Beschlagnahmungen in der Hofbibliothek

Etwa gleichzeitig mit den Verhandlungen in Paris, fühlte Modigliani in Wien vor, und bat, die Borso Bibel sehen zu dürfen. Es sei ja doch so ein prachtvolles Werk und er wünsche, in einer ruhigen Stunde, sich an der Schönheit der Blätter zu erfreuen. Die österreichischen Verhandler saßen in der Klemme. Auf der einen Seite war ihnen klar, welche Bedeutung Italien der Bibel beimaßte, auf der anderen aber wussten sie, dass Kaiser Karl die Bücher abholen hat lassen. Wo die sich im Augenblick befanden, wussten sie nicht, vielleicht in Wien oder in Eckartsau oder sonst wo.

Modigliani wartete auf eine Antwort. Die Österreicher griffen zu einer List. Die Bücher seien Privatvermögen des Kaisers und die Bibliothek habe keinen Zugriff auf sie. Modigliani traute seinen Ohren nicht. Die Borso Bibel ein Privatvermögen des Kaisers? Welchen Status hatte denn dieser Mann überhaupt noch? Auch darauf konnte ihm niemand eine verbindliche Antwort geben. Die Regierung verwendete den Ausdruck „ehemaliger Träger der Krone“, für Kaisertreue war er immer noch „Seine apostolische Majestät“ und die Kommunisten hatten nur vulgäre Schimpfnamen für ihn.

Ein paar Tage später geschah das Ungeheuerliche.

Am 28. Februar 1919 erschienen um 13 Uhr 20 in der Hofbibliothek eine Abordnung der italienischen Waffenstillstandskommission in Begleitung von zehn bewaffneten Carabinieri unter dem Kommando eines Offiziers und verlangten die Herausgabe der Borso Bibel. Die Beamten zeigten ihnen die hohle Hand: man habe sie nicht.

Die Italiener ließen sich auf keine Diskussion ein. Man gebe der Bibliothek Zeit bis 14 Uhr. Dann wolle man die Borso Bibel oder, sollte das nicht möglich sein, als Pfand dafür, die drei kostbarsten Handschriften der Hofbibliothek. Der Protest des Bibliotheksdirektors wegen des vollkommen völkerrechtswidrigen Gewaltaktes, zerschellte an der drohenden Haltung der Carabinieri. Es blieb nichts anderes übrig, als der Kommission die drei Manuskripte Wiener Genesis, Wiener Dioscurides und Hortulus Animae auszuhändigen. Nach Unterzeichnung eines Übernahmeprotokolls zogen die Italiener ab. Es war noch vor 14 Uhr.

Ein völlig gebrochener Direktor berichtet dem Ministerium von dem Vorgang. Er weist darauf hin, dass die Borso Bibel

….zwar eine sehr wertvolle und schöne Spezinina italienischer Miniaturmalerei sei, dass sie jedoch an Wert und Bedeutung außer allem Vergleiche mit den pfandweise der Hofbibliothek entnommenen drei Handschriften steht, von denen jede ein Unicum von gerade unschätzbarem Werte ist und die seit jeher als die wichtigsten Stücke und der Stolz der Bibliotheca Palatina Vindobonensis galten….

Die drei Pfänder sind tatsächlich einmalige Raritäten:

Die Wiener Genesis ist eine illuminierte Handschrift aus dem 6. Jahrhundert und stammt aus dem Nahen Orient. Es ist der wahrscheinlich älteste Bibelkodex der Welt.

Der Wiener Dioscurides ist eine reich illustrierte Bilderhandschrift aus dem Ende des 5.Jahrhunderts und stammt aus Byzanz. Es ist eine Darstellung der damals bekannten Arzneipflanzen mit reichlichem Beiwerk.

Hortulus Animae ist ein spätmittelalterliches Gebetbuch mit prachtvollen Holzschnittminiaturen.

Für den Bibliotheksdirektor und seinem Stab ist eine Welt zusammengebrochen. Die drei entwendeten Handschriften wurden behütet, als ob sie das persönliche Eigentum der Angestellten gewesen wären. Gelehrte aus aller Welt kamen nach Wien, um mit diesen Werken wissenschaftlich zu arbeiten. Was war das für ein Getue, ehe ein Gelehrter so ein Werk auch nur anschauen durfte. Da musste ein Nachweis der wissenschaftlichen Qualifikation vorliegen und ein Empfehlungsschreiben einer Universität waren das Mindeste, um so ein Buch ausgefolgt zu bekommen. Dann mussten die Hände mit weißen Zwirnhandschuhen, die von der Bibliothek zur Verfügung gestellt wurden, bedeckt werden, um ja keine Fingerabdrücke auf dem Pergament zu hinterlassen. Ein Saaldiener hielt sich zur Bewachung des Buches immer in unmittelbarer Nähe auf und beobachtete jede Bewegung des Gelehrten und es kam immer wieder vor, dass dem Wissenschaftler die Benützungs-genehmigung entzogen und der Mann der Bibliothek verwiesen wurde. Schon Kleinigkeiten, wie husten ohne vorgehaltener Hand, genügten, um ein solches Verbot auszusprechen.

Und nun dieser unverschämte Raubzug. Der Offizier der Carabinieri packte die Bücher mit seinen ungewaschenen Händen in eine große Ledertasche, als ob er ein Paar Schuhe vom Schuster abgeholt hätte. Den Herren von der Bibliothek krampfte sich das Herz zusammen. In einem sofort verfassten Schreiben an die Regierung beschwört der Direktor den Minister alles zu unternehmen, die Borso Bibel wieder herbeizuschaffen und dadurch die Pfänder wieder frei zu bekommen. Der Kaiser wohnte doch noch in der Nähe von Wien, man sollte schnell Kontakt mit ihm aufnehmen.

Der Handstreich der Italiener löste bei den Museumsleuten eine Welle der Empörung aus.
Dann kam die Angst.
Was werden die Siegermächte als nächstes unternehmen und mit brutaler Gewalt Kunstschätze einfach zu rauben? In der Schatzkammer wurden vorsorglich die Reichskleinodien aus den Vitrinen geholt und an sicherer Stelle außer Haus verwahrt. Im Kunsthistorischen Museum mussten Tizians Bilder von ihren Plätzen weichen und wurden in finsteren Depots eingelagert. Den Philosophen von Giorgone ging es nicht besser. Jedes Museum, das Werke besaß, die auf der Liste der Italiener standen, rüstete sich gegen unerwünschten bewaffneten Besuch.

Man war sich einig: die Öffentlichkeit musste aufstehen wie ein Mann und Protestaktionen setzen, dass den Italienern für alle Zeiten die Lust auf solche Frechheiten vergehen musste. Die Nachrichtenagenturen wurden über den Vorfall unterrichtet.
Mit Spannung wurde der nächste Tag erwartet, wenn die Zeitungen die Meldung über den Kunstraub brachten.

Am nächsten Tag brachten zwei Zeitungen eine Notiz vom Handstreich der Italiener in der Hofbibliothek.

Nun folgte für die Bibliothek nach der Schande und dem Schmerz des erfolglos abgewehrten Kunstraubes noch die Enttäuschung über eine völlig teilnahmslose Öffentlichkeit. Deren Reaktion war nämlich Null. Längst hatte man sich daran gewöhnt, dass bewaffnete Soldaten der Siegermächte sich frei in Österreich bewegten. Im Waffenstillstand von Villa Giusti vom 3. November 1918 war dies ja bedungen.
An dem bewaffneten Eindringen der Carabinieri in die Hofbibliothek hat sich niemand gestoßen.