Übergang des Estensischen Vermögens an das Haus Habsburg

Ercole III d´Este Herzog von Modena stirbt am 14. Oktober 1803, also wenige Monate nachdem das Erbe der Obizzi an das Haus Este gefallen war. Ercole hinterlässt, wie sein Erblasser Obizzi, ebenfalls keine Söhne, dafür aber ein gewaltiges Vermögen, vermehrt, oder besser vervielfacht um die Erbschaft Obizzi, denn die Kunstsammlungen des Tommaso degli Obizzi waren wahrscheinlich bedeutender und wertvoller als die Sammlungen aus dem Hause Este.

Ercole hat aber eine Tochter, Maria Beatrix d´Este. Sie ist seine Alleinerbin und erbt von ihm die Herzogtümer Modena und Reggio und von ihrer Mutter die Herzogtümer Massa und Carrara.

Maria Beatrix d´Este

Maria Beatrix d´Este (1750 – 1829)

Diese Frau war mit einem Habsburger vermählt. Ferdinand (1754 – 1806), ein Sohn von Maria Theresia und Franz Stephan von Lothringen, schloß mit ihr im noch jugendlichen Alter von 17 Jahren die Ehe. Seine Mutter Maria Theresia, immer rechtzeitig bemüht, für ihre Kinder „gute Partien“ zu arrangieren, hatte offensichtlich früh erkannt, dass die mittelitalienischen Herzogtümer ein idealer Nährboden ihrer Heiratspolitik waren. Was sie damals allerdings noch nicht wissen konnte, war der überreiche Vermögenszuwachs aus dem Hause Este.

Die Hochzeit fand am 15. Oktober 1771 in Mailand statt. Um dem Anlass gebührenden Glanz zu geben, beauftragte man den damals 15 jährigen Wolfgang Amadeus Mozart, eine Oper dafür zu schreiben. Der Jüngling lieferte nach weniger als einem Monat Arbeit das Meisterwerk „Ascanio in Alba“ ab. Die Aufführung fand am 17. Oktober unter großem Beifall im Teatro Ducale statt.

Erzherzog Ferdinand

Erzherzog Ferdinand (1754 – 1806)

Nach dem Tod des Schwiegervaters Ercole III im Jahr 1803 wird Ferdinand Herzog von Modena, Massa und Carrara, Besitzer des Estensischen Vermögens und damit Begründer der Tertiogenitur (weil Ferdinand der drittgeborene Sohn von Maria Theresia war) des Erzhauses. Das so entstandene neue Herrschergeschlecht in Modena nimmt den Namen Österreich – Este an.

Maria Theresia hat diese Sternstunde ihres Hauses nicht mehr erlebt, ihre Rechnung ist aber aufgegangen.

Ferdinand und Beatrix d´Este

Ferdinand und Beatrix d´Este

Das Paar lebt in Mailand, wo Ferdinand als Generalgouverneur der österreichischen Lombardei tätig ist. Sein politischer Spielraum ist sehr eingeschränkt. Die Italienpolitik wird in Wien von seinem Bruder Josef II bestimmt und gelenkt. Auch kann von einer Sammelleidenschaft Ferdinands nicht gesprochen werden. Jedoch verleibt er künstlerisch wertvolle Geschenke, die er auf Grund seiner Stellung erhalten hatte, den Sammlungen ein und vermehrt auf diese Art das Estensische Vermögen.

Napoleons militärischer Eingriff in Italien ordnete die politische Landschaft neu. Das hatte zur Folge, dass die soeben gegründete Linie Österreich – Este vorerst nach Wien ins Exil gehen musste. Maria Beatrix gefiel es in der Haupt -und Residenzstadt so gut, dass sie sich gleich zwei Palais kaufte (Geld hatte sie ja genug), eines in der Stadt (das heutige Innenministerium in der Herrengasse) und eines außerhalb im Grünen in der, später nach ihr benannten, Beatrixgasse im heutigen 3. Wiener Gemeindebezirk.

Der Ehe entsprossen zehn Kinder, darunter Ferdinands Nachfolger Franz IV (1779 – 1846), nachmaliger Herzog von Modena, Massa und Carrara.

Franz IV

Franz IV

Franz IV heiratet die Tochter seiner Schwester. Papst Pius VII gibt den Dispens zu dieser Verbindung. An die Folgen dieser Genehmigung hat er offensichtlich nicht gedacht: der Sohn und Nachfolger in der Linie, Franz V (1819 – 1875), bleibt, wohl als Folge der Verehelichung seines Vaters, ohne Nachkommen. Die Tertiogenitur Österreich – Este ist damit erloschen.

Franz V (1819 – 1875), Letzter Herzog von Modena

Franz V (1819 – 1875), Letzter Herzog von Modena

Die gesamte Linie, also von Ferdinand über Franz IV bis Franz V war in Italien nicht dauerhaft glücklich. Von Napoleon vertrieben, nach dessen Sturz wieder eingesetzt, mussten sie vor Revolutionen und Attentaten immer wieder nach Österreich fliehen. Die Bestrebungen der Italiener zu einem geeinten Königreich Italien (Risorgimento) ließ die Habsburger zu einem der meistgehassten Häuser des Landes werden. Mit Waffengewalt konnte zwar mehrere Male eine Wiederkehr ermöglicht werden, jedoch war nach den Niederlagen Österreichs in den Schlachten von Magenta und Solferino 1859 das endgültige Ende der Herrschaft in Modena besiegelt.

Sowohl Franz IV, aber noch mehr Franz V, ließen große Teile der bedeutenden Kunstsammlung des Hauses Este von Catajo nach Wien bringen. Die Herzoge betrachteten das Vermögen als ihren Privatbesitz, eine scharfe Trennung zwischen Staatsbesitz und persönlichen Besitz des Fürsten war in jener Zeit nicht geläufig.

Am 20. Nov. 1875 stirbt Erzherzog Franz V, Herzog von Modena in Wien.

Er hinterlässt ein dreißig Seiten langes Testament und 20 Kodizille.

Zum Universalerben ernennt er den damals 12jährigen erstgeborenen Sohn seines Neffen 3.Grades Karl Ludwig, den Erzherzog Franz Ferdinand.

Erzherzog Franz Ferdinand (1863 – 1914)

Erzherzog Franz Ferdinand (1863 – 1914)

Franz Ferdinand muß, um das Erbe auch wirklich antreten zu können, zwei Auflagen erfüllen:

Er muß die italienische Sprache erlernen und so gut beherrschen, um jederzeit, so es der Lauf der Geschichte erfordern oder zulassen sollte, das Herrscheramt in Modena antreten zu können und er muß den Zusatznamen Österreich – Este annehmen.

Franz Ferdinand erfüllt diese Auflagen mit Freude. Das Tragen des Zusatznamens ist mit keinerlei Aufwand verbunden und das Erlernen der italienischen Sprache ist ein Prozess, der mehrere Jahre dauert und vorerst einmal mit einigen Wochenstunden mit einem Sprachlehrer in Angriff genommen wird.

Franz Ferdinand ist im Todesjahr seines Onkels 1875 weit davon entfernt, an die Rolle eines Thronfolgers von Österreich – Ungarn zu denken, die er tragischerweise 14 Jahre später zu übernehmen hatte. Thronfolger war der Sohn von Franz Josef, Kronprinz Rudolf. Der war nur fünf Jahre älter als Franz Ferdinand und auszuschließen war es nicht, dass Franz Josef vielleicht doch noch eheliche Kinder in die Welt setzen würde, war er doch zum Zeitpunkt des Testamentsantritts Franz Ferdinands im noch zeugungsfähigen Alter von 45 Jahren.

Mit der Berufung zum Universalerben des Herzogs Franz V von Modena eröffnen sich für Franz Ferdinand ungeahnte Perspektiven: er wird mit einem Schlage einer der reichsten Männer des Hauses Habsburg.

Doch Franz V verfügt in einem Kodizill noch etwas, was fast ein halbes Jahrhundert später für Aufregung sorgen sollte:

„….. Überdieß verpflichte ich den obengenannten Erben, sowohl des Museums, der Waffensammlung und der Bibliothek, mit Einschluß der Druckwerke, Stiche etc. in löblicher Weise intact und in ihrer Vollständigkeit zu erhalten, und diese Gegenstände, wenn die Zeitverhältniße es gestatten, nach Thunlichkeit an Einem Orte, vereinigt aufzubewahren, …….