Das Verschwinden der Borso Bibel

Den Staat gab es nicht mehr. Die Tage des Kaisers waren gezählt. Niemand in seiner Familie wusste, wie es mit ihnen weitergehen sollte. Zita, die Kaiserin, von den Österreichern wegen ihrer Einflussnahme auf den Kaiser gehasst wie wenige Menschen zu dieser Zeit, behielt einen kühlen Kopf und dachte an alle Möglichkeiten einer schwierigen Zukunft. Insbesondere sorgte sich die Mutter von fünf Kindern um eine materielle Absicherung der Familie. Das Schicksal der Zarenfamilie in Russland, die erst vor vier Monaten in Jekaterinenburg ermordet wurde, wollte sie nicht erleiden.

Sie erwirkte beim Kaiser, dass von wirklich verlässlichen Getreuen die Toskanischen Juwelen aus der Vitrine XIII der Schatzkammer geholt wurden. Es waren Perlen und Juwelen von unermesslichem Wert. Darunter befand sich auch der „Florentiner“, ein 134 Karat schwerer Diamant, der damals viertgrößte der Welt.

Vitrine XIII in der Wiener Schatzkammer

Vitrine XIII in der Wiener Schatzkammer

Doch des Kaisers Handstreich, der schon einer Plünderung gleichkam, blieb nicht auf die Schatzkammer beschränkt. In der Hofbibliothek ruhte noch eine ungehobene Kostbarkeit.

Zita konnte Karl dazu überreden, die Borso Bibel aus der Hofbibliothek abholen zu lassen. Der Kaiser sandte eine enge und treu ergebene Mitarbeiterin mit einem persönlichen Handschreiben in die Bibliothek:

Bitte Frl. Berta die „Borsobibel“ zu übergeben.
Karl

Autograph Kaiser Karl

Autograph Kaiser Karl

Hat Kaiser Karl das „Fürstenwort“, das er Erzherzog Franz Ferdinand bei der Annahme des Testaments über das Estensische Vermögen gegeben hatte und mit dem er die Unteilbarkeit der Sammlungen besiegelte und das Versprechen abgab, keine Einzelstücke zu entnehmen und zu veräußern, vergessen? Oder war die materielle Absicherung der Familie wichtiger, als die Ehre eines Kaisers? Oder hatte sich wieder einmal Zita im Haushalt durchgesetzt?

Nie wird diese Frage geklärt werden.

Die dem Kaiser Ergebenen schafften Schmuck und die beiden Bände der Borso Bibel innerhalb weniger Stunden in die Schweiz, wo sie hinter dicken Tresortüren einen vorläufigen sicheren Platz fanden.

Kaiser Karl unterzeichnete am 11. November 1918 eine Verzichtserklärung auf die persönliche Mitwirkung an Regierungsgeschäften. Dies war keine Abdankung als Kaiser. Dagegen hatte sich die Kaiserin verwahrt, denn für sie war der Monarch von Gottes Gnaden eingesetzt und konnte aus eigenen Gründen gar nicht abdanken.

Die kaiserliche Familie verließ die Haupt- und Residenzstadt und ließ sich im Schloss Eckartsau an der Donau, ca. 50km östlich von Wien entfernt, nieder.

Inzwischen wurde in Wien das sogenannte Habsburgergesetz vorbereitet. Es sah neben der Übernahme des Vermögens des Hauses Habsburg-Lothringen durch die Republik, die Landesverweisung des „ehemaligen Trägers der Krone“, wie Kaiser Karl in dem Gesetz bezeichnet wurde, vor.

Um der kaiserlichen Familie die Schmach einer Internierung zu ersparen, die erfolgen hätte müssen, wenn Karl nicht freiwillig ausgereist wäre, fuhr Staatskanzler Renner nach Eckartsau, um den ehemaligen Kaiser zur Ausreise vor dem Zeitpunkt des Inkrafttretens des Habsburgergesetzes zu überreden. Doch Karl weigerte sich Renner zu empfangen. Er begründet es damit, dass Renner, bei Unterlaufung des Hofzeremoniells, nicht um eine Audienz angesucht hatte.

Über Mittelsmänner wird Karl davon unterrichtet, was ihm Renner unter vier Augen sagen wollte. Um einer drohenden Internierung zu entgehen, verlässt die kaiserliche Familie am 24. März 1919 endgültig Österreich in Richtung Schweiz. Zehn Tage später verabschiedet der Nationalrat das Habsburgergesetz.

Nach zwei erfolglosen Restaurationsversuchen Karls in Ungarn, weisen die Siegermächte der kaiserlichen Familie die Insel Madeira als Aufenthaltsort zu.

In Paris fanden Friedensverhandlungen statt. Das spielte sich so ab, dass die österreichische Delegation im Verhandlungssaal erscheinen musste, um von der Entente ein fertiges Papier zu empfangen. Verhandelt wurde mit Österreich nicht. Allerdings durften schriftliche Äußerungen abgegeben werden.