Wallenstein

Vor über einem Jahr erhielt ich via Internet den Auktionskatalog einer deutschen Autographenhandlung. Der Bereich, der mich interessierte, war schnell durchsucht.

Außer einem Brief von Wallenstein kamen keine weiteren Objekte für mich in Frage.

Ich rief bei dem Händler an und bat, mich als „telephonischen Mitbieter“ für die Auktion vorzumerken. Da ich dem Hause als Käufer bekannt bin, waren keine Formalitäten zu erledigen. Ich war für die Auktion vorgemerkt.

Dummerweise habe ich den Termin nicht in meinen Kalender geschrieben.

In einer Zeitung las ich von einem Jahrhundertereignis in Rom. Der Palazzo Farnese, der die französische Botschaft beherbergt und normal Sterblichen nie zugänglich ist, außer man hat eine Einladung des französischen Botschafters zu einem Empfang (wie kommt man zu so etwas?), wird auf die Dauer von einigen Monaten für das Publikum geöffnet und die Prunkräume zur Besichtigung frei gegeben. Nicht nur das: große Teile der Kunstsammlungen des Hauses Farnese werden aus ganz Europa zusammen getragen und gleichzeitig mit den Räumlichkeiten gezeigt.

Nun habe ich in meinem Leben ein gewisses Zimmer im Palazzo Farnese schon hundertmal gesehen. Es ist das Arbeitszimmer des Polizeichefs Baron Scarpia. Das hat zwar immer anders ausgesehen, je nach der Inszenierung der Oper Tosca, wo ja bekanntlich der zweite Akt im Palazzo Farnese spielt und dort Scarpia von Floria Tosca erstochen wird, weil sie keine andere Möglichkeit sieht, sich der plumpen Annäherungsversuche des obersten Polizisten zu erwehren. Je nach Bühnenbild ist einmal das Fenster in der linken Wand, dann wieder hinten, die kleine Folterkammer ist auch in jedem Opernhaus woanders, nur der Tisch mit der Tatwaffe steht immer orientierungslos irgendwo im Raum, kurz, kein Bühnenbildner scheint wirklich jemals im Palazzo Farnese gewesen zu sein.

Die Prunkräume das Palastes, die Farnesischen Sammlungen, was sollt mich noch halten! Ein Romflug war schnell gebucht, die Eintrittskarten im Internet bestellt und ab in die Ewige Stadt.

Sie empfing uns mit prachtvollem Wetter. Die spanische Treppe war von einem Blumenmeer gesäumt, die Stiege von glücklich strahlenden Menschen besetzt so dass man kaum hinuntergehen konnte. Es wurde geschwatzt und gelacht, einige sangen Lieder. Mir fiel eine Zeile aus dem Gedicht „Chidher“ von Rückert ein:

Da fand ich eine Stadt, und laut
Erschallte der Markt vom Volksgeschrei.

Mitten in den Schall des Volksgeschreis läutete das Telephon in meiner Brusttasche. Ich sagte noch zu meiner Frau, wer immer das auch sein möge, dem erzähle ich jetzt wo wir sind und wie gut es uns geht.

„Hier Auktionshaus N.N. Der Wallensteinbrief kommt gleich zur Versteigerung. Sind sie bereit?“

An alles hatte ich gedacht, nur nicht an den 30jährigen Krieg.

„Bei ihnen ist es so laut, ich kann sie kaum verstehen. Können sie nicht ihren Standort wechseln?“

Der hat leicht reden! Hinauf zur Trinità dei Monti brauche ich zehn Minuten um über das schreiende Volk zu steigen und hinunter auf die Piazza di Spagna nicht viel weniger. Dort wäre es wahrscheinlich noch lauter gewesen. Ein seitlicher Fluchtweg bot sich auch nicht an.

Meinen Einwand, Wallenstein hätte lauteren Schlachtenlärm ertragen müssen, kommentierte er nicht mehr, da das Objekt meiner Begierde schon aufgerufen ward.

Der Kampf war kurz. Einen Saalbieter musste ich zweimal übersteigern und schon war ich im Besitz des Briefes. Der am anderen Ende der Leitung war froh, sich wieder in die stillen Gründe seines Auktionshauses einzubetten.

Die Ersteigerung war eine Angelegenheit von drei Minuten. Ich musste erst einmal tief durchatmen.

Was kann denn einem Autographensammler schöneres passieren, als einen Brief Wallensteins zu kaufen und das auf der von den Strahlen der Sonne umfluteten Spanischen Treppe?

Meine Frau holte mich aus meinen Glücksgefilden zurück auf den Erdboden. Sie wollte wissen, was sich denn da jetzt abgespielt hatte und was und wie und wo. Ich erklärte ihr kurz die Vorgeschichte. Das hätte ich nicht tun sollen, denn jetzt erwachte ihr Wissenstrieb (so bezeichnen Frauen die Neugierde). An wen der Brief denn gerichtet sei und vor allem was Wallenstein denn geschrieben habe.

Es war mir peinlich. Ich wusste es nicht. Ich musste gestehen, einen Brief Wallensteins gekauft zu haben, ohne irgend etwas darüber zu wissen. Nur deshalb, weil er von Wallenstein war.

Meine liebe Frau verglich dies mit den von Männern so oft geschmähten Einkaufsgewohnheiten der Frauen, die auch Dinge, vor allem Sachen der Mode, einkaufen, ohne näheres darüber zu wissen. Scheinbar unabsichtlich lenkte sie unsere Schritte in die Via Condetti. Das ist jene Strasse mit den großen Modeadressen, die vom Fuss der Spanischen Treppe wegführt. Was jetzt kam, gehört nicht mehr hierher. Nach einer Stunde waren wir beide wieder glücklich und verbrachten schöne Tage in Rom.

Noch ein abschließendes Wort zum Palazzo Farnese: Keine einzige der vielen Tosca Inszenierungen die ich in meinem Leben gesehen habe, entspricht der üppigen Pracht der Original Kulisse.

Zwei Tage nach unserer Rückkehr nach Wien, brachte der Briefträger den Wallenstein Brief. Bei mir stellt sich in solchen Situationen immer der Pawlowsche Effekt ein; es rinnt mir beim Öffnen des Pakets das Wasser im Mund zusammen.

Nun hatte ich ihn in Händen.

wallenstein_brief

Wallenstein

Der Text war schnell entziffert, über die paar unleserlich geschriebenen Worte las ich beim ersten Durchgang hinweg. Die Unterschrift Wallensteins war mir bekannt.

Aber oh Schreck!
Was ist denn das?
Der Mittelteil des Briefes ist in Geheimschrift geschrieben.

geheimschrift

Geheimschrift

Nach zwei Stunden dilettantischen Herumgemurkses gab ich es auf. Ich konnte die Geheimschrift nicht entziffern. Allmählich musste ich mich damit abfinden.

Aber ich möchte in meiner Autographensammlung kein Stück haben, dass sich mir nicht erschlossen hätte. Ich sammle ja keine Namen oder Unterschriften. Für mich ist das Autograph, um es mit Stefan Zweig auszudrücken, der versteinerte Abdruck des Augenblicks im Papierblatt. Was hat denn diese Mitteilung in Geheimschrift ausgelöst oder nicht ausgelöst, was hat sie bewirkt, welche Folgen hatte sie? Ich war unglücklich.

Wochen vergingen. Da lernte ich in einer Abendgesellschaft einen Herrn mittleren Alters kennen. Es stellte sich nach kurzem Gespräch heraus, dass er ein hoher Offizier des Bundesheeres war. Was er genau machte, welches Kommando er innehatte, darüber schwieg er sich aus. Bruchstückhaft kam nur die Information herüber, dass er irgend etwas mit Spionageabwehr und Geheimdienst zu tun hatte. Ich wusste gar nicht, dass wir solche Dienstposten im Heer haben.

Schlagartig verlor ich das Interesse an seiner wirklichen Tätigkeit. Es durchzuckte mich: Das ist mein Mann für den Wallenstein Brief!

Ich erzählte ihm, dass ich einen Brief eines ausländischen Kollegen von ihm, eines sehr sehr hohen Militärs in Händen habe, der in Geheimschrift verfasst ist und ich diese nicht entziffern könne. Das reizte den guten Mann. Besonders der ausländische hohe Offizier hatte es ihm angetan.

Er sprach von Lächerlichkeiten, eine Schrift nicht entziffern zu können, so etwas gibt es heute nicht mehr. Sein Amt verfüge über Computerprogramme, die im Handumdrehen jede Geheimschrift wenn auch nicht vollständig, so doch in weiten Teilen so entziffern können, dass mit ein wenig Phantasie und Zuhilfenahme des Verstandes der Schleier des Geheimnisses (so drückte er sich wirklich aus!) gelüftet werden könne. Ich möge ihm doch eine Kopie des Schreibens zukommen lassen. Erst jetzt erfuhr er, dass es sich um einen Brief Wallensteins handle. Ich hatte den Eindruck, dass er mit diesem Namen nicht allzu viel anzufangen wusste und ihn eher dem Ersten Weltkrieg denn dem 30jährigen Krieg zuordnete.

Das war an einem Samstag. Er versprach mir, wenn er den Brief am Montag in Händen habe, ich bis spätestens Mittwoch über den Klartext verfügen könne. Am Montag hatte er den Brief.

Nach drei Wochen habe ich ihn ganz schüchtern angerufen um mich zu erkundigen, wie es denn meinem Wallenstein gehe.

Er antwortet mir, dass er im Augenblick so überlastet sei, die Situation in Afghanistan erfordere seine ganze Arbeitskraft u.s.w., u.s.w. Meinen Einwand, dass in Afghanistan kein einziger österreichischer Soldat im Einsatz sei, überhörte er. Nein nein, er sei am Wallenstein Brief dran, ich möge mir keine Sorgen machen, der Klartext kommt in wenigen Tagen.

Nach vier Monaten versuchte ich es wieder. Ob ich nicht gehört hätte, wie sich im Nahen Osten die Kriegsgefahr in den letzten Tagen zugespitzt habe? Sein ganzes Büro beschäftige sich mit nichts anderem. Von Wallenstein haben wir gar nicht gesprochen.

Weitere Versuche habe ich nicht unternommen.

Da steh ich nun, ich armer Tor,
und bin so klug als wie zuvor.

In meiner Sammlung liegt noch immer ein nicht entzifferter Brief Wallensteins.

Doch glaube ich, dass es einen Weg gibt. Die Leser dieser Zeitschrift könnten mir helfen.

Ich glaube dies aus zwei Gründen:

  • Autographensammler sind bekanntlicherweise sehr gescheite und überdurchschnittlich gebildete Menschen. Ich glaube, dass unter den Lesern sich einige finden werden, die die Geheimschrift entziffern können.
  • Ich kann mir nicht vorstellen, dass Wallenstein diese Geheimschrift speziell für diesen Brief entwickelt hat. Es ist daher durchaus vorstellbar, dass die Geheimschrift bereits geknackt wurde und dass vielleicht ein Leser dieses Blattes auch über einen Autographen mit der gleichen Geheimschrift verfügt und für den es ein Leichtes ist, sie zu entziffern.

Zum Ansporn und zur Würze der Angelegenheit, lobe ich als Preis für den ersten richtig einlangenden Klartext eine Flasche Champagner aus. Bitte richten Sie Ihre Zuschrift an die Redaktion …………………..