Sorgen der Bevölkerung

Die Menschen hatten wahrlich andere Sorgen und die Zeitungen anderes zu berichten.

Da war das große Problem des Hungers. Es wurde an diesem Tag kundgemacht, dass es dank amerikanischer Hilfslieferung gelungen sei, die Fettration für die nächste Woche auf 6 dkg (60g) Speck pro Haushalt zu erhöhen. Weiters wurde bekannt gegeben, dass in der kommenden Woche kein Fleisch zum Verkauf gelangen werden, da die Anlieferung auf dem Großmarkt nicht einmal zur Deckung des Bedarfs der Spitäler ausreichen werde. Als Ersatz wird aber wieder pro Person 1/8 kg Haferreis abgegeben. Eine gute Nachricht kommt vom Kartoffelsektor. Es ist der Gemeinde Wien gelungen, Kartoffelzukäufe aus dem Ausland zu tätigen. Dadurch kann in der nächsten Woche 1/2 kg Erdäpfel pro Person abgegeben werden.

Am Vortag wurde berichtet, dass die Großmarkthalle wegen tumultartigen Randalen gesperrt werden musste. 5000 Personen hatten sich stundenlang bei klirrender Kälte angestellt um Fleisch zu kaufen. Angeliefert wurden aber nur 280 kg Schweinsköpfe und –haxen. Die Menge stürmte die Halle. Polizei musste eingesetzt werden. Es gab zahlreiche Verletzte (auch Polizisten) und mehrere Verhaftungen.

Das zweite große Problem war die Kälte. Deutsch-Österreich hatte keine eigenen Kohlebergwerke. Die lagen jetzt alle im Ausland. Die Tschechoslowakei hatte aus politischen Gründen die Grenzen zu Österreich dicht gemacht. Aus Polen kamen täglich einige Waggons Steinkohle. Die wurden aber für die Strom – und Gaserzeugung benötigt. Für Heizzwecke durfte diese Kohle nicht verwendet werden. Strenge Verbrauchsvorschriften waren in Kraft gesetzt. Gasheizungen waren generell verboten, nur Spitäler und Arztordinationen waren davon ausgenommen, wobei in den Ordinationen lediglich das Behandlungszimmer beheizt werden durfte. Wartezimmer waren unbeheizt.

Die Wiener strömten in den Wienerwald und sammelten alles Brennbare. Die Straßenbahnen in die nördlichen Vorstädte waren mit Holzsammlern überfüllt, die Rucksäcke vollgestopft mit Ästen und Rindenstücken heimwärts schleppten. Doch auch die Straßenbahnen mussten wegen der Stromknappheit bald den Betrieb einstellen. Ganze Karawanen von Kindern und Greisen marschierten durch die Vorstädte, Bündeln mit Holzprügeln auf dem Rücken.

Bücher wurden nicht mehr gelesen, sondern zum Einheizen verwendet. Auch sonst wurden Teile des Mobiliars, das man nicht unbedingt brauchte, in den Ofen gesteckt.

Plünderungen nahmen zu. Allein auf den Wiener Bahnhöfen haben „Volkswehrmänner“ im Februar Plünderungen von 9000 Kg Mehl, 5000 kg Zucker, Marmelade, Seife und Zigaretten verhindert. 132 Zivilpersonen wurden verhaftet, darunter 26 „Volkswehrmänner“ selbst, deren Aufgabe es war, Plünderungen zu verhindern und 27 Eisenbahnbedienstete.

Zu den Basis- Sorgen Hunger und Kälte kamen, zumindest für die „besseren“ Schichten der Bevölkerung, die Angst um ihre Ersparnisse. Die meisten Menschen in der Monarchie hatten ihre Ersparnisse in Kriegsanleihen investiert. Nun war der Krieg verloren, das Geld war ausgegeben aber die Schulden sind geblieben. In einigen Tagen war wieder ein Zinscoupon zur Rückzahlung fällig. Die Banken haben aber schon mitgeteilt, dass sie wieder nicht zahlen würden können. Das war für Millionen Österreicher eine schlimme Nachricht und betraf überwiegend ältere Menschen, die Ihre Ersparnisse, Rücklagen für das Alter, dem Staat zur Kriegsführung geliehen hatten. Pensionen hatten nur wenige, das Leben sollte von den Ersparnissen bestritten werden.

Die Kriegsanleihen hatte der Staat Österreich-Ungarn aufgenommen. Die Nachfolgestaaten wollten aber von einer Rückzahlung nichts wissen und ließen Deutsch-Österreich auf den Schulden sitzen. Die Tschechoslowakei stellte sich auf den Standpunkt, dass der Krieg ein Krieg der Deutschen und Deutschösterreicher gewesen sei und nicht der Tschechen. Die hatten den Krieg nicht gewollt. Jetzt sollen die Deutschösterreicher zusehen, wie sie mit diesem Problem fertig werden würden.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Raub der drei kostbarsten Handschriften aus der Hofbibliothek eigentlich niemand aufregte. Ein hungriger Magen, eiskalte Wohnungen ohne Licht, das waren die Sorgen, die die Bevölkerung bewegten. Ob die entführten Bücher nun in Wien liegen oder irgendwo in Italien, war den Menschen gleichgültig. Der Sturm der Empörung, wie von den Bibliothekaren erwartet, blieb aus.