Nachlässe, das Paradies der Autographensammler

Ein Nachlass ist wohl jedem Mensch, der sich im abendländischen Kulturkreis bewegt, ein Begriff.

Was es damit an sich hat, wie ein Nachlass entsteht und wie er gehandhabt wird, wozu er dient und wo er zu finden ist, soll dieser Beitrag ein wenig beleuchten.

In einem Nachlass zu arbeiten um ein bestimmtes Thema zu recherchieren, erweckt in einem Autographensammler Glücksgefühle, als speiste er im Schlaraffenland; soweit das Auge reicht, nur Handschriften. Das sollte Grund genug sein, um sich hier mit diesem Thema zu beschäftigen.

Unter einem Nachlass versteht man alle Materialien, die sich zu Lebzeiten einer Person bei ihr zusammengefunden haben. Die Person war im Regelfall künstlerisch (im weitesten Sinne des Wortes) oder wissenschaftlich tätig oder hat in ihrem Leben eine Stellung eingenommen, die von öffentlichem Interesse war.

Nachlässe werden in Bibliotheken oder Archiven aufbewahrt.

Der Weg eines Nachlasses dorthin führt in den meisten Fällen über die Erben. Das Material wird einer Bibliothek angeboten, diese prüft den Inhalt des Nachlasses und entscheidet, ob sie ihn übernimmt. Ausschlaggebend wird hier sein, ob das Werk oder das Leben des Bestandbildners einen Zusammenhang mit dem Standort des Archivs oder der Bibliothek hat und ob die Bedeutung für die wissenschaftliche Forschung und für die interessierte Öffentlichkeit gegeben ist. So kann man annehmen, dass der Nachlass eines Mundartdichters eines ausgefallenen südmongolischen Dialekts, der seine Heimat nie verlassen hat, kaum Aufnahme in der Staatsbibliothek Berlin finden wird.

Oft werden bereits zu Lebzeiten Gespräche mit der aufzunehmenden Institution geführt, oder es werden schon vor dem Tod Materialien übergeben. Man spricht dann von einem Vorlass.

Nach einer groben Vorbesichtigung des Materials, muss nun alles in die Bibliothek geschaffen werden. Je nach Umfang und Zustand des Nachlasses kann dies zu einer aufwendigen Arbeit werden. Bibliothekare, die dann den Nachlass zu bearbeiten haben, können hier fast abenteuerliche Geschichten erzählen. Erblasser, denen das Wort „Ordnung“ in ihrem Leben nur vom Hörensagen bekannt war und die bar jeglicher Sammlerdisziplin waren, hinterlassen auch einen mehr oder weniger ungeordneten bis chaotischen Nachlass.

Es obliegt nun den Bibliothekaren, den Bestand so zu ordnen, dass er sich für eine wissenschaftliche Bearbeitung eignet. Nun hat jedes Archiv und jede Bibliothek eigene Systeme zur Katalogisierung seiner Bestände. Das Forschen in Nachlässen von Personen die bis zum Ende des 20. Jhdt. verstorben sind, erfordert daher immer eine intellektuelle Anpassung des Forschers an das Ablagesystem des Instituts, was die Arbeit nicht gerade vereinfacht.

Um die Arbeit des Wissenschaftlers (oder des dilettierenden Laien) zu vereinfachen, wurde im deutschen Sprachraum unter der Federführung der Staatsbibliothek zu Berlin–Preußischer Kulturbesitz und der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien, um die Jahrtausendwende ein Regelwerk zur einheitlichen Erschließung von Nachlässen entwickelt. Dieses Regelwerk heißt „Regeln zur Erschließung von Nachlässen und Autographen“, kurz RNA. Es wird seit einigen Jahren ausnahmslos in allen Instituten, die Nachlässe verwalten, angewandt. Bereits katalogisierte Nachlässe aus vergangenen Zeiten (die meisten Bibliotheken haben Nachlässe aus mehreren Jahrhunderten in ihren Beständen) werden in Bibliotheken mit entsprechend ausgebildetem Personal nachgeführt, d.h. nach den Regeln der RNA neu geordnet, Nachlässe in kleinen Archiven bleiben von diesem Regelwerk unberührt. Man möge sich vor Augen halten, dass es in fast jeder Gemeinde ein Archiv gibt, aber kaum jemand, der sich damit beschäftigt. Wenn im Archiv der Gemeinde Hintertupfing der Nachlass des Bürgermeisters N.N. aus dem 18. Jhdt. aufbewahrt wird, so wird sich heute kaum jemand finden, der die Schriftstücke nach den Regeln der RNA neu ordnet.

Basis und Kernstück der Regeln ist die Gliederung des Bestandes in die vier Gruppen:

Werke
Korrespondenzen
Lebensdokumente
Sammlungen und Objekte

Werke

In diese Gruppe gehören alle Aufzeichnungen, Schriften, abgeschlossene Werke oder auch Entwürfe oder Fragmente. Künstlerische Werke wie Bilder oder Statuen werden gesondert, meist in Museen, aufbewahrt.

Hat der Bestandsgeber verfügt, dass gewisse Schriften oder auch Korrespondenzen nicht, oder erst zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht werden dürfen (Sperrvermerk), so wird dem bei der Katalogisierung Rechnung getragen und die entsprechenden Schriften unter Verschluß genommen.

Korrespondenzen

In diese Gruppe kommen alle Briefe, Ansichts-und Korrespondenzkarten, Telegramme etc.

Im Regelfall erfolgt eine weitere Unterteilung in Eingangs- und Ausgangspost, eventuell auch in Briefe von Dritten an Dritte. Reicht diese Unterteilung nicht aus, weil das Material zu umfangreich ist, wird eine chronologische Feingliederung vorgenommen. Es kann aber wahlweise auch eine Zuordnung zu Verfassern oder Empfängern gewählt werden, je nachdem, was die Benutzbarkeit des Bestandes erleichtert.

Lebensdokumente

Hier werden gesammelt: Zeugnisse, Verträge, Urkunden, Diplome, Dokumente über die wirtschaftlichen Verhältnisse, Steuererklärungen, Schriftstücke über Krankheiten, Gerichtsverfahren etc.

Sammlungen und Objekte

Was der Bestandsbildner so in seinem Leben gesammelt hat und nun in seinem Nachlass aufscheint, aber nicht von ihm verfasst wurde, findet sich in dieser Gruppe: Theater-und Konzertprogramme, Zeitungsausschnitte etc. Es findet sich hier aber auch die berühmte Haarlocke, der Taktstock des Dirigenten, Brillen, usw.

Die Aufbewahrung der Objekte bereitet den Archiven oftmals Sorgen. So findet sich in der Nachlasssammlung der Musikabteilung der Österreichischen Nationalbibliothek die Kaffeemaschine des Komponisten Hugo Wolf, was den Verantwortlichen schon einiges Kopfzerbrechen bereitet hat.

Objekte werden häufig für Ausstellungen entlehnt, wo sie dann vermeintlich trockene Themen mit personenbezogenen Gegenständen auflockern sollen. Besonders beliebt sind Totenmasken.

Als Laie stellt man sich an dieser Stelle gerne die Frage, ob das Aufbewahren solcher Sammlungen überhaupt sinnvoll ist. Wem dient denn z. B. die Sammlung von Konzertprogrammen aus mehreren Jahrzehnten, nur weil der Nachlassgeber seine Bestände nie ausgemustert und nichts weggeworfen hat?

Solche Fragen nach der Sinnhaftigkeit sind aber unzulässig. Bei einem Nachlass handelt es sich um die wissenschaftliche Aufarbeitung von all dem, was ein Mensch an archivalischem Material hinterlassen hat. Es ist nicht die Aufgabe des Bibliothekars, zu entscheiden, ob das jemand interessieren könnte oder ob z.B. die Sammlung von Zeitungsausschnitten, die nur kostbaren Platz beansprucht, der besser für wichtigere Dinge verwendet werden könnte, gleich in den Altpapiercontainer wandern sollte. Nur in Ausnahmefällen, wenn es sich um echten Ramsch, der bar jedes wissenschaftlichen Interesses ist handelt, wird ausgeschieden. Das aber nach wirklich sorgfältiger Prüfung.

Bleiben wir bei der Sammlung von Theater- oder Konzertprogrammen: Wenn der Nachlassgeber hier handschriftliche Notizen auf die Programmzettel geschrieben hat, so wird aus dem Stück Papier, das in anderen Archiven auch (wahrscheinlich sogar mehrmals) vorhanden ist, zum persönliches Dokument. Für den Forscher öffnen sich Quellen, an die er wohl noch gar nicht gedacht hatte.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung eines Nachlasses, also die Herstellung einer Ordnung in den Papieren, ist die Arbeit von Bibliothekaren. Sie müssen dabei darauf bedacht sein, sich nicht in Details zu verlieren oder gar zu viel zu lesen, sonst wird die Arbeit nie fertig.

Robert Musil beschreibt in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ den Besuch eines Generals in einer Bibliothek. Im Gespräch mit dem Bibliothekar fallen die Worte: „Es ist das Geheimnis aller guten Bibliothekare, dass sie von der ihnen anvertrauten Literatur niemals mehr als die Büchertitel und das Inhaltsverzeichnis lesen. Wer sich auf den Inhalt einlässt, ist als Bibliothekar verloren. Er wird niemals einen Überblick gewinnen!“

Claudia Lux, die ehemalige Generaldirektorin der Landesbibliothek Berlin, hat es knapp und präzise formuliert:“Ein Bibliothekar der liest, ist verloren.“

Ganz ohne lesen geht es aber bei der Nachlassordnung nicht. Oft sind Manuskripte oder Entwürfe in Unordnung geraten und müssen erst einmal geordnet werden. Das kann bei Kompositionen, wo z.B. einzelne Stimmen in Verstoß geraten sind, sehr mühsam und vor allem zeitaufwendig werden.

Auch bei der Zuordnung ergeben sich mitunter Probleme. Ein Gedicht, in einem Brief einer Freundin dediziert, soll das nun unter „Werke“ katalogisiert, oder bei der „Korrespondenz“ bleiben? Eintragungen in Tagebüchern die Werkcharakter haben, wie z.B. Roman- oder Novellenentwürfe sind ebenfalls problematisch und schwierig einzuordnen.
Es gibt in Deutschland tausende Archive in denen Nachlässe aufbewahrt werden. Bei der Suche nach dem Aufbewahrungsort eines Nachlasses hilft das Internet. Von den vielen Suchmöglichkeiten seien hier die beiden wichtigsten genannt:

http://kalliope.staatsbibliothek-berlin.de/de/index.html

Kalliope ist der überregionale Verbund und zugleich das nationale Nachweisinstrument für Nachlässe, Autographen und Verlagsarchive. Der Aufbau des Verbundes erfolgte durch die Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz.

http://www.nachlassdatenbank.de/

Sowohl Kalliope als auch die Nachlassdatenbank werden laufend aktualisiert und auf dem Letztstand der Entwicklung gehalten. Auf beiden Plattformen findet man sich schnell zurecht und auch der wenig geübte Amateurforscher wird rasch fündig.

Der Sammler von Autographen wird sich nun die Frage stellen, wie er sich Nachlässe für seine Liebhaberei zu Nutze machen kann. Hier öffnen sich unendlich viele Möglichkeiten. Das Eindringen in die Tiefe eines Textes, das Kennenlernen der näheren Begleitumstände, wie ein Autograph überhaupt entstanden ist, die Erweiterung des eigenen Horizontes in Bezug auf sein Sammlerstück, all das kann mit Hilfe einer Recherche in einem Nachlass erreicht werden.

Ich möchte hier zum Abschluss an Hand eines praktischen Beispiels zeigen, welche Möglichkeiten Nachlässe für einen Autographensammler bieten und wie einfach der Umgang damit ist.

Eine immer wiederkehrende Frage, die so manchen Sammler quält, ist die Ungewissheit, ob das Autograph oder die Signatur auch wirklich echt ist. Von dieser Qual kann er sich leicht befreien.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel: In unserer Sammlung hätten wir einen Brief von Hermann Hesse. Wir haben Zweifel an der Echtheit des Schreibens. Mit der Adresse

http://www.nachlassdatenbank.de

suchen wir unter „Nachlässe“ den Schriftsteller Hermann Hesse und erleben gleich eine Überraschung. Der Nachlass von Hesse befindet sich an sieben Standorten, von Marbach bis Kalifornien. Man spricht in so einem Fall von Teilnachlässen. Briefe von Hesse sind an allen genannten Standorten aufzufinden.

Nun hat der zweifelnde Sammler mehrere Möglichkeiten die Echtheit seines Briefes zu überprüfen. Große Bibliotheken, wie z.B. die Österreichische National Bibliothek haben einen Stab von Wissenschaftlern, die den Forschern bei ihren Recherchen hilfreich zur Seite stehen. Wählt man nun so eine Institution, kann man eine Kopie des fragwürdigen Briefes dorthin senden und um Überprüfung der Echtheit der Schrift bitten.

Ist dies nicht möglich, weil die Bibliothek keine solchen Auskünfte erteilt oder weil dort niemand Zeit hat, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen, sucht man im Katalog nach Briefen von Hesse und wählt einen aus, der schon digitalisiert ist. Den holt man sich dann auf seinen Bildschirm zu Hause und kann in Ruhe das Digitalisat mit dem eigenen Autograph vergleichen.

Ist dies auch nicht möglich, weil die Bibliothek die Stücke im Nachlass nicht digitalisiert hat, muss man versuchen, von diesem ausgewählten Brief eine Kopie zu erhalten. Dies ist meistens mit einer (geringen) Gebühr verbunden und dauert ein paar Tage. Man muss sich vor Augen führen, dass es Nachlässe gibt, die seit Jahrzehnten kein Mensch angesehen hat, sei es weil der Bestandsgeber für die wissenschaftliche Forschung ohne Interesse ist, oder weil die Person in das Meer der Vergessenheit versunken ist und nur mehr in einem verstaubten Archiv eine Spur hinterläßt.

Ist auch dieser Schritt ohne Erfolg bleibt nur mehr die Möglichkeit, sich auf die Reise zu machen und das Archiv (nach vorheriger Anmeldung) persönlich aufzusuchen und dort zu recherchieren. Mir ist das selbst schon passiert. Ich habe nach dem Tagebuch aus dem Jahre 1830 eines adeligen Herrn gesucht. Die Familie gibt es heute noch und bewohnt ein Schloß am äußersten Rande von Österreich. Ich erhielt vom Familienoberhaupt, nachdem ich ihm mein Begehr erklärt hatte, die Erlaubnis, im Familienarchiv zu suchen. Dort, in einer Kammer im Dachgeschoß fand ich auch, völlig ungeordnet, den Nachlass meines Grafen und auch das Tagebuch. Ich habe alle Seiten die mich interessierten photographiert und schnell das Weite gesucht, denn es war tiefer Winter und der Archivraum nicht beheizt.

Forschungen in Nachlässen gehören zu den reizvollsten Tätigkeiten eines Autographensammlers. Möge dieser Beitrag die Leser dazu ermutigen.