Sonderabkommen mit Italien

Mit Italien ging man einen anderen Weg. Beiden Staaten war klar, dass sehr wertvolle Kunstgegenstände nicht mehr in österreichischem Besitz waren, da sie von Kaiser Karl unmittelbar nach Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages außer Landes gebracht wurden. Diesbezügliche Anfragen, auch über Mittelsmänner, wurden vom (ehemaligen) Kaiserhaus nicht beantwortet. Österreich und Italien kommen überein, in einem Sonderabkommen die Rückgabe italienischen Kulturgutes zu regeln. Auf Wunsch Italiens sollte das Abkommen geheim bleiben. Es wurde am 4. Mai 1920 unterzeichnet. Für Italien von Biancheri und Modigliani, für Österreich von Renner.

In der Präambel heißt es, dass Österreich und Italien beschlossen haben, alle Meinungsverschiedenheiten bezüglich aller auf den historischen, künstlerischen, bibliographischen und archivalischen Besitz mit einem einvernehmlich freundschaftlichen Übereinkommen zu bereinigen.

Von einem höheren Kulturinteresse geleitet, anerkannt das Königreich Italien die Zweckmäßigkeit, die Zerstreuung der historischen Kunst- und archäologischen Sammlungen Österreichs, welche gegenwärtig einen unteilbaren ästhetischen und historischen Organismus von Weltruf darstellen, zu vermeiden.

Italien verspricht, Österreich bei der Abwehr der Ansprüche anderer Staaten (Belgien, Tschechoslowakei, Polen) zu unterstützen. Andererseits beharrt Italien auf der Rückgabe von Kunstgegenständen, die von den Habsburgern, nach Meinung Italiens, widerrechtlich aus Italien fortgeschafft wurden.

Und für die Herren aus der Hofbibliothek ganz wichtig: Italien kündigt die Rückgabe der drei, am 28. Februar 1919 mit Waffengewalt entwendeten Pfänder aus der Hofbibliothek an.

Der Wunsch Italiens, das Sonderabkommen geheim zu halten, erfüllte sich nicht. Was sollte in Wien geheim bleiben? In den Museen und Bibliotheken wurde die Übergabe der Kunstgegenstände vorbereitet. Abteilungsleiter der ehemaligen kaiserlichen Sammlungen waren bedeutende Gelehrte und Professoren an der Universität. In akademischen Kreisen gab es überhaupt nur ein Gesprächsthema: Der Fischzug der Italiener in den Gewässern österreichischen Kunstbesitzes.

Am 17. September 1920 übergab der Rektor der Universität Wien dem Staatssekretär Dr. Mayr eine Note, die in ihrer kompakten Wucht ihresgleichen suchen musste:

Die Wiener Universität, die Akademie der bildenden Künste, die technische Hochschule, die Hochschule für Bodenkultur, die Tierarznei-Hochschule, die Hochschule für Welthandel und die evangelisch-theologische Fakultät in Wien halten sich als Truppe und Vorkämpfer der ihnen obliegenden Kulturaufgabe für verpflichtet, mit allem Nachdrucke Verwahrung einzulegen gegen den nach den Zeitungsmitteilungen geplanten Vertrag, der den italienischen Kunstraub für alle Zeit gutheissen will.

Wieder, scheint es, droht für Österreich die Gefahr, dass es allem Anscheine nach ohne greifbare Gegenwerte Kulturgüter opfern soll, deren Wert und Grösse kunst- und kulturfremde Kreise nicht einzuschätzen vermögen. Mit allem Nachdrucke muss zunächst dagegen Verwahrung eingelegt werden, dass derartige Abmachungen geheim und in aller Stille …… ohne Kenntnis des Parlamentes und der breiten Öffentlichkeit abgeschlossen werden. Man muß sich bei dem ungeheuern Werte, welche diese Kunstgegenstände verkörpern fragen: Hat die Regierung überhaupt das Recht ……………… moralisch die Befugnis, Verträge von solcher Tragweite ohne Befragung der kompetenten staatlichen Stellen abzuschliessen, als ob nur sie in unserem demokratischen Staate über alles zu entscheiden hätte.

Bekanntlich haben italienische Organe in der Zeit des Waffenstillstands durch einen gegen jedes Völkerrecht verstossenden Gewaltakt der allerärgsten Art aus unseren Galerien und Sammlungen ………… Kunstgegenstände und historische Denkmale geraubt……………

Mit geballten Fäusten und zähneknirschend haben in Österreich alle, die für Recht, Kunst und Kultur ein Empfinden haben, diesem Gewaltakte zusehen müssen und man hat es auf das tiefste beklagt, dass unsere Regierung seinerzeit die Weisung erteilte, dem Treiben der Italiener keinen Widerstand entgegen zu setzen.

……………..

Es ist ein Bedürfnis für den allgemeinen Weltfrieden, dass der Stachel aus dem lebenden Fleische gezogen werde, den der völkerrechtswidrige Kunstraub Italiens sonst zurücklässt, wenn nicht die ganze Angelegenheit in befriedigender Form auf die Basis des Rechts zurückgebracht wird. Und das ist nur möglich durch eine unparteiische rechtliche Erledigung jeder einzelnen Frage, nicht durch einen Generalverzicht ……..

Diese geharnischte Note der Rektoren verfehlt ihre Wirkung. Sie kommt fünf Monate zu spät und die geforderte kommissionelle Einzelbehandlung jedes Kunstwerkes ist nicht praktikabel. Es bleibt beim leeren Protest.
Im Nachlaß von Sektionschef Oppenheimer, einem der maßgeblichen Verhandler des Abkommens, findet sich ein „Pro memoria“, das die Hintergründe und Begleiterscheinungen bei der Entstehung des Vertrages beleuchtet. Daraus sei auszugsweise zitiert:

…………..

Dass dieses Abkommen …..beim Staatsamt für Unterricht, das mit der Wahrung unseres Kunstbesitzes betraut ist, heftigen Widerstand hervorgerufen hat und ……….ausdrücklich nur unter der Bedingung hingenommen wurde, dass die wirtschaftliche Not ………….uns zu einer besonders nachgiebigen Haltung Italien gegenüber zwängen.

Dass dieses Sonderabkommen von der italienischen Regierung …………..in einem Moment unserer größten wirtschaftlichen Not erzwungen wurde …und wir auf italienische Mehltransporte zur Ernährung Wiens angewiesen waren.

Am 14. März 1921 unterzeichnen Modigliani und Donabaum folgendes

Protokoll

Comm. Ettore Modigliani als Vertreter der italienischen Regierung übergibt und Direktor Dr. Josef Donabaum von der Nationalbibliothek übernimmt die 3 Manuskripte:
Wiener Genesis
Dioscorides
Hortulus Animae
die im Februar 1919 von der italienischen Waffenstillstandskommission aus der Hofbibliothek fortgeführt worden waren.

Die Handschriften sind unversehrt. Modigliani hat Wort gehalten und die Werke nur einem kleinen Kreis hochkarätiger Wissenschaftler zugängig gemacht.

Das Thema „Rückgabe von Kulturbesitz an Italien“ ist damit abgeschlossen.
Von der Borso Bibel ist nicht mehr die Rede.

Kaiser Karl hat Österreich am 24. März 1919 mit einem 30köpfigen Gefolge verlassen und sich mit seiner Familie in der Schweiz niedergelassen. Im März und Oktober 1921 unternimmt er zwei Versuche, in Ungarn wieder als König eingesetzt zu werden. Die Vorbereitungen und vor allem die Durchführung dieser Restaurationsversuche erfolgte jedoch so dilletantisch und unüberlegt, dass sie von vornherein zum Scheitern verurteilt waren.

Die Entente beschließt, den als Störenfried zu betrachtenden Exkaiser zu internieren, und zwar so weit von seiner Heimat entfernt, dass eine unbemerkte Reisetätigkeit in Europa unmöglich sei.

Karl stirbt auf Madeira am 1. April 1922.