Verschollenes Schriftgut

Es begann mit einem Traum

„Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,
Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte
Und all die Seelen hinab sandte zum Hades“

Mit diesen Worten beginnt eine der größten Dichtungen der Weltliteratur, die Ilias von Homer.

Ich greife gelegentlich zu diesem Buch. Wenn ich ein Bild oder eine Plastik sehe, die eine Episode aus dem Trojanischen Krieg darstellt, oder wenn es sich um eine Szene aus der griechischen Götterwelt handelt und ein Bezug auf Homer beschrieben ist und ich ein bisschen mehr darüber wissen möchte, dann suche ich mir die Stelle in der Ilias und lese dort.
Das ist anstrengend. Ich habe eine Übersetzung von Johann Heinrich Voß. Die ist vor über zweihundert Jahren entstanden und gilt bis heute als mustergültig. Sie hält sich an das Versmaß von Homer, den Hexameter. Um das Metrum streng einzuhalten, entstehen häufig krampfartige (so empfinde ich es zumindest) Satzstellungen und Wortbeugungen. Das ermüdet den Leser und wenn man im Bett vor dem Einschlafen sich dieser Lektüre hingibt, werden die Lider bald schwer, oder, um es mit Homers Worten auszudrücken, Morpheus nimmt einen in die Arme.

Da öffnete sich die Türe und an mein Bett trat ein mir bekannter Verleger. Er zeigte Verständnis für meine Müdigkeit. Auch er empfand die Sprache des Voss als veraltet. Wir einigten uns: ich möge doch eine moderne Übersetzung der Ilias vornehmen und wenn sich diese gut verkaufen lässt auch gleich mit der Odyssee fortfahren. Über das Honorar sprachen wir nicht.

Als ich am Morgen aufwachte, dachte ich über diese nächtliche Erscheinung nach und hatte schnell einen Plan zur Erledigung des Auftrags. Ich werde die Originalautographen ausheben, mir Kopien davon anfertigen lassen und mich an die Arbeit machen. Probleme sah ich vorerst nicht. Dass die Ilias aus etwa 16.000 Versen bestand, dass sie in einem Altgriechisch geschrieben war, das für die Altgriechen schon alt war – sie entstand etwa 800 vor Christus – und dass es sich hier nicht um eine abendliche Freizeitbeschäftigung handeln könne, an all das dachte ich nicht. Ich hatte nur ein ganz nebensächliches Problem, über dessen Lösung ich mir aber auch keine weiteren Gedanken machte. Ich wusste nicht, wo die Originale der Handschrift Homers aufbewahrt sind. Aber das wird sich, wenn es einmal soweit ist, lösen lassen. Termine hatte ich mit dem Verleger ja nicht vereinbart.

Ich ging zur Tagesordnung über und ließ Homer Homer sein.

Nach einigen Monaten fand in der Stephanskirche in Wien im Rahmen eines Gottesdienstes eine Aufführung des Requiems von Mozart, seiner letzten Komposition, statt. Eine hochkarätige Besetzung der Solisten, das Orchester die Wiener Philharmoniker, ein berühmter Dirigent, Herz was willst du mehr. Und doch sollte der Abend getrübt werden.

Gleich nach dem Introitus schritt ein Herr zu einem Rednerpult und begann: „Lesung aus dem Briefe des Apostel Paulus an die Korinther“. Ich fand den vorgetragenen Text als eine Zumutung. Das Deutsch war schlecht, der Inhalt unverständlich und ohne Bezug auf unsere Zeit und alles viel zu lang. Irgendwie erinnerte mich der Vortrag an die Voss´sche Übersetzung der Ilias. Ich entsann mich meines Traumes und dass ich meinem nächtlichen Verleger noch nichts geliefert hatte (warum mich der eigentlich nicht mahnte?).

Nach der Messe konnte man mit der Geistlichkeit beim Ausgang einige Worte wechseln. Mir war klar geworden, dass auch die Apostelbriefe neu übersetzt werden müssten. Wieder sah ich nur das Problem, wo denn die Originalautographen aufbewahrt seien. Ich stellte dem Dompfarrer diese Frage. Er sah mich verdutzt an. Offenbar hat noch nie jemand danach gefragt. Dann dachte er nach und gab mir zur Antwort, was jeder katholische Priester sagt, wenn er es nicht weiß: „In den Archiven des Vatikan“.

Damit begann mein Leidensweg. Er sollte spannend werden.

Auf der Suche nach Homers Autographen

Von der Ilias gibt es etwa 600 Übersetzungen in fast alle Sprachen der Welt bis zum Aserbaidschanischen, Tadschikischen, Kurdischen, Tamilischen und Urdu, um nur einige Sprachexoten zu nennen. Ins Deutsche wurden 60 Übertragungen vorgenommen, wobei Dialektübersetzungen etwa ins Schwyzerdütsche oder Schwäbische, sowie Kuriosa wie „Ilias in der Sprache der Zehnjährigen erzählt“ hier nicht mitgezählt werden.

Ich fand bald heraus, dass der Urtext, auf den sich alle Homerübersetzungen zurückführen lassen, der „Venetus A“ ist. Dieses handschriftliche Manuskript ist aus dem 10. Jhdt.n.Chr. und befindet sich in der Biblioteca Marciana in Venedig, wo es zu den wertvollsten Exemplaren des an Raritäten und Kostbarkeiten wirklich nicht armen Instituts gehört.

Es ist kaum zu glauben: zwischen der Entstehung des Werkes und der ältesten Textfassung die uns zur Verfügung steht, liegen 1800 Jahre. Was ist in dieser Zeit mit dem Autograph, mit unzähligen Abschriften und dem Text selbst geschehen?

Wie eine dicke, graue und undurchsichtige Suppe lagen diese fast zwei Jahrtausende vor mir.

Unerwartet ergab sich ein Lichtzeichen. Ich hatte im Archiv des Vatikan in einer anderen Angelegenheit zu forschen. Ich ließ vorerst einmal von der Suche nach Homer ab und nahm mir die Briefe des Apostel Paulus vor.

Meine Frage im Archiv in Rom nach den Originalen der Apostelbriefe rief im Gesicht des Custos ein Mienenspiel hervor, das zwischen Infragestellung meiner wissenschaftlichen Redlichkeit und Einweisung in ein Irrenhaus schwankte. Er erklärte mir, dass es Fassungen aus dem 13. und 14. Jhdt gäbe, aber bei Gott keine Originale. Er selbst hege Zweifel, ob es überhaupt jemals Originale gegeben hatte und die Briefe nicht samt und sonders eine Erfindung späterer Generationen seien. Dies sei aber seine persönliche Meinung, die sich keinesfalls mit der Lehrmeinung der Santa Chiesa decke. Und das sagte er mitten im Vatikan!

Mein Silberstreifen am Horizont erlosch. Die Recherche nach den Originalhandschriften des Apostel Paulus endete vor der gleichen grauen Suppe in der schon die Originale von Homer schwammen.

Ich musste meine Recherche anders aufziehen.

Alte Handschriften

Die Österreichische Nationalbibliothek verfügt über die vielleicht bedeutendste und mit fast 200.000 Objekten größte Papyrussammlung der Welt. In den Katalogen dieser Sammlung begann meine Suche.

Ich wurde sehr schnell fündig. Ein Fragment aus der Ilias mit Versen aus dem 12. Buch, auf Papyrus aus dem 1. Jhdt.v.Chr. ist das älteste Stück , das ich in der Wiener Sammlung von Homer gefunden habe.

Fragment aus der Ilias aus dem 1. Jhdt.v.Chr.

Fragment aus der Ilias aus dem 1. Jhdt.v.Chr.

In der Bibliothek der Universität Heidelberg fand ich ein noch älteres Stück. Es stammt aus dem 3. Jhdt.v.Chr. und enthält das Buch 22 der Ilias.

Fragment aus der Ilias aus dem 3. Jhdt.v.Chr.

Fragment aus der Ilias aus dem 3. Jhdt.v.Chr.

Einschub Materialkunde Papyrus

Papyrus ist ein Grasgewächs, das 3 – 4 Meter hoch wird. Für die Herstellung des Beschreibstoffes wird nur das Mark der Stängel verwendet. Es wird in Streifen geschnitten, diese nebeneinander gelegt und darüber eine zweite Schicht um 90° versetzt gelegt. Das so entstandene Blatt wird gepresst, damit der Saft des Markes austreten kann und die einzelnen Streifen mit seiner innehabenden Klebekraft verschweißt. (Die Struktur ist auf der Abbildung des Stückes aus der Universität Heidelberg gut zu erkennen.) Nach Trocknung werden mit einem Bimsstein die Grate abgeschliffen und die Oberfläche geglättet. Das Endprodukt ist ein hervorragendes Schreibmaterial. Die Blätter können nun als Einzelstücke beschrieben werden, oder sie werden zusammengeklebt (wieder mit dem Mark der Pflanze) und gerollt. Das so entstandene Produkt kann als Buch bezeichnet werden. Bücher in der älteren Antike waren immer in Rollenform.

Wenn es also ein Ilias-Fragment aus dem 3. Jhdt.v.Chr. gibt, wo sind die restlichen Teile und vor allem die Aufzeichnungen vor dieser Zeit hingekommen?

Man muss in Bibliotheken suchen.

Die bedeutendste Bibliothek der Antike war in Alexandria. Sie wurde, so habe ich es in der Schule gelernt, von Caesar bei der Eroberung des Ptolemäer Reiches zerstört. Die moderne Forschung (habe ich jetzt bei der Recherche zu dieser Abhandlung gefunden) stellt dies infrage und zweifelt auch den Zeitpunkt an. Wie und wann auch immer, die Bibliothek in ihrem Umfang und Bedeutung gibt es mit Sicherheit ab dem 3. Jhdt.n.Chr. nicht mehr.

Unzweifelhaft, und auch von der modernen Forschung nicht angezweifelt, waren die Akquisitionsmethoden der Bibliothek. Jedes Schiff, das im Hafen der Stadt anlegte, wurde nach Büchern durchsucht. Wurde man fündig, versuchte man die Bücher zu kaufen, gelang dies nicht, borgte man sich die Bücher aus, verfertigte eine Abschrift und gab meist die Abschrift zurück.

Auf diese Weise wuchs der Bestand der Bibliothek sehr rasch. Aber man war mit dieser Methode doch sehr stark dem Zufall ausgeliefert. In die Bibliothek gelangten eben nur Bücher, die auf den Schiffen gefunden wurden. Gesammelt aber wurde die Literatur der damals bekannten Welt. Um dieses Ziel zu erreichen, fuhr man deshalb eine zweite Schiene. Einkäufer besuchten die Zentren des geistigen Lebens, bevorzugt Griechenland und hier wiederum Athen.

Es ist gesichert, dass aus Athen die Schriften der Dichter Aischylos, Euripides und Sophokles zum Zwecke der Herstellung einer Abschrift ausgeliehen wurden. Die Stadtväter Athens waren aber so schlau, eine hohe Kaution zu verlangen. Als die Kopien fertig waren, kamen die Alexandriner wieder nach Athen und wollten anstelle der Originale die Kopien zurückgeben. Inzwischen waren wieder einmal die Staatskassen in Athen leer, die Kaution längst für irgend etwas anderes ausgegeben (das hat in Griechenland offenbar Tradition). Man einigte sich: Die Alexandriner bekamen ihr Geld nicht zurück, die Athener erhielten die Abschriften. Ob sie vollständig waren oder nur Rudimente den armen Schluckern am Fuße der Akropolis gegeben wurden, ist nicht bekannt.

Die Feinde der Autographen

Beim Brand der Bibliothek sind etwa 700.000 Buchrollen vernichtet worden. Nicht nur das Hauptgebäude wurde ein Raub der Flammen, auch die Lagerhäuser und Depots im Hafen wurden vernichtet.

Wir können nur erahnen, was die Menschheit verloren hatte.

Ein ähnliches Schicksal erlitt die Celsus Bibliothek in Ephesus. Auch sie wurde durch einen Brand zerstört. Die Schriftrollen wurden dort in Holzgestellen gelagert. Alle Löschversuche blieben erfolglos. Etwa 12.000 Buchrollen verbrannten.

Feuersbrünste hatten einen wesentlichen Anteil daran, dass wir heute über keine Originale antiker Schriftsteller verfügen. Doch es sind nicht nur die Schriften der Dichter und Philosophen, auch von den Wissenschaftern haben wir wenig bis gar nichts. Wer das Originalautograph von Pythagoras sucht, auf dem er seinen Lehrsatz niederschrieb, wird es nicht finden. Wir wissen nicht einmal wo und wann dieses Stück zugrunde gegangen ist.

Nicht nur Feuer hat die Autographen zerstört. Da gab es viel weniger spektakuläre Feinde, deren Zerstörungswerk aber genau so wirksam war. Der Beschreibstoff in der Antike war entweder Papyrus oder Pergament (hergestellt aus der Haut von Ziegen oder Schafen), beides also reine Bioprodukte. Etwas besseres für Mäuse gibt es nicht. Jeder Sammler von alten Autographen weiß ein Lied über dieses Problem zu singen. Ich besitze Blätter, die keinen einzigen Rand haben, der nicht von Mäusefraß beschädigt ist. Manchmal ist sogar die Schrift betroffen und man muss sich den fehlenden Text dazureimen.

Bei Buchrollen ist das Zerstörungswerk besonders schlimm. Bei einer einzigen Mahlzeit kann eine Maus bis zu zwanzig Seiten beschädigen. Rollt man das Buch dann auf, zeigen sich die Fraßspuren mit einer gleichen wiederkehrenden Regelmäßigkeit über mehrere Meter.

Dem Mäusefang wurde in den alten Bibliotheken daher größte Aufmerksamkeit gewidmet. Der Vorteil (oder Nachteil, je nachdem von welcher Seite man das Problem betrachtet) war, dass eigene Wächter mit gutem Gehör das Rascheln der Mäuse bei ihren Mahlzeiten hörten und so gezielt eingreifen konnten, ehe größerer Schaden entstand.

Weniger erfolgreich war man bei der Bekämpfung eines anderen Schädlings, dem das Bioprodukt genauso gut schmeckte: dem Wurm. Durch Wurmfraß wurde ganz großer Schaden angerichtet. Sehr nachteilig war, dass man den Schaden erst zu einem späten Zeitpunkt bemerkte. Erst wenn ein Buch benutzt wurde, merkte man das Zerstörungswerk. Ladenhüter, und diese gab es zweifelsfrei auch in der Antike, boten den Würmern über Generationen ein angenehmes zu Hause. Es wird berichtet, dass durch Ausräuchern der Bibliotheksräume versucht wurde, dem Übel abzuhelfen. Ob die Methode erfolgreich war ist angesichts der kolossalen Wurmschäden zu bezweifeln.

So traurig es klingt, es gibt noch eine Steigerung. Vergleicht man das Zerstörungswerk von Würmern, Mäusen und Feuer so erscheint es gering im Vergleich zum größten Feind der Autographen, dem Mensch.

Einige Schlaglichter mögen das Ungeheuer Mensch in seiner abgrundtiefen Brutalität und Dummheit zeigen.

Die ältesten Bibliotheken der Antike wurden von Peisistratos in Athen und von Polykrates in Samos (den kennen wir; das ist der, der zusammen mit dem König von Ägypten mit vergnügten Sinnen von seines Daches Zinnen die Aussicht auf Samos genoss) im 6. Jhdt.v.Chr. gegründet. Der Bestand der Sammlungen betrug mehrere hunderttausend Bände. Als die Perser 480 v.Chr. Griechenland eroberten, wurden die Bibliotheken als Kriegsbeute nach Persien gebracht. Erst nach der Eroberung des Perserreiches durch Alexander dem Großen 330 v.Chr. wurden die Bücher zurückgeholt. Es bedarf keiner großen Phantasie sich vorzustellen, wie damals die ungebildete Soldateska auf den wochenlangen Transporten mit den Rollen umgegangen ist und wie gut der 150jährige Ausflug nach Persien den Bücherrollen getan hat. Es ist nicht überliefert, wie groß die Verluste waren.

In Athen gab es zahlreiche Privatbibliotheken. Jede Philosophenschule und die bedeutendsten Gelehrten und Dichter besaßen eine solche. In Rom wurde es in der Spätzeit der Republik fast zur Mode, dass sich Adelige eine Bibliothek einrichteten. Beschafft wurde das Material durch das Militär. Römische Truppen plünderten in Griechenland und in Kleinasien die Büchereien und brachten sie nach Rom, oder besser gesagt, sie brachten nach Rom, was den Transport überlebte. Wenn man sich die Transportkette vergegenwärtigt: Verladen der Buchrollen auf Karren – Transport auf dem Landweg zum Hafen – Verladen auf Schiffe – Seeweg nach Rom bei jedem Wind und Unwetter – Verladen auf Karren – Landweg nach Rom, das alles durch ungeschultes Übersiedlungspersonal, so kann man sich leicht vorstellen, dass bei solchen Aktionen enorme Verluste auftraten, die von keiner Transportversicherung getragen wurden. Wahrscheinlich wurden die Schäden nicht einmal katalogisiert. Schadensmeldungen wurden ja nicht gemacht.

Bei den oben geschilderten Verlusten handelt es sich um ungewollte Zufallsereignisse. Weit schlimmer waren aber die bewussten und gezielten Zerstörungen durch den Menschen.

Bei jeder Christenverfolgung wurden nicht nur Menschen getötet, sondern auch das greifbare Schrifttum gleich mitvernichtet. Wir müssen davon ausgehen, dass bei diesen Aktionen auch die Originale der von mir gesuchten Apostelbriefe (falls es sie überhaupt jemals gegeben hatte) zu Grunde gegangen sind. Die Erkenntnis ist bitter: Das gesamte Originalschrifttum der bedeutendsten Weltreligion existiert nicht mehr. Dieses Zerstörungswerk war wahrscheinlich die Voraussetzung, um in den Jahrhunderten danach, ungestraft Schriften zu produzieren und diese als „Göttliche Botschaften“ unter das Christenvolk zu bringen.

Bei den Christianisierungswellen ging die Gegenseite auch nicht zimperlich vor.

Wie heißt der Philosoph? Sokrates? Wann hat der gelebt? Das war ja vor Christus! Der konnte ja die Wahrheit gar nicht kennen! Vernichtet seine Schriften!
Einen Schüler namens Platon hatte er? Für den gilt das gleiche! Verbrennt alles, was ihr von ihm findet!
Er hatte mehrere Schüler? Alle unbeleckt von der Christlichen Wahrheit! Verbrennt ihre Schriften!

Die moderne Forschung geht davon aus, dass es eine Reihe von Philosophen und Dichtern gab, von denen wir nicht einmal die Namen kennen und deren Werke sang- und klanglos untergegangen sind.

Die islamischen Religionsfanatiker fügen sich nahtlos an die Vorgangsweise der Christen und Antichristen. Als im 7. Jhdt.n.Chr. Alexandria für den Islam erobert, und die in der Zwischenzeit wieder (wenn auch nicht so bedeutend) errichtete Bibliothek eingenommen wurde, verfügte der Kalif (und kam sich dabei noch weise vor!), dass alles was wahr ist, schon im Koran stehe und daher nicht wiederholt werden müsse. Alles was dem Koran widerspräche, sei ohnehin unwahr. Aus diesem Grunde sind alle Bücher, ausgenommen der Koran, zu vernichten, da man sie nicht brauche. Es muss angenommen werden, dass die Streitgenossen des Kalifen dessen Worte rücksichtslos in die Tat umsetzten und sich damit einen Platz im Himmel sicherten.

Mit dem Zeitalter der Soldatenkaiser begann im Römischen Reich der Niedergang mit der Beschäftigung mit schöngeistiger Kultur. Die Steuereinnahmen wurden für das Militär verwendet. Geld für Kultur, und hier speziell für Bibliotheken gab es nicht. Nur mehr wenige reiche Adelige hielten sich noch Bibliotheken, fertigten Abschriften von Werken an, deren sie habhaft wurden und retteten so einen Großteil von literarischen Schriften hinüber ins Mittelalter.

Womit sie nicht rechneten war die Völkerwanderung. Die für Italien verheerenden Gotenkriege waren eine Zensur für Autographen. Was bisher überstand war den Horden des Theoderich ausgeliefert. Diese Soldateska plünderte und raubte, was ihnen unter die Hände kam. Mit Büchern und beschriebenem Pergament konnten sie gar nichts anfangen. Des Lesens waren sie nicht kundig, Schriftrollen sahen sie zum ersten mal in ihrem Leben. Sie stellten nur fest, dass es sich um brennbares Material handelte und benutzten Bibliotheksinhalte, um auf dem Feuer der Bücher ihre Suppen zu kochen.

Wer nun glaubt, dass dies eine typische Erscheinung des Mittelalters war, muss aufgeklärt werden. Als die Russen 1945 Ungarn eroberten, erleichterten sie die Bevölkerung von Uhren und Schmuck, Schlösser von ihrer Einrichtung und ihren Fußböden (damit konnte man gut einheizen) und warfen das Schriftgut der Familienarchive aus dem Fenster. Es wird berichtet, dass der Dorfschullehrer auf der Strasse einsammelte wessen er habhaft wurde um es zu retten, bis die Russen dem Treiben ein Ende machten und ihn erschossen. Das Schrifttum vergammelte im Regen und Straßenkot.

Schlussfolgerung

Eine von mir durchgeführte Umfrage unter neun Autographenhändlern Zentraleuropas hat ergeben, daß offensichtlich das 10. Jhdt.n.Chr. eine magische Zeitgrenze ist. Davor gibt es fast keine oder sehr wenige schriftliche Dokumente.

Mein nächtlicher Verleger wird wohl ewig auf eine neue Übersetzung warten müssen.

Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass Autographen vor der Jahrtausendwende nicht mehr auffindbar sind. Wenn es überhaupt welche gibt, sind sie im Besitze von Bibliotheken und Archiven. Fast das gesamte Originalschriftgut der Antike ist verschollen. Es entzieht sich der Sammelleidenschaft von Gelehrten, Kulturinteressierten, Hobbyhistorikern und Forschern.

Eine Wahrheit, mit der wir leben müssen.