Das weitere Schicksal der Borso Bibel

Erzherzog Franz Ferdinand

Franz Ferdinand (1863 – 1914) heiratete am 1. Juli 1900 Sophie Gräfin Chotek in morganatischer Ehe. In einem feierlichen Staatsakt musste Franz Ferdinand drei Tage vor der Hochzeit eine Verzichtserklärung auf die Thronfolge der aus dieser Ehe zu erwartenden Kinder unterzeichnen.

Der Ehe entsprossen vier Kinder:

Sophie, geb.1901
Maximilian, geb. 1902 und
Ernst, geb. 1904, sowie ein totgeborener Sohn 1908

Am 3.6.1907 verfasst Franz Ferdinand sein Testament sowie eine letztwillige Verfügung.

Testamentszeugen sind:

Alexander Brosch, Frh. von Aarenau, Major
Carl Baron Rummerskirch, Rittmeister
Dr. Fritz Stritzl, Rechtsanwalt

Am 17.6.1907 genehmigt Kaiser Franz Josef das Testament und die letztwillige Verfügung.

Erzherzog Karl, nachmaliger Kaiser Karl, gibt eine Einverständniserklärung ab.

Die wesentlichen Bestimmungen des Testamentes in der letztgültigen Fassung lauten:

B)Zum Rechtsnachfolger der im Nachstehenden bezeichneten Vermögensbestandteile, die ich selbst von weiland seiner königlichen Hoheit Erzherzog Franz V, Herzog von Modena, geerbt habe, und zwar nach dem Stande zur Zeit meines Todes mit Vorteil und Last als:

des Palais Modena mit Garten samt den dazugehörigen Häusern in der Beatrixgasse in Wien, der in Italien gelegenen Besitzungen Villa d’Este und Cattajo oder, falls ich sie bei Lebzeiten veräußert haben sollte, des aus der Veräußerung erzielten reinen Erlöses, dann den Kunstschätzen und Sammlungen, die aus dem estensischen Nachlasse stammen und sich nicht auf den Herrschaften Konopischt und Chlumetz befinden, berufe ich unter den im folgenden bezeichneten Auflagen meinen Neffen Erzherzog Karl Franz Josef. Falls dieser die letztwilligen Zuwendungen nicht annehmen wollte oder könnte, substituiere ich ihm seine männlichen Nachkommen aus ebenbürtiger Ehe nach der Reihenfolge der Primogenitur.

Zu weiteren Vulgarsubstituten berufe ich der Reihe nach meine geliebten Neffen Erzherzog Maximilian Eugen Ludwig[1], sodann meinen geliebten Bruder Erzherzog Ferdinand Karl Ludwig[2], sodann die Erzherzöge Karl Stephan[3], Eugen[4], Leopold Salvator[5], Josef August[6], Franz Salvator[7] und Friedrich[8] mit der Maßgabe, dass der später genannte Substitut erst berufen sein soll, wenn auch von den männlichen Nachkommen aus ebenbürtiger Ehe des Vorberufenen , die nach der Reihenfolge der Primogenitur berufen sind, keiner die Zuwendungen annehmen will oder kann.

C) Der unter B.) berufene Rechtsnachfolger soll, ……………………für sich und seine ihm in den Besitz dieses Vermögens nachfolgenden Nachkommen den Zunamen Österreich –Este annehmen……………………Er soll auch verpflichtet sein, falls er der italienischen Sprache nicht mächtig wäre, diese Sprache in Wort und Schrift zu erlernen, welche er immer geläufig zu sprechen und schreiben wissen soll.

………………………….

F) Mein Rechtsnachfolger ……..soll vor oder bei Übernahme des Vermögens eine Erklärung ausstellen, in der er sich mit Fürstenwort verpflichtet, seinerseits…………….dafür Vorsorge zu treffen, dass sein Rechtsnachfolger die Absichten und Wünsche weiland Seiner königlichen Hoheit des Erzherzogs Franz V., Herzog von Modena, die auch ich ………….gesichert wissen will, erfülle.

G) Die im Artikel B) bezeichneten Kunstschätze und Sammlungen sind, falls ich es nicht schon selbst veranlasst haben sollte, nach meinem Leben zu inventarisieren und als einheitlicher, unveräußerlicher Bestand zu erhalten und, wenn möglich, angegliedert an die Sammlungen des kaiserlichen Hauses, aufzustellen.

Zum Rechtsnachfolger von Todeswegen aller übrigen Vermögensbestandteile des Estensischen Nachlasses, über die ich im ArtikelB.) nicht verfügt habe, insbesondere der zum Estensischen Nachlasse gehörigen Häuser in Wien, des Bargeldes und der Wertpapiere, ferner die Herrschaften Konopischt und Chlumetz, sowie meines gesamten sonstigen ……………..Realbesitzes mit Allem, was darauf liegt und steht ……………berufe ich ohne weitere Einschränkung meinen ältesten Sohn.

Aus dem Testament geht eindeutig hervor, dass Franz Ferdinand die Kunstschätze und Sammlungen als Ganzes erhalten wollte. Es stand für ihn außer Frage, seine eigene Familie dafür nicht als Erben einzusetzen. Das Estensische Vermögen stammte aus dem Hause Habsburg-Lothringen. Da seine Kinder von der Thronfolge durch die Verzichtserklärung vom 28. Juni 1900 ausgeschlossen waren, sollten die Sammlungen auch beim Erzhaus Habsburg-Lothringen bleiben.

Es entsprach dem Charakter von Franz Ferdinand, nicht zu trennen, was zusammen gehörte. So wie es ihm nicht im Entfernsten eingefallen wäre, einzelne Gegenstände aus den Sammlungen zu verkaufen und mit dem Erlös etwas anderes anzuschaffen (wofür er wahrlich genug Gründe gehabt hätte, man denke nur an die kostspieligen und geldverschlingenden Bauarbeiten in Konopischt), so war ihm der Gedanke fremd, dass seine Erben so einen barbarischen Akt veranlassen könnten.

Um ganz sicher zu gehen, baut er in seinem Testament noch ein zusätzliches Sicherheitsnetz ein. Im Punkt F) bindet er seinen Erben, also Erzherzog Karl, sich mit seinem „Fürstenwort“ zu verpflichten, die Absichten und Wünsche von Franz V, Herzog von Modena, die auch Franz Ferdinands Wünsche und Absichten sind, zu erfüllen. Das „Fürstenwort“ war der höchste Ehrbegriff überhaupt. Darüber gab es nichts mehr. Der Erbe hat sich mit der Abgabe des Fürstenwortes mit seiner fürstlichen Ehre verpflichtet, die Testamentsbestimmungen einzuhalten.

Kaiser Franz Josef hat, ehe er am 17.6.1907 das Testament Franz Ferdinands genehmigte, von Karl die Abgabe dieser Erklärung verlangt und auch von ihm erhalten.

Die Einsetzung von nicht weniger als acht Vulgarsubstituten unter Bedachtnahme der jeweiligen Söhne nach der Reihenfolge der Primogenitur, bekräftigt den Willen des Erblassers, das Estensische Vermögen beim Stammhaus zu belassen. Nichts sollte dem Zufall überlassen sein. Der Ausfall eines Erben durfte auf keinen Fall zur Zerstückelung der Sammlungen führen. Gerade dieser Punkt ist Franz Ferdinand so wichtig, dass er einen eigenen Absatz (G) dafür verwendet: „…als einheitlicher, unveräußerlicher Bestand….“

Franz Ferdinand wird schon gewusst haben, warum er diese Vorsichtsmaßnahmen in seinem Testament getroffen hat. In den Sammlungen, insbesondere in der Bronzen- und der Antikensammlung, fanden sich Stücke von erlesener Schönheit, die bei so manchem Familienmitglied Begehrlichkeiten auslöste und ganz unverhohlen Wünsche geäußert wurden, das eine oder andere Exponat für private Aufstellungen zu erwerben.

Dem Testament folgten noch vier Kodizille:

Kodizill I vom 23.8.1908, verfasst in Blühnbach
Kodizill II vom 24.8.1908, verfasst in Blühnbach
Kodizill III vom 19.3.1909, verfasst in Wien und
Kodizill IV vom 31.12.1909, verfasst in Wien

Probleme mit dem Estensischen Vermögen werden in den Kodizillen nicht angesprochen.

Am 28. Juni 1914 fallen Franz Ferdinand und seine Frau in Sarajevo einem Attentat zum Opfer.
Am 28.Juli erklärt Österreich – Ungarn Serbien den Krieg.
Am 1. August erklärt das Deutsche Reich Russland den Krieg.
Am 3. August erklärt das Deutsche Reich Frankreich den Krieg.
Am 5. August erklärt Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg.
Am 6. August erklärt Österreich – Ungarn Russland den Krieg.
Am 6. August erklärt Serbien dem Deutschen Reich den Krieg.
Am 13. August erklärt Frankreich Österreich – Ungarn den Krieg.
Der 1. Weltkrieg hat begonnen.

Das Obersthofmarschallamt in Wien, seit Josef II die zuständige Verlassenschafts-Abhandlungsbehörde des Hauses Habsburg, öffnet die Testamente Franz Ferdinands und beauftragt den Rechtsanwalt Dr. Fritz Stritzl mit der Abwicklung der Hinterlassenschaft. Zum Vormund der Kinder wird, einem testamentarischen Wunsch Franz Ferdinands nachkommend, Graf Jaroslav Thun bestellt.

Die Abwicklung der Hinterlassenschaft war aufwendig und kompliziert. Franz Ferdinand hatte kein straffes „Management“ seines Privatvermögens. Da waren Verwalter und Buchhalter in Wien und in den Schlössern Konopischt, Artstetten und Blühnbach. Die letzten waren hauptsächlich mit den Angelegenheiten der jeweiligen Besitzungen befasst, während das Büro in Wien mit den „übergeordneten“ Aufgaben betraut war. Koordinator der einzelnen Verwaltungen war Franz Ferdinand selbst. Mit wirtschaftlichen Sachfragen beschäftigte er sich nicht gerne. Er traf Entscheidungen sehr rasch, zauderte nicht, gab Informationen nicht immer an die richtigen Stellen weiter und, wie so oft bei Menschen mit Tatendrang, traf auch Fehlentscheidungen. Davon wollte er aber später nichts wissen.

Bei der Abwicklung der Hinterlassenschaft kamen viele Folgen dieser Untugenden ans Licht. Meist waren es Kleinigkeiten ohne wesentliche Auswirkungen auf die Gesamtvermögenslage, aber es stand einer zügigen und korrekten Abhandlung entgegen.

Ein Beispiel sei hier stellvertretend für viele ähnliche Fälle angeführt:

Franz Ferdinand besaß ein Grundstück in der Nähe von Artstetten, das für ihn völlig wertlos war. Es war ein Acker, der von anderen Äckern, die einem Bauern gehörten, umschlossen war, quasi ein Enklavenacker. Ertrag warf er kaum ab. Franz Ferdinand kam mit dem Bauern überein, ihm den Acker zu überlassen. Ein Kaufpreis wurde vereinbart, der Bauer bezahlte diesen und bewirtschaftete ab sofort den Enklavenacker, der ja nun sein Eigen war. Der Eingang des Kaufpreises wurde ordnungsgemäß verbucht. Daß aber auch eine entsprechende Änderung im Grundbuch vorgenommen werden musste, interessierte den Erzherzog nicht. Als nun nach seinem Tod bei der Abwicklung der Hinterlassenschaft Dr. Stritzl diesen Acker einem Erben zusprechen wollte – er ging ja von der Aktenlage aus und demnach gehörte der Acker zum Nachlaß des Erzherzogs – , bekam der Bauer Wind von der Sache und sprach bei Dr. Stritzl vor, erklärte ihm den Sachverhalt und erbrachte den Nachweis der ordnungsgemäßen Bezahlung des Kaufpreises. Die Angaben des Bauern musste Dr. Stritzl auf ihre Richtigkeit überprüfen, die Grundbuchsänderung beim Obersthofmarschallamt beantragen u.s.w. u.s.w.

Solche Fälle gab es viele. Es ist erstaunlich, wie viel Grundbesitz Franz Ferdinand hatte, zwar nicht von übermäßigem Wert, aber in der Anzahl der Parzellen bedeutend. Das hieß aber für Dr. Stritzl nur eines: viel Arbeit mit der Hinterlassenschaft.

Ähnlich verhielt es sich mit den geldwerten Vermögensanlagen. Bei fast allen größeren Banken unterhielt Franz Ferdinand Konten und Wertpapierdepots für sich und seine Kinder. Auffallend ist die Vielzahl der Wertpapiere mit relativ geringen Nominalien, sowie der Schwerpunkt der Veranlagungen. Es handelt sich nämlich überwiegend um Aktien und Schuldverschreibungen von Bahngesellschaften. So findet sich in einem Wertpapierdepot des Prinzen Ernst von Hohenberg dem Zweitgeborenen Sohn, bei der Österreichisch – Ungarischen Bank, Papiere von nicht weniger als zehn Bahngesellschaften.

Dr. Stritzl suchte daher bald nach der Übernahme seines Mandats beim Obersthof-marschallamt um die Einrichtung einer zentralen Verwaltung und Buchhaltung in Wien an, um die Bündelung aller vorzunehmenden Aktivitäten besser steuern zu können. Diese Maßnahme wurde auch genehmigt.

In der Folge wurde versucht, alle Bankgeschäfte bei der Creditanstalt in Wien zu konzentrieren. Dazu war es aber nötig, bei allen namhaften Banken des Reichs zu recherchieren, ob Franz Ferdinand dort Geld angelegt hatte und in welcher Form. Manche Banken antworteten gar nicht auf die Anfrage und mussten ein zweites mal angeschrieben werden. War es dann endlich soweit und die Bankbeziehung offengelegt, musste Stritzl beim Obersthofmarschallamt jeweils um Genehmigung ansuchen, das Anlagegut zur Creditanstalt transferieren zu dürfen. Das wurde auch immer genehmigt, erforderte aber einen nicht unbeträchtlichen Schriftaufwand und kostete vor allem viel Zeit.

Ende September 1915, also 15 Monate nach der Ermordung in Sarajevo, legt Dr. Stritzl dem Obersthofmarschallamt ein umfassendes Dokument, den sogenannten Testamentsausweis vor. Es ist das Schlussdokument der Erbschaftsabwicklung und enthält detaillierte und belegte Aufstellungen aller Vermögenswerte, Berechnungen der Pflichtanteile sowie eine Gegenüberstellung der Testamentsanordnungen mit der tatsächlich erfolgten Durchführung.

Demnach erhalten:

  • Maximilian von Hohenberg das Gesamtvermögen, nach Abzug der Pflichtanteile seiner beiden Geschwister, in Höhe von 21,3 Mio. Kronen
  • Ernst von Hohenberg den Pflichtanteil in Form der Übertragung der Domäne Chlumetz in Höhe von 3,6 Mio. Kronen
  • Sophie von Hohenberg den Pflichtanteil überwiegend in Form von Wertpapieren in Höhe von 3,6 Mio. Kronen
  • Das Estensische Vermögen, wie im Testament von Franz Ferdinand festgelegt, Erzherzog Karl, nachm. Kaiser Karl, ohne ziffernmäßiger Bewertung

Das Testament Franz Ferdinands ist damit vollstreckt.

Dr. Fritz Stritzl wird zwei Monate nach Vorlage des Schlussdokuments in den Adelsstand erhoben und darf sich nun Dr. Fritz Stritzl Edler von Artstatt nennen. Kaiser Karl erhebt ihn am 3.3.1918 in den Freiherrnstand.

Zur Erhellung der Geldbeträge seien hier als Vergleich aus dem Verlassenschaftsakt einige Pensionen angeführt, die Franz Ferdinand seinem Personal bezahlt hat:

Im Jahr 1914 betrug die
Jahrespension einer Kuhmagd                                                     60 Kronen
Jahrespension einer Wäscherin                                                   200 Kronen
Jahrespension eines Försters                                                       1000 Kronen
Die Jahresapanage der Erzherzogin Adelgunde,
Witwe nach Franz V, Herzog von Modena                                 197.800 Kronen

Erzherzog / Kaiser Karl

Regierung

Nach der Ermordung Franz Ferdinands 1914 in Sarajevo wird Erzherzog Karl Thronfolger.

Gleichzeitig tritt er das Erbe des Estensischen Vermögens an.

Kaiser Karl I (1887 – 1922)

Kaiser Karl I (1887 – 1922)

Als der 27 jährige Karl Thronfolger wurde, konnte er nur auf eine sehr bescheidene Ausbildung zurückblicken. Das Gymnasium hatte er im Alter von 14 Jahren verlassen. Dann folgte eine militärische Ausbildung bei verschiedenen Regimentern. Seiner Stellung als Zweiter Mann in der Thronfolgereihe wurde kaum Rechnung getragen. In Entscheidungen der Staatsgeschäfte war er nicht eingebunden. Daran änderte sich auch kaum etwas, als er nach der Ermordung von Franz Ferdinand in Sarajevo offizieller Thronfolger wurde. Kaiser Franz Josef musste wohl oder übel die bescheidenen Geisteskapazitäten seines Großneffen zur Kenntnis nehmen.

Mit dem Tod Franz Josefs wurde Erzherzog Karl Kaiser von Österreich-Ungarn.

In Staatsgeschäften völlig ungeübt, mit geringen geistigen und mentalen Kräften gesegnet, der Intrigenwirtschaft zwischen Militär und zivilen Politikern, zwischen dem deutschen Bündnispartner und der österreichischen Heeresführung und zwischen den einzelnen Völkern der Donaumonarchie hilflos gegenüber stehend, war er nicht in der Lage, die Führung des Staates in die Hand zu nehmen. Dazu zeichnete sich eine katastrophale Versorgungslage der Bevölkerung im nunmehr dritten Kriegsjahr immer deutlicher ab. Karls kindliche, um nicht zu sagen naive Frömmigkeit, führte zu einer der katholischen Kirche gegenüber fast peinlichen Hörigkeit und ersetzte nicht die fehlende politische Führungsqualität.

1911 heiratete er Zita von Bourbon-Parma, mir der er bis zu seinem Tod acht Kinder zeugte.

Zita war ihrem kaiserlichen Gemahl geistig überlegen und auch mental stärker als er. Karl traf keine staatspolitische Entscheidung, ohne nicht vorher seine Ehefrau zu konsultieren. Zita war zwar so klug, nach außen hin möglichst nichts von ihrer Überlegenheit zu zeigen, doch war es in Hofkreisen ein offenes Geheimnis, wer im Kaiserhaus das Sagen hatte.

Zita von Bourbon-Parma (1892 – 1989)

Zita von Bourbon-Parma (1892 – 1989)

Mit der Übernahme der Kaiserwürde begann eine Kette von Fehlentscheidungen, die den Untergang des Reiches nicht nur nicht verhinderte, sondern beschleunigte. Karls angebliches Ziel, den Krieg rasch zu beenden und den Völkern Friede zu bringen, wurde so dilettantisch in Angriff genommen, dass alle diesbezüglichen Handlungen zum Scheitern verurteilt waren und die Situation nur noch verschlimmerten.

Grillparzers Worte aus dem „Bruderzwist“ trafen auf diese Aktionen voll zu:

Das ist der Fluch von unserm edlen Haus:
Auf halben Wegen und zu halber Tat
Mit halben Mitteln zauderhaft zu streben.

Ob es sich nun um die Krönung zum ungarischen König gehandelt hatte, die nur aus persönlicher Eitelkeit des Kaiserpaares angestrebt wurde und zwar ein äußerliches Glanzlicht setzte, aber in Wirklichkeit jede innenpolitische Initiative bezüglich einer Neuordnung auf dem Balkan versperrte, oder ob es die unglückselige Sixtusaffäre war, die den Kaiser als Lügner bloßstellte, zu einem totalen Vertrauensbruch zum deutschen Reich führte und letztlich mit einem Canossagang beim Bündnispartner endete und jeglichen militärischen Handlungsspielraum der Donaumonarchie einengte.

Auch mit der Kirche ging nicht alles so glatt über die Bühne, wie es eingefädelt wurde. Nach mühevollen Vorarbeiten erschien am 4. August 1918 ein gemeinsamer Hirtenbrief der katholischen Bischöfe der Habsburgermonarchie, in dem sie an die Einigkeit der habsburgischen Völker appellierten. Jedoch hatten sich die Bischöfe von Prag, Laibach, Trient und Triest geweigert, mit zu unterzeichnen. Wenn nicht einmal mehr die katholische Kirche, die über Jahrhunderte eine der Hauptstützen der kaiserlichen Macht gewesen war, an den Zusammenhalt des alten Staates glaubte und dem Monarchen nicht mehr einstimmig unterstützte, waren die Tage der habsburgischen Herrschaft gezählt.

Völkermanifest

Am 16.Oktober erlässt Kaiser Karl das sogenannte Völkermanifest, auch bekannt unter dem Namen Oktobermanifest. Es ist der Versuch, das Habsburgerreich zu retten. Der Text wird mehrmals redigiert, es werden tagelange Konferenzen der Staatsführung mit namhaften Verfassungsjuristen abgehalten, unzählige geheime Kabinettsgespräche hoher Politiker finden statt, ungarische Interessen fließen in den Text ein und heben Teile des Urgedankens des Manifestes wieder auf, andere wichtige Fragen werden ausgeklammert, kurz, jeder versuchte den Kaiser in seinem Sinne zu beeinflussen. Doch Karl fehlt es an Entscheidungskraft.

Er zieht es vor, am 10. Oktober in Mürzsteg auf der Lachalpe eine Hofjagd abzuhalten und weil es so schön war eine weitere am 14. Oktober in Altenberg an der Rax. Es sollte die letzte Hofjagd sein. Während sich die hohen Herrschaften über den Abschuss von Gams und Hirsch freuten, liefen in Italien die Vorbereitungen für die 3. Piaveschlacht auf Hochtouren und in Wien rang die Politik um den Text des Oktobermanifestes. Karl besucht zwar mit seiner Gemahlin Zita täglich die Heilige Messe und betet inbrünstig um einen Sieg am Schlachtfeld und um die Beendigung des Krieges, jedoch war ihm die Macht im Staate längst entglitten, sofern er sie überhaupt jemals in Händen hatte.

Schließlich wird das Manifest am 16. Oktober veröffentlicht. Es enthält nach einer langatmigen Einleitung einen Hinweis, der jeder realistischen Grundlage entbehrt:

„Die harten Opfer des Krieges mussten uns den ehrenvollen Frieden sichern, an dessen Schwelle wir heute mit Gottes Hilfe stehen.“

Den Völkern Österreichs, an die das Manifest gerichtet ist, wird hier suggeriert, dass der Friede unmittelbar bevorstehe. Davon konnte keine Rede sein. Vielmehr standen sich in Oberitalien die Truppen Italiens und Österreich-Ungarns seit dem 15. Oktober kampfbereit gegenüber. Nur katastrophale Wetterkapriolen verschoben den Beginn der Kämpfe der dritten Piaveschlacht um einige Tage.

Der Kernsatz des Oktobermanifests lautet:

„Österreich soll dem Willen seiner Völker gemäß zu einem Bundesstaate werden, in dem jeder Volksstamm auf seinem Siedlungsgebiete sein eigenes staatliches Gemeinwesen bildet.“

Der Begriff „Bundesstaat“ schlüpfte erst unmittelbar vor Drucklegung in die Endfassung. Vorher standen an dieser Stelle noch die Worte „zu einem starken Bunde“. Staatsrechtler und Verfassungsjuristen haben sich später die Köpfe über den Unterschied heißgeredet.

Das Oktobermanifest wurde von den Volksstämmen der Monarchie aber anders ausgelegt, als es der Kaiser wollte. Nach wenigen Tagen zeigte sich die bittere Wahrheit: Das Oktobermanifest war nicht die Rettung des Staates, sondern sein Todesstoß.

Fünfzig Jahre hatte man Zeit gehabt, Österreich auf national-föderalistische Grundlagen zu stellen. Durch viele Jahrzehnte war allen Fragen, die eine Lösung erforderten, ausgewichen worden, wodurch sie zu fast unlösbaren Problemen heranwuchsen. Im Oktober 1918 war es für eine Neuordnung des Staates zu spät.

Kaiser Karl wollte mit dem Manifest ein Versprechen an seine Völker für die Zeit nach dem Friedensschluss geben. Doch die Völker waren kriegsmüde, seine Soldaten erschöpft, die Zivilbevölkerung ausgezehrt. Niemand wollte mehr zuwarten. Das Manifest wurde als Signal zur Auflösung der Donaumonarchie verstanden. Die Ungarn begannen mit der Rückführung ihrer Truppen, die anderen Völker folgten. Die Armee befand sich in Auflösung. Befehlsverweigerungen ganzer Regimenter standen an der Tagesordnung. Jeder wollte heim.

Der Kaiser wandte sich telegraphisch an seine Heiligkeit Papst Benedikt XV, er möge doch aus Gründen der Menschlichkeit die italienische Regierung davon abhalten, die Schlacht am Piave zu beginnen. Es war vergebens.

Die 3. Piaveschlacht, die als Schlacht von Vittorio Veneto und als letzte Schlacht des 1.Weltkriegs in die Geschichte eingegangen ist, wurde verloren. Österreich bettelte um einen Waffenstillstand.

Im Lande herrschte das totale Chaos.

Die Habsburgermonarchie zerbrach

Am 28. Oktober wurde die Tschechoslowakei gegründet.
Am 29. Oktober wurde der SHS-Staat, eine Vereinigung der Serben, Kroaten und Slowenen gegründet (ging später in Jugoslawien auf).
Am 30. Oktober konstituierte sich Deutsch-Österreich.

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[1] (1895-1952) Bruder von nachm. Kaiser Karl
[2] (1868-1915) Schied 1911 aus dem Haus Habsburg wegen nicht standesgem. Eheschließung aus und nahm den Namen „Burg“ an
[3] (1860-1933) aus der Teschener Linie (Linie Karl)
[4] (1863-1954) Hoch- und Deutschmeister
[5] (1863-1931) aus der Linie Toskana-Salvator
[6] (1872-1962) aus der ungarischen Linie
[7] (1866-1939) heiratet 1890 Marie Valerie, die jüngste Tochter von Franz Josef
[8] (1856-1936) aus der Teschener Linie (Linie Karl); an seinem Hof lernte Franz Ferdinand seine Ehefrau kennen
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