Wolkenkratzern Platz gemacht.

Gerne hätte Franz Ferdinand mehr Kriegsschiffe gesehen:
„In der Regel ist die Zahl der in Hong Kong vor Anker liegenden Kriegsfahrzeuge eine bedeutend größere, aber infolge der Complicationen zwischen Frankreich und Siam waren mehrere Schiffe in den Golf von Siam beordert worden….“.

Aus den Complicationen wurde der Indochinakonflikt Frankreichs, der schließlich in den Vietnamkrieg mündete, der erst 1973 beendet wurde.

Der Hafen bietet anderes:
„Eine ebenso fremdartige als originelle Staffage bilden die vielen Hundert chinesischer Dschunken, welche mit … den dreieckigen meist schon sehr schadhaften und zerfetzten, dunklen Segeln den Hafen erfüllen, um sich vor dem Quai zu einem förmlichen Walle von Schiffen zu stauen.“

Heute findet der Reisende nur mehr einige dieser Dschunken. Sie dienen den Touristen für Sightseeing Tours, haben schöne rote Segel, aber nur zur Dekoration, denn angetrieben werden diese Boote von Dieselmotoren.

Eine Dschunke für Touristen

Eine Dschunke für Touristen

Nachdem der „Elisabeth“ ein Ankerplatz zugewiesen wurde, ereignete sich etwas, was es heute nicht mehr gibt. Was da wirklich vorging, muss der Leser wohl zwischen den Zeilen lesen, denn Franz Ferdinand hat sich in seiner vornehmen Art zu schreiben um die Wahrheit gedrückt, was da sonst noch passierte:
„Nun begann ein förmlicher Sturm auf die Elisabeth, indem zahllose Geschäftsleute und Händler in ihren kleinen Booten an das Fallreep herandrängten, um so rasch als möglich an Bord zu gelangen……Der gelbe Strom ergoss sich nach aufwärts, die finsteren Blicke und scheltenden Worte unseres ersten Lieutenants vermochten ihn nicht mehr einzudämmen. Die ersten, welche das Deck der Elisabeth genommen hatten, waren zumeist ältliche Besitzerinnen von Waschetablissements, und jede derselben hatte als Hilfstruppe sechs bis acht junge, hübsche „Wäschermädel“ aufgeboten, die sich, wohl gewaschen, fein säuberlich schwarz gekleidet, recht niedlich ausnahmen und an Puppen erinnerten. Diese Dämchen entwickelten nun eine staunenerregende Fertigkeit in der Anpreisung ihrer Leistungen……..sie drangen geradewegs in alle Cabinen und entrissen den Bewohnern derselben unter Lachen und Scherzen die Wäsche um diese in Bündel geschnürt, in den Sampans verschwinden zu lassen. Überall im ganzen Schiffe trippelte die Schar umher, und erst nach geraumer Zeit gelang es unserem gestrengen Profoßen, die Schönen zur Rückkehr ans Land zu bewegen.“

Heute wird der Reisende nicht in seiner „Cabine“ aufgesucht. Er muss sich, so er das will, in eines der zahllosen Massage- oder Nagelstudios begeben, um sich dort „unter Lachen und Scherzen“ seine Wäsche ausziehen zu lassen.

Was sich nach dem Besuch der „Wäschermädel“ auf dem Schiff des Erzherzogs abspielte, passiert aber auch heute noch (angepasst an die veränderten äußeren Umstände) jeden Tag:
„Dann trat das männliche Geschlecht in die Bresche, da … Schneider, Schuster u. dgl. das Deck überschwemmten; diese eifrigen bezopften Brüder erschienen mit einem ganzen Bündel belobender Zeugnisse versehen,… Alle diese Geschäftsbeflissenen waren von einer fabelhaften Zudringlichkeit, die aber recht ergötzlich wirkte, weil sie von dem unglaublichsten Kauderwelsch der mannigfachsten Sprachen begleitet war.“

Der Reisende, der heute in Kowloon auf der Nathanroad und in deren Nebengassen spazieren geht, erlebt dieses Gefühl der „fabelhaften Zudringlichkeit“ wieder. Alle paar Minuten wird er von einem der zahllosen herumstreunenden Keiler angesprochen, um sich einen Anzug anmessen, und wenn er ablehnt, wenigstens ein paar Hemden anfertigen zu lassen. Viele dieser Werber verfügen über ein (sehr eingeschränktes) Sprachrepertoire aller wichtigen Weltsprachen, das heißt, dass sie mit ein paar Brocken aus der Sprache des angeredeten Touristen dessen Aufmerksamkeit, zumindest für einen Augenblick gewinnen.

Das Angebot der Schuster ist verschwunden. Es wurde ersetzt durch das Anpreisen gefälschter Uhren. Dabei wird mit einer der bekanntesten Uhrenmarken geworben: in gedämpfter Lautstärke wird dem Spaziergeher „Lolex“ zugeraunt und versucht, ihn in eine Wohnung der umliegenden Hochhäuser zu verschleppen, wo ihm dann ein nicht unbedeutendes Sortiment von Damen- und Herrenuhren aller Weltmarken vorgelegt wird.

Nur eines hat sich gegenüber der Zeit Franz Ferdinands geändert: Die Händler sind nicht mehr bezopft!

„Im Norden des Hafens, auf der Halbinsel Kau-lung, befinden sich weitläufige Schiffahrts-Etablissements, Docks, Marine-Depots, Werften, Werkstätten, Kohlenmagazine, Kabelhäuser, ….“

Das grüne Land auf der anderen Seite des Wassers ist Kau-lung, wie es sich Franz Ferdinand gezeigt hat

Das grüne Land auf der anderen Seite des Wassers ist Kau-lung, wie es sich Franz Ferdinand gezeigt hat

So sieht es heute dort aus.

Der Stadtteil Kowloon

Der Stadtteil Kowloon

Das Leben in den Straßen hat es Franz Ferdinand besonders angetan:
„Dem Chinesenviertel verleihen Tausende bunter Firmentafeln ein charakteristisches Gepräge.“ „Jedermann in Hong Kong widmet sich dem geschäftlichen Leben, alle Welt eilt in den Straßen, namentlich im Chinesenviertel dem Erwerbe nach; da herrscht ein ununterbrochenes Hin- und Hereilen der sich drängenden Menge….“

Auch die Verkehrsprobleme haben es dem Erzherzog angetan:
„In den Straßen wimmelt es von den landesüblichen Verkehrsmitteln, deren es hier zwei Arten gibt, nämlich die ……….Dschinrickschas, welche von Läufern fortbewegt werden, und Palankine oder Bambussessel, die vorzugsweise auf den Schultern von Kulis ruhend, einherschwanken.“

Rikschafahrer

Links im Vordergrund ein Rikschafahrer mit seinem Gefährt

Auch heute kann auf die menschliche Arbeitskraft nicht verzichtet werden

Auch heute kann auf die menschliche Arbeitskraft nicht verzichtet werden

Mit dem heutigen Verkehr würde sich Franz Ferdinand nur schwer anfreunden.

Mit Doppelstockbussen….

Mit Doppelstockbussen….

…und Doppelstockstraßenbahnen

…und Doppelstockstraßenbahnen

wird der öffentliche Verkehr abgewickelt. Eine Hochleistungs-U-Bahn sorgt in der Tiefe der Erde für ein rasches Vorwärtskommen. Die Züge sind doppelt so lange wie in Europa, die Bahnsteigkanten sind mit Glaswänden abgesichert.

Hong Kong Subway

Auch der Individualverkehr wird heute großzügig gelöst. Vorbei sind die Zeiten:
„….die Straßen mitunter so schmal sind, dass kaum zwei Menschen nebeneinander zu gehen vermögen….“

Zehnspurig in zwei Ebenen wickelt sich der Verkehr in den Häuserschluchten ab.
Zehnspurig in zwei Ebenen wickelt sich der Verkehr in den Häuserschluchten ab.

Wenn beim Lesen der Tagebücher gelegentlich sentimentale Gefühle aufkommen und man ein bißchen in die Nostalgie verfällt und Gedanken nachhängt, ob das Reisen damals nicht doch individueller und persönlicher war, so wird man sehr schnell in die Realität zurückgeholt, erfährt man von einem Problem, das nicht nur Franz Ferdinand zu schaffen machte, sondern der ganzen Mannschaft:

„Den Abend verblieb ich an Bord, leider unter dem Eindruck einer argen Enttäuschung. Wir rechneten nämlich mit Sicherheit darauf, endlich in Hong Kong, da wir ja doch schon fast vier Monate ohne Nachrichten aus der Heimat waren und alle unsere Hoffnungen auf diesen Hafen gesetzt hatten, die heiß ersehnten Postsendungen zu erhalten, erfuhren aber, dass der Legationssecretär unserer Gesandtschaft auf der Fahrt nach Bangkok war, wo er mit uns zusammentreffen sollte, die in Hong Kong für uns bereits eingelangte umfangreiche Post in der löblichen Absicht mitgenommen hatte, uns ehestens in deren Besitz zu setzen.
(Anm.: Franz Ferdinand hat den Besuch in Bangkok kurzfristig abgesagt, der Sekretär aber davon zu spät erfahren. Die Herren sind aneinander vorbei gefahren,)

Nun hieß es, sich bis zum Eintreffen des Secretärs abermals in Geduld zu fassen, was jedoch leichter gesagt, als gethan war; denn der Unwille über das postalische Missgeschick, welches uns so chronisch verfolgte,……machte sich in lauten Verwünschungen Luft. Namentlich einer der Herren des Stabes, das Muster eines zärtlichen Ehemannes, der tagtäglich einen Brief an seine junge Frau schrieb, war ganz unglücklich.

Eine halbe Woche später kam dann endlich die so langersehnte Post. Franz Ferdinand zeigt Emotionen und lässt seinen Gefühlen freien Lauf:

„…,wurden die Briefe geöffnet, die Zeilen verschlungen, manch freudige, manch schmerzliche Kunde vernommen. Ich fand mich durch die Zahl der Briefe enttäuscht, da ich deren mehr erwartet hatte. Nicht wenige Freunde und Bekannte mögen wohl unterlassen haben, Nachricht zu geben, glaubend, dass die Fülle dessen, was sich auf der Reise bieten würde, Botschaften aus der Heimat nicht vermissen lassen könne. Wie schlecht beurtheilen jene, die auf vaterländischem Boden weilen, die Macht der Heimat, die auch in weiter Ferne an sich fesselt! Die Erinnerung an das Vaterland, an alle, die dort zurückgeblieben, bleibt frisch und lebendig, keinerlei Eindrücke vermögen jene verblassen zu lassen, und jedes Blatt, jede Zeile, jedes Wort aus der theueren Heimat ist ein tief ins Herz dringender Gruß.“

Werfen wir ein letztes Schlaglicht in dieser Situation auf heute. Wäre Franz Ferdinand in seiner Kabine gesessen und hätte E-Mails verfasst, wäre er bei schönem Wetter auf Deck gewesen und hätte SMS geschrieben oder gar mit der Heimat telefoniert? Wir können nur Vermutungen anstellen und unserer Phantasie freien Lauf lassen.

Aber eines können wir mit Sicherheit annehmen: er hätte in seiner emotionalen Art geschworen, sich nach seiner Rückkehr energisch und mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mittel, für eine Abschaffung der Roaminggebühren einzusetzen.