Letzter Akt der Borso Bibel

Es ist bis heute ein Geheimnis geblieben, von welchen Mitteln die Familie ihren Lebensunterhalt bestritten hatte. Ein Haushaltsbuch, soferne es ein solches überhaupt gegeben hatte, wurde nie veröffentlicht. Im Gegenteil, es wurde immer eine große Geheimnistuerei um die Finanzlage der Familie gemacht. Mit Nachdruck wurde in der Öffentlichkeit ein Bild der Armut gezeichnet, unter der die Kinder aufwachsen mussten.

Photos sprechen allerdings eine andere Sprache: Mit Ausnahme der Exkaiserin Zita, die immer im schwarzen Kleid abgebildet ist, sind die Kinder in allen Lebensaltern stets gut und teuer gekleidet zu sehen.

In Ermangelung von Aufzeichnungen sei Folgendes festgehalten:

  • Die beiden ungarischen Restaurationsversuche waren sehr teuer, um nicht zu sagen, sie haben ein Vermögen gekostet.
  • Ein Stab von Hauspersonal war immer vorhanden und musste bezahlt werden.
  • Die Kinder wurden ausschließlich von Hauslehrern unterrichtet, was mit der Lebensführung einer verarmten Familie nicht in Einklang zu bringen ist.
  • Es kann angenommen werden, dass Zita rechtzeitig Geld in die Schweiz geschafft hat, von dem die Familie (teilweise) gelebt hat.
  • Einer regelmäßigen Arbeit ist Karl nicht nachgegangen, d.h. einer Tätigkeit, die ein monatliches Salär abgeworfen hätte.
  • Es kann angenommen werden, dass Zuwendungen aus der Verwandtschaft geflossen sind.
  • Zuwendungen aus dem treuen Hochadel mögen auch eine Zeitlang geflossen sein, sind aber sicherlich in den 20er Jahren versiegt, als die Inflation alle Vermögen zunichte machte.

Aber da war noch der Schmuck und die Edelsteine, die aus der Schatzkammer abgeholt und in die Schweiz verbracht wurden. Es muss davon ausgegangen werden, dass die Edelsteine aus den Fassungen gebrochen, die Perlenketten in Einzelstücke zerlegt und der berühmte Florentiner, mit seinen 134 Karat, aufgespaltet wurde. Über schweizerische Juweliere wurde das alles verkauft. Eine Dokumentation darüber gibt es allerdings nicht. Tatsache ist, dass die Stücke nie wieder aufgetaucht sind.

Und es war noch die Borso Bibel da.

Anfang Mai 1923 bietet ein Pariser Antiquar namens Gilbert Romeuf amerikanischen Kunstinteressierten ein zweibändiges handschriftliches Werk mit prachtvollen Miniaturen an. Es ist die Borso Bibel. Der Preis der Bücher ist astronomisch und für einen privaten Sammler unerschwinglich. Die Amerikaner melden die Entdeckung nach Hause und wenige Tage später ist ein Vertreter der Morgan Library bei Romeuf und verhandelt den Kaufpreis.

Die italienische Botschaft in Paris erfährt zu gleicher Zeit von den angebotenen Büchern. Daß es sich um die Borso Bibel handelt, ist den Herren sehr schnell klar. Unter Berufung auf den Friedensvertrag von Saint Germain eilt der Botschafter in das französische Außenministerium und verlangt die sofortige Beschlagnahme der Bücher. Die französische Regierung unternimmt aber so schnell gar nichts und richtet eine Anfrage an den österreichischen Botschafter, was er dazu zu sagen hat.

Der hat gar nichts zu sagen und reicht die Frage an das Außenministerium nach Wien weiter. Von dort ergeht die Weisung, das italienische Vorgehen in dieser Frage grundsätzlich zu unterstützen aber sich nicht weiter zu exponieren. Der österreichische Geschäftsträger teilt seinem italienischen Kollegen die grundsätzliche Unterstützung seines Landes in dieser Frage mit.

Offensichtlich tat er das aber so ungeschickt, dass der Italiener Rom benachrichtigt mit dem Erfolg, dass in Wien der italienische Botschafter Luca Orsini Baroni im Außenministerium vorspricht und energisch eine massive Unterstützung Österreichs in dieser Frage einmahnt. Wien gibt das nach Paris weiter. Der Botschafter nimmt allerdings die ursprüngliche Weisung aus Wien, nämlich sich nicht weiter zu exponieren, wichtiger als alle nachfolgenden Weisungen. Er teilt Wien seine Probleme mit:

Da es für mich technisch so gut wie ausgeschlossen ist, bei Benützung der „Massentransportmittel“ irgend eine Rendez-vous-Stunde auf der italienischen Botschaft einzuhalten, und da ich überdies durch solche Fuss- und Metroreisen einen vollen halben Tag verlieren würde, was anderweitige unabsehbare Nachteile zeitigen kann, habe ich den italienischen Geschäftsträger gebeten, mir einen jungen Referenten hieher in die Gesandtschaft zu schicken…….

So ging das hin und her. Die Diplomaten agierten schwerfällig und ungeschickt. Romeuf wurde nervös. Er wollte Kassa machen. Als Händler war es ihm gleich, wer die Borso Bibel kaufte. Hauptsache war für ihn das Klingeln der Kassa.

Italienischen Händlern war die Hektik über den Verkauf der Borso Bibel nicht verborgen geblieben. Man suchte Mussolini auf und berichtete ihm von der Sache. Mussolini war seit einem halben Jahr vom Parlament beauftragt, die Ordnung im Staate wieder herzustellen. Er begriff sehr schnell. Auf der einen Seite mochte er die meist adeligen Beamten des auswärtigen Dienstes ohnehin nicht, auf der anderen Seite kannte er die Bedeutung der Borso Bibel für das Kulturland Italien.

Er ließ Giovanni Treccani zu sich kommen. Treccani war ein lombardischer Industrieller, Finanzmann und Armeelieferant. Mussolini forderte ihn auf, sich unverzüglich nach Paris zu begeben und bei Romeuf die Bibel zu erwerben und sie dann dem italienischen Staat zu schenken. Mit der Bemerkung: „Es wird Ihr Nachteil nicht sein“ entließ er Treccani.

Einem Armeelieferanten braucht man so etwas nicht zweimal zu sagen. Mit dem Nachtexpress fuhr er von Turin nach Paris. Am Vormittag des 1. Mai 1923 erwarb er bei Romeuf die Borso Bibel um den astronomischen Betrag von 5 Millionen Goldlire. Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde für ein Buch so viel bezahlt.

Während die Diplomaten noch Noten und verschlüsselte Telegramme zwischen Paris und Wien, Rom und Paris und Wien und Rom austauschten triumphierte Mussolini und ließ sich als einen Mann der Tat feiern.

Die Borso Bibel wurde der Bibliothek von Modena zurückgegeben.

Zita, die den Friedensvertrag von Saint Germain genau kannte, die alle Verwicklungen mit der Beschlagnahme der Pfänder in der Hofbibliothek, dem Sonderabkommen mit Italien und dem Protest der Rektoren mitbekommen hatte, schreibt zwei Tage später einen Brief an Romeuf:

………..Ich bin glücklich, dass die Borso Bibel, die Ihnen mein Mann, Seine apostolische Majestät Kaiser Karl zum Verkauf übergeben hat, wieder in Italien ist und danke Ihnen für Ihr Engagement. Damit ist diese Frage endgültig im Interesse aller Beteiligten erledigt……

Ist es Hohn oder purer Zynismus der aus diesen Worten spricht? Wäre es Zita nur um diese Frage gegangen, hätte sie das einfacher haben können.
Karl hat von dem explosionsartigen Vermögenszuwachs seiner Familie nichts mehr mitbekommen.