Die Ermordung von Trajan Grosavescu

Obwohl er nur in Begleitung seiner Frau Nelly zu einem Spiel des Fußballklubs Rapid ging – Trajan Grosavescu kaufte immer vier Karten. Das hatte seinen Grund. Er liebte die ganze Mannschaft, aber den Linksaußen Wessely verehrte er fanatisch. Er konnte sich an seinen Kunststücken und Ballzaubereien nicht sattsehen. Damit ihm auch nichts davon entging, saß er immer auf der Seite, wo Wessely aufgestellt war. Darum musste er in der Halbzeitpause den Sitzplatz wechseln, wofür er zwei weitere Karten benötigte.

Grosavescu mit seiner Frau auf dem Rapidplatz

Grosavescu mit seiner Frau auf dem Rapidplatz

War er beruflich im Ausland unterwegs, musste ihm, auf seine Kosten, sofort nach Matchende telegraphisch das Ergebnis des Spieles mitgeteilt werden. War er aber in Wien und konnte das Spiel nicht besuchen, da er an diesem Abend in der Oper sang, war es die Aufgabe des Revisors Walchart, nach der Oper in seine Wohnung zu kommen und genau über alle Einzelheiten des Spiels zu berichten.

Der junge Tenor Trajan Grosavescu, Liebling des Wiener Opernpublikums, kam 1923 als 28-jähriger nach Wien und wurde sofort von Direktor Markowsky an die Volksoper engagiert. Nachdem er erfolgreich kleinere Rollen sang, wurde er ausgesucht, den Rudolf in der Boheme zu singen, womit er seine erste große Anerkennung in Wien errang.

Die Wiener Staatsoper wurde auf ihn aufmerksam und Direktor Franz Schalk gab ihm vorerst einen Gastvertrag, den er nach einem Jahr in ein Dauerengagement umwandelte. Ab diesem Zeitpunkt war Trajan Grosavescu Mitglied der Wiener Staatsoper.

Nun konnte seine Karriere beginnen.

Aber da gab es den Direktor Franz Schalk und der mochte Grosavescu nicht. Er setzte ihn immer nur als Zweitbesetzung an. Trotzdem eroberte sich der junge Sänger rasch die Wertschätzung des Publikums und die Anerkennung der Presse. Grosavescu wurde der beliebteste Einspringer des Hauses und glänzte in vielen lyrischen Partien.

Sein Durchbruch war die Premiere von Andre Chenier am 28. Januar 1926. Als Chenier war Piccaver angesetzt, der wenige Tage vor der Premiere absagen musste. Der aus Dresden herbeigeholte italienische Tenor Tino Pattiera wurde am Abend vor der Premiere von so einer heftigen Indisposition befallen, dass er ebenfalls absagen musste. Grosavescu lernte die Partie innerhalb von zwölf Stunden, probte die halbe Nacht, rettete nicht nur die Premiere, sondern feierte einen großen Triumph, der auch von der Presse neidlos anerkannt wurde.

Grosavescu hatte es nach dieser umjubelten Premiere satt, immer nur als Zweitbesetzung gehandelt zu werden. Er wandte sich in einem Schreiben an die Leitung der Bundestheater und ersuchte um Abstellung dieses Zustandes, was ihm auch vom Präsidenten Prüger zugesichert wurde. Geändert hat sich jedoch nichts.

Zwischenzeitlich gastierte Grosavescu in Berlin als Bajazzo.

Grosavescu als Bajazzo

Grosavescu als Bajazzo

Auch in Berlin wurde er rasch zum Liebling des Publikums. Von der Berliner Direktion wurde ihm ein Vertrag mit einer höheren Gage als er in Wien hatte, angeboten. Grosavescu erbat sich Bedenkzeit.

Am 10. September 1926 wurde er von Schalk gefragt, ob er den Cavaradossi in der Oper Tosca in italienischer Sprache singen könne. Er sei für die Vorstellung am 21. September als Erstbesetzung vorgesehen. Grosavescu erklärte, er beherrsche die Rolle in Italienisch nicht, sei aber bereit, sie sofort zu studieren, was er auch tat.

Schon am 16. verständigte er die Direktion, dass er mit dem Studium fertig sei. Am 17. probte er unter der Leitung von Schalk den Kalaf in Turandot, wo er aber wieder nur als Zweitbesetzung angesetzt war. Schalk erwähnte mit keinem Wort die bevorstehende Tosca Aufführung.

Am 18. erfuhr Grosavescu aus der Zeitung, dass Jan Kiepura am 21. den Cavaradossi singen werde. Diese Mitteilung traf ihn ins Mark. Wer ist Kiepura? Man munkelte zwar in Künstlerkreisen viel von diesem jungen Polen, aber dass er, Grosavescu, wieder ins zweite Glied treten musste, um einen Debutanten Platz zu machen, dass war zuviel. Er sagte der Staatsoper in Berlin für die kommende Saison zu und kündigte seinen Vertrag mit der Wiener Oper mit Ende der Saison 1926 / 1927.

Sein Agent Lauterstein riet ihm darüber hinaus noch, die Wiener Oper auf Schadenersatz zu klagen, was er auch tat. Er wollte 3.100 Schilling als Entschädigung für die entgangene Gage für den 21. September, für die Entlohnung des Korrepetitors und für die Mühe des Rollenstudiums.

Das Gewerbegericht sprach ihm allerdings nur 2.000 Schilling als Ersatz für die Kosten des Korrepetitors zu. Wenigstens ein kleiner Trost.

Kaum hatte er Berlin zugesagt, kam auch schon die Anfrage, ob er nicht schon ab Mitte Februar auf ein einmonatiges Gastspiel an die Spree kommen könne. Grosavescu eilte in die Direktion zu Schalk und erbat sich einen Urlaub. Der Direktor war froh, diesen Störenfried und Jammerer auf einige Wochen los zu sein und gewährte den Urlaub.

Die Abreise nach Berlin sollte am 15. Februar stattfinden.

Grosavescu freute sich besonders darauf. Der künstlerischen Anerkennung in Berlin war er sich gewiss und in seiner Ehe hing der Haussegen in diesen Tagen besonders schief. Ein Tapetenwechsel würde ihm gut tun.

Seine Frau Nelly hatte am 12. Januar eine Fehlgeburt, von der sie sich psychisch nur langsam erholte. Der Kunst der Ärzte im Sanatorium verdankte sie ihr Leben, das des Kindes war aber nicht zu retten. Sie verließ die Klinik entgegen dem Rat der Ärzte bereits nach fünf Tagen.

Nelly war am Anfang ihrer Ehe eine liebende Frau, war jedoch damals schon eifersüchtig. Diese schlimme Leidenschaft nahm im Laufe der Jahre extreme Formen an. Sie war das Kind des angesehenen Wiener Stadtrates Kövesdy und wurde im Jahre 1896 geboren und war somit um ein Jahr jünger als Grosavescu. In erster Ehe war sie mit dem rumänischen Leutnant Caltun verheiratet, der in der k.u.k. Armee diente und mit dem sie eine Tochter hatte.

Auf einer gesellschaftlichen Veranstaltung der rumänischen Botschaft lernte sie den jungen, eben nach Wien gekommenen rumänischen Tenor Trajan Grosavescu kennen und verliebte sich in ihn. Sie besuchte alle Vorstellungen in denen er sang und sagte ihrem Mann rundheraus, dass sie sich von ihm scheiden lassen wolle, um Grosavescu heiraten zu können. Die Tochter solle bei ihr bleiben.

Es dauerte einige Zeit bis Caltun zustimmte.

Lauterstein, Grosavescus Impresario, riet dem Sänger dringend von einer Heirat ab. Er führte Gründe an, die der Tenor aber nicht verstand oder nicht verstehen wollte. Heiraten sei für einen Tenor, so Lauterstein, das größte Verbrechen, das ein Tenor an seiner Karriere verüben konnte. Ein Tenor musste frei sein, auf Haus und Hof verzichten, um nur seine künstlerischen Neigungen nachgehen zu können. Es genügt doch ohnehin wenn ein, zwei malerische hohe Töne dem Gehege seiner Zähne entweichen und, weit hinausstrahlend in die Herzen der Frauenwelt eindringen. Da müsse man nicht gleich heiraten. Und schon gar nicht eine Frau, die sich wegen ihm von einem Anderen scheiden hat lassen.

Grosavescu hörte nicht auf ihn und beging das Verbrechen an seiner Karriere. Er heiratete Nelly.

Nach der Hochzeit bezog das Paar eine Wohnung in der Lerchenfelderstrasse.

Bald stellte sich heraus, dass Nelly eifersüchtig war. Anfangs konnte sie das noch verbergen, doch je größer Trajans Ruhm wurde, umso größer wurde ihre Eifersucht. Sie ging in jede Vorstellung in der er auftrat und erwartete ihn nach der Aufführung beim Bühnenausgang. Dort warteten aber auch unzählige Autogrammjägerinnen auf ihn. Ein Rollenphoto in der Hand, ein schmachtender Blick, eine hingehauchte Bitte um ein Autogramm, und Nelly wurde schon misstrauisch.

Grosavescu als Cavaradossi

Grosavescu als Cavaradossi

Grosavescu genoss diese Stunde nach der Vorstellung. Ein Scherzwort da, ein Dankeschön dort, ein längerer Blickkontakt mit einer jungen Schönen, das genügte bereits, um Nellys Misstrauen in Eifersucht zu steigern.

Oft gab es dann am Weg nach Hause eine Szene, aber Trajan war eben ein Tenor! Er wollte von Nelly viel lieber hören, wie er denn heute Abend gewesen sei und wie die B´s und C´s über die Rampe gekommen seien. Er versicherte ihr seine ungebrochene Liebe und man versöhnte sich rasch wieder.

Das junge Glück wurde mit der Geburt eines Kindes beschenkt. Das Mädchen wurde auf den Namen Pia getauft.

Nellys Eifersucht wurde immer größer. Sie fürchtete um die Liebe ihres Mannes und um ihr Glück. Sie versuchte sich unentbehrlich zu machen, begleitete ihn zu den Proben in die Oper, zu den Gesangstunden bei seinem Lehrer und mischte sich überall ein, wo sie meinte, dass sie auch dort unentbehrlich sei.

Und dann tat sie das Schlimmste, was eine Frau tun kann, wenn sie ihr Glück schwinden sieht: sie lässt den Mann fühlen, dass er ein Gefangener ist, überwacht ihn auf Schritt und Tritt, ruft in der Oper an, wann die Probe aus gewesen sei, rechnet nach, wie lange er für den Heimweg braucht und verwendet sogar seinen Agenten Lauterstein als Detektiv und Überwacher. Sie entdeckt Lücken im Tagesablauf Trajans. Da kann nur eine andere Frau dahinter sein.

Eine Verdachtsperson ist schnell ausfindig gemacht, die Frau des Universitätsprofessors Stransky. Nelly muss feststellen, dass Trajan sie belügt. Er sagte, in der Probe gewesen zu sein, obwohl gar keine stattgefunden hatte. Ihr Misstrauen wächst ins Unermessliche.

Sie wird wieder schwanger. Im Januar 1927 traten Komplikationen auf und Nelly musste ins Krankenhaus. Trajan besuchte sie, versicherte sie seiner Liebe und zum Beweis teilte er ihr mit, dass er sich einen Browning Revolver gekauft habe, mit dem er sich „etwas antun“ werde, sollte sie an den aufgetretenen Komplikationen sterben.

Am 12. Januar hatte sie eine Totgeburt und schwebte selbst in Lebensgefahr. Grosavescu besuchte sie, klagte über Kopfschmerzen und wollte nach Hause gehen. Sie ließ zu Hause anrufen und erfuhr, dass er nicht heimgekommen war. Am nächsten Tag sagte er ihr, er sei bis ein Uhr nachts im Cafe Opera gesessen und habe Zeitungen gelesen.

Kurz darauf kam Professor Stransky auf Besuch und erzähle Nelly, dass ihr Mann den gestrigen Abend und die Nacht in seinem, Stranskys Hause, sehr animiert verbracht hätte.

Stransky, zu Hause, Frau Stransky, die ganze Nacht, sehr animiert: das genügte für den Beschluss Nellys, das Krankenhaus sofort zu verlassen. Entgegen den Rat der Ärzte ließ sie sich nach Hause bringen.

Sie engagierte einen Privatdetektiv und ließ Trajan überwachen. Dass der Kundschafter nichts herausfand beruhigte sie jedoch nicht, sondern steigerte ihr Misstrauen noch mehr. Sie war davon überzeugt, Trajan und Frau Stransky haben ein gut getarntes Verhältnis.

Das Berlingastspiel im Februar rückte immer näher. Grosavescu bat seine auf Besuch weilende Schwester Olga, ihm ein Ersteklasseticket nach Berlin zu kaufen.

Am 14. Februar sang er in Wien seine letzte Vorstellung vor seinem Berlinurlaub. Es war der Herzog in Rigoletto.

Grosavescu als Herzog in Rigoletto

Grosavescu als Herzog in Rigoletto

Nelly sah im Foyer Frau Stransky und erwiderte ihren Gruß nicht. In der Pause ging sie in die Garderobe von Trajan. Der wusste bereits vom nicht erwiderten Gruß im Foyer.

Nun wurde alles für Nelly zur Gewissheit. Sie bilde sich dieses Verhältnis nicht ein, sie ist nicht eifersüchtig, sondern zu Recht misstrauisch und empört. Es gibt eine Verbindung zwischen Trajan und der Stransky.

Am nächsten Morgen suchte Grosavescu noch seinen Impresario Lauterstein auf, um mit ihm Einzelheiten des Gastspiels in Berlin zu besprechen. Trajans Abwesenheit nütze Nelly dazu, ihre Schwägerin Olga zu bitten, am Bahnhof das Ersteklasseticket in zwei Fahrscheine zweiter Klasse umzutauschen, da ihr Bruder sie ersucht habe, nach Berlin mitzufahren. Die Reise sei mit dem Nachtschnellzug geplant und es sei noch genügend Zeit zum Packen.

Grosavescu kam am frühen Nachmittag nach Hause. Die Koffer waren gepackt. Er wollte noch etwas nachsehen, öffnete einen Koffer und – fand die Kleider von Nelly.

Was die in dem Koffer zu suchen hätten?

„Da ich mit nach Berlin fahre, brauche ich doch etwas zum Anziehen.“

„Du fährst nicht mit nach Berlin.“

„Nur weil die Stransky mitfährt und du endlich mit der Stransky allein sein willst.“

„Die Stransky fährt nicht mit!“

Der Streit eskalierte. Ein Wort gab das andere. Grosavescu öffnete alle Koffer und warf alles von Nelly heraus. Nelly legte es wieder zusammen und packte es wieder ein. Das wiederholte sich zweimal.

Die Auseinandersetzung wurde immer lauter. Die anwesende Olga versuchte zu beruhigen und zu schlichten. Grosavescu war wütend und ging mit gesenktem Kopf auf Nelly zu. Diese lief ihm davon. Eine Verfolgungsjagd mit mehrmaliger Umkreisung des Schreibtisches folgte. Trajan erhaschte sie am Arm und drängte sie ins Nebenzimmer ab.

In diesem Augenblick krachte ein Schuss, der Grosavescu in den Hinterkopf traf.

Er war auf der Stelle tot.

Olga versuchte telephonisch die Rettung zu verständigen, bekam aber keine Verbindung. Sie lief um einen Arzt, der aber nur mehr den Tod feststellen konnte.

Das Personal benachrichtigte die Polizei, die nach kurzer Zeit mit einer hochkarätigen Kommission erschien und die Untersuchung aufnahm. Nelly war nicht ansprechbar. Sie saß regungslos im Zimmer, die Leiche Grosavescus zu ihren Füßen und starrte mit einem toten Blick ins Leere. Ein Kriminalbeamter rüttelte sie an den Schultern und fragte, was hier passiert sei. Sie wiederholte immer nur tonlos die Worte: „Ich habe ihn erschossen“. Die Tatwaffe lag am Boden.

Die Nachricht von der Ermordung Grosavescus verbreitet sich wie ein Lauffeuer durch Wien. Bereits in den Abendstunden versammeln sich hunderte Operfreunde vor dem Haus in der Lerchenfelderstrasse. Alle Zeitungen berichten darüber in Schlagzeilen auf der ersten Seite. Wann hat es denn so eine Meldung zuletzt gegeben? Hat es überhaupt schon so etwas in Wien gegeben? Ermordung eines Opernsängers, eines Tenors, eines Lieblings der Wiener!

Nachrufe erscheinen. Der erste Mann der Zweitbesetzung wird zum Star hochgejubelt. Nur wenige Blätter bleiben bei dem, was Grosavescu wirklich war: ein sehr begabter Nachwuchssänger mit einem prächtigen Stimmmaterial und einer großen Zukunft, mitten in der Entwicklung seiner stimmlichen Möglichkeiten stehend, der sich bereits einige Rollen bis zur Perfektion angeeignet hatte, aber doch erst über ein relativ kleines Repertoire verfügte.

In der Oper fand in Anwesenheit sämtlicher Mitglieder des Hauses eine interne Trauerfeier statt. Die Bühne war schwarz ausgeschlagen, im Hintergrund erhob sich ein vierstufiges Podium, das in eine goldene Tür mündete, die den Eingang in den Hades symbolisierte. An beiden Seiten standen sechs Kandelaber, die die Bühne matt erleuchteten.

Nach einer Gedenkansprache von Kammersänger Wiedemann erloschen die Lichter und die Bühne blieb in einem weihevollen Dunkel. Ein Chor aus „Orpheus und Eurydike“ beschloss die Feierstunde.

Am Nachmittag wurde der Sarg in einer feierlichen Prozession vom gerichtsmedizinischen Institut in die Oper geleitet, wo er von den Mitgliedern der Staatsoper erwartet wurde. Die Leiche Grosavescus wurde dann am Fuße der Prunkstiege aufgebahrt und der Öffentlichkeit die Möglichkeit zum Abschied gegeben.

Grosavescu auf der Totenbahre

Grosavescu auf der Totenbahre

Poetische Journalisten knüpften Zusammenhänge zwischen seiner letzten Vorstellung, den Herzog im Rigoletto, und der Ermordung durch eine Frau:

„Ach wie so trügerisch, sind Weiberherzen,
Mögen sie lachen, mögen sie scherzen“

Das verkaufte sich gut. Überhaupt ein Mord in dieser gehobenen Gesellschaftsschicht! Dazu kam die Würze einer eifersüchtigen Ehefrau als Täterin. Die Zeitungsauflagen stiegen.

In der „Wiener Sonn- und Montagszeitung“ veröffentlichte ein anderer Tenorliebling der Wiener, Alfred Piccaver, einen pathetischen Nachruf:

Armer Freund Grosavescu.

Mit durchschossener Schläfe ruhst du nun im Grabe. Mitten im Aufstieg zu den höchsten Höhen des Künstlertums begriffen, in der vollen Blüte deiner jungen Jahre, musstest du das Leben lassen, an dem du so innig mit allen Fasern deiner dankbaren Seele hingst. Aus der Hand einer Frau, die dich liebte, hast du den Tod empfangen. Und wieder einmal triumphiert die grausame Wahrheit, die Oskar Wilde verkündete: Denn jeder tötet, was er liebt.

Um Liebe zu werben, ist aber das Schicksal, das Los, das Verhängnis, die selbstverständliche Bestimmung der Tenöre. Wie häufig werden wir gerade deswegen so durchaus falsch beurteilt!

……….

Unsere Kunst hört auf, Kunst zu sein, wenn sie nicht den Weg zum Herzen findet. Und geheimnisvoll, rätselhaft wie das Leben selbst und wie die Kunst, ist ja auch das menschliche Herz, besonders das Frauenherz, das Tenören so wild, so stürmisch, so hingebungsvoll entgegenpocht. Denn hart neben der Liebe steht der Haß, neben dem Leben der Tod.

……….

Dein Leben war jubelnder Aufschwung und berauschendes Märchen, dein Tod eine jener wilden Grausamkeiten der Wirklichkeit, die uns lehren, wie unergründlich die Rätsel der menschlichen Seele sind.

Der Tod Grosavescus wird auf Wienerisch zelebriert. Alles was gut und teuer ist wird eingesetzt. Kein Wort von Rollenneid, keine Häme über verpatzte Arien, keine Erwähnung über Unkollegialitäten. Der Tote war der beste und edelste Mensch den man sich nur vorstellen kann. Und nie ist ihm ein hohes C misslungen.

Aber nicht nur die Opernfreunde sind schockiert. Auf dem Rapidplatz, der Hohen Warte, dem Sportplatz der Vienna, und auf dem Sportklubplatz in Dornbach werden schwarze Fahnen gehisst.

Der Kreis der an dem Fall Interessierten wird größer. Die Auflagen der Zeitungen bleiben hoch.

Die Geschichte musste weitergekocht werden. Neuigkeiten waren gefragt. Die Leser waren hungrig, ja gierig danach.

Wie war es denn um die Ehe der Grosavescus bestellt und vor allem, wer ist Frau Nelly Grosavescu?

Da war aber nicht viel zu holen. Nelly Grosavescu war in Haft und wartete auf ihren Prozess. Hier war nichts in Erfahrung zu bringen. Der Vater der Mörderin, Stadtrat Kövesdy verbat sich jedes Interview ebenso wie die Augenzeugin des Mordes selbst, Frau Olga Grosavescu.

Das Dienstpersonal berichtete zwar von häufigen Eifersuchtsszenen und Streitereien, woraus sich jedoch keine wirklichen Schlagzeilen machen ließen.

Aber da gab es ja noch eine erste Ehe mit einem rumänischen Offizier namens Caltun. Der lebte irgendwo in Rumänien und war vorerst unauffindbar. Auch keine verfolgenswerte Spur.

Aus dem Ausland kamen nur spärliche Meldungen. Die rumänische Königin übernahm die Patenschaft über das Kind Pia, die Heimatgemeinde Grosavescus übernahm die Kosten der Überführung der Leiche in seinen Geburtsort Lugos und sicherte ein feierliches Begräbnis in einem Ehrengrabe zu.

Endlich fand eine Zeitung heraus, dass Grosavescu eine Lebensversicherung bei der Versicherungsgesellschaft Phönix über 10.000.- Dollar abgeschlossen und seine Frau Nelly als Begünstigte eingesetzt hatte. Das Thema wurde breitgetreten. Das bisher gehandelte Mordmotiv, die rasende Eifersucht einer Ehefrau, wurde um Spekulationen über einen finanziellen Hintergrund der Tat erweitert. Das heizte die Stimmung wieder an. Sollte die begnadete Stimme, die Stimme eines Tenors, eines Lieblings des Wiener Opernpublikums, wegen der Geldgier eines Weibes für immer zum Verstummen gebracht worden sein?

Die Anhänger des Fußballklubs Rapid empörten sich. Sollte das wahr sein, wäre es einem Anschlag gegen den Fußballsport als solchen gleichzusetzen.

Rechtsanwälte wurden befragt wie das denn sei, wenn eine Mörderin die Begünstigte einer Lebensversicherung des von ihr Ermordeten sei. Die unterschiedlichsten Rechtsmeinungen wurden kundgetan und in den verschiedenen Blättern veröffentlicht. Das Strafrecht müsse vom Zivilrecht getrennt werden. Die Zusprechung der Versicherung habe mit dem Urteil des Strafgerichts nichts zu tun. Andere meinten genau das Gegenteil. Mit dem Mord sei der Anspruch der Mörderin auf die Versicherungssumme verwirkt, da der Tod desjenigen, auf dessen Leben die Versicherung genommen ist, durch eine widerrechtliche Handlung des Begünstigten vorsätzlich herbeigeführt worden sei.

Es wurden Szenen ausgemalt, mit einer im Kerker bei Wasser und Brot schmachtenden Frau und einem fetten, durch Zins und Zinseszins sich aufblähenden Bankkontos in der Schweiz. Ratschläge wurden der Mörderin gegeben. Sie möge doch an das arme Kind Pia denken, an Grosavescus Kind, und auf die Versicherung zu Gunsten des Kindes verzichten. Denn eines Tages würde doch das Kind das Geld erben, denn im Gefängnis hätte sie keinen Zugriff darauf und könnte es auch nicht verwenden. Anwälte rieten, eine Verzichtserklärung schon vor dem Prozess abzugeben, da hätte die Versicherungsgesellschaft später keine Möglichkeit, sich auf das Urteil zu berufen und nicht auszuzahlen.

Ein Versicherungsfachmann erklärte dies alles für falsch. Die Versicherungsprämie muss jetzt ausbezahlt werden, denn Grosavescu ist ja tot. Sie gehört der Verlassenschaft. Auf diese haben die gesetzlichen Erben, mit Ausschluss der Mörderin, Anspruch.

Doch es kam alles ganz ganz anders.

Nelly Grosavescu war in Untersuchungshaft. Ihre Nerven waren jedoch so zerrüttet, dass sie in das Inquisitenspital gebracht werden musste. Ihr Vater sorgte dafür, dass sie von namhaften Kapazitäten behandelt wurde.

Nachdem sich die Aufregungen nach einigen Tagen gelegt hatten und in den Zeitungen um die Lebensversicherung gestritten wurde – manche Blätter führten die Diskussion so, als ob es um ihr eigenes Geld ginge – begann sich Stadtrat Kövesdy Gedanken über die Verteidigung seiner Tochter zu machen.

Rechtsanwalt Regierungsrat Dr. Heinrich Steger war sein erster Gedanke. Er sprach mit Freunden, was sie wohl davon hielten, Steger mit der Verteidigung zu betreuen. Dies sei grundsätzlich eine gute Idee wurde ihm bedeutet, aber Steger sei bereits sehr alt und trage sich mit dem Gedanken aufzuhören und seine Tage fernab von Gerichtssälen zu verbringen. Aber er solle zumindest mit ihm sprechen.

Kövesdy suchte Steger in seiner Kanzlei auf.

Steger brauche man nichts von dem Fall zu erzählen. Er lese täglich mehrere Zeitungen und sei ausreichend informiert. Wenn bereits jetzt soviel Aufheben um den Mord gemacht werde, wie wird es dann erst im Prozess zugehen.

Stegers Augen wirkten müde.

Das wird ja ein Sensationsprozess werden, sinnierte er. Nicht nur die österreichischen Zeitungen werden darüber schreiben, auch die Berliner Blätter werden Korrespondenten nach Wien senden und darüber berichten, sind doch die Berliner um das Gastspiel Grosavescus betrogen worden und sie haben sich schon so darauf gefreut.

Stegers Augen erfüllte ein sonderbarer Glanz.

Nach einigen Fragen über die Persönlichkeitsstruktur seiner Tochter und dem Hinweis, dass er schon ein alter Mann sei, lehnte er sich in seinen hohen Ledersessel zurück und sah Kövesdy mit einem langen Blick schweigend an. Diesem war es, als ob plötzlich ein Feuerstrahl aus den Augen Stegers drang und in der Tat, Steger stand plötzlich abrupt auf, fast wäre der Lederstuhl umgefallen und sagte zu Kövesdy:

„Der alte Steger steigt noch einmal in die Arena. Ich übernehme die Verteidigung ihrer Tochter.“

Die Honorarfrage wurde kurz abgehandelt und Kövesdy mit den Worten, wenn er etwas brauche, werde er es ihm wissen lassen, verabschiedet.

Am nächsten Tag betrat ein hochgewachsener Greis, grauer Oberlippenbart und kahlköpfig, nur am Hinterkopf formten die wenigen Haare ein wegstehendes Büschel, das Krankenzimmer der Nelly Grosavescu. Er stellte sich als ihr Anwalt Dr. Heinrich Steger vor, nahm auf einem Stuhl Platz und begann mit ihr zu sprechen. Nach zwei Stunden empfahl er sich und kündigte für den nächsten Tag einen weiteren Besuch an.

So ging es wochenlang. Steger kam fast täglich ins Spital, blieb manchmal länger, manchmal nur wenige Minuten, aber er war immer präsent. Seine Persönlichkeit umhüllte Nelly, schirmte sie ab, sie hatte sogar manchmal das Gefühl, von Steger eingeschnürt zu werden.

Das Gericht setzte den Prozessbeginn auf den 22. Juni 1927 fest.

Wenige Tage vor dem Prozess hatte Wien eine andere Sensation, und der bevorstehende Prozessbeginn Grosavescu wurde in den Zeitungen zwar erwähnt, blieb aber eher eine Randbemerkung.

Das Jahr 1927 war das Jahr der Atlantiküberquerungen. Die neuen Aeroplane verlockten wagemutige Männer, den Ozean von Amerika nach Europa zu überqueren. Viele flogen drüben ab, wenige kamen in Europa an. Charles Lindbergh flog als erster Mensch ganz alleine am 27. Mai 1927 von Amerika nach Paris. Er wurde wie ein König empfangen. Das war eine Sensation! Ganz Paris, ja ganz Europa sprach von nichts anderem. Bei seiner Rückkehr in New York wurde ihm ein Empfang bereitet, den vor ihm noch kein Mensch erlebt hatte. Der Konfettiregen in der 5th Avenue verdunkelte die Sonne.

Die Zeit war reif, die Rekordjagd war eröffnet. Bereits am 7. Juni flogen die beiden amerikanischen Piloten Chamberlin und Levine von Amerika nach Deutschland. Ihre Flugstrecke betrug 500 km mehr als jene von Lindbergh. Sie wollten ursprünglich in Berlin landen, mussten jedoch in Eisleben wegen Treibstoffmangels eine Notlandung vornehmen, tankten auf, verflogen sich, landeten in Cottbus um von hier aus direkt nach Berlin zu fliegen. Nach einem glanzvollen Empfang auf dem Flugfeld Tempelhof verkündeten sie, Wien einen Besuch machen zu wollen

Die Wiener gerieten aus dem Häuschen und bereiteten sich entsprechend vor. Atlantikflieger waren 1927 die größten Helden der Welt. Und solche sollten die Wiener zu Gesicht bekommen.

Die Polizei erwartete zwei bis dreihunderttausend Menschen zum Empfang auf dem Asperner Flugfeld. Entsprechend waren die Schutzmaßnahmen. Einfallsreiche Geschäftsleute erzeugten Chamberlinschnitten, saure Chemberlindrops, Chamberlinkaramellen, ja sogar ein Chamberlinbier wurde gebraut, das sich aber im Geschmack nicht vom herkömmlichen Gerstensaft unterschied.

Der Empfang bekam einen kräftigen Dämpfer, da der Wienbesuch um eine Woche verschoben wurde. Da war die Begeisterung der Wiener schon abgeflaut und es kamen nur etwa tausend Menschen am 19. Juni nach Aspern. Die Chamberlinschnitten und die Chamberlindrops wurden noch nach Wochen auf den Fußballplätzen angeboten.

Chamberlin steuerte das Flugzeug mit dem die beiden den Atlantik überquert hatten. In einem zweiten Apparat kamen die Gattinnen der Helden. Gewohnt wurde auf Staatskosten im Imperial, es folgten Empfänge beim Bundespräsidenten, beim Kanzler, die ganze Regierung gab sich die Ehre, kurz, es war des Feierns kein Ende.

Am 22. Juni begann der Prozess Grosavescu.

Er war ein gesellschaftliches Ereignis. Der Andrang in den Verhandlungssaal war so groß, dass Eintrittskarten ausgegeben werden mussten. Diese wurden schon einige Wochen vorher aufgelegt und was in Wien Rang und Namen hatte, sicherte sich ein Billett durch Einschaltung aller nur denkbaren Beziehungen.

Es fiel auf, dass fast nur Damen auf den Zuhörerbänken saßen. Für die Herren war der Prozessausgang ohnehin klar. Eine Gattenmörderin stand vor Gericht. Ein Prozess wie er mehrmals im Jahr stattfand. Was sollte daran schon sensationell sein. Nur weil der Ermordete ein Tenor war?

Die Damen sahen das anders. Ihr Liebling wurde von einer Bestie gemeuchelt. Nie mehr wird Gold aus seiner Kehle quellen. Diese Zukunft, die Grosavescu bevorstand, man hatte es ja in den Zeitungen gelesen, sie wird nicht stattfinden. Jetzt wollten sie an dem wahren Schauspiel teilnehmen, an dem Schauspiel das das Leben schrieb und das ihnen eine kleine Entschädigung für die entgangenen Bühnenabende geben sollte.

Kurz vor zehn Uhr wird Nelly Grosavescu in den Gerichtssaal geführt. Ihre Erscheinung löst Beklommenheit bei den Zuhörern aus. Das soll die Frau sein, die vor vier Jahren die Auserwählte eines Tenors der Wiener Oper war, diese gealterte Gestalt mit den harten Zügen und der scharfen Nase? Ein einfaches schwarzes Seidenkleid unterstreicht ihre Verhärmtheit. In der Hand trägt sie einen weißen Polster, den sie auf den Stuhl legt, den man ihr zugewiesen hatte. Ihr Verteidiger Dr. Steger nickt ihr zu.

Nelly Grosavescu mit ihrem Verteidiger Dr. Steger im Gerichtssaal

Nelly Grosavescu mit ihrem Verteidiger Dr. Steger im Gerichtssaal

Das Gericht erscheint. Den Vorsitz hat der Vizepräsident des Landesgerichts 1 Dr. Friedrich Aichinger, die Anklage vertritt Erster Staatsanwalt Dr. Tuppy.

Vorsitzender Dr. Aichinger

Vorsitzender Dr. Aichinger

Bereits vorher hatte die Auslosung der zwölf Geschworenen und der Ersatzmänner stattgefunden. Keine einzige Frau ist darunter.

Die Geschworenenbank

Die Geschworenenbank

Die Verhandlung beginnt mit einem heftigen Formalstreit. Der Vorsitzende erklärt, dass sich namens des Kindes und der Mutter des erschossenen Sängers Rechtsanwalt Dr. Preminger dem Verfahren anschließt. Dr. Steger wendet sich gegen die Zulassung Premingers als Vertreter des Kindes. Frau Nelly Grosavescu habe klipp und klar erklärt, dass sie ohne Rücksicht auf den Ausgang des Prozesses auf die Erbschaft und insbesondere auf die in dieser Erbschaft befindliche Versicherungspolizze verzichte, weil sie wolle, dass alles ihrem Kinde zufalle. Er verwies auf das entsprechende Schriftstück im Akt.

Auch aus moralischen Gründen sei Preminger nicht zuzulassen, denn es hat sich bei Nelly das Gefühl der Erbitterung darüber ausgebildet, dass ihr minderjähriges Kind von der Vormundschaft geradezu missbraucht wurde, indem diese einen Vertreter in den Gerichtssaal entsendet, der gegen die Mutter auftritt.

Der Gerichtshof hat kein Verständnis für das „Gefühl der Erbitterung“ der Angeklagten und beschließt, im Namen der Republik, die Zulassung Dr. Premingers.

Steger erleidet seine erste Niederlage.

Verteidiger Dr. Steger

Verteidiger Dr. Steger

Aber schon sein zweiter Antrag wird genehmigt. Auf Grund des schonungsbedürftigen Gesundheitszustandes der Angeklagten – so die Worte Stegers – gestattet der Vorsitzende, dass sie sich sitzend verantworten dürfe.

Nach Verlesung der Anklageschrift beginnt die Vernehmung der Angeklagten. Die routinemäßigen Fragen nach den Personalien beantwortet sie so leise, dass sie der Vorsitzende auffordert, lauter zu sprechen.

Auf die Frage, ob sie sich schuldig bekenne, entwickelt sich folgender Dialog:

„Nein, nicht schuldig, in keiner Richtung“, mit energischer Stimme vorgetragen.

„Auch die Tatsache, dass Grosavescu mit einem Schuss getötet wurde, geben Sie nicht zu?“

„Das kann möglich sein, aber ich weiß es nicht“

Die weiteren Fragen nach ihrer Jugend, Schulzeit und ihrer ersten Ehe beantwortet Nelly Grosavescu mit leiser und matter Stimme. Als der Vorsitzende auf die Zeit zu sprechen kam, als sie Grosavescu kennenlernte und die Frage stellte, ob das Verhältnis zu ihm ein intimes geworden sei, braust die Angeklagte heftig auf und ruft mit lauter Stimme, dass sie mit ihrem zweiten Mann kein Verhältnis vor der Ehe gehabt habe:

„Dies ist eine Unverschämtheit der Anklageschrift und ich verwahre mich dagegen“.

Der Vorsitzende sucht sie zu beruhigen, er hätte es ja nicht so gemeint.

„Es kann kein Mensch auf der Welt behaupten, dass ich ein Verhältnis mit meinem zweiten Mann gehabt habe. Auch der Herr nicht, der die Anklage verfasst hat“.

„Ich habe das Wort nicht so gemeint.“

„In der Anklage steht es aber ganz eindeutig.“

Nelly Grosavescu beruhigt sich wieder.

Nun kommen die Fragen zur Ehe mit Grosavescu.

„Wie hat sich ihre Ehe mit Grosavescu gestaltet?“

Nelly beginnt zu weinen, zu schluchzen, verlangt ein Glas Wasser, wischt sich den Schweiß von der Stirne und beruhigt sich erst nach längerer Zeit. Der Vorsitzende wartet schweigend.

Zögernd und leise beginnt Nelly von ihrer Ehe zu sprechen. Es war eine Liebesheirat. Sie hatte Mitleid mit Grosavescu wegen seines Schicksals im Krieg. Er war der Spionage verdächtigt und war neun Monate in Haft. Vom Charakter war er der typische Balkanmensch. Leidenschaftlich mit einem ausgeprägten Hang zum Trinken und Kartenspielen.

Ein Raunen geht durch die Reihen der Zuhörerinnen. Von dieser Seite haben sie ihren Trajan nie gesehen.

Der Vorsitzende ermahnt die Angeklagte, dass sie zwar das Recht habe nicht die Wahrheit zu sagen, aber aus moralischer Pflicht sollte sie ihren Mann, der jetzt unter der Erde liegt, nicht verunglimpfen. „Ihre Ehe muss doch anfangs glücklich gewesen sein?“

„Nur ganz kurz. Bald hat er mich misshandelt. Er pflegte ein Sprichwort aus seiner Heimat zu wiederholen: nur jene Frau weiß, dass ihr Mann sie liebt, die von ihm geschlagen wird.“

Das gefällt den Damen auf den Zuhörerbänken weniger. Von russischen Männern habe man solches gehört, aber von Rumänen? Wie klein doch die Welt ist!

Nelly Grosavescu erzählte, dass er sie mit Fäusten auf den Kopf schlug und dass er auch einmal seinen Onkel verprügelt habe. Kameradin wollte sie ihm sein, einen besseren Menschen aus ihm machen, dies sei ihr Ziel in der Ehe gewesen.

Ihre Tochter aus erster Ehe habe Grosavescu immer sehr barsch behandelt und sie sogar einmal völlig grundlos vor die Türe gesetzt. „Er möchte den Balg nicht mehr erhalten“, seien seine Worte damals gewesen. Später habe ihm das leid getan und das Kind wieder in der Wohnung aufgenommen.

Eifersüchtig war sie, weil sie von Natur aus eifersüchtig ist. Gründe habe sie genug gehabt. Junge Frauen umschwärmten den Tenor, Briefe habe er bekommen mit ganz eindeutigen Avancen. Aber anstatt sich darüber zu entrüsten, habe er Freude daran gehabt. Sie wisse das ganz genau, denn sie war nicht nur die Ehefrau Grosavescus, sondern auch seine Sekretärin, sein Schreiber und sein Laufbursche. Sie stand in den drei Jahren ihrer Ehe vollkommen in seinen Diensten. Alles musste sie für ihn machen. Er war nur mit seiner Stimme, seinen Rollen und mit der Oper beschäftigt.

„Zu Ende des Jahres 1926 waren meine Nerven schon so stark zerrüttet, dass ich versuchte mich aus dem Leben zu räumen. Ich habe Veronal genommen, aber man hat mir den Magen ausgepumpt und mich gerettet.“

Und mit erhobener Stimme: „Ich habe in einer Verblendung meinen zweiten Mann geheiratet und habe das bitter bereut,“ die Stimme wird kreischend, „ich kann sagen, Herr Präsident, dass es keine Frau auf der Welt gibt, die soviel mitgemacht und erduldet hat, wie ich.“

Die Angeklagte bedarf einer kurzen Erholungspause.

Diese nützt der Gerichtsdiener und geht in gebückter Haltung zur vorderen Reihe der Zuhörer und bittet zwei Damen ihre Plätze frei zu geben und sich weiter nach hinten zu setzen. Empört weisen diese das Ansinnen zurück. Sie hätten gültige Eintrittskarten! Der Diener erklärt ihnen die Situation.

Schon geht ein Raunen durch den Saal, der Eingang wird geöffnet, die Zeitungsreporter springen von ihren Sitzen auf, die Geschworenen recken die Hälse, der Senat schaut wegen dieser Störung indigniert zur Türe: in Begleitung des Sekretärs des Bundeskanzlers werden die Damen Chamberlain und Levine, die Gattinnen der heldenhaften Ozeanüberflieger in den Gerichtssaal geführt. Sie hatten den Wunsch geäußert, in Wien etwas Außergewöhnliches zu erleben. Etwas besseres als den Prozess über den Mord einer eifersüchtigen Ehefrau an ihrem Mann, einem Liebling der Wiener, einem Tenor, wusste man ihnen offensichtlich nicht zu bieten.

Nelly Grosavescu blieb von dieser Störung unberührt. Sie wusste nichts von einer Atlantiküberquerung im Flugzeug. Zeitungen durfte sie in ihrer Haft keine lesen und Dr. Steger hatte anderes mit ihr zu besprechen.

Der Vorsitzende Dr. Aichinger setzt die Befragung über die Eifersucht der Angeklagten fort und es kommt Frau Stransky ins Spiel. In den Augen der Angeklagten hatte Trajan Grosavescu ein festes Verhältnis mit der Stransky. Sie schildert die verschiedenen Begebenheiten, wird mehrmals von Weinkrämpfen geschüttelt und kommt schließlich auf den Abend vor ihrer Fehlgeburt im Januar zu sprechen.

Das Ehepaar Stransky sei bei Grosavescus zu Gast gewesen. Als der Abschied nahte, wollte Frau Stransky noch in eine Bar gehen. Trajan gefiel der Vorschlag, doch sie, Nelly, wollte nicht mehr ausgehen. Die Stranskys verließen die Wohnung und es kam danach zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen ihr und Trajan, in deren Folge Grosavescu sie mit der Faust in den Bauch schlug, weil ihre Schwangerschaft schuld an seinem Zuhausebleiben sei. Er warf sie auch zur Türe hinaus. Sie suchte in der Nacht den Impresario Lauterstein auf, bei dem sie bis vier Uhr blieb, und der sie dann nach Hause brachte.

Am nächsten Morgen kam sie ins Spital und hatte eine Totgeburt.

Die Zuhörerbank erschauderte. Die Gattinnen der Atlantiküberflieger, denen man jedes Wort, zum Ärger des Vorsitzenden, übersetzte, fassten es nicht, dass ein „singer in the opera“ so brutal sein konnte. Diese Empörung übertrug sich auf die Zuhörerinnen. Wenn sich zwei so berühmte Amerikanerinnen empörten, durften die Wienerinnen nicht nachstehen.

An dieser Stelle erhob sich der Verteidiger. Hier müsse man ganz genau die Angeklagte befragen, da dies die Schlüsselstelle des ganzen Verfahrens sei. Dr. Aichinger überging den Einwand. Er wusste selbst, wie man einen Beschuldigten zu befragen habe und was wichtig und unwichtig sei.

Das Ende der Einvernahme war die Befragung zur Tat. Wie alles gekommen sei und wie sich der Streit entwickelt habe.

Nelly berichtete über die Verfolgungsjagd um den Schreibtisch und dass Grosavescu sie ins Nebenzimmer abgedrängt habe. Dann wisse sie nichts mehr.

Hier machte die Angeklagte eine längere Pause, seufzte tief, fuhr sich mit der Hand über den Kopf und setzt mit müder Stimme fort:

„Später hat mich meine Schwägerin mit beiden Händen gepackt, mich geschüttelt und gesagt: Du hast deinen Mann erschossen!“ Nach einer langen Pause „Je länger die Zeit zwischen dieser Katastrophe liegt, desto weniger scheint es mir glaubwürdig, dass ich damals geschossen habe.“

Bei der Befragung zur Tatwaffe bietet Nelly dem Gericht das Bild einer Unwissenden. Dass ein Revolver eine Sicherung hat und dass er, wenn er geladen und nicht gesichert, schussbereit ist, habe sie erst von ihrem Verteidiger erfahren.

Zum Schlusse des Verhörs wird die Angeklagte gefragt, wie sie heute zur Tat stehe und ob sie ein Gefühl der Reue habe.

Mit fester Stimme antwortet sie: „Herr Präsident, es ist eine Katastrophe für mich, aber Reue empfinde ich nicht, weil ich mir keiner Schuld bewusst bin.“

Auf Antrag des Verteidigers verliest der Vorsitzende dann noch die Krankengeschichte der Angeklagten. Nach dem ärztlichen Befund war sie damals äußerst nervös, litt an unbegründeten zeitweiligen Depressionszuständen und an Schlaflosigkeit. In frühester Zeit soll sie an Genickstarre gelitten haben.

Der Senat

Der Senat

Nach einer Pause werden die ersten Zeugen verhört. Dabei kommt es zur Konfrontation mit der einzigen Augenzeugin des Mordes, Frau Olga Grosavescu, der Schwester des Sängers. Die beiden Frauen geraten bei der Schilderung der Tat wegen Nebensächlichkeiten aneinander, jede behauptet die Wahrheit zu sagen und bezichtigt die andere zu lügen. Der Vorsitzende ermahnt beide zur Mäßigung.

Nelly Grosavescu ist danach so erschöpft, dass sie der weiteren Verhandlung kaum mehr folgen kann. Es werden noch Polizisten und Kriminalbeamte einvernommen, die unmittelbar nach der Tat in die Wohnung gekommen sind.

Sie berichten, dass Nelly Grosavescu wie geistesabwesend da gesessen sei, auf keine Fragen geantwortet und dumpf vor sich hingeblickt hatte. Dr. Steger verbeißt sich in diesen Punkt: Ob die Angeklagte aus Trotz oder aus Kalkül (diesen Ausdruck musste er den Polizisten verdeutschen) nicht geantwortet habe oder ob sie einfach geistig weggetreten war. Übereinstimmend bejahten die Zeugen, dass Nelly Grosavescu den Eindruck einer geistig abwesenden Frau gemacht habe.

Steger geht ins Detail, lässt von den Zeugen jede Gemütsregung der Angeklagten zu diesem Zeitpunkt schildern, wiederholt seine Fragen, bis ihm der Vorsitzende zu verstehen gibt, dass er das alles doch schon gefragt habe.

Der Verteidiger verbittet sich eine Beschneidung seines Befragungsrechts, verlangt, da er einen Widerspruch ortet, eine nochmalige Vorführung eines Zeugen und gibt sich erst zufrieden, bis die Stunde nach der Tat ausführlich und bis ins letzte Detail protokolliert ist.

Wegen Entkräftung der Angeklagten vertagt der Vorsitzende die Verhandlung auf den nächsten Morgen.

Der zweite Verhandlungstag ist der Tag der Zeugen. Mit Zeugen wird in dieser Verhandlung nicht gespart. Der Staatsanwalt und die Verteidigung scheuten sich nicht, möglichst viele Zeugen zu nominieren, um ihr Ziel zu erreichen: Jener, um die Mörderin lebenslang hinter Gittern zu bringen, dieser um genau das zu verhindern.

Die Angeklagte muss das alles über sich ergehen lassen und scheint es nicht ertragen zu können. Müde und erschöpft vom ersten Verhandlungstag lehnt sie ihren Kopf an das Kissen, das ihr zu verwenden gestattet wurde. Ihre Züge sind schärfer geworden, die Wangen sind eingefallen. Ihre Erscheinung ist ein menschliches Wrack.

Es werden aufgerufen die Hausärzte der Grosavescus, Gesangslehrer, Opernsänger, Hauspersonal, Schneiderin, Gouvernante, der Vater und der Gatte aus erster Ehe, Personen, die weder mit dem Mord, noch mit der Familie etwas zu tun hatten, sondern sich nur wichtig machen wollten.

Es war auch der Tag des Staatsanwalts und des Verteidigers. Beide orgelten auf den Tastatur ihrer Rhetorik. Der Zeuge der Gegenseite musste bis zur Unglaubwürdigkeit fertig gemacht werden, kein Mittel war da schlecht genug. Dr. Steger griff das Gericht frontal an, zog die Objektivität des Vorsitzenden in Zweifel, zog alle Register seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Strafverteidiger, und hatte nur die Geschworenenbank, ohne jedoch direkt hinzuschauen, im Visier. Dort musste die Entscheidung fallen, vor deren Augen musste ein Bild aufgebaut werden, das sein Ziel, die Angeklagte vor dem Kerker zu retten, erreichbar machte.

Und Steger punktete. Er war dem Staatsanwalt überlegen. Die Reaktionen des Publikums waren ihm als Gradmesser seiner Auftritte wichtig, konnte er daran doch die Wirkung seiner Worte auf die Geschworenen ableiten, die ja ebenfalls aus der Hefe des Volkes stammten und genauso reagieren mussten wie das Publikum.

Ortete sein feines Gehör eine Unsicherheit in der Stimme des Zeugen, so setzte er an dieser Stelle nach und hatte ihn schon in der Zange. Scharf im Auge hatte er den Zeugen bei seiner Fragestellung. Keine Reaktion und sei es nur das Zucken eines Lides, blieb ihm verborgen. Ein Zeichen der Schwäche – schon war es um die Glaubwürdigkeit getan. Sein Schlusssatz: „Keine weiteren Fragen“ nach der Zeugenvernehmung durch die Verteidigung, hatte immer etwas Triumphierendes im Tonfall.

Der Höhepunkt des Tages naht.

„Die Zeugin Josephine Stransky.“

Josephine Stransky

Josephine Stransky

Der Gerichtsdiener geleitet eine attraktive Dame in den Saal. Sie würdigt die Angeklagte mit keinem Blick. Der Vorsitzende beginnt die Befragung. Bei einer Frage fährt Nelly Grosavescu auf und will etwas sagen. Sie ist so ermattet, dass man ihre Stimme kaum hört. Dr. Steger steht auf, geht zur Angeklagten und setzt sich neben sie. Nelly flüstert ihre Fragen, nur Steger kann sie verstehen. Der Anwalt spielt die Rolle des Sprachrohrs. Was Nelly flüstert, sagt er laut und deutlich nach. Aber der Tonfall, die Betonung der einzelnen Worte, die Phrasierung der Fragestellung, die kommt von Steger.

Die Stransky ist die Unschuld in Person. Grosavescu habe ihr oftmals erzählt, dass Nelly eifersüchtig sei, aber dass sie, die Josephine Stransky, Grund der Eifersucht sein könnte, das habe sie erst nach dem Mord gehört. Sie könne sich das bis heute auch nicht vorstellen, sei ihr Verhältnis zu Grosavescu ein rein freundschaftliches gewesen.

Nelly versprüht Hasstiraden gegen die Stransky. Sie sei an allem Schuld. Wäre sie nicht gewesen, hätte sie an dem Abend vor ihrer Fehlgeburt nicht noch in eine Bar gehen wollen und es dann infolge der Ablehnung dieses Vorschlages zu einem Streit mit Trajan gekommen ist, bei dem er ihr einen Faustschlag in den Bauch versetzte, der dann am nächsten Tag die Totgeburt ausgelöst hatte, wäre alles ganz anders gekommen.

Steger ist nicht mehr zu halten. Die Totgeburt kurz vor der Tat ist sein sicherer Ankerplatz, sein strategischer Festplatz in der Verteidigung. Er stellt plötzlich Fragen an die Zeugin und treibt sie in die Enge. Der Vorsitzende entzieht ihm das Wort, er sei noch nicht an der Reihe. Er dürfe jetzt nur die geschwächte Angeklagte stimmlich unterstützen und sonst nichts.

Als der Vorsitzende die Angeklagte fragt, warum sie das Ehepaar Stransky immer wieder eingeladen und nicht den Verkehr mit ihnen abgebrochen habe, fährt Nelly auf und sagt laut, dass nicht sie, sondern Trajan eingeladen habe.

Ein Raunen geht durch das Publikum, das auch am zweiten Verhandlungstag vorwiegend aus Frauen besteht. Nur Dr. Steger wird es in diesem Augenblick bewusst, dass die Stimmung umgeschlagen hat. Aus den Hassgefühlen gegen die Angeklagte zu Prozeßbeginn ist allmählich Mitleid geworden. Ganz langsam, Zeuge um Zeuge, unbemerkt von allen, ist die Wandlung eingetreten.

Als um acht Uhr abends die Verhandlung unterbrochen wird, muss die erschöpfte Angeklagte aus dem Saal getragen werden.

Dr. Steger verlässt aufrecht schreitend das Gerichtsgebäude.

Am dritten Verhandlungstag, der von manchen schon als der letzte erwartet wird, wird die Zeugeneinvernahme fortgesetzt.

Der Vater der Angeklagten wird neuerlich aufgerufen und über die Kindheit Nellys befragt. Erstaunliche Dinge kommen da zur Sprache. Die Mutter Nellys habe das Kind nach einem Bade anstatt mit kaltem Wasser zu waschen, mit siedendem verbrüht. Die Familie habe die späteren Erregungszustände der Tochter auf dieses frühe Kindheitsereignis zurückgeführt. Außerdem erkrankte Nelly im Alter von fünf Jahren an Diphtherie und einer anschließenden Gehirnhautentzündung. Es sei ein Wunder, dass das Kind durch die Kunst der Ärzte gerettet werden konnte. Noch ein Ereignis scheint dem Vater erwähnenswert: Während eines Sommeraufenthalts in Alt-Aussee sei das Kind plötzlich wie ein Stein untergegangen. Sie konnte nur mit Mühe ins Leben zurückgeholt werden.

Der Verteidiger stellt wenig Fragen an den Zeugen.

Am Nachmittag kommt es noch zu einigen grotesken Szenen. Der Zeuge Lauterstein verwickelt sich im Kreuzverhör des Verteidigers in Widersprüche, die das Publikum zu schallendem Gelächter veranlasst. Der Vorsitzende droht den Saal räumen zu lassen.

Ein anderer Zeuge wird von Steger so in die Zange genommen, dass er nur noch stotternd seine Aussage zu Ende bringt. Beim Verlassen des Gerichtssaals wird er vom Publikum ausgepfiffen, was wieder zu einer Androhung der Räumung des Saales führt.

Schließlich fordert der Verteidiger das Gericht mit den Worten, dass dies hier doch kein Theater sei, auf, das Ehepaar Stransky, das sich auf die Zuhörerbank gesetzt hatte, des Saales zu verweisen. Das andauernde Anstarren seiner Mandantin irritiere diese. Die Stranskys verlassen daraufhin, ohne auf eine Entscheidung des Vorsitzenden zu warten, den Saal.

Nach Abschluß der Zeugeneinvernahme wird die Verhandlung auf den nächsten Morgen vertagt. Der Vorsitzende gibt noch bekannt, dass zuerst der Gerichtspsychiater zu Wort kommen wird, dann folgen die Plädoyers des Staatsanwalts und des Verteidigers. Nach einer Rechtsbelehrung werden sich die Geschworenen zurückziehen und danach wird das Urteil verkündet.

Der Vortrag des Gerichtspsychiaters Prof. Dr. Haberda ist langatmig und wissenschaftlich.

Prof. Dr. Haberda

Prof. Dr. Haberda

Er spricht von der maskulinen und femininen Vertauschung der Charaktere des Ehepaares, von der Herrschsucht der Angeklagten und der Unterwerfung des Ermordeten, bezeichnet diesen als Sklave seiner Frau, die er als Mensch mit einem Januskopf und pathologischen Affekten bezeichnet.

Der zweite Psychiater Doz. Dr. Groß schließt sich seinem Vorredner an und wirft die Frage auf, ob die Tat der Person fremd sei, spricht von spielerischer Befreundung mit dem Gedanken, die Tat zu begehen und anderen schwer zu verstehenden Hypothesen.

Es ist Mittag geworden.. Nelly Grosavescu konnte kaum mehr der Verhandlung folgen. Bleich und eingefallen ist sie in ihren Polster versunken. Das Gericht vertagt sich bis drei Uhr.

Vor dem Gerichtseingang in der Alserstrasse versammeln sich zu Mittag einige hundert Menschen und begehren Einlass in das Gebäude. Sie wollen der Nachmittagsverhandlung unbedingt beiwohnen, koste es was es wolle. Es ist durchgesickert, dass der Staatsanwalt zwei bis drei Stunden sprechen werde, der Verteidiger auch so lange. Mit der Urteilsverkündung sei daher erst in den späten Abendstunden zu rechnen. Einige hatten sich Jausenbrote mitgenommen.

Kurz vor drei Uhr wird das Eingangstor geöffnet und es beginnen Ringkämpfe unter den Wartenden. Es regnet in Strömen. Die Leute dreschen mit ihren Schirmen aufeinander ein. Polizei und Justizwachebeamte müssen eingreifen um die Ordnung wieder herzustellen.

Als der Vorsitzende die Nachmittagsverhandlung eröffnet, platzt der Saal aus allen Nähten. Auf den Zuhörerbänken sitzen die Leute fast aufeinander. Die vom Regen durchnässten Kleider beginnen in der Enge zu dampfen. Es entstehen unangenehme Gerüche, trotz aller geöffneten Fenster.

Das Gericht formuliert die Fragen an die Geschworenen:

Erste Hauptfrage auf Verbrechen des Mordes.

Zweite Hauptfrage auf Totschlag.

Erste Zusatzfrage, ob die Tat in abwechselnder Sinnesverrückung vollbracht wurde.

Zweite Zusatzfrage, ob die Tat in Sinnesverwirrung begangen wurde.

Staatsanwalt Dr. Tuppy

Staatsanwalt Dr. Tuppy

Er führt in zweieinhalbstündiger Rede aus, dass Nelly Grosavescu eine Mörderin sei, die ihren Mann mit Vorbedacht erschossen habe. Dies sei durch mehrere Zeugenaussagen erwiesen. Der Zeuge Lauterstein, nicht nur der Impresario des Künstlers, sondern auch ein Freund der Familie, hat unter Eid ausgesagt, dass die Angeklagte bereits vor Wochen gesagt hat, dass sie Grosavescu umbringen werde. In der entscheidenden Auseinandersetzung trägt sie die Mordwaffe bei sich und zielt aus kürzester Distanz auf den Kopf ihres Mannes. Wenn das nicht Mord sei, was dann sonst.

Ihre Verantwortung, sich nicht an den Schuss erinnern zu können, sei nicht glaubwürdig. Sie könne sich an alles, was vorher passiert sei, ganz genau erinnern, nur an den Schuss nicht.

Die Taktik, ihren Mann als Scheusal hinzustellen, ist nicht aufgegangen. Wenn er getrunken habe, so sei dies doch fast als eine Berufskrankheit der Sänger zu bezeichnen. Gelitten hat sie darunter sicherlich nicht. Verspielt kann er auch nicht viel haben, dies sei aus den Zeugenaussagen eindeutig hervorgegangen. Kein einziger Zeuge habe seine angebliche Trunk- und Spielsucht bestätigt. Die Verteidigung hat einfach niemand gefunden, der dies hätte bezeugen können.

Nelly Grosavescu wollte ihren Mann beherrschen. Sie war nicht aus Liebe eifersüchtig, sondern aus egoistischer Herrschsucht. In dem Augenblick, als er sich dagegen aufbäumte, musste er sterben.

Mit einem eindringlichen Appell an die Geschworenen, sich auf Grund der erdrückenden Beweislage streng an die Gesetze zu halten, beschließt der Staatsanwalt sein Plädoyer.

Nun hat der Verteidiger Dr. Steger das Wort.

Vor dem Eingang in das Gerichtsgebäude hat sich eine Traube von Menschen gebildet, die auf die Urteilsverkündung warten.

Dr. Steger geht sofort auf den Kern seiner Verteidigungsstrategie ein. Die Angeklagte hat die Tat in geistiger Umnachtung, im Zustand der Sinnesverwirrung begangen. Der Staatsanwalt ist zu einer ganz falschen Beurteilung der Frau gekommen. Egoistisch soll sie sein. Warum hätte sie denn dann vorsätzlich „denjenigen aus dem Wege geräumt“, der ihr eine glänzende Zukunft bieten, in dessen Glanz und Reichtum sie sich sonnen wollte?

An die Spitze seiner Ausführungen hat der Herr Ankläger den Zeugen Lauterstein gestellt. „Ja wer ist denn der Herr Lauterstein?“ spielt Steger auf den wenig Sympathie ausstrahlenden Agenten an und reitet eine Attacke auf diesen Zeugen. Dabei ist er in seiner Wortwahl nicht zimperlich. Der Vorsitzende ermahnt ihn, die Zeugen nicht zu beleidigen, was Steger zurückweist und fortfährt, die Aussagen der Zeugen des Staatsanwalts zu zerpflücken und als falsch hinzustellen.

Nach den Zeugen kommen die Psychiater an die Reihe, deren Gutachten er ironisiert. Die Fachausdrücke, die die Geschworenen nur teilweise verstanden hatten, erläutert Steger auf seine Weise und das ist in einer Sprache, die den „Richtern aus dem Volk“ geläufig ist.

Wieder unterbricht der Vorsitzende und fordert den Verteidiger auf, nicht die Gerichtspsychiater zu beleidigen. Steger antwortet darauf nicht. Längst hat er gemerkt, dass die Saat bereits auf fruchtbaren Boden gefallen ist.

Schließlich wendet sich der Verteidiger nun den Dispositionsverhältnissen der Angeklagten zu und gibt der Beschreibung ihrer Seelenstimmung zur Zeit der Totgeburt breiten Raum. Von den Gerichtsärzten ist dies nicht gebührend gewürdigt worden.

Gegen neun Uhr, Steger hatte bis dahin fast vier Stunden gesprochen, merkt er bei einigen Geschworenen ein Nachlassen der Konzentration. Das gefällt ihm gar nicht. Er braucht ein Gegenüber, das ihm zuhört und jedes seiner Worte aufsaugt. Steger zieht die Sache an sich und bittet das Gericht, angesichts seines fortgeschrittenen Alters, um eine Pause, um danach sein Plädoyer abzuschließen.

Auf der Straße vor dem Gericht ist es schwarz von Menschen. Der Autoverkehr ist bereits umgeleitet, die Schienen der Strassenbahn werden von Polizisten mühsam freigehalten. An allen Ecken und Enden wird lebhaft diskutiert. Jeder hat eine Prognose über den Ausgang des Prozesses bereit. Manche Diskussion mündet in einen heftigen Streit, den die Polizei, die mit großer Verstärkung präsent ist, zu unterbinden versucht.

Nach einer Pause setzt Steger sein Rede fort. Er erläutert den Begriff des Eifersuchtswahns, den die Psychiater verneint haben und gipfelt in der Frage, wer denn die Grenzen des Wahns bestimme.

Er schließt mit den Worten, dass es nicht schwer sei, zu einem gerechten Urteil zu kommen. Frau Grosavescu hat in einem Zustand der Sinnesverwirrung gehandelt. Steger bittet die Geschworenen, im Namen der Gerechtigkeit, im Namen der Humanität, die zweite Zusatzfrage zu bejahen.

Um zehn Uhr ziehen sich die Geschworenen zur Beratung zurück.

In der tausendköpfigen Menschenmenge brodelt und kocht es. Die Spannung ist kaum mehr auszuhalten. Niemand will nach Hause gehen. Wenn man schon seit Stunden hier ausharrt, der Regen hatte längst aufgehört, will man auch das Urteil als erster erfahren.

Gegen halb zwölf Uhr abends betreten die Geschworenen den Saal. Die Angeklagte ist nicht anwesend. Ihr Gesundheitszustand war bereits am Nachmittag so schlecht, dass sie sich bereits vor der Rede ihres Verteidigers in die Angeklagtenzelle zurückziehen durfte.

Die Stimmung im Saal ist zum Zerreißen. Vergessen sind die harten Holzbänke, auf denen das Publikum vier Tage ausgeharrt hatte. Jetzt kommt der Höhepunkt!

Die Damen Chamberlin und Lewine haben Wien längst verlassen und bekommen das alles nicht mit, obwohl gerade jetzt das bevorstand, was sie in Wien erleben wollten, nämlich etwas Außergewöhnliches.

Der Vorsitzende erteilt dem Obmann der Geschworenen das Wort.

Der verkündet:

Die Hauptfrage auf Verbrechen des vorbedachten Mordes wurde einstimmig verneint.

Die Eventualfrage auf Verbrechen des Totschlages einstimmig bejaht.

Die erste Zusatzfrage, ob die Angeklagte die Tat bei abwechselnder Sinnesverrückung begangen habe, wurde mit 3 gegen 9 Stimmen verneint.

Die zweite Zusatzfrage, ob die Angeklagte die Tat in momentaner Sinnesverwirrung begangen habe, wurde mit 8 gegen 4 Stimmen bejaht,

Dies bedeutete Freispruch.

Das Publikum, vorwiegend aus Damen bestehend, brach in laute Bravorufe aus, nur vereinzelt wurden Pfui- und Buhrufen gehört. Der Vorsitzende rügte die Beifallskundgebungen, man sei hier nicht bei einer Premiere, unterließ es aber, mit der Räumung des Saales zu drohen.

Einige Reporter stürzten aus dem Raum, um in ihre Redaktionen zu eilen, wo man schon sehnsüchtig auf sie wartete. Die Sonderausgaben mussten rasch fertiggestellt werden, ganz Wien wartete darauf.

Die Menge auf der Strasse erfuhr von den Zeitungsleuten den Ausgang des Prozesses. Auch hier laute Kundgebungen. Sogar einige Polizisten ließen sich, unter Missachtung ihrer Dienstvorschriften, dazu hinreißen. Doch auf der Strasse waren mehr Unmutsäußerungen zu hören, als im Gerichtssaal.

Nur Dr. Steger saß schweigend inmitten der tumultartigen Szene. Nach einer Weile erhob er sich langsam und ging in die Zelle der Nelly Grosavescu, um ihr den Freispruch mitzuteilen.

Sie konnte es nicht fassen. Wie oft hatte sie in den Wochen vor der Verhandlung in den unzähligen Gesprächen mit ihrem Verteidiger ihre Zweifel an dem Konzept Stegers geäußert. Das war nun alles vergessen. Vergessen die schlaflosen Nächte vor dem Prozess, vergessen die Anspannungen.

Steger riet ihr, die kommende Nacht noch in der Zelle zu verbringen und erst morgen nach Hause zu gehen, bis sich der Trubel auf der Strasse gelegt und verflüchtigt hatte.

Dann kamen die Gerichtsdiener und trugen Nelly Grosavescu in den Saal.

Der Vorsitzende verkündete ihr den Spruch der Geschworenen, den sie mit unbewegter Miene zur Kenntnis nahm und ordnete die sofortige Enthaftung der Angeklagten an. Sie bat das Gericht, die heutige Nacht noch hier verbringen zu dürfen, da sie sich zu schwach fühle. Es wurde gestattet.

Der Vorsitzende schloss die Verhandlung.

Als Dr. Steger das Gerichtsgebäude verließ, wurde er mit lauten Bravorufen begrüßt. Einige Männer drängten sich an ihn heran und wollten ihn auf ihre Schultern heben. Doch mit erstaunlichen Kräften konnte der Greis dies verhindern.

Die ersten Extraausgaben erschienen und die Kolporteure schrieen den Freispruch in die laue Sommernacht.

Am nächsten Tag, es war Sonntag, verließ Frau Nelly Grosavescu das Gerichtsgebäude und fuhr mit ihrem Vater, in Begleitung ihres ersten Mannes, in eine an der Westbahn gelegene Sommerfrische.