Beva con me

Im letzten Heft habe ich zum Thema „Wein“ Autographen von Dichtern aus meiner Sammlung vorgestellt. Die Trinkgewohnheiten Goethes standen im Mittelpunkt.

Nun sollen die Komponisten zum gleichen Thema zu Wort kommen.

Guiseppe Verdi

In meiner Sammlung befindet sich eine Weinbestellung des wohl bedeutendsten italienischen Opernkomponisten.

Eine Weinbestellung des wohl bedeutendsten italienischen Opernkomponisten,  Giuseppe Verdi

Autograph Weinbestellung Giuseppe Verdi

Prego a volermi mandare due casse, circa 40 Fiaschetti di Buon Pomino. Dico Pomino perché ha un sapore per me gratissimo….

Verdi bestellt am 13. Januar 1888 beim Weinhändler Conti „zwei Kisten mit 40 Flaschen des guten Pomino, weil mir dieser Wein so gut schmeckt…“ Als Lieferadresse gibt er den Palazzo Prinzipe Doria in Genua an.

Die Übersetzung des Wortes Fiaschetti mit „Flasche“ ist eigentlich ungenügend. Fiaschetti sind jene großen bauchigen Korbflaschen, wie sie heute noch bei der Abfüllung des Chianti in Verwendung sind. Verdi bestellt hier also ca. 80 bis 100 Liter Wein, was angesichts seines Alters, er war 1888 bereits 75 Jahre alt, keine kleine Menge war.

Ein Jahr nach dieser Bestellung begann Verdi mit der Komposition der Oper „Falstaff“, ein Werk, wo auf und hinter der Bühne kräftig getrunken wird. Ob der gute Pomino den Meister dazu angeregt hatte, ist nicht überliefert.
Wein spielt in den Werken Verdis eine bedeutende Rolle. Kaum eine Oper, wo nicht getrunken oder zumindest der Wein gepriesen wird. Verdi schenkt uns eines der schönsten Trinklieder der Opernliteratur. Es ist aus dem 1. Akt aus „La Traviata“ und liegt in Plattenaufnahmen und Mitschnitten zum Nachhören mehrere hundert Mal vor.

Doch auch in seiner Oper Othello gibt er uns ein Trinklied.

Autograph Verdis aus dem Jahr 1883 mit den Noten des Beginns des Schwurduetts im 2.Akt der Oper Othello.

Autograph Verdis aus dem Jahr 1883 mit den Noten des Beginns des Schwurduetts im 2.Akt der Oper Othello.

„Beva con me“, „Trink mit mir“ ist die immer wiederkehrende Aufforderung im Trinklied des 1.Aktes. Eine musikalisch hinreißende Szene mit Chor, die in einer wilden Schlägerei mit einem Schwerverletzten endet. Wie es so eben bei Saufereien gelegentlich vorkommt.

Leo Slezak, einer der größten Tenöre des 20. Jhdts. und selbst ein bedeutender Darsteller des Othello, schrieb sehr humorvolle Lebenserinnerungen. In meiner Sammlung findet sich ein Brief von ihm, in dem er über die Schwierigkeiten mit seinem Verleger Rowohlt bezüglich der Veröffentlichung seiner Bücher schreibt.

Autograph von Leo Slezak

Autograph von Leo Slezak

An einer Stelle in seinen Büchern beschreibt er die Szene des Trinklieds aus der Perspektive des Bühnenkünstlers:

Schankburschen füllen aus leeren Krügen die Becher der Sänger, die unter gegenseitiger Aufforderung doch endlich miteinander zu trinken, („Beva con me“) diese bis zur Neige leeren, um gleich wieder aus den leeren Krügen nachgeschenkt zu bekommen.

Ein anderer hell leuchtender Stern am italienischen Opernhimmel ist

Giacomo Puccini

der in meiner Autographensammlung mit einem Notenzitat, den Beginn der Arie der Mimi, aus seiner Oper „La Boheme“ vertreten ist.

Im 2.Akt der Oper wird Weihnachten gefeiert. Aber es ist nicht ein stilles, besinnliches Fest, sondern eher ein Jahrmarkt, wo viel gelacht und reichlich getrunken wird.

Die arme Mimi stirbt im 4. Akt einen herzzerreißenden Tod. Doch bevor sie die Augen für immer schließt, geben ihr die Freunde noch einen Schluck Wein, um ihr ein wenig Kraft einzuflößen. Über wirkungsvollere Medikamente verfügen sie nicht.

Der Wein erhält in einem anderen Werk von Puccini eine dramaturgisch zwingende Rolle. In seiner Oper „Tosca“, eine der auf den Bühnen der Welt meistgespielten Opern, trinkt die Titelheldin Floria Tosca noch schnell ein Glas Rotwein, ehe sie, den sie bedrängenden Polizeichef von Rom, Baron Scarpia, ein Messer in die Brust rammt und durch diesen Totschlag seiner Lüsternheit entkommt.

Die Opernbühnen können ja fast als Heimstätte des Weines bezeichnet werden. In der Oper „Cavalleria Rusticana“ gesteht der junge Bauer Turrido seiner Mutter, „der Rote war zu feurig“ und dass er nun ein Duell wegen einer Frau auszutragen hätte. Der Weiberheld Don Giovanni singt in der gleichnamigen Oper von Mozart eine kurze, aber zündende Arie „Finch’han dal vino, calda la testa“, („Jetzt, da der Wein den Kopf erhitzt hat“), die als Champagnerarie bezeichnet wird, obwohl vom Wein nur ganz allgemein die Rede, aber die Musik perlend und moussierend ist. In der Oper „Der Liebestrank“ von Donizetti, wird der Wein zum Titelhelden. Der mit viel Geheimnistuerei gepriesene Liebestrank stellt sich nämlich als eine Flasche Bordeaux heraus.

Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen, aber ich muss den Opernfreund in mir bezähmen und zurück auf die Autographen kommen.

Guiseppe Verdi hatte einen Jahrgangskollegen, der ihn in seiner Bedeutung für die Musik noch übertraf (und wahrscheinlich auch im Weintrinken). Im Jahre 1813 wurde nicht nur Verdi geboren, sondern auch

Richard Wagner

Eine Weinbestellung Richard Wagners habe ich nicht in meiner Sammlung. Es gibt ganz wenige solcher Schriftstücke in den diversen Archiven. Die meisten Bestellschreiben finden sich im Archiv des Champagnerproduzenten Moet & Chandon. Häufiger finden sich aber Mahnschreiben der Weinlieferanten wegen nicht bezahlter Rechnungen. Bei Moet & Chandon wurden die unbezahlten Rechnungen der teilweise sehr umfangreichen Champagnerlieferungen archiviert und können in Epernay, im Herzen der Champagne, angesehen werden. Auch unter diesem Blickwinkel kann man Autographen sammeln.

Wagner lebte immer über seine Verhältnisse. Er kleidete sich sehr teuer, Samt und Seide waren seine bevorzugten Stoffe. Auch verwendete er teure Parfums und umgab sich mit allem erdenkbaren Luxus. Um dieses Leben zu finanzieren, pumpte er immer Menschen an, von denen er glaubte, sie hätten Geld und wären auch bereit, ihm etwas davon zu geben, zumindest zu borgen.

In meiner Sammlung befindet sich ein Brief Wagners an Eduard Liszt.

Ein Brief Wagners an Eduard Liszt.

Autograph Richard Wagner

Hochgeehrter Herr und Freund!
Ich bitte Sie um die grosse Güte, mir eine Stunde zu bestimmen, welche Sie uns zu einer für mich sehr wichtigen Unterredung schenken könnten. Wäre Ihnen dies für heute oder morgen Abend möglich? Mit Hochachtung Ihr ergebener

Richard Wagner

Wagner wohnte in Penzing, von wo der Brief auch abgesandt wurde, einem (damals) Vorort von Wien in der Nähe vom Schloss Schönbrunn.

Der Adressat des Briefes war der Cousin des Komponisten Franz Liszt. Er war ein bedeutender Österreichischer Jurist und Rechtsgelehrter. Wohnhaft im Zentrum Wiens, unterhielt er einen vielbeachteten Salon, wo nicht nur Franz Liszt Konzerte gab, sondern auch Richard Wagner verkehrte. Eduard Liszt kümmerte sich in Wien um die Finanzen Richard Wagners. Was das Anliegen war, das Wagner mit Liszt besprechen wollte, wissen wir nicht, können aber mit ziemlicher Sicherheit rückschließen, dass Geldangelegenheiten (wie so oft) Thema der „sehr wichtigen Unterredung“ war.

In den Werken Wagners kommt der Wein eher als Mischgetränk vor.

Im 1.Akt der „Walküre“ singt Sieglinde:„….ich würzt‘ ihm betäubenden Trank…“ und meint mit ihm ihren Mann, auf dass er tief schlafe und sie sich mit Siegmund, ihrem Zwillingsbruder, den Wonnen der Liebe hingeben könne. Es kann sich ja wohl nur um einen gepanschten Wein handeln.

In „Tristan und Isolde“ wird ein Liebestrank gebraut, den ein Freier und die ihm zugedachte Frau trinken sollen, um in ewiger Liebe verbunden zu sein. Es trinken aber nicht jene, denen der Trank zugedacht war, sondern Tristan und Isolde. Wie immer in solchen Fällen, geht auch hier die Sache nicht gut aus. Beide sterben am Ende der Oper. Woraus der Liebestrank besteht, schweigt sich Wagner aus.

Noch mystischer geht es im Parsival zu. Da gibt es den Gral, eine antike Kristallschale. Was da drinnen ist, wird uns von Wagner nur angedeutet. Grund genug für moderne Regisseure, alles Mögliche hineinzuinterpretieren. Das Publikum weiß es ja ohnehin nicht. Auf jedenfall wird nach der Enthüllung des Grals von den Rittern kräftig Wein getrunken zu den Worten:

Nehmet vom Wein,
wandelt ihn neu
zu Lebens feurigem Blute.

Einer der größten Verehrer von Richard Wagner, dem er auch seine 3. Sinfonie widmete, war der Komponist

Anton Bruckner

Bruckner widmete alle seine Sinfonien großen Persönlichkeiten. Das war bei gekrönten Häuptern gar nicht so einfach, denn die mussten erst ihre Zustimmung dazu geben. Eine Widmung war auch häufig mit einer finanziellen Zuwendung oder einem Ordensverleih verbunden. Eine Ausnahme war seine 9. Sinfonie. Die widmete er „Dem lieben Gott“.

Der Dirigent Hermann Levi, der die Münchner Erstaufführung der 7. Sinfonie dirigierte und einer der größten Bewunderer Bruckners war, bemühte sich, das Einverständnis des Bayernkönigs Ludwig II für die Widmung der 7. Sinfonie an ihn zu erlangen. Bruckner schreibt ihm im April 1885 und bedankt sich für seine diesbezüglichen Mühen. In dem Brief berichtet er auch über andere künstlerische Sorgen die ihn plagen.

Dieses Schreiben befindet sich in meiner Sammlung.

Autograph Brief Bruckners an Hermann Levi

Autograph Brief Bruckners an Hermann Levi

Der vier Seiten lange Brief ist autographisch hoch interessant und weist eine ganz selten vorkommende Besonderheit auf: er ist in zwei Schriften geschrieben, nämlich in Kurrent- und in Lateinschrift. Bruckner verwendet die Schriften, wie sie ihm in den Sinn kommen, oder wie sie ihm gerade aus der Feder fließen.

In meiner Sammlung findet sich noch ein Autograph von Bruckner:

Notenzitat Anton Bruckners, Beginn seiner 8. Sinfonie

Notenzitat Anton Bruckners, Beginn seiner 8. Sinfonie

Die Noten zeigen die Streichergruppe. Sie sind im Bassschlüssel notiert. Die hohen Noten im 1. Takt sind die Violinen, dann folgt ab dem 2. Takt das Thema, gespielt von den Bratschen, Celli und Kontrabässen.

In der gedruckten Partitur sieht die Stelle in der Streichergruppe so aus und lässt sich schön mit der Handschrift vergleichen.

Notenzitat Anton Bruckners, Beginn seiner 8. Sinfonie

Das Datum 23. Juni 1887 ist mit einem anderen Bleistift geschrieben, aber von der Hand Bruckners, was ich aus Vergleichen mit anderen Autographen aus dem Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien erkannt habe. Wahrscheinlich ist es zu einem späteren Zeitpunkt hinzugefügt worden. Bruckner vollendete die Niederschrift der Sinfonie am 3. Juli 1887, also wenige Tage nach Verfassung meines Autographen.

Da Hermann Levi nach Erhalt der Partitur heftige Kritik an dem Werk übte und Bruckner sehr viel von der Meinung dieses Dirigenten hielt (siehe Autograph oben), entschloss er sich zu einer Überarbeitung und erstellte eine 2. Fassung, die 1890 fertig war. Das Datum auf meinem Notenzitat weist das Blatt daher eindeutig der 1. Fassung zu.

Bruckner war ein frommer Mann, was ihn aber nicht hinderte, gutes Essen und guten Wein zu lieben. In seinen Kompositionen findet, im Gegensatz zu den Italienischen Opernkomponisten, der Wein wenig Platz. Neben seinen neun Sinfonien ist die sakrale Musik das bedeutendste Arbeitsfeld. Opern hat Bruckner keine geschrieben. Man muss lange in seinem Werkverzeichnis blättern, um ein Werk mit einem Weinbezug zu finden. Aber die Suche wird belohnt mit einem Lied für vierstimmigen Männerchor: „Vaterländisches Weinlied“:

Wer möchte nicht beim Rebensaft
Des Vaterlands gedenken?
Ein Lebehoch aus voller Kraft
Wollen wir ihm schenken!
Wie die Reben
Mög‘ sich’s heben
In dem Streben auf zum Licht!

Bruckner schrieb es für die Linzer „Liedertafel Frohsinn“ und dirigierte die Uraufführung selbst am 13. Januar 1868.

Der Text klingt für uns heute schwülstig. Er ist vom Österreichischen Dichter August Silberstein, der wegen seiner Teilnahme an der Revolution 1848 zwei Jahre lang eingesperrt wurde. Danach war er geläutert und verfasste keine aufrührerischen Schriften mehr. Er ist heute weitgehend vergessen. Einige Gedichte wurden von verschiedenen Komponisten vertont. Auch diese Lieder sind in Vergessenheit geraten.

Man kann das „Vaterländische Weinlied“ heute kaum noch in einer öffentlichen Aufführung hören. Vereine wie die „Liedertafel Frohsinn“ gibt es kaum mehr. Die Mitwirkung in einem Gesangsverein gehörte bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts zur Freizeitbeschäftigung des Bildungsbürgertums. Chorwerke und Motetten von Bruckner waren im Fundus dieser Vereine. Leider sind die Gesangsvereine aus unserer Kultur fast gänzlich verschwunden. Und damit bleibt auch der Zugang zu schönem und wertvollem Liedgut verwehrt.