Karl Kraus: Die Lemuren

Karl Kraus gehört zu den bedeutendsten Österreichischen Schriftstellern des vorigen Jahrhunderts. Er wurde 1874 in Böhmen geboren und starb 1936 in Wien. Sein Haupt- und Lebenswerk war die Herausgabe der Zeitschrift „Die Fackel“. Sie erschien von 1899 bis zu seinem Tod in unregelmäßigen Abständen in 922 Nummern und umfasst über 20.000 Seiten, die alle von Kraus selbst geschrieben wurden. Einzelne wichtige Artikel gab er redigiert in Buchform heraus. Neben der Fackel schrieb Kraus auch Theaterstücke, von denen das bedeutendste „Die letzten Tage der Menschheit“ ist. Das Stück hat den 1. Weltkrieg zum Thema und ist so umfangreich, dass es in keinem Theater vollständig an einem Abend aufgeführt werden kann.

Eine ausführliche Darstellung der Person Karl Kraus würde den Rahmen hier sprengen. Ich empfehle für weitere und tiefer gehende Informationen Wikipedia zu konsultieren.

Der Nachlass von Karl Kraus befindet sich in der Stadtbibliothek im Wiener Rathaus. Handschriftliche Texte sind im freien Autographenhandel kaum zu finden. In meiner Sammlung befindet sich ein handschriftliches Manuskript des Artikels „Die Lemuren“, der in der Fackel Nr. 508 im April 1919 erschienen ist.

Der Beitrag handelt von einer Begebenheit an der Galizischen Front im 1. Weltkrieg. Damit möchte ich mich im Folgenden auseinandersetzen. Ich habe mich gründlich mit dem Inhalt des Artikels befasst. Die Literatur zu dieser Zeit war schon umfangreich, ehe das hundertjährige Gedenkjahr zelebriert wurde und ist seither explosionsartig gewachsen. Meine Recherchen haben unglaubliche Vorfälle und Details ans Licht gebracht. Einige markante Aspekte möchte ich hier wiedergeben.

Handschrift Karl Kraus, Manuskript 1. Seite

Handschrift Karl Kraus, Manuskript 1. Seite

Handschrift Karl Kraus, Manuskript 2. Seite

Handschrift Karl Kraus, Manuskript 2. Seite

Karl Kraus übergab seinen handschriftlichen Text der Druckerei. Von dieser erhielt er einen Bürstenabzug zur Korrektur. Auch diesen Autographen besitze ich.

Bürstenabzug mit handschriftlichen Korrekturen von Karl Kraus, Seite 1

Bürstenabzug mit handschriftlichen Korrekturen von Karl Kraus, Seite 1

Bürstenabzug mit handschriftlichen Korrekturen von Karl Kraus, Seite 2

Bürstenabzug mit handschriftlichen Korrekturen von Karl Kraus, Seite 2

Da das Lesen der Handschrift von Kraus sehr mühselig ist, wird hier der Text wiedergegeben, wie er in der Fackel erschienen ist.

Karl Kraus prangert in dem Artikel die Zustände in den Karpatenschlachten im Winter 1914/15 an und nimmt eine besondere Begebenheit dazu als Vorlage.

Hauptakteur ist Erzherzog Josef. Josef entstammte einer Nebenlinie des Hauses Habsburg. Er war mit Augusta, einer Enkelin von Kaiser Franz Josef, quasi seiner Cousine zweiten Grades, verheiratet. Er trat, wie alle Erzherzoge, in die Armee ein und machte sehr rasch, wie alle Erzherzoge, eine steile Karriere. Während die meisten Erzherzöge zwar hohe Offiziersränge innehatten, waren ihre Funktionen nur nominell. Sie trugen maßgeschneiderte Uniformen, hatten aber nichts zu reden oder gar zu befehlen und hielten sich, die wenige Zeit die sie an der Front verbrachten, in der Etappe auf.

Armeeoberkommandant war Erzherzog Friedrich. Chef des Generalstabs für die gesamte bewaffnete Macht war Conrad von Hötzendorf. Erzherzog Friedrich wurde mit Kriegsbeginn von Kaiser Franz Josef mit dem Oberkommando betraut, er wurde damit der höchste Militär der Monarchie. Er war es aber nur nominell. Geführt wurde die Armee von Conrad. Conrad hat den Oberkommandanten nie an den militärischen Entscheidungen teilnehmen lassen. Er schnitt Friedrich von allen wichtigen Informationen ab und bediente sich dabei einer Methode, die schon beleidigend war. Es ist überliefert, dass Conrad zum Abendvortrag bei Friedrich um 20 Uhr erscheinen musste, er aber immer erst gegen 23 Uhr kam. Friedrich duldete das. Er vertrieb sich die Zeit bis dahin mit Kartenspiel oder schlief ein. Mit welcher Aufmerksamkeit er dann dem Vortrag seines Generalstabschefs folgte, kann man sich denken.
Selbst der Obersthofmeister Friedrichs kritisiert in seinen Kriegserinnerungen, dass „Ein Oberkommandant, der sich, wenn es viel ist, eine halbe bis eine Stunde mit dem Oberkommando beschäftigt und auch da nur den Zuhörer spielt, sonst aber den ganzen Tag nichts macht als Schematismus korrigieren, das ist doch kein Oberkommandant.“

Da war Erzherzog Josef aus einem anderen Holz geschnitten. Zu Beginn des Weltkriegs war er an der galizischen Front im Kampf gegen Russland mit einem hohen Kommando eingesetzt. Josef war in Offizierskreisen sehr populär, was ihm den Beinamen „Soldatenvater“ eintrug.

Die Euphorie, die im Juli 1914 zu Beginn des Krieges im Lande vorherrschte („Zu Weihnachten sind wir wieder zu Hause“) wich sehr bald der grausamen Wirklichkeit. Die Probleme begannen schon mit der Kriegserklärung. Das Österreichische Eisenbahnnetz war weder nach militärstrategischen Grundsätzen ausgerichtet, noch verfügte die Bahn über ausreichend rollendes Material um 2 Millionen Soldaten samt Ausrüstung und Kriegsgerät aus dem Landesinnern an die äußersten Grenzen des Reichs zu bringen. Dazu kamen die ungelösten logistischen Aufgaben. Die Maschinerie „Eisenbahn“ musste für Kriegszwecke zum Funktionieren gebracht werden. Allein in der Österreichischen Reichshälfte gab es 15 Staatsbahndirektionen, deren Koordinierung unendliche Schwierigkeiten bereitete.

In die Aufmarschräume Galiziens führten sieben Linien, die in den letzten Abschnitten aber nur eingleisig waren. Bis Lemberg konnten täglich 108 Züge geführt werden, östlich davon nur mehr 45. Auf der anderen Seite ein ungleiches Bild: die Russen verfügten über 5 zweigleisige und 4 eingleisige Linien und konnten täglich 260 Züge in die Aufmarschräume schicken.

Die Österreichische Armee war für einen Krieg weder logistisch, noch waffentechnisch gerüstet. Für Winterschlachten fehlte es an der Grundausstattung des Heeres. Ehrgeizige Offiziere, Conrad von Hötzendorf an führender Stelle, haben dem Kaiser und der Politik zwar das Gegenteil einzureden versucht, die Wahrheit zeigte sich aber sehr schnell.

In dem tief verschneiten Gebirgsgelände der Karpaten herrschten bei grimmigem Frost für die ungenügend ausgerüsteten Soldaten in den Schützengräben entsetzliche Bedingungen. Es fehlte an warmer Kleidung, modernen Waffen, (es wurde berichtet, dass innerhalb einer Brigade fünferlei Muster von Handfeuerwaffen verwendet wurden), ausreichender Munition und brauchbaren Kommunikationsmittel. Zeitgenössische Schilderungen der Zustände geben uns ein Bild der Lage: „Im ganzen Angriffsraum kein Quartier, kein Mann konnte durch Tage und Wochen aus den Kleidern, die bei den meisten hart anliegende Eispanzer bilden, …..Die Verwundeten, deren Abschub aufs äußerste erschwert ist, gehen massenhaft elend zugrunde; der durch wochenlange Kämpfe und Entbehrungen erschöpfte Mann darf sich auch bei Nacht nicht dem Schlaf hingeben, der sofortigen Erfrierungstod bedeuten würde…….Daß all das physische Elend schließlich auch dem moralischen Niedergang die Wege ebnete, kann nicht wundernehmen.“

Auch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: „Die k. u. k. Armee meldete, dass sie von 95.000 Mann rund 40.000 verloren habe, davon aber nur 6.000 durch Gefechtsverluste, alle anderen durch Krankheiten, Erfrierungen und Selbstmorde.“

Als das 7. Korps vor den Angriffen der Russen zu weichen drohte, befahl Erzherzog Josef, die Standhaftigkeit durch Maschinengewehrfeuer von hinten auf die eigenen Truppen zu erzwingen, oder wie Kraus es ausdrückt, „sie zum Halten unhaltbarer Stellungen zu bewegen“.

Der gewünschte Erfolg trat jedoch nicht ein. Am 28. Dezember 1914 musste Josef an das Armeeoberkommando die Aufgabe der Stellung melden:

„… Ich füge bei, dass auch das Feuer von rückwärts die Truppen nicht abhielt, ihre Stellungen zu verlassen, sobald der Feind schärfer einsetzte, und dass Leute in der Front aus vollster Erschöpfung Selbstmord begingen. Mit dem heute begonnenen Rückmarsch kann eine Retablierungsperiode eingeleitet werden, in der Verstärkungen eintreffen und die Truppe wieder diszipliniert werden kann …“

Was der Erzherzog hier als eine Disziplinlosigkeit der Truppe darstellt, bringt Karl Kraus auf den Punkt:

„In diesem vielfachen Zwang der Heldentode, dem durch die Natur, dem durch die Munition, dem fürs Vaterland, dem durchs Vaterland, haben sie Selbstmord gewählt.“

Der ganze Artikel ist eine brennende Anklage des Frontsoldaten gegen eine Obrigkeit, beginnend in den allerhöchsten Kreisen und endend bei einem Offizierskorps, das gegenüber den allerhöchsten Kreisen eine Unterwürfigkeit auslebte, die den Mannschaften Tod und Verderbnis brachte. Der Befehl des Erzherzogs musste ja auch ausgeführt werden. Dazu bedurfte es aber Offiziere, die die entsprechenden Befehle zur Ausübung des Maschinengewehrfeuers von hinten erteilten.

Wir stehen heute fassungslos vor diesen Ereignissen.

Mit der Disziplinlosigkeit der Truppe agiert Erzherzog Josef gerne. Wir begegnen ihm am Italienischen Kriegsschauplatz gegen Ende des Weltkriegs noch einmal. Was in keiner der kriegsführenden Armeen des Weltkriegs mehr möglich war, wurde in der k. u. k. Armee nach wie vor praktiziert: die Leibesstrafe auch bei leichten Disziplinarvergehen, etwa wenn man sein „Essgeschirr nicht in Ordnung gehalten“ hatte. Sie reichte von 5 bis 25 Stockhieben auf das Gesäß bis zum „Anbinden“ und „Schließen in Spangen“. Das Anbinden sah so aus: Der Delinquent wurde mit einem langen Strick, den man mehrmals straff um seinen Körper schlang, für zwei Stunden an einen Baum gebunden, in verschärfter Form so, dass er in der Luft hing und das ganze Gewicht auf der Fesselung lastete. Beim Schließen in Spangen, als einer Verschärfung der Arreststrafe, wurde um den linken Fußknöchel und um das rechte Handgelenk jeweils ein ziemlich enger Eisengürtel gelegt, dergestalt, dass beide Gürtel bloß durch eine wenige Zentimeter lange Stange miteinander verbunden waren. Der so gefesselte Soldat musste also die rechte Hand sechs Stunden beim linken Fuß halten und hocken, ohne sich bewegen zu können.

Kaiser Karl ordnete im März bzw. Juni 1917 an, das „Anbinden“ und „Schließen in Spangen“ aus dem Dienstreglement zu streichen, was ihm als Zeichen seiner grenzenlosen Güte hoch angerechnet wurde. Von Dauer blieb diese Humanitätsanwandlung nicht. Am Vorabend der letzten und kläglich gescheiterten Offensive des österreichisch-ungarischen Heeres am Piave, am 13. Juni 1918, verkündete der Kommandant der 6. Armee, Generaloberst Erzherzog Josef, dass „zum Schutz der Disziplin“ und als „außerordentliche und vorübergehende Maßnahme“ die Strafe des sechsstündigen Schließens in Spangen und des zweistündigen Anbindens bewilligt sei.

Wieder sollte mit der Disziplin der Mannschaft ein militärischer Sieg erzwungen werden.

Der Ehrentitel „Soldatenvater“ ist wohl ein Produkt der heeresinternen Propagandamaschine. Anders ist das nicht zu erklären.

Karl Kraus zitiert in dem Artikel noch eine zweite Person, die Gattin des Soldatenvaters, die „lästige Soldatenmatrone Augusta“.

Augusta war eine Enkelin von Kaiser Franz Josef.

Während des 1. Weltkriegs widmete sie sich der Pflege von Verwundeten. Sie ließ sich eine Uniform, jene den Krankenschwestern ähnlich, schneidern und posierte darin vornehmlich in den Krankensälen von Lazaretten, wo sie sich gerne von Hoffotographen abbilden ließ.

Mehrere Damen des Hochadels machten es ihr gleich. Es finden sich unzählige Photoportraits in Privatarchiven und Sammlungen von diesen Frauen bei ihrer Tätigkeit als Krankenschwester.

Karl Kraus durchschaute solche Posen. Man kann das auch leicht nachvollziehen. Eine Österreichische Erzherzogin, also ein Mitglied des allerhöchsten Kaiserhauses, oder auch eine Fürstin des Hochadels, verfügte in ihrem Alltag über so viel Personal, dass in ihrem Haushalt für jeden Handgriff eine Dienstperson zur Verfügung stand: Köchinnen und Abwäscherinnen erledigten in der Küche die Arbeit, ganze Putztrupps hielten das Schloß sauber, für die Betreuung der Kinder waren Gouvernanten mit ausreichend Hilfspersonal zuständig, die Grünanlagen wurden von Gärtnern gepflegt und für das eigene Wohlergehen bemühten sich mehrere Zofen. Die hochadelige Dame war für irgendeine Hausarbeit nicht zu gebrauchen. Sie wurde dafür auch gar nicht erzogen.

Was sollte sie nun als Krankenpflegerin in einem Lazarett? Welche Arbeiten hätte man ihr denn zumuten können, von denen zu erwarten war, dass sie zu einem brauchbaren Ende gebracht würden? Das in den Hospitals arbeitende Pflegepersonal empfand die Anwesenheit einer adeligen Dame in den Krankensälen als störend und alle waren froh, dass sich Madame, nachdem ausreichend Photos geschossen waren, bald zurückzog.

Nicht immer war es aber so einfach, die hochgestellte Dame rasch loszuwerden. Erzherzogin Blanka, Gemahlin des Erzherzog Leopold Salvator, ging noch einen Schritt weiter. Sie pfuschte den Ärzten ins Handwerk. Als fanatische Verfechterin von Naturheilmethoden ordnete sie an, alle Leiden mit heißen Heublumenumschlägen zu heilen. Die Ärzte folgten aus Ehrerbietung (oder aus Feigheit) ihren Anordnungen, auch im Wissen, damit den Tod von Patienten wegen wirkungsloser Therapie zu riskieren oder gar herbeizuführen. Bei ihren Besuchen am Krankenbett brachte sie prinzipiell niemals Lebensmittel oder Getränke mit, sondern stets nur Rosenkränze und Heiligenbilder.

Augusta konnte von dem gehobenen Pflegedienst gar nicht genug bekommen. Als sie im Oktober 1918 im Festungsspital in Trient ihren Dienst antrat, wurde vorsorglich die dort tätige Oberschwester, weil sie eine Bürgerliche war, gegen eine Baronin ausgetauscht. Man wollte der Erzherzogin nicht zumuten, neben einer einfachen Frau aus dem Volk zu arbeiten. Die Baronin, die vom Pflegedienst nichts verstand, sah es als ihre wichtigste Aufgabe an, den weiblichen Bediensteten den Hofknicks beizubringen, den sie bei jeder Begegnung mit der Erzherzogin leisten mussten. Augusta gelang es, den Spitalsbetrieb innerhalb kürzester Zeit derart durcheinander zu bringen, dass man aufatmete, als sie ihre tägliche Anwesenheit in den Krankenzimmern auf eine halbe Stunde reduzierte. Nach nur einer Woche als Pflegerin reiste sie wieder ab, um nicht mit ansteckenden Krankheiten in Berührung zu kommen.

Karl Kraus verlieh ihr den Titel einer „Soldatenmatrone“.

Das Attribut „lästig“ hatte in einer anderen ihrer Eigenschaften seine Wurzeln. Augusta war auch auf dem Gebiet der materiellen Unterstützung der Kriegsversehrten tätig. Sie gründete, vor allem in Ungarn, eine Reihe von Stiftungen, die den Invaliden zu Gute kamen. Ihr Hauptverdienst war jedoch ihre leitende Stellung in der Sammelbewegung „Gold gab ich für Eisen“. Es sollte jedermann, der über Goldschmuck verfügte, diesen abgeben, damit für den Erlös Waffen und Munition gekauft werden konnte. Im Gegenzug erhielt der Spender einen Ring oder ein Armband aus Eisen mit der Inschrift „Gold gab ich für Eisen“. Wer diesen Schmuck trug, stellte seine patriotische Gesinnung zur Schau, wer weiter Gold trug, verlor an Ansehen. Augusta setzte alle Hebel in Bewegung, um möglichst große Erträge zu erzielen. Zu diesem Zweck pumpte sie mit einer bohrenden Beharrlichkeit alle Leute und Institutionen, die sie kannte, an. Heute würde man dies als „Charity-Aktion“ bezeichnen. Das Attribut „lästig“ war ihr sicher.

Je mehr man sich mit der Zeit des 1. Weltkriegs beschäftigt, mit allen materiellen und menschlichen tiefgehenden Unzulänglichkeiten, umso klarer wird es, dass dieser Krieg für Österreich – Ungarn nur verloren gehen konnte. Ein 84jähriger Greis (Franz Josef) hat ihn erklärt und 20 Millionen Menschen haben ihn mit ihrem Leben bezahlt.

Welch eine Kapuzinergruft.