Der Inhalt des Estensischen Vermögens

Das Estensische Vermögen besteht im Wesentlichen aus drei Teilen:

  • Wertpapiere und Bargeld
  • Dem Immobilien- und Grundbesitz
  • Den Kunstsammlungen

Wertpapiere und Bargeld

Wie hoch der Stand an Bargeld und wie umfangreich der Wertpapierbesitz war, lässt sich nicht mehr feststellen. Aufzeichnungen darüber gibt es nicht. Wir wissen nur, dass Wertpapiere vorhanden waren, aber in welchen Depots sie lagen entzieht sich unserer Kenntnis.

Die Erzherzöge des Hauses Habsburg befassten sich, mit wenigen Ausnahmen, nicht mit Geld. Als ob es ihnen zuwider gewesen wäre über solche Angelegenheiten Aufzeichnungen zu führen, überließen sie monetäre Obliegenheiten ihren Gutsverwaltern.

In den Testamenten wird die Höhe vererbbarer Geldbeträge nicht genannt. Das war auch kaum möglich, lag doch zwischen dem Zeitpunkt der Testamentsabfassung und dem Tod eine unbekannte Zeitspanne. Da meist nach dem Prinzip der Vererbung nach der Primogenitur verfahren wurde, hat der Erbe ohnehin alles bekommen. Eine Bezifferung von Geldwerten war daher nur für sonstige Erben erforderlich, soweit es solche überhaupt gegeben hatte.

Immobilienbesitz

Immobilienbesitz in Italien

Herausragendste Immobilie in Italien war die Villa d´Este in Tivoli bei Rom.

Von Kardinal Ippolito II d´Este erbaut, wurden bis ins 17. Jhdt. ständig Bauarbeiten durchgeführt. Insbesondere wurden die Gartenanlagen ausgebaut und zahlreiche Brunnen errichtet. Als die Anlage nach dem Tod von Ercole III, Herzog von Modena 1803 in den Besitz der Habsburger kam, begann der Niedergang des Anwesens.

Die Habsburger hatten an diesem Palast wenig Interesse, lag Tivoli doch einige Meilen südlich von Rom. Als Dauerwohnsitz kam Tivoli nicht in Frage und für Kurzaufenthalte war die Reise dorthin nicht nur zu beschwerlich sondern auf Grund der politischen Lage und wegen der Unbeliebtheit der Habsburger in Italien auch zu gefährlich.

Gebäude und Gärten verfielen und die antiken Statuen fanden auf nicht immer geklärte Weise Standorte irgendwo. Schließlich wurde die Villa dem Kardinal Gustav von Hohenlohe – Schillingsfürst verpachtet.

Noch einmal rückte der Palast in den Mittelpunkt der Kulturwelt. Franz Liszt gab mehrere Konzerte hier und komponierte bei einem seiner Aufenthalte, angeregt von der Vielzahl der fantasiereich gestalteten Brunnen das Klavierstück „Giochi d’acqua a Villa d’Este“ (Die Wasserspiele in der Villa d´Este). Im Jahre 1879 gab er hier eines seiner letzten Konzerte.

Vila d'Este

 

 

 

 

Vila d'Este

 

 

 

 

Vila d'Este

 

 

 

 

 

Vila d'Este

 

 

 

 

 

 

Nach dem 1. Weltkrieg übernahm der italienische Staat die Villa d´Este.

Ganz anders war die Situation in Catajo. Herzog Franz IV liebte diesen Flecken am Fuß der Euganeischen Hügel. Um seinen Hof zu beherbergen, baute er im Norden der Anlage ein neues Schloß, ein würfelförmiger Bau mit einem Innenhof, der die Formen des Schlosses von Pio Enea I mitsamt der zinnengekrönten Mauern wieder aufnimmt und mit diesem über einen kleinen Turm verbunden ist. Über den langen Korridor, der das alte Schloß mit dem Theater, mit der Waffensammlung und dem Museumsgebäude verband, werden Wohnräume mit prächtiger Innengestaltung errichtet.

Catajo Kirche im Theater

Im Theater wird eine kleine Kirche eingebaut.

Die größte und wichtigste Bedeutung hat Catajo als Beherbergungsstätte der umfangreichen und kostbaren Kunstsammlungen.

Nach dem 1. Weltkrieg übernahm der italienische Staat das Schloß als Wiedergutmachung für Kriegsschäden, die österreichische Truppen in Italien angerichtet hatten und verkaufte Catajo 1929 an die Familie Dalla Francesca aus Padua, in deren Besitz es heute noch ist. Man kann Teile des Schloßes für Hochzeitsgesellschaften und private Feste mieten.

Schloss Catajo

Immobilienbesitz in Österreich

Das Palais Modena im heutigen 3. Wiener Gemeindebesitz, wurde von Beatrix d`Este erworben, als sie mit ihrer Familie vor Napoleon aus Italien nach Wien ins Exil flüchten musste.

Beatrix hatte ein bewegtes Familienleben. Es gibt nicht viele Frauen in der Geschichte, die Mutter und Großmutter einer Kaiserin waren. Eine Tochter heiratete Kaiser Franz I, eine Enkelin den geistig zurückgebliebenen Kaiser Ferdinand I den Gütigen. Eine andere Enkelin heiratete ihren Sohn Herzog Franz IV von Modena. Durch diese Heirat wurde Beatrix dem frisch vermählten Ehepaar gegenüber Mutter, Großmutter und Schwiegermutter in einer Person. Wie sie von denen im täglichen Umgang angesprochen wurde, lässt sich nicht mehr eruieren.

In der näheren Umgebung des Palais wurden von Mitgliedern des Hauses Österreich – Este einige Häuser zugekauft.

Das Palais selbst wurde in den folgenden Jahrzehnten mehrmals um- und ausgebaut.

Palais Modena

Palais Modena

Es beherbergte einen Teil der Estensischen Kunstsammlungen, die Herzog Franz V nach Wien bringen ließ. Franz Ferdinand, als er in Besitz des Estensischen Vermögens kam, holte aus Catajo die Sammlungen der Antiken und derPlastiken, und stellte sie dort auf. Bewohnt wurde das Palais nur gelegentlich. Es hatten zwar die Witwen der Herzöge dort ein Wohnrecht, nutzen es aber nur sehr selten, da sie ihren Hauptwohnsitz außerhalb Wiens hatten.

Als Franz Ferdinand 1914 ermordet wurde und die letzte Modena Witwe einige Monate später verstarb, die Kunstsammlungen längst in der neuen Hofburg aufgestellt waren und Erzherzog Karl als nunmehriger Thronfolger ohnehin nie vorhatte, in diesem Haus zu wohnen, verödete die Stätte. Niemand brauchte das Palais mehr. Es stand auch nicht mehr im Grünen. Die ausufernde Stadt hatte Haus und Garten längst eingeschlossen.

Das Palais wurde 1917 abgerissen. Nur der Modenapark (von den Wienern mit Betonung auf der zweiten Silbe ausgesprochen) erinnert an die alten Zeiten.

Einige der umliegenden Häuser sind heute noch im Besitz der Nachfolger der Familie von Franz Ferdinand.

Das Palais in der Herrengasse beherbergte nach dem Ableben von Erzherzogin Beatrix nur mehr eine Wohnung für Franz IV, alle übrigen Räume waren vermietet. Im Jahr 1842 wurde das Gebäude an den Staat für 544.000 Gulden, zahlbar mit 4% verzinslichen Staatsschuld- Verschreibungen, verkauft.

Kunstsammlungen

Vorweg muss erwähnt werden, dass es keine vollständige Katalogisierung der Kunstgegenstände gibt. Es wurden zwar Teilbereiche inventarisiert, jedoch blieben diese Bemühungen nur Stückwerk. Nach der Einverleibung der Sammlungen des Hauses Obizzi in den Estensischen Besitz wurde 1806 der römische Antiquar Aurelio Visconti von den Erben beauftragt, die Kunstgegenstände im Schloss Catajo zu inventarisieren. Das Ergebnis seiner Arbeit liegt nur als rudimentäre Abschrift vor. Offensichtlich lautete sein Auftrag, die materielle Seite der gesammelten Stücke zu bewerten. Naturgemäß ist daher das Ergebnis seiner Arbeit nur aus dem Zeitgeist seiner Entstehung zu beurteilen. Die Rücksichtnahme auf Mode und Beliebtheit der Zeit ließ künstlerische Bewertungen hintanstehen.

Waffensammlungen

Franz Ferdinand war an den umfangreichen Sammlungen in Catajo sehr interessiert. Insbesondere war er von der Waffensammlung angetan. Sie umfasste fast 5000 Stücke und gehörte zu den bedeutendsten Waffensammlungen Europas und beinhaltete kostbare Degen, Gewehre, Rüstungen und ganze Ausstattungen für Turniere des 15. und 16. Jahrhunderts. Diese Sammlung ließ Franz Ferdinand im Lauf der Jahre in das Schloß Konopischt in Böhmen transferieren, wo sie heute noch teilweise zu sehen ist, zumindest jene Stücke, die nicht als Wiedergutmachung weggebracht wurden und in anderen Museen oder sonst irgendwo eine Heimat fanden.

Musikinstrumentensammlung

Die Sammlung der Musikinstrumente ging nach Wien und bildete den Grundstock der Musikinstrumentensammlung des Kunsthistorischen Museums.

Bronzensammlung und Archäologiestücke

Die Bronzensammlung ging ebenso in den Besitz des Kunsthistorischen Museums über wie die Sammlung der griechisch – römischen Archäologiestücke.

Die Borso Bibel

Die Sammlung der Bücher und Manuskripte, die von Franz V von Modena nach Wien gebracht wurde, beinhaltete ein wahres Prachtstück, die Borso Bibel, eines der schönsten Bücher der Welt und wie sich im Verlauf der Geschichte herausstellen sollte, auch eines der teuersten.

Borso d´Este (1413 – 1471)

Borso d´Este (1413 – 1471)

Borso d’Este (1413 – 1471) war der erste Herzog von Modena. Er empfing von Papst Paul II die Stadt Ferrara als Lehen. Die Nähe dieser Stadt zu Bologna, Mailand und Venedig begünstigte die Pläne Borsos, Ferrara zu einem Zentrum der Malerei zu machen. Er beschäftigte die bedeutendsten Künstler an seinem Hof. Nicht nur Meister der Tafelmalerei standen in seinen Diensten, sondern auch die berühmtesten Künstler der Miniaturmalerei.

Dieser prunkliebende Fürst entschloss sich, eine Bibel herstellen zu lassen, die alles was bisher auf diesem Gebiet geschaffen wurde, überragen sollte.

Das Vorhaben ist ihm in jeder Hinsicht gelungen.

Unter allen Miniaturhandschriften, die für die Este ausgeführt wurden, kann die Bibel des Herzogs Borso als das prachtvollste Manuskript bezeichnet werden. An Reichtum der Dekoration und an Glanz der Ausstattung sowie an künstlerischer Vollendung übertrifft sie alle anderen italienischen Miniaturcodices als ein Denkmal von überquellender Pracht. Manuskripte ähnlicher Schönheit sind nur noch in den Niederlanden und im Burgund entstanden.

Die Bibel besteht aus zwei Bänden, 26 cm breit und 38 cm hoch. Jeder Band enthält ca. 300 Folioblätter aus Pergament. Die Einbände sind aus feinstem Maroquinleder mit Goldauflagen und vergoldeten Silberbeschlägen uns ebensolchen Schliessen..

Die Schönheit des Äußeren wird durch die Pracht der Ausstattung der Handschrift selbst noch weit übertroffen. Jede Seite ist von einer Randleiste umschlossen, in welche eine oder zwei Miniaturen eingefügt sind. Die Randleisten bestehen aus zarten mit der Feder gezeichneten Spiralranken, dazwischen sind bunte stilisierte Blumen und Akanthusranken eingesetzt.

Bewunderungswürdig ist die reiche Abwechslung in der Anlage der Randleisten. Es finden sich in dem gesamten Werk keine zwei übereinstimmenden Blätter.

Geschaffen wurde das Werk von mehreren Künstlern mit zahlreichen Gehilfen. Der Mailänder Kalligraph Pietro Paolo Maroni besorgte die Schreibarbeiten, die Randleisten wurden von Taddeo Crivelli und Franco Russi, zwei Miniatoren von höchster Bedeutung ausgeführt. Bei dem ganz außergewöhnlichen Reichtum der Dekorationen dürfte eine Arbeitsteilung stattgefunden haben. Den Gehilfen war die handwerksmäßigen Arbeiten, wie das Auftragen des Goldes, der Vorbereitung des Untergrundes und der Ausmalung der Blütenblätter übertragen, während Crivelli die figürlichen Kompositionen, die Embleme, die Tierdarstellungen und das Schema der Dekorationen ausgeführt haben dürfte.

In der Bibliothek von Modena sind die Rechnungen über die Herstellkosten der Bibel zum Teil noch vorhanden. Es wird vermutet, dass die Gesamtkosten bei 1400 Golddukaten gelegen sind, eine für die damalige Zeit astronomische Summe.

Die Borso Bibel kam mit den Beständen der Bibliothek von Modena in die Hofbibliothek in Wien.

Borso Bibel

Borso Bibel

Borso Bibel

Borso Bibel