Zwei Könige für Ungarn

Die Krönung Ferdinands zum König von Ungarn 1830

Als Autographensammler hat man es immer wieder mit Grenzfällen zu tun. Man bekommt Schriftstücke in die Hand, deren Inhalt für den Amateurhistoriker von faszinierendem Interesse sind. Autographen im eigentlichen Sinne sind es jedoch nicht. Die bekanntesten Beispiele dafür sind päpstliche Breven. Dies sind Schriftstücke die im Sekretariat des Papstes angefertigt wurden und die nicht die Unterschrift des Pontifex tragen. Ihr Inhalt sind meist Anordnungen des Papstes. Ein Breve ist kurz und textlich knapp gehalten und nie länger als eine Seite.

Auch Ablassbriefe sind solche Grenzfälle. Meist sind es Einblattdrucke mit handschriftlich eingesetztem Namen des Käufers bzw. aller Personen, denen der Ablass gegeben wird. Um eine weit verbreitete Fehlmeinung zu korrigieren: Mit dem Verkauf von Ablassbriefen hat die Kirche nicht nur Bautätigkeiten und sonstige Umtriebe im sündigen Rom finanziert, sondern auch Projekte im Heimatland. Ich habe in meiner Sammlung einen Ablassbrief zur Finanzierung des Wiederaufbaues des durch ein Feuer zerstörten Domes von Kostanz. Dieses Finanzierungsinstrument wird ja auch heute noch gerne verwendet und heißt dann z.B. „Bausteinaktion zum Wiederaufbau von ………“. Der Unterschied zu damals ist, dass der Spender auch heute eine schöne Urkunde bekommt, auch heute sein Geld los ist, er aber auf seinen Sünden sitzen bleibt.

Die Beschäftigung mit Grenzfällen ist eine reizvolle Angelegenheit. Ich sammle solche zwar nicht gezielt, aber wenn mir ein Stück unterkommt, das mich vom Inhalt her interessiert und es erschwinglich ist, nehme ich es in meine Autographensammlung auf, obwohl es streng genommen gar nicht dorthin gehört, weil es gar kein Autograph ist.

Ob nun ein echtes Autograph oder ein Grenzfall, so haben sie doch eines gemeinsam: das Stück trägt bei der ersten Begegnung Geheimnisse in sich, die aufzudecken zu meinen liebsten Beschäftigungen gehört. Das beginnt mit der Entzifferung der Schrift, was meist schon viel Mühe erfordert, dann will ich etwas über den Autor wissen, den Empfänger und schließlich darüber, was in dem Objekt angesprochen wird. Diese Beschäftigung erstreckt sich oft über einen längeren Zeitraum.

Ich möchte so einen Grenzfall hier vorstellen.

Auf einer Auktion wurde vor einiger Zeit ein zehn Seiten umfassender Druck angeboten. Auf der letzten Seite trug das Papier eine unleserliche Unterschrift.

Sein Titel lautet:
Ceremoniel

Der Krönungsort Preßburg war klar. Preßburg war damals die Hauptstadt Ungarns. Der Königsname Ferdinand V erklärt sich aus dem Umstand, dass die Ungarn ihre Könige nach der eigenen Geschichte nummerierten und sich keinen Deut um die österreichischen Kaisernummern scherten.

Jedoch suchte ich auf dem Titelblatt vergebens nach dem Datum der Krönung. Es fand sich nur der Hinweis, dass die Krönung „……im Jahre 1830 feierlich in Preßburg wird vollzogen werden“.

Offensichtlich handelte es sich um ein ausgearbeitetes Zeremoniell quasi auf Vorrat produziert, ohne zum Zeitpunkt der zeremoniellen Festlegungen das tatsächliche Krönungsdatum zu kennen.

Ich war verwirrt. Ich habe die wichtigsten Eckdaten der österreichischen Geschichte im Kopf, aber das passte zum Jahr 1830 überhaupt nicht zusammen. Der Vater des Kronprinzen Ferdinand war Kaiser Franz I (das ist jener Kaiser, der in unseren Geschichtsbüchern über zwei römische Zahlen verfügt, nämlich II/I, den IIer trug er als letzter Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, den Ier als erster Österreichischer Kaiser). Er starb 1835. Ihm folgte besagter Kronprinz Ferdinand auf den Kaiserthron. Er trug als Kaiser den Namen Ferdinand I. Franz I war aber nicht nur Kaiser von Österreich sondern auch König von Ungarn. Ungarn hatte demnach bereits einen König. Warum hätte im Jahre 1830 Ferdinand gekrönt werden sollen? Daß Franz I auf den ungarischen Thron fünf Jahre vor seinem Tod verzichtet haben sollte, war mir nicht bekannt, ebenso wenig, dass Ungarn vielleicht fünf Jahre lang zwei Könige gehabt hätte. Oder war dieses Papier Makulatur, das Zeremoniell zwar ausgearbeitet, aber der Krönungsakt im Jahr 1830 gar nicht vollzogen worden?

Rätsel über Rätsel. Ich erstand das angebotene Los und begab mich auf Spurensuche.

Franz I war ein Enkel von Maria Theresia. Seine Mutter brachte nicht nur 16 Kinder zur Welt, sondern auch die Epilepsie in die Familie.

Franz I

Franz I

Er selbst war wie sein Vater auch ein sehr fruchtbarer Mann. Er heiratete die Tochter der Schwester seines Vaters, also seine Cousine. Natürlich mit päpstlicher Dispens, denn Ordnung muss Ordnung bleiben. Mit ihr zeugte oder man sollte besser sagen „inzüchtete“ er dreizehn Kinder.

Um diese harte Beurteilung besser zu verstehen, sei hier der Ahnenverlust seines Sohnes Ferdinand, stellvertretend für alle seine Kinder, dargestellt.

 Stammbaum Ferdiand I

Der Vater seines Vaters (Leopold II) und die Mutter seiner Mutter (Maria Karolina) waren Geschwister, hatten also die gleichen Eltern.

Die Mutter seines Vaters (Maria Ludovica) und der Vater seiner Mutter (Ferdinand I beider Sizilien) waren ebenfalls Geschwister mit gleichen Eltern.

Diese Konstellation hatte zur Folge, dass Ferdinand anstatt acht Urgroßeltern nur vier hatte, was einem Ahnenverlust von 50% gleichkam.

Von den 13 Kindern von Franz verstarben sieben im Kleinstkindesalter. Bei der Geburt des letzten Kindes verendete seine Frau im Kindbett (im wahrsten Sinne des Wortes: sie verblutete den Ärzten unter den Händen).

Handschrift von Franz I

Handschrift von Franz I

Von seinen Kindern haben drei einen größeren Bekanntheitsgrad erlangt: seine Tochter Maria Louise, die man Napoleon zur Frau gab, sein erstgeborener Sohn Ferdinand, der ihm auf den Thron folgte und sein zweitgeborener Sohn Franz Karl, der zum Stammvater der letzten Kaiser von Österreich (Franz Josef und Karl) wurde.

Franz war am 19. April 1793 „über die glückliche Geburt eines gesunden Knaben“ so erfreut, dass er dieses Ereignis allen befreundeten Königshäusern in einem persönlichen Schreiben mitteilte. Die Sorge um den Fortbestand der Dynastie war fürs erste von ihm genommen, sieht man von der theoretischen Möglichkeit eines frühen Kindstodes einmal ab (die Säuglingssterblichkeit lag in Wien damals bei 52%). Der Sohn wurde auf den Namen Ferdinand getauft.

Bald zeigte sich jedoch, dass die Mitteilung von einem „gesunden Knaben“ falsch war. Das Kind war rachitisch, entwickelte einen Wasserkopf und es stellten sich bald, Schreck über Schreck, die ersten epileptischen Anfälle ein. Ferdinands Kopf zeigte während der Entwicklungsjahre eine auffallende Disproportion zum Körper. Dazu waren die Extremitäten verkürzt beschaffen.

Er lernte sehr spät gehen und noch später sprechen. Bis zu seinem zehnten Lebensjahr war er nicht imstande das Glas mit einer Hand zu heben und daraus zu trinken, die Stiegen herabzusteigen ohne sich anzuhalten; eine Türe konnte er nicht aufmachen.Es konnte geschehen, dass er bei der Hoftafel den Mund verfehlte und mit der Gabel oder dem Löffel zum Ohr gelangte.

„Ein überhoher Schädel mit großem Fassungsraum“ (eine höfliche Umschreibung des Wasserkopfs) „seitlich abgeplattet, die Stirn nach zunächst steilem Anstieg gewölbt, eine kräftige lange Nase, dazu die stark verdickte Hängelippe“ werden später auch den Erwachsenen kennzeichnen.

Ein ausländischer Diplomat berichtete: „Er war nicht vielversprechend………… Ein ganzes Heer von Hofmeistern kam und ging und versuchte, etwas Wissen in den riesigen, leeren Kopf zu pferchen………. Ferdinand hatte im Laufe der Jahre weder körperliche noch geistige Fortschritte gemacht. Seine Konversation bestand aus gestammelten Wiederholungen.“

Die resolute Sophie von Bayern, Mutter von Franz Josef und, wie manche Zeitgenossen und Kenner der Verhältnisse sagten, der einzige Mann am Wiener Hof, drückte es sehr drastisch aus: „Über sein verzerrtes Gesicht, seinen schiefen Mund, der stets offen stand, dem aber selten zusammenhängende Sätze entrannen, oft nur vereinzelt hervorgestoßene Worte, Gestammel,…………Der rachitische Ferdinand schleppte sich von einem epileptischen Anfall zum anderen, von Lakaien die Treppe hochgetragen, und wenn er sich wieder erholt hatte, stand er gar am Fenster, um die Welt draußen zu beobachten, die er nicht verstand………..In diesem Österreich hatte es niemand zu verhindern versucht, dass diese Missgeburt nach dem Tode Kaiser Franz I den Thron bestieg………….“

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Handschrift von Sophie von Bayern, der „einzige Mann am Wiener Hof“

Der Dichter Franz Grillparzer, ein dem Haus Habsburg treu ergebener Mann, bemühte sogar die Bibel und fragte boshaft wie einst Johannes der Täufer gefragt hatte: „Bist du der, der da kommen wird, oder sollen wir auf einen anderen warten?“.

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Handschrift von Grillparzer

Ferdinand

Ferdinand, ein vom Künstler geschöntes Portrait

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Unterschrift von Ferdinand in der letzten Zeile (der Text ist von Schreiberhand)

Natürlich blieb der Zustand des Knaben dem Vater nicht verborgen und er überlegte ernstlich, Ferdinand von der Thronfolge auszuschließen. Aber er hatte nicht viele Wahlmöglichkeiten. Der als nächster in Frage kommende zweitgeborene männliche Nachkomme (andere Knaben waren im Kindesalter gestorben) war ebenfalls schwachsinnig (es war der Vater vom nachmaligen Kaiser Franz Josef und Ehemann der oben erwähnten Sophie). Blieb nur mehr, das dynastische Prinzip zu verlassen und einen der zahlreichen Erzherzöge aus der Großfamilie als Nachfolger zu installieren. Aber das wollte er auch nicht.

Der allmächtige Staatskanzler Metternich hatte eine Lösung. Er, der die Staatsgeschäfte praktisch im Alleingang führte, konnte dem Gedanken einer Abkehr vom dynastischen System gar nichts abgewinnen. Zum Erhalt seiner Machtstellung war ihm ein schwacher Kaiser sogar sehr willkommen. Seine Idee war, eine Regierungsmaschinerie zu schaffen, die ohne Mitwirkung des Kaisers von selbst funktionieren konnte.

Geschickt verkaufte er diesen Gedanken an Kaiser Franz. Er verpackte ihn in das Seidenpapier einer „Lösung für den Notfall“. In Anbetracht der zahlreichen epileptischen Anfälle des Kronprinzen, die diesen manchmal tagelang außer Gefecht setzten und ans Krankenbett fesselten, stimmte der Kaiser zu. Nach seinem Tod sollte ein Staatsrat – man wird ihn „Geheime Staatskonferenz“ nennen – als beratende Institution dem Kaiser zur Seite stehen.

In seinem Testament bestimmt Franz die Mitglieder dieses Gremiums. Den Vorsitz sollte sein Bruder Erzherzog Ludwig innehaben, Mitglieder sollten sein schwachsinniger Sohn Erzherzog Franz Karl, Graf Kolowrat, ein Mann der zeitlebens das Vertrauen von Franz genoss, und Fürst Metternich sein.

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Handschrift Metternichs

Anstatt nun lange Abhandlungen darüber zu schreiben, wie dieses Regierungssystem funktionierte, sei aus dem Tagebuch des kaiserlichen Ministers Kübeck zitiert: „14.März 1835: Um 10Uhr Referat bei Kaiser (Anm.: Ferdinand war seit zwei Wochen Kaiser), der, wie bekannt, durch Krankheit schwachsinnig, von alledem, was ihm vorgetragen wird, kein Wort versteht und immer bereit ist zu unterschreiben, was man ihm vorlegt.“

Die geheime Staatskonferenz regierte Österreich von 1835 bis zur Revolution 1848.

Im Jahre 1830, dem Jahr des vorliegenden Krönungszeremoniells, entschloß sich Kaiser Franz, seinen Erstgeborenen, trotz aller körperlichen und geistigen Widerlichkeiten, offiziell zum Thronfolger und somit zu seinem Nachfolger zu erklären. Ferdinand war 37 Jahre alt und die Bemühungen seiner Erzieher, seiner Ärzte und seiner näheren Umgebung hatten, was seine Aufnahmefähigkeit betraf, doch einige bescheidenen Erfolge erzielt. In den Aussendungen des Hofes las sich das so, dass Ferdinand fünf Fremdsprachen beherrschte (französisch, italienisch, ungarisch, böhmisch und Latein) und zwei Musikinstrumente (Klavier und Trompete) spielte.

Tagebucheintragungen und Äußerungen von Vertrauten geben andere Eindrücke wieder. Alleine die Vorstellung, dass ein Kind, das ein Trinkgefäß mit einer Hand nicht heben und daraus trinken konnte, beim Spielen eines Klaviers die Koordination der linken und rechten Hand bewerkstelligen sollte, macht die Hofaussendung unglaubwürdig.

Nicht viel besser war es um die Schreibkünste Ferdinands bestellt. Ganze Briefe von eigener Hand sind selten und wurden immer von einer anderen Person vorgeschrieben. Meist hat Ferdinand nur unterschrieben.

Kaiser Franz (oder war es doch Metternich) befürchtete, dass maßgebliche Kreise am Hofe nach seinem Tod versuchen würden, Ferdinand als Kaiser zu verhindern. Es musste daher zu Lebzeiten von Franz ein Akt gesetzt werden, der ein solches Unterfangen aussichtslos machte. Die Krönung des Kronprinzen zum König von Ungarn wäre so ein Akt. Niemand im Reiche würde es wagen, dem König von Ungarn die Österreichische Kaiserkrone strittig zu machen.

Franz selbst war König von Ungarn, er wurde am 6.Juni 1792 in Preßburg gekrönt. Er trug auch noch andere Königstitel: König von Böhmen, Dalmatien, Croatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Jerusalem. Zu diesen Königstiteln gab es nur einen Krönungsakt in Prag zum König von Böhmen. Die anderen Titel trug er ohne Krönungszeremoniell. Der Titel wurde einfach von seinem Vorgänger übernommen. Titel und Krönungszeremoniell standen in keiner unmittelbaren und zwingenden Abhängigkeit. In anderen Ländern kann man solches auch beobachten. So verzichteten die Deutschen Könige ebenfalls auf das Krönungszeremoniell und begnügten sich, bescheiden wie sie waren, auf das Tragen des Titels.

Nun blieb noch ein Problem. Ungarn hatte nach der Krönungszeremonie in der Tat zwei Könige: einen der den Titel trug und auch gekrönt war und einen der gekrönt wurde aber noch keinen Titel hatte.

Diese scheinbar unlösbare Konfliktsituation wurde auf eine geradezu groteske Art und Weise gelöst und es ist anzunehmen, dass Metternich diese Idee hatte, denn Kaiser Franz ist ein solcher Gedankengang nicht zuzutrauen: Ein Monat nach der Krönung ordnete der Kaiser in einem Handschreiben an, dass der Titel Ferdinands von nun an

„Ferdinand V., jüngerer König von Ungarn und Erzherzog von Österreich“

sei. Ungarn hatte nun einen „König“ und einen „jüngeren König“. Die Anrede des jüngeren Königs habe „Majestät“ zu lauten, verfügte der Kaiser.

So einfach wurden in Österreich Probleme gelöst. Und man war noch stolz darauf!

Im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv finden sich hunderte ähnlicher „Ceremoniel“ –Konzepte, wie das hier vorliegende. Die meisten sind handschriftlich, nur wenige sind in Druck gegangen. Es wurde fast jedes Ereignis und jede offizielle Begegnung mit dem Kaiser bzw. König detailliert vorausgeplant. Es fällt auf, dass alle Ceremoniels ohne Datum sind, ausgenommen die Leichenbegängnisse. Das hat einen ganz einfachen Grund. Reiste der Monarch z.B. in eine Provinzstadt, so war dort ein feierlicher Empfang durch die lokalen Honoratioren vorgesehen. Ein Ceremoniel regelte den Ablauf des Festes. Reisen war damals eine beschwerliche Angelegenheit und die vorgesehenen Zeiten konnten aus den verschiedensten Gründen nicht immer eingehalten werden, die Ankunft konnte sich um einige Tage verzögern. Dem eingedenk, trug das Ceremoniel kein Datum. Bei Leichenbegängnissen gab es einen solchen Spielraum nicht.

Auch für die Königskrönung Ferdinands war das Zeremoniell bis ins letzte Detail ausgearbeitet.

Wer wo zu stehen hatte, in welchem Gewand, wann er sich einzufinden hatte und wann er abtreten musste.

Es sei hier als Beispiel die Ordnung des Zuges beim Einmarsch der Majestäten in die Krönungskirche wiedergegeben.

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Auch der Einzug des Klerus ist geregelt.

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So detailliert wie der Krönungsakt selbst waren auch Ein- und Auszug aus der Stadt organisiert und festgelegt. Es sollte ein Fest für die Untertanen mit ausreichenden Möglichkeiten für Huldigungen geboten werden.

Prunkvoller hätte man eine solche Veranstaltung nicht planen können.

Für die Magnaten wurden neue prachtvolle Kostüme entworfen und angefertigt. Ihre Pferde wurden im gleichen Habitus geschmückt, so dass Roß und Reiter wie ein Gesamtkunstwerk wirkten. Übertroffen wurde diese Pracht nur von den Herolden und Fahnenträgern. In deren Kostümen spiegelten sich Reichtum und Bedeutung der Provinzen wider, deren Banner sie trugen.

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Kostüme der Magnaten und Bannerträger, die für die Krönung entworfen und angefertigt wurden.

Doch es kam anders.

Zum Tag der Krönung wurde der 26.September 1830 festgesetzt. Ganz Preßburg war geschmückt, alle Honoratioren hatten sich schon Tage vorher eingefunden und ihre Einlasskarten zu den einzelnen Festakten ausgehändigt bekommen, die Uniformen und Ornate waren geputzt, die Musikkapellen waren mit den Neukompositionen mehrer Krönungsmärsche einstudiert, die Gewehre für die Salutschüsse geladen, die Fanfaren der Herolde eingestimmt, es lag Spannung in der Luft.

Am 25.September setzte heftiger Regen ein. Die Wetterprognosen, damals von Einheimischen mit besorgtem Blick in den Wetterwinkel erstellt, ließen nichts Gutes erwarten.

Gelöst wurde das Problem österreichisch: Die Krönung wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Es wurde kundgetan, dass an dem Tag, an dem die Krönung stattfinden werde, im Morgengrauen Kanonenschüsse über der Stadt abgefeuert werden sollten. Einen Plan B hatte man nicht.

Aber so ganz konnte man das nicht verschieben. Es war nämlich ein Festessen für die ungarischen Stände unmittelbar nach der Krönung vorgesehen. Siebenhundertfünfzig Gäste waren geladen. Eine solch gewaltige gastronomische und logistische Herausforderung konnte nicht einfach auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Kühlschränke zur Konservierung der Speisen gab es nicht. Köche, Küchenmägde, Speisenträger und Bedienungspersonal (für zwei Gäste ein Lakai) mussten vorgehalten und in eigens eingerichteten Quartieren untergebracht werden.

Auch dieses Problem wurde österreichisch gelöst: man hielt das Essen wie vorgesehen ab. Für viele war es ohnehin der wichtigste Programmpunkt. Bert Brechts Worte, genau hundert Jahre später geschrieben, wurden (in abgewandelter Form) vorweggenommen: „Erst kommt das Fressen, dann die Krönung“.

Es regnete drei Tage in Strömen. Schließlich kündeten am 28.September um vier Uhr morgens die Kanonen an, dass heute das Fest stattfinden werde.

Man weiß, dass damals die wenigsten Strassen gepflastert waren und man kann sich leicht vorstellen, in welchem Zustand diese nach einem dreitägigen Dauerregen waren. Die weißen Rehlederhosen der Galauniformen hatten nach dem Einzug in die Stadt einen lehmigen Farbton angenommen. Die Pferde wateten durch den Straßenkot und bewarfen mit ihrem Hufschlag die Nachfolgenden. Die funkelnagelneuen Kostüme der Magnaten haben viel an festlichem Glanz eingebüßt. Aber dem Volke gefiel es trotzdem.

Tausende von jauchzenden Zuschauern säumten die Strassen. Auf dem Weg zur Krönungskathedrale wurden vom Kronprinzen Münzen unter das Volk gestreut, ein Vorgang der an die gegenwärtigen Karnevalsumzüge am Rhein erinnert, wo von den Narren Bonbons in die Menge am Straßenrand geworfen werden.

Ferdinand beschenkt das Volk mit Münzen

Das Volk wird mit Münzen beschenkt

Vor dem Michaelertor strömte aus riesigen Fässern Wein für die Allgemeinheit und ein gebratener Ochse wurde dargeboten. Vorsorglich wurde die Bevölkerung auf Plakaten schon Tage vorher darauf hingewiesen, sich am Tage der Krönung ordentlich zu benehmen und sich nicht zu betrinken.

Der eigentliche Krönungsakt wurde programmgemäß vollzogen. Der junge König hielt, von Hochrufen immer wieder unterbrochen, eine Rede in ungarischer Sprache. Er sprach langsam und deutlich. So die offizielle Aussendung des Hofes. Nahe Teilnehmer an der Zeremonie hörten es anders: Es war mehr ein Gestammel mit ungarisch gefärbtem Tonfall. Die Herren des ungarischen Hochadels waren sehr höflich. Immer wenn zu befürchten war, dass Ferdinand unmittelbar vor einem Steckenbleiben in seinem Redefluss bedroht war, brachen sie in laute Hoch-Rufe aus und verschafften dem Redner eine kurze Erholungspause. Wenn sie den Eindruck hatten, der „jüngere König“ sei wieder in der Lage weiter zu sprechen, verstummten sie und Ferdinand setzte seine Rede fort. Dieser Vorgang wiederholte sich im Laufe der Ansprache mehrmals.

Krönungszeremonie Ferdinand I

Die Krönungszeremonie

Es finden sich in den Archiven des ungarischen Hochadels weder Briefe von Teilnehmern an den Krönungsfeierlichkeiten, wo sie über den wahren Hergang der Zeremonie berichteten, noch wurden diesbezügliche Tagebucheintragungen gefunden. Der Grund für diese Enthaltsamkeit ist einfach: ein ungarischer Magnat hat über seinen König nicht schlecht geschrieben, auch wenn es der Wahrheit entsprochen hätte. Da wurde schon eher der Mantel des Schweigens über das Ereignis gebreitet.

Eine Tagebucheintragung der russischen Zarin Alexandra Feodorowna, einer Tochter Friedrich Wilhelms III, aus dem Jahre 1835 lässt jedoch Rückschlüsse zu, wie es wirklich fünf Jahre vorher bei der Krönung zugegangen sein mag: „Großer Gott, ich hörte viel von ihm, von seiner kleinen, hässlichen , vermückerten Gestalt und seinem großen Kopf ohne Ausdruck als den der Dähmlichkeit, aber die Wirklichkeit übersteigt alle Beschreibung.“

Das offizielle Ungarn überschlug sich mit Lobgesängen und Weihegedichten, die weder mit der wahren Liebe des Volkes, noch mit den wirklichen Eindrücken der Krönungsfeierlichkeiten etwas gemein hatten:

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Dem Volk wurde nach der Krönungszeremonie in der Kirche eine besondere Open Air Show geboten. Der junge König ritt alleine auf den Königsberg an der Donau (Zeitungen berichteten „…er sprengte hinauf…“) und führte mit dem Schwert des Hl. Stephan vier Kreuzhiebe in die vier Himmelsrichtungen. Der Jubel kannte keine Grenzen.

Ferdinand I führt Kreuzhiebe bei der Krönung mit dem Schwert des Heiligen Stephan

Die Kreuzhiebe mit dem Schwert des Hl. Stephan

Die ganze Zeremonie dauerte von sieben Uhr früh bis zwei Uhr nachmittags. Ferdinand hatte körperlich alles gut überstanden. Ein epileptischer Anfall stellte sich während der Feierlichkeiten nicht ein.

Zur Erinnerung wurde für betuchte Gäste eine Goldmünze mit dem Konterfei von Vater und Sohn geprägt, die heute noch in Sammlerkreisen gesucht ist.

Goldmünze zur Erinnerung

Goldmünze zur Erinnerung

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Achtzehn Jahre später werden die guten ungarischen Untertanen den guten Fürsten den Gehorsam versagen und das gute Haus Habsburg-Lothringen wird mit seinem Szepter in einem Meer von Blut aus ihnen wieder gute Untertanen machen. So lange es regiert.

 

 

 

Ich danke Dr. Tibor Marti für Ratschläge und Mithilfe bei den Recherchen in den ungarischen Archiven.