Geschichte und Entstehung des Estensischen Vermögens

Dem Begriff „Estensischen Vermögen“ begegnen wir spätestens bei Erzherzog Franz Ferdinand, dessen Ermordung in Sarajevo 1914 den 1. Weltkrieg auslöste.
Das Estensische Vermögen ist, wie alle großen und bedeutenden Vermögen, nicht von einer Generation oder gar von einer Einzelperson geschaffen worden. Die Entstehung und der Aufbau erstreckt sich vielmehr über einige Jahrhunderte unter der Beteiligung mehrerer Familien, die durch Erwerb, Heirat und Vererbung Schlösser, Burgen, Häuser und unterschiedlichste Kunstsammlungen zu einem Vermögen zusammen trugen.
Zwei Familien hatten am Aufbau des Vermögens einen wesentlichen Anteil.

Familie d´Este

Das Haus d´Este war eines der ältesten und angesehensten Geschlechter Italiens und brachte im Verlauf seiner Jahrhunderte langen Geschichte zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten hervor. Die Ursprünge des Geschlechts gehen bis auf die Zeit von Karl dem Großen zurück. In der Renaissance war die Hochblüte des Hauses. Die Verleihung der Herzogwürde für Modena und Ferrara durch Kaiser und Papst, bescherte diesen Städten einen fruchtbaren Aufstieg und verhalf der Familie zu Reichtum und Einfluss.

Der Familie entsprossen mehrere Kardinäle, Feldherren, großzügige Mäzene und einflussreiche Persönlichkeiten der italienischen Politik.

Für die Entstehung des Estensischen Vermögens waren bedeutend:

Herzog Borso d´Este (1413 – 1471). Er beauftragte die Anfertigung der Bibel, von der noch ausführlich die Rede sein wird.

Kardinal Ippolito II d´Este (1509 – 1572)

Ippolito II d´ Este, ein Sohn von Lucretia Borgia und somit ein Enkel des berüchtigten Papstes Alexander VI, wurde bereits im Alter von zehn Jahren zum Erzbischof von Mailand und mit dreißig zum Kardinal ernannt.

Als im Konklave von 1550 nicht Ippolito, sondern der Kardinal von Tivoli zum Papst gewählt wurde, der den Namen Julius III annahm, zog sich Ippolito aus Rom zurück und übernahm den frei gewordenen Platz als Statthalter von Tivoli. Da war er zwar nicht mehr direkt im Zentrum der Macht, aber trotzdem nicht so weit weg, um nicht rechtzeitig am Ort des Geschehens sein zu können. Es war die dunkelste Zeit in der Geschichte der röm.-kath. Kirche.

Kardinal Ippolito II d´ Este

Kardinal Ippolito II d´ Este (1509 – 1572)

In den darauf folgenden zehn Jahren fanden drei weitere Konklaven statt, bei denen Ippolito immer in der engeren Wahl stand, jedoch nie gewählt wurde. Schließlich verzichtete er auf seine Ambitionen Papst zu werden und entschloß sich 1560 zur Errichtung eines standesgemäßen Palastes. Ein ehemaliges Benediktinerstift wurde um- und ausgebaut. Es entstand die Villa d´Este.

Die bedeutendsten Künstler der Zeit waren mit der Ausführung der Dekorationen des Palastes betraut. Ein besonderes Augenmerk verwendete Ippolito auf die Gestaltung der Gartenanlagen. Da wurden ganze Talflanken abgegraben, bestehende Gebäude abgerissen, nur um dem Park eine gewünschte Ausrichtung geben zu können.

Die Erben des Kardinals aus dem Hause Este erweiterten sowohl den Palast, als auch die Gärten. Antike Statuen und Kopien solcher wurden in den Alleen des Parks aufgestellt.

Villa d´Este in Tivoli

Villa d´Este in Tivoli

Neptunbrunnen in der Villa d´Este in Tivoli

Neptunbrunnen in der Villa d´Este in Tivoli

Ercole III (1727 – 1803)
Ercole III war ein bedeutender Sammler und gleichzeitig der letzte Mannesspross der Familie.

Ercole III d´Este (1727 – 1803)

Ercole III d´Este (1727 – 1803)

Familie Obizzi

Die andere Familie, die einen bedeutenden Beitrag zum Aufbau des Vermögens leistete, waren das Geschlecht der Obizzi. Die Obizzi sind um die Jahrtausendwende aus dem Burgund in die Toskana eingewandert und siedelten sich später in Ferrara an. Im 16. Jahrhundert waren einige Mitglieder der Familie als Condottieri in Diensten der Republik Venedig. Der berühmteste Heerführer war
Pio Enea degli Obizzi (1525 – 1589)

 Pio Enea degli Obizzi (1525 – 1589)

Pio Enea degli Obizzi (1525 – 1589)

Pio Enea erbaute in der Nähe von Padua am Fuße der Euganeischen Hügel um 1570 das Castello del Catajo. Er verlieh dem Schloss seiner militärischen Stellung entsprechend einen festungsartigen Charakter.

Das Kastell, wurde von seinen Nachfahren zu einem prachtvollen Lustschloss mit ausgedehnten Gärten, Grotten und Wasserspielen ausgebaut.

Castello Catajo

Castello Catajo

Tommaso degli Obizzi (1750 – 1803)
war einer der bedeutendsten Kunstsammler seiner Zeit.

Tommaso degli Obizzi (1750 – 1803)

Tommaso degli Obizzi (1750 – 1803)

Tommaso war der letzte Vertreter der Familie der Obizzi, ein seltsamer und gewalttätiger Mann, der die Frauen und das mondäne Leben liebte. Seine junge Frau, Barbara Quercini, so erzählt man, starb nach nur zwei Ehejahren wegen der Sorgen und des Kummers, die ihr Mann ihr machte. Tommaso ließ aus Reue für sein ausschweifendes Leben im Park des Catajo ein Kenotaph für sie erbauen und prägte eine Münze ihr zu Ehren. Er heiratete nicht mehr und hatte keine Kinder. Mit seinem Tod endete am 3. Juni 1803 die Dynastie der Obizzi.

Er vererbte sein gesamtes Vermögen, also auch den Besitz Catajo mit all seinen Sammlungen, dem Herzog Ercole III d´Este.

Die Kunstsammlungen bestanden aus Stücken unterschiedlicher Provenienz, die heute nur mehr lückenhaft nachweisbar sind. Die Sammlungen des Tommaso degli Obizzi befanden sich zum überwiegenden Teil in Catajo, doch fand man anlässlich einer (versuchten) Katalogisierung etwa tausend Kunstgegenstände, in Kisten verpackt, im Palazzo der Obizzi in Venedig.

Zu Tommasos Sammelgebieten zählten Skulpturen der Antike, etruskische Aschenurnen und Vasen, Gemälde, insbesondere aus dem frühen Mittelalter, Musikinstrumente, Münzen und Medaillen, Bücher und Manuskripte, Skulpturen und Plastiken aus dem Mittelalter und der Renaissance, Waffen und Inschriftensteine.

Im Zuge der Zusammenlegung des Obizzischen Erbes mit den Kunstsammlungen der Este, kam es zu Verschmelzungen innerhalb der verschiedenen Sammelgebieten. Manche Teile wurden gegen andere Exemplare getauscht, minderwertige Stücke verkauft viele Exponate verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Nach alten Aufzeichnungen sollte es auch naturhistorische Sammlungen gegeben haben, die aber ohne eine Spur zu hinterlassen, verschwunden sind.