Maßnahmen der Regierung

Aber da war ja noch die Regierung. Der konnte dieser Raubzug doch nicht gleichgültig sein.

Doch in der Haut des Staatskanzlers Renner wollte keiner stecken.

Ein Blick über die Grenzen nach Deutschland ließ nichts Gutes erwarten. Generalstreik in Leipzig, Umtriebe und Aufstände der Bolschewiken in Berlin und München, eine noch immer starke Heeresführung die versuchte, die Fäden der Politik im Hintergrund zu ziehen und, wie auch in Österreich, die Frage der Rückzahlung der Kriegsanleihen, waren die Probleme im Nachbarstaat. Welche Auswirkungen wird das auf Österreich haben und wie kann man sich dagegen schützen? Die Umtriebe der Bolschewiken machten die größten Sorgen. Aus Russland kamen schreckliche Meldungen, wie dieses Gesindel, kaum an der Macht, wütete.

Dazu kamen die demütigenden Verhandlungen in Paris und vor allem eine hungernde und frierende Bevölkerung. Dieses Problem wurde immer größer. Die Siegermächte entließen tausende österreichische Kriegsgefangene. Fast täglich kamen auf den Wiener Bahnhöfen Heimkehrertransporte an. Das linderte zwar den seelischen Schmerz der Angehörigen und die Freude über den heimkehrenden Vater, Sohn oder Bruder war groß, jedoch gesellte sich gleich die Sorge dazu, einen Mitesser in der Familie mehr zu haben, das Wenige noch einmal teilen zu müssen.

Renner konnte und wollte die Italiener nicht wegen ein paar Bücher verärgern. Erst vor einigen Tagen war es der Regierung gelungen, ein Abkommen mit Italien über eine größere  Lieferung von Getreide abzuschließen. Die ersten Züge rollten schon in Richtung Brenner. Sollte er wegen der ohnehin nur pfandweisen Entnahme von drei Büchern das Risiko eingehen, die Getreidelieferungen zum Stillstand zu bringen? Wer hätte dafür Verständnis gehabt? Sollte die Bevölkerung deshalb verhungern, nur weil Kaiser Karl ein Buch aus der Hofbibliothek entwendet hatte und in die Schweiz verbringen ließ und die Italiener ein Pfand dafür nahmen? Wahrscheinlich hätten nicht einmal die Angestellten der Bibliothek solch einen Schritt gebilligt.

Die französische Regierung setzte Österreich unter Druck. Solange der Friedensvertrag nicht unterzeichnet war, konnten keine Kredite für Lebensmittellieferungen gegeben werden.

Renner hatte wirklich keine Wahl.

Trotzdem setzte er drei Tage später den Raub der Handschriften auf die Tagesordnung eines Ministerrats. Der Punkt konnte aber nicht behandelt werden, weil sich an diesem Tag im Nachbarland Blutiges ereignete.

Die deutschsprachige Bevölkerung von Böhmen und Mähren demonstrierte für einen Verbleib bei Deutsch-Österreich und wollte nicht in den neu geschaffenen Staat Tschechoslowakei. Die Sozialdemokraten organisierten den Widerstand und am 4. März wurden in mehreren Städten machtvolle Massenkundgebungen abgehalten. Der junge Staat zögerte nicht lange und nach einigen Stunden wurde auf die Demonstranten, die sich weigerten auseinander zugehen, das Feuer eröffnet. Fünfzig bis sechzig Tote blieben auf der Strecke, unzählige Verwundete waren zu beklagen. Der Aufstand war niedergeschlagen, die deutschsprachige Bevölkerung blieb nolens volens bei der Tschechoslowakei.

Das war das Thema des Ministerrates. Welche Auswirkungen der Aufstände auf das Verhältnis der neuen beiden Staaten waren zu erwarten? Würde das ohnehin bis zum Zerreißen gespannte Verhältnis zu einem totalen Bruch führen, mit allen Konsequenzen für die Ernährungslage der österreichischen Bevölkerung? Wer hatte in dieser Situation einen Kopf für ein paar ohnehin nur pfandweise entwendeten Bücher aus der Hofbibliothek?

Das Einzige was die österreichische Regierung unternehmen konnte, war die Italiener zu ersuchen, die Bücher in Wien zu belassen und in der spanischen Botschaft zu hinterlegen, da der Transport nach Italien womöglich unbehebbare Schäden hinterlassen könnte. Doch dafür war es zu spät. Längst waren die Werke in Italien. Die dortige gelehrte Welt konnte es kaum erwarten, diese Leckerbissen näher zu betrachten. Der italienische Chefverhandler Modigliani verbürgte sich gegenüber der Hofbibliothek, dass die Werke nur einem ausgesuchten Kreis von Wissenschaftern unter den gleichen Benutzungsbedingungen wie in Wien, zugänglich gemacht werden würden.

In Wien reagierten die Verantwortlichen der Bibliotheken und der Museen. Die Kernfrage die alle beschäftigte war, ob es sich, nicht nur bei der Borso Bibel, sondern bei dem Estensischen Vermögen als solchem, um einen Privatbesitz von Kaiser Karl, oder um einen des Staates handelte. Eine Rechtsfrage! Rechtsfragen werden von Juristen gelöst; also beauftragte man solche mit der Erstellung von Rechtsgutachten.

Die meisten Juristen beriefen sich auf die Testamente sowohl von Franz V als auch von Franz Ferdinand. Da war von der Unteilbarkeit der Sammlungen die Rede. Die Sammlungen sollten als Ganzes erhalten werden und die kaiserlichen Bestände bereichern. Der Wille der Erblasser war klar und deutlich.

Mit diesen Gutachten konnte man nichts anfangen. Einerseits würde man damit die Position der Italiener stärken, andererseits halfen sie ja nicht wirklich weiter. Tatsache war, dass die Borso Bibel von Kaiser Karl abgeholt und nun irgendwo (wo doch nur?) aufbewahrt wurde.

Manche Gutachter griffen, obwohl gar nicht danach gefragt, auch die Frage der entwendeten Juwelen aus dem Toskanischen Schatz auf. Auch hier stand „der ehemalige Träger der Krone“ in keinem guten Licht da. Schließlich fanden sich doch ein paar Juristen, die die Borso Bibel dem Privatvermögen des Kaisers zurechneten. Einer wollte sogar irgendwo gelesen haben, dass ihm Franz Josef die Bücher schon vor vielen Jahren geschenkt haben sollte. Ein Nachweis dafür konnte aber nicht erbracht werden.

Wieder herrschte große Ratlosigkeit. Den Exkaiser zu fragen, ob er vielleicht gewillt sei, die Borso Bibel zurückzugeben, damit man die Pfänder einlösen könnte, war den Beamten der Hofbibliothek verwehrt. Renner hütete sich, mit Karl deswegen Kontakt aufzunehmen. Sein Besuch in Eckartsau, wo er als Staatskanzler der Republik quasi von der kaiserlichen Schwelle verjagt wurde, steckte ihm noch immer tief in den Knochen. Auch hatte er wahrlich andere Sorgen, als sich um die Rückgabe einer Bibel zu kümmern.

Die Unterzeichnung der Friedensvertrages von Saint Germain stand bevor.