Ablaßbrief

In meiner Autographensammlung findet sich ein Artefakt, von dem jeder schon einmal gehört hat: ein Ablaßbrief.
Autographisch gesehen handelt es sich um einen Einblattdruck mit handschriftlichen Eintragungen.

autograph mit ablassbrief

Ablaßbrief

Mein Exemplar ist vom 11. März 1513. Es gehört zu den ältesten Stücken in meiner Autographensammlung.

Ausgestellt wurde der Brief vom Dekan der Domkirche zu Konstanz für Herrn Sigismund Perckhoffer und dessen Ehefrau Afra und deren Tochter Barbara.

Eine Feuersbrunst zerstörte am 21.X.1511 das Münster. Der Dom musste wieder aufgebaut werden, was mit erheblichem finanziellen Aufwand verbunden war. Die Finanzierung erfolgte zum überwiegenden Teil über den Verkauf von Ablaßbriefen.

Ein Ablaß wird häufig als ein Akt des Nachlasses von Sünden gesehen. Das ist aber nicht richtig. Die Sünden werden in der Beichte durch Empfang des Bußsakramentes vergeben. Damit verbunden werden Strafen ausgesprochen, die der Sünder zu verbüßen hat. Je nach Schwere der Sünden wird vom Priester die Strafe bemessen. Das spannt sich von der Verrichtung mehrerer Gebete bis zu Arbeiten für gemeinnützige Zwecke oder Durchführung einer Pilgerfahrt. Im 15. Jhdt. kam als ganz wesentlich dazu, die Bezahlung eines Geldbetrages für den Bau einer Kirche. Mit dieser Geldspende war die Tilgung der auferlegten Strafe verbunden.

Dafür wurde ein Ablaßbrief ausgestellt.

Wie bei allen Einrichtungen, bei denen größere Mengen von Geld fließt, wurden von findigen Köpfen rasch Ausweitungen ge- und erfunden.

Ein wahrer Starverkäufer von Abläßen war der Dominikanermönch Johann Tetzel. Mit Hilfe seiner außergewöhnlichen Eloquenz gelang es ihm, weite Teile der Bevölkerung davon zu überzeugen, welch gute Werke man mit dem Kauf eines Ablasses errichten konnte.

Naheliegend war, für Verstorbene, von deren Seelen man annahm, dass sie im Fegefeuer Strafen abbüßten, um nach Beendigung der Buße in den Himmel aufgenommen zu werden, einen Ablaß zu erwerben und so die Zeit der Qualen abzukürzen. Tetzel spielte virtuos auf diesem Feld der Naivität. Er führte bei seinen Predigten, die ausschließlich den Verkauf von Ablässen zum Gegenstand hatten, eine eisenbeschlagene Kiste mit, auf der ein Teufel gemalt war, der die armen Sünder im Fegefeuer mit Lust quälte. Ein beigefügter Spruch:

Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt.

sollte die Zuhörer dazu animieren, Münzen in den Kasten zu werfen. Wie hoch der Mindestbetrag für solch einen Freikauf war, ist nicht überliefert.

Tetzel erfand auch, und weitete damit seinen Umsatz erheblich aus, den Kauf eines Ablaßes für Sünden, die man erst in Zukunft machen würde, also dass man quasi einen Ablaß für den Fall der Fälle auf der hohen Kante hatte.

Er sollte aber damit seinen Showdown erleben. Eines Tages kamen zwei Strolche, triefend vor Reue, mit zur Erde gebeugten Köpfen, die Gesichter in kummervolle Falten gelegt, und begehrten den Nachlass ihrer Sünden. Wissend, dass das Fleisch schwach sei, sollte Tetzel ihnen die Absolution auch für Sünden geben, die sie erst zu einem späteren Zeitpunkt möglicherweise begehen würden. Sie seien bereit, einen größeren als ortsüblich bezahlten Betrag springen zu lassen. Tetzel hatte für so viel Einsicht vollstes Verständnis und kam ihren Wünschen mit großer innerer Befriedigung entgegen.

Als der Prediger am Abend in sein kirchliches Quartier heimkehrte, lauerten ihm an einer unübersichtlichen Wegbiegung zwei maskierte Männer auf und raubten ihm die von einem Esel getragene prall gefüllte Kassa. Tetzel, die Übermacht der Gegner erkennend, landete einen Fluch nach dem anderen auf das Haupt jedes der beiden und drohte, als Höhepunkt seiner Philippika, mit den ewigen Strafen in der Hölle. Da lachten die beiden, zogen ihre Masken von den Köpfen und verwiesen auf den wenige Stunden zuvor erworbenen Ablaß.

Ob Tetzel diesen Vorfall zum Anlass nahm und von da ab vorsichtiger mit dem Verkauf von Ablässen umging, ist nicht bekannt.

Martin Luther wetterte gegen diesen Handel mit Ablässen. Die unverschämte Methodik eines Tetzel war schließlich mit ausschlaggebend für den Anschlag seiner 95 Thesen an die Kirchentüre von Wittenberg im Jahre 1517.

Woran Luther damals sicherlich nicht dachte war, dass er das genialste Finanzierungsmittel, das die Menschheit je hervorgebracht hatte, auf Nimmerwiedersehen zerstörte. Noch heute weinen Investoren diesem Instrument nach: keine Bonitätsprüfung, keine Eintragung ins Grundbuch, keine Zinsen, Rückzahlungen werden im Jenseits beglichen, Auszahlung des Geldes sofort und cash und keine Überprüfung auf Mittelherkunft und Geldwäsche.

Geblieben ist die Freude der Autographensammler.