Italiens Forderungen an Österreich

Unter den Siegermächten war auch Italien und stellte maßlose Forderungen als Entschädigung für die Kriegsschäden, die österreichische Truppen auf italienischem Gebiet angerichtet hatten. Die Italiener wussten aber sehr wohl, dass aus dem verbliebenen Rest der Donaumonarchie, eben dem kleinen Österreich, nicht viel herauszuholen sein würde. Sie wussten aber auch über den Reichtum an Kunstschätzen in den Museen und Sammlungen der Residenzstadt Wien Bescheid.

Erste Listen kursierten. Die Italiener wollten als Entschädigung, ganz vereinfacht dargestellt, praktisch jedes Werk, das von einem italienischen Künstler geschaffen wurde und sich nun in österreichischen Besitz befand, ganz gleich, wie es dahin gekommen war.

Da wurde die Übergabe gefordert von

Madonna im Grünen von Raffael
Kirschenmadonna von Tizian
Drei weitere Werke von Tizian
Die drei Philosophen von Giorgone
Die besten Bilder von Tintoretto, Mantegna und Lotto
Selbstportrait von Rembrandt
Die Gemma Augustea (zweifellos die berühmteste Gemme des Altertums)
Das Salzfass von Cellini
Eine Anzahl der hervorragendsten Antiken
Das Parthenon – Fragment
Zahlreiche der kostbarsten Manuskripte der Hofbibliothek, darunter nicht etwa bloß italienische, sondern auch den französischen Roman de Troie
Die gesamte Estensische Kunstsammlung

Ja noch mehr: sie forderten auch die Herausgabe der Reichskleinodien, also der Herrschaftsinsignien der Kaiser und Könige des Heiligen Römischen Reichs und zwar die Reichskrone, den Reichsapfel das Reichsschwert und das Szepter.
Ein Sturm der Entrüstung erhob sich. Museumsdirektoren wurden bei der Regierung vorstellig, Hausjuristen der zuständigen Ministerien verfassten Gutachten über die Unrechtmäßigkeit der Forderungen und die Regierung wurde mit Nachdruck aufgefordert, den Italienern Einhalt zu gebieten.

Deutlich drückt es die Verwaltung der ehem. Kaiserlichen Sammlungen in einem Schreiben vom 10. April 1919 an die Regierung aus:

….Der Verlust, den Deutsch-Österreich dadurch erleiden würde, wäre in Ziffern kaum auszudrücken, jedenfalls aber mit vielen hunderten von Millionen zu berechnen, stünde also außer jedem Verhältnis zu dem durch den Krieg auf italienischen Gebiet angerichteten Kunstschaden, zu dessen Wiedergutmachung die Forderung unter anderem gestellt wird. Kulturell würde die Entnahme dieser Gegenstände der Vernichtung der vormals kaiserlichen Sammlungen gleichkommen und Deutsch-Österreich eine nie wieder gutzumachende Demütigung zufügen, die künftigen freundlichen Beziehungen dieses Staates zu Italien stets hinderlich im Wege stehen würde.

Unter diesen Umständen und im Hinblicke auf den Sturm der Entrüstung, der sich bei etwaiger – auch nur teilweise – Verwirklichung der italienischen Ansprüche weit über die Grenzen des Vaterlandes und wohl bei den billig denkenden der gesamten Kulturwelt erheben würde, darf die Erwartung ausgesprochen werden, dass das Staatsamt für Äußeres schon jetzt das Geeignete aufbieten werde, um diesen Anforderungen mit allen zu Gebote stehenden Mitteln auf das Nachdrücklichste entgegenzutreten. Es kann in dieser Beziehung mit vollem Rechte gesagt werden, dass hiebei nicht nur unschätzbare kulturelle und materielle Staatsinteressen, sondern förmlich Ehre und Ansehen Deutsch-Österreichs auf dem Spiele stehen.

Doch die Regierung war machtlos. Sie vertrat ein Land, das als kärglicher Rest von einem Großreich übrig geblieben war und sich alle Kriegsschuld vorhalten lassen mußte. Ein forsches Auftreten in Paris den Italienern gegenüber hätte nicht nur nichts eingebracht, sondern das Gegenteil bewirkt. Die Fronten gegen die ohnehin bis zur Grenze des Erträglichen überheblich agierenden Siegermächte wären noch mehr verhärtet worden.

Österreich schlug einen anderen Weg ein. Man suchte das Gespräch mit den Italienern auf direktem Weg und losgelöst von den Friedensverhandlungen in Paris. Angestrebt wurden Verhandlungen auf Expertenebene. Der österreichischen Diplomatie gelang es, die Italiener für diesen Gedanken zu erwärmen. Sie nominierten den Direktor der Brera – Galerie in Mailand, Ettore Modigliani zum Verhandlungsleiter mit den Österreichern. Modigliani musste bald zugeben, dass die italienischen Forderungen eher den Charakter eines Raubzuges denn einer Wiedergutmachung hatten. Er sah die Haltlosigkeit eines Großteils der italienischen Wünsche ein und legte eine modifizierte Liste vor. Grundsätzlich kam man zu dem Schluß, ein geheimes Sonderabkommen zwischen den beiden Ländern über die Rückführung von Kunstgegenständen abzuschließen. Die Öffentlichkeit sollte so wenig als möglich davon erfahren und die Sache sollte lautlos über die Bühne gehen.

Die Experten waren sich einig.

Doch die italienische Verhandlungsdelegation in Paris spielte ein Doppelspiel. Einerseits ließen sie Modigliani in Wien verhandeln, andererseits wollten sie in Bezug auf ihre Forderung auf das Kostbarste sicher gehen. Es wurde in Absprache mit den Franzosen die Forderung formuliert, der im Friedensvertrag von Saint Germain Aufnahme finden sollte, und zwar im Anhang an Artikel 196:

Toskana

Die Kronjuwelen
Die Privatjuwelen der Kurprinzessin von Medici, die zur Erbschaft des Hauses Medici gehörigen Medaillen und andere Wertgegenstände
……….

Modena

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Die drei Handschriften der Bibliothek von Modena: Biblia Vulgata, Brevarium romanum und das Officium Beatae Virginis, die 1859 von Franz V. weggebracht wurden.
……….

Bei der hier angeführte „Biblia Vulgata“ handelt es sich um die Borso Bibel.
Einen besseren Beweis über die künstlerische und auch nationale Bedeutung der Borso Bibel gibt es wohl nicht. Die Forderung der Rückgabe dieses Werks ist im Friedensvertrag von Saint Germain verankert!