Immer diese Deutschen

Ein kleiner Einblick in die Problematik des Sammelns von Autographen der Päpste

Das Sammeln von Autographen der Päpste gehört zu den schwierigen Aufgaben im Leben des Sammlers.
Das beginnt schon mit der Verfügbarkeit der Objekte.
Päpste führen in der Regel keine, oder nur eine sehr bescheidene Privatkorrespondenz. Sie unterzeichnen zwar eine Unmenge von offiziellen Schriftstücken, vergleichbar mit anderen Staatsoberhäuptern und Regierungschefs. Diese Schreiben verbleiben jedoch bei den Adressaten und werden dort mit mehr oder weniger gebührender Ehrfurcht behandelt. Ihr weiteres Schicksal ist der Dauerschlaf in einem Archiv des Empfängers. In den Handel gelangen diese Stücke nie.

Der Großteil der Schriftstücke mit apostolischem Inhalt ergeht an viele Adressaten. Richtete der Papst z.B. ein Schreiben an alle Kardinäle, so unterzeichnete er das Original mit eigener Hand. Von diesem wurden dann in den Schreibstuben des Vatikan eine entsprechende Anzahl von Abschriften hergestellt. Dem (ebenfalls abschriftlich) beigefügten Namen des Papstes wurden die Buchstaben m.p. angefügt. Dies ist die Abkürzung für das lateinische „manu propria“ , von eigener Hand. Manchmal wurden stattdessen auch die Buchstaben mppria verwendet. Diese Buchstabenkombination wurde sehr oft in kunstvoll verschnörkselter Form geschrieben. Das vom Papst unterfertigte Original wurde im Archiv des Vatikan aufbewahrt.

Der Empfänger eines solchen Schriftstücks mit den Buchstaben m.p. nach dem Namen, konnte sicher sein, dass er die Kopie eines Originalbriefes vom Papst in Händen hatte.

Was bedeutet das für den Autographensammler? Handelt es sich hier um einen Autographen? Soll so ein Stück, wenn es überhaupt in die Hände eines Sammlers kommt, in die Kollektion aufgenommen werden?

Am häufigsten sind im Handel andere päpstliche Schreiben zu finden. Es handelt sich dabei entweder um ein Breve, ein Motu proprio oder eine Bulle. Hier sind Kenntnisse in der Diplomatik (nicht zu verwechseln mit der Diplomatie) vonnöten. Die Diplomatik ist eine Historische Hilfswissenschaft und ist die Lehre von den Schriftstücken. Auf dem letzten AdA-Treffen in Berlin hat Prof. Eckart Henning einen hochinteressanten Vortrag über Historische Hilfswissenschaften gehalten und so manchem Zuhörer ist bewusst geworden, wie wichtig für einen Autographensammler Kenntnisse auf diesem Gebiet sind.

All diesen päpstlichen Schreiben ist eines gemeinsam: sie tragen keine Originalunterschrift des Papstes. Oft sind es prachtvolle Stücke die auf Autographenauktionen angeboten werden, wunderschöne Ausfertigungen, gut lesbare Schrift auf feinem Pergament mit gut erhaltenem Siegel. Für den an der Kirchengeschichte interessierten Sammler sicherlich begehrenswerte Objekte, von denen ich einige besitze. Aber als Autographen möchte ich sie nicht bezeichnen.

Der weitaus überwiegende Teil der sogenannten Papstautographen stammt aber nicht von Päpsten. Hier tricksen die Händler. Es ist eine Besonderheit der Päpste, dass sie in biographischen Notizen, in lexikographischen Eintragungen oder in Katalogen hinter ihrem Namen immer drei Jahreszahlen aufweisen. Jede andere historische Persönlichkeit, und sei sie noch so bedeutend, muss sich mit zwei Zahlen begnügen.

Beispiel: Kaiser Franz Josef von Österreich 1830-1916

Papst Leo XIII 1810, 1878, 1903

Die erste Zahl ist bei beiden das Geburtsjahr, die letzte das Todesjahr. Die zweite Zahl beim Papst ist das Jahr in dem er zum Papst gewählt wurde. Diese zweite Zahl ist für Autographensammler von größter Wichtigkeit.

Trägt das Schriftstück eine Jahreszahl vor der mittleren Zahl, so ist es kein Autograph von (in unserem Beispiel) Leo XIII, sondern von Vincenzo Gioacchino Pecci. Dies war sein bürgerlicher Name bis zum Tag, wo er im Konklave den Namen Leo XIII angenommen hatte. In welcher Funktion er das Schriftstück verfasst hat, bedarf einer gründlichen Beschäftigung mit seiner Biographie: war es als Aushilfskaplan in St. Pietro in prato (St. Peter in der Au), oder als Bischof oder schon als Kardinal.

Mir wurden von italienischen Händlern schon die kuriosesten Schriftstücke als Papstautographen angeboten. Den Vogel hat ein Neapolitanischer Buchhändler abgeschossen. Er behauptete, der Brief den er mir vorlegte, sei von Papst Pius XII. Die Unterschrift hätte man mit viel Phantasie noch als Pacelli (seinem bürgerlichen Namen) entziffern können, hätte aber auch Peselli oder Pasolli heißen können. Der Brief trug das Datum 1897.Einmal in einem im Laden aufliegenden Lexikon nachgeschlagen ergab, dass Pacelli in diesem Jahr noch gar nicht zum Priester geweiht war.

Ich musste den Neapolitaner enttäuschen. Für mich war das kein Autograph von Pius XII. Papst wurde er erst 42 Jahre später, nämlich 1939.

Die oben erwähnten Tricks der Händler sind grundsätzlich nicht bösartig. Sie entstehen eher aus der Notwendigkeit, die Ware so übersichtlich wie möglich zu präsentieren. Ein Händlerkatalog ist immer nach Namen geordnet. Würde nun hier stehen:

Pecci, Vincenzo Gioacchino, so könnte bei flüchtiger Durchsicht des Katalogs der Eintrag leicht übersehen werden. Die bürgerlichen Namen der Päpste sind ja nicht geläufig. Steht hingegen Leo XIII, so springt dieser Name ins Auge und man befasst sich mit dem Katalogtext.

Es ist also bei der Anschaffung von Papstautographen höchste Vorsicht geboten, oder um es mit Mephisto aus Goethes Faust auszudrücken: „Es liegt in ihr soviel verborgenes Gift“.

Ich bleibe beim Beispiel von oben. Franz Josef wurde mit 18 Jahren Kaiser und starb als 86jähriger. Alle Autographen die man von ihm erwerben kann, sind Schriftstücke aus Kaisers Hand. Was er als Jüngling schrieb ist unbedeutend. Bei Päpsten ist es genau umgekehrt. Immer werden zum Papst Herren im gesetzten Alter gewählt. Bis dahin haben sie viel geschrieben und es ist auch in Sammlerkreisen viel erhalten und in Umlauf. Manchmal sogar zu erschwinglichen Preisen. Alles was sie als Papst geschrieben haben, bleibt für den Sammler verschlossen.

Mit diesen Tatsachen lebte der Autographensammler bis zum 11.Februar 2013. An diesem Tag teilte Benedikt XVI der Welt seinen Rücktritt als Papst per 28.Februar mit.

Benedikt XVI

Benedikt XVI

Der Großteil der Leser wird sich an diese Zeit noch gut erinnern. Für die Sammler von Papstautographen war die Ankündigung ein Donnerschlag: Joseph Ratzinger führte eine vierte Jahreszahl bei den Lebensdaten von Päpsten ein, nämlich das Jahr des Rücktritts. An das hatte er sicherlich im Findungsprozess zu dieser schweren Entscheidung nicht gedacht. Wer seine Autographensammlung in Form einer Excel Tabelle aufgezeichnet hat, musste diese umbauen und die Spalte mit den Lebensdaten verbreitern, was nur auf Kosten einer Minimierung der anderen Spalten geschehen konnte.

Aber Josef Ratzinger hat nicht nur eine vierte Jahreszahl der Lebensdaten eingeführt, sondern auch einen neuen Autographentypus: Eigenhändige Schriftstücke geschrieben als emeritierter Papst. So etwas gab es bisher noch nie.

Sammler von Papstautographen sollten sich aber nicht zu früh freuen. Die letzte Periode wird nicht mehr sehr fruchtbar und voraussichtlich auch nicht von langer Dauer sein.

Wenn das Beispiel Benedikt XVI Schule macht und auch spätere Päpste vom Recht des vorzeitigen und freiwilligen Rücktritts Gebrauch machen werden, könnte sich folgende Kuriosität ergeben: tritt der Pontifex im Januar zurück und stirbt im Dezember des gleichen Jahres, würden sich seine lexikographischen Daten beispielsweise so darstellen:

Papst Ignaz IV (2112, 2179, 2191, 2191)

Die Autographenhändler werden in den nächsten paar hundert Jahren in den Katalogen angeben müssen, warum Benedikt XVI über vier Jahreszahlen verfügt, weil anzunehmen ist, dass das an Ereignissen relativ arme Pontifikat Benedikts bald in Vergessenheit geraten und sich niemand mehr an den Rücktritt des Papstes erinnern wird. Heraldiker werden dem widersprechen, weil Benedikt XVI als erster Papst in seinem Wappen die Tiara durch eine Bischofsmütze ersetzte (siehe Bild). Auch keine wirklich große Tat. Vielleicht aber bleibt das von ihm.

Schon einmal hat ein Deutscher wegen der Finanzierung des größten Gesamtkunstwerks der Menschheit, der Peterskirche in Rom, mit dem Verkauf von Ablässen viel Wind gemacht. Ein gewisser Luther setzte einen Markstein in der nachhaltigen Störung des Friedens in Rom. Autographen von seiner Hand werden heute im sechsstelligen Eurobereich gehandelt. Ob die Handschrift Benedikts für Sammler mit einem bürgerlichen Einkommen auch einmal so unerschwinglich werden wird, mag die Zukunft zeigen.

Aber es sind immer wieder diese Deutschen, die die gewohnte Ordnung stören.