Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten

Der Herbst erweckt bei vielen von uns eine melancholische Stimmung. Die Tage sind kürzer geworden, der Himmel ist grau verhangen, das Wetter ist feucht und kalt. Und doch gibt es einen Ort, der für viele, in dieser unwirtlichen Zeit, in den Mittelpunkt ihres Interesses rückt: der Weinkeller des Winzers. Hier gärt der Rebensaft, aus dem frischen Most wird eines der begehrtesten Getränke die uns die Natur schenkt: Der Wein.

In meiner Autographensammlung finden sich Stücke, die sich mit diesem Thema befassen und die ich hier vorstellen möchte. Im ersten Teil kommen die Dichter zu Wort. Die Musiker werden in der nächsten Nummer zu sehen sein.

Der bedeutendste deutsche Dichter, Johann Wolfgang von Goethe, war auch ein großer Liebhaber des Weines. Er verdankt diesem Saft auch sein Leben. Als er am 28. August 1749 das Licht der Welt erblickte, war er im Gesicht blau angelaufen und gab keinen Ton von sich. Die Hebamme, offensichtlich eine erfahrene Frau, legte den Wurm in einen kleinen Bottich, goß Wein für ein Vollbad hinein und massierte den Körper quasi wie bei einer Unterwassermassage. Nach wenigen Augenblicken brüllte der Neugeborene und es erschallte der Ruf im Haus: „Frau Rath, er lebt!“

Ich habe ein Autograph mit einer Weinbestellung Goethes vom 14. März 1830. Das Schriftstück ist nicht nur wegen seines Autors, sondern auch autographisch hochinteressant.

Autograph mit einer Weinbestellung Goethes vom 14. März 1830

Der Brief ist an einen weimarischen Hofbeamten gerichtet, es sind drei Handschriften zu erkennen:
Die eigentliche Bestellung mit der Schrift eines Sekretärs:

Könnten Ew. Hochwohlgeb. mir 6 Flaschen Try Madeira aus Großherzogl. Hofkellerey verschaffen, so würde zugleich um die, alsobald zu berichtigende Rechnung gebeten haben. Womit ich mich zu fernerem geneigten Andenken, unter den aufrichtigsten Wünschen bestens empfehle; auch ein: geneigtest zu gedenken, hinzufüge.

Von der Hand Goethes:

Hochachtungsvoll ergebenst JW v Goethe

Der Vermerk vom selben Tag in der Schrift des Adressaten:

„Es sind Sr. Excellenz dem Herrn Staatsminister von Goethe hierauf 6 Flaschen Try Madera [sic] aus Hw. Hofkellerey, gegen Bezahlung abzugeben“.

Es ist interessant, wievieler Worte seitens des Bestellers es bedurfte, um 6 Flaschen Wein zu ordern. Goethe war der angesehenste Mann in Weimar und bekleidete die höchsten Staatsämter. Ein Fingerzeig hätte genügt und die 6 Flaschen wären schon in seinem Keller gelandet. Aber im 19. Jhdt. gingen die Uhren im täglichen Umgang mit Untergebenen noch anders. Welch ein Einblick in das Leben zu dieser Zeit!

Im Elternhaus Goethes wurde immer Wein getrunken. Es wurde auf gute Qualität großer Wert gelegt. Wein war damals teuer. Als Goethes Mutter das Haus am Großen Hirschgraben (in Frankfurts bester Lage) verkaufte, erlöste sie dafür 22.000 Gulden. Der im Keller lagernde Wein wurde extra versteigert und erbrachte 7.000 Gulden. Ein Kaufkraftvergleich soll diesen Betrag verdeutlichen: für einen Gulden bekam man 10 Pfund Schweinefleisch oder 6 Pfund Butter, ein Bauarbeiter erhielt für 3 Tage Arbeit einen Gulden und als Schiller 1790 an die Universität nach Jena berufen wurde, erhielt er ein Jahresgehalt von 400 Gulden. Er hätte sich den Weinvorrat aus Goethes Elternhaus nie und nimmer leisten können.

Über die Freundschaft Goethes mit Schiller ist viel geschrieben worden. Die „Beiden Dioskuren“ haben sogar ein Denkmal vor dem Theater in Weimar.

Schiller schreibt an seinen Verleger Crusius in Leipzig

Schiller schreibt an seinen Verleger Crusius in Leipzig wegen des Drucks seiner „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande“:

Sie erhalten kommenden Sonnabend noch 3 Bogen zu dem Ersten Theil der Rebellion……

Am Ende des Briefes ist, wie so oft im Briefverkehr mit dem Verleger, von Geld die Rede:

Heute erwarte ich einen Brief von Ihnen, nebst dem Geld um das ich Sie gebeten habe.

Über die Trinkgewohnheiten Schillers berichtet Goethe seinem Vertrauten Johann Peter Eckermann: „Schiller hat nie viel getrunken, er war mäßig, aber im Augenblick körperlicher Schwäche suchte er seine Kräfte durch etwas Likör oder ähnliche Spirituosen zu steigern. Dies aber zehrte an seiner Gesundheit und war auch den Produktionen selbst schädlich. Denn was gescheite Köpfe an seinen Sachen aussetzten, leite ich aus dieser Quelle her.“

Weniger bekannt ist ein gemeinsames Trinkgelage. Es war die Nacht des 31. Dezembers 1799, eine besondere Nacht. Ein neues Jahrhundert wurde eingeläutet und musste entsprechend mit Wein begrüßt werden.

Der Naturforscher Heinrich Steffens war Zeuge dieser Nacht:
„Nach Mitternacht zogen Goethe, Schiller und Schelling sich in ein Nebenkabinett zurück. […] Einige Bouteillen Champagner standen auf dem Tisch, und die Unterhaltung ward immer lebhafter. Da fiel mir […] die Veränderung auf, die mit zwei so bedeutenden Persönlichkeiten vor sich ging. Goethe war unbefangen lustig, ja übermütig, während Schiller immer ernsthafter ward und sich in breiten doktrinären ästhetischen Explikationen erging; […] und er ließ sich nicht stören, wenn Goethe ihn durch irgendeinen geistreichen Einwurf in seinem Vortrage zu verwirren suchte.“

Groß ist die Zahl der Dichter, die dem Wein zugesprochen haben. Eine Liste jener, die zu schweren Trinkern wurden, beginnt bereits im Altertum: Sokrates, Seneca, Cato, Cäsar (hier zu den Dichtern gezählt, wie jeder Lateinschüler leidvoll weiß), Li-Tai-Po (starb durch Alkohol) und setzt sich in der Neuzeit fort mit Torquato Tasso, Gottfried Keller (der handgreiflich wurde, wenn er zuviel trank; seine Verlobte hat sich aus Scham wegen dieser Eigenschaft das Leben genommen), Edgar Allan Poe (trank sich zu Tode und starb als 40jähriger im Delirium), E.T.A. Hoffmann (hat sich mit 46 Jahren zu Tode getrunken), Grabbe, Lenz, Liliencron, Georg Trakl (im Alter von 26 Jahren an Alkohol und Drogen gestorben), Joseph Roth (fand im Delirium tremens den Tod), der amerikanische Nobelpreisträger William Faulkner u.s.w., u.s.w. Die Liste ist nicht vollständig.

Es gab aber auch eine berühmte Ausnahme: Tolstoj war in seinen jungen Jahren ein gewaltiger Trinker, bekehrte sich aber und wurde Abstinenzler.

Der Weinkonsum Goethes wird von vielen Zeitgenossen kommentiert und der Nachwelt überliefert. Goethe rechnete für sich mit einem Tagesbedarf von wenigstens zwei Litern. Für seinen Kuraufenthalt in Karlsbad 1820 bestellte er ein Fass mit ca. 60 Litern für einen Anwesenheit von 4 Wochen.

Der Weimarer Schauspieler Eduard Genast berichtet in seinem Tagebuch von einem Aufenthalt Goethes in Karlsbad:

Der Dichter versuchte Ärger gelegentlich auch einmal mit Wein hinunter zu schwemmen. Dies beweist die berühmte Anekdote vom angeblich vergessenen Geburtstag Goethes während seines Karlsbad-Aufenthaltes: Der treue Diener Goethes, Karl, erhielt von Goethe am 27. August früh Befehl, zwei Flaschen Rotwein nebst zwei Gläsern heraufzubringen und in den gegenüberliegenden Fenstern aufzustellen. Nachdem dies geschehen, begann Goethe seinen Rundgang im Zimmer, wobei er in angemessenen Zeiträumen an einem Fenster stehen blieb, dann am andern, um jedes Mal ein Glas zu leeren. Nach geraumer Weile trat Rehbein, Goethes Arzt, der ihn nach Karlsbad begleitet hatte, ein.
Goethe: Ihr seid mir ein schöner Freund! Was für einen Tag haben wir heute und welches Datum?
Rehbein: Den27.August, Exzellenz.
Goethe: Nein, es ist der 28. und mein Geburtstag.
Rehbein: Ach was, den vergesse ich nicht; wir haben den 27.
Goethe: Das ist nicht wahr! Wir haben den 28.
Rehbein: (mit Nachdruck): Den 27.!
Goethe: (klingelt, der Diener Karl tritt ein): Was für ein Datum haben wir heute?
Karl: den 27., Exzellenz.
Goethe: Dass dich – Kalender her! (Karl bringt den Kalender).
Goethe: (nach langer Pause) Donnerwetter! Da habe ich mich ja umsonst besoffen!”

Goethe führte ein genaues Haushaltsbuch und sammelte alle Belege der täglichen Ausgaben. Diese Rechnungen sind alle vorhanden. Eine Auswertung der Aufzeichnungen lässt direkte Rückschlüsse auf seinen Weinkonsum zu. Als Beispiel sei das Jahr 1829 angeführt. Die Ausgaben für den Haushalt betrugen 3070 Thaler, für Wein aber zusätzlich noch 2184 Thaler. Auch unter Berücksichtigung, dass Wein damals ein teures Getränk war, ein beachtlicher Kostenanteil!

Ganz genau lässt sich allerdings Goethes täglicher Weinkonsum nicht feststellen. Seine Frau, Christiane Vulpius, war dem Rebensaft auch sehr zugeneigt. Jedenfalls dürfte der tägliche Weinkonsum zwischen zwei und drei Litern betragen haben, wobei zu Mittag Weißwein und am Abend Rotwein, alles von hervorragender Qualität, getrunken wurde. Auch süße Dessertweine, wie Madeira, Portwein und Tokajer, wurden nicht verachtet.

Goethe war viel auf Reisen, sei es aus beruflichen Gründen oder weil er sich für seine dichterische Tätigkeit zur ungestörten Arbeit fernab von Weimar zurückzog. Er stand in dieser Zeit in fast täglichem Briefverkehr mit Christiane, die ihm laufend Weine aus seinem Keller nachsandte. Es gibt wenige Briefe in denen Wein nicht in irgendeiner Form erwähnt wird.

Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, würde man auf die Stellen im dichterischen Schaffen Goethes eingehen, wo von Wein die Rede ist. Es sind hunderte. Im Faust spielt eine ganze Szene in einem Weinkeller, nebst mehreren Stellen mit Weinzitaten. In seiner Selbstbiographie „Dichtung und Wahrheit“ wird in über 50 Stellen Wein erwähnt und in seinem reifen Alterswerk „West-östlicher Diwan“ widmet er ein ganzes Kapitel, das Schenkenbuch „Saki Nameh“, dem Wein. Es findet sich kein größeres Werk des Dichters, wo der Wein nicht erwähnt wird.

Bekanntlich war Goethe auch den Frauen sehr zugetan. Die Verbindung Erotik und Wein schlägt sich in vielen Gedichten und Elegien nieder. Seine Aufenthalte in Rom zwischen 1786 und 1788 haben aus ihm einen ausgeprägten Weinkenner gemacht. Er war in den intimen kleinen Schenken ein gern gesehener Gast und lernte dort nicht nur die Vielfalt italienischer Weine kennen, sondern traf auch Frauen, mit denen er sich verabredete.

Im bereits oben erwähnten „West-östlichen Diwan“ setzt Goethe dem Wein ein literarisches Denkmal:

Trunken müssen wir alle sein!
Jugend ist Trunkenheit ohne Wein;
Trinkt sich das Alter wieder zu Jugend,
So ist es wundervolle Tugend.
Für Sorgen sorgt das liebe Leben,
Und Sorgenbrecher sind die Reben.

Für Goethe war der Wein wichtig. Er hat ihn zur Steigerung des Lebensgenusses und zur Würze der Mahlzeiten gebraucht. Seine Freiheit hat er nie an ihn verloren.

Goethe wurde 83 Jahre alt.