Der Stern aus dem Osten

Während sich in Wien im Jahre 1926 die „Säulen des Ensembles“ mit der Direktion des Operntheaters, so hieß nämlich die Staatsoper damals, über die Höhe der Gagen streiten, beginnt im Osten ein Stern zu leuchten. Zuerst nur zaghaft, keine Supernova, keine Gasexplosion mit Rauch und Schwefel, sondern vorerst nur ein kleines, fast unscheinbares Licht. Es flackert am Anfang, glimmt auf, wird wieder etwas blasser, doch es hört nicht auf zu scheinen.

Nach einigen Monaten leuchtet es von einem anderen Ort. Die Strahlen des Sterns werden stärker. Sie nehmen die Form eines Feuerschweifs eines Kometen an und sie dringen schon, weit sichtbar, bis nach Wien.

Der Glanz eines neuen Opernsängers erstrahlt im Osten.

Zuerst hört man, er sei schön. Die Wiener Damenwelt zwischen 16 und 30 spitzt die Ohren.

Dann dringt in die Wiener Operngesellschaft die Kunde, er sei jung. Nun heben auch die 35 bis 50jährigen Damen die Augenbrauen.

Die alles übertönende Meldung jedoch, er sei ein Tenor, löst ein epidemisches Fieber der Erwartung aus.

Jan Kiepura

Der Stern aus dem Osten: jung, schön und ein Tenor

Man bestürmt den Operdirektor Franz Schalk, er möge doch nicht säumen und diesen jungen Mann nach Wien holen.

Nun muss man allerdings wissen, dass der Brucknerschüler Schalk ein hervorragender Künstler war, der das Haus erfolgreich führte, als großer Wagner- und Straußdirigent hervortrat und auch als Dirigent im Konzertsaal seine Lorbeeren holte. Belcanto Opern, und aus dieser Ecke leuchtete der Stern, hatten natürlich einen festen Platz im Spielplan der Wiener Oper, doch dieses Fach war gut besetzt. Mit Slezak, Piccaver, Pataky und Grosavescu hatte er eine Elite von prachtvollen Stimmen zur Verfügung, die auch noch alle als Publikumslieblinge galten. Eile für ein Engagement hatte er nicht.

Doch je stärker dieser Stern aus dem Osten leuchtete, umso größer wurde der Druck auf Schalk. Man malte ihm die Schreckensszene vor Augen, der Komet könnte an Wien vorbeifliegen, ohne dass die Wiener die Möglichkeit gehabt hätten, ihr fachkundiges Urteil zu fällen.

Denn ganz unumstritten war das Himmelslicht nicht. Die Männerwelt, ohnehin von dem fast hysterischen Erwartungsfieber ihrer Frauen und Töchter etwas unangenehm berührt, jung und schön sei er, das mag schon seine Richtigkeit haben, aber die Stimme wollten sie schon selbst beurteilen. Wer weiß, was da wieder aus dem Osten, aus ehemaligen tiefen Provinzen daherkommt. In Warschau hätte er, wie man hört, eine Vorstellung absagen müssen, weil er Zahnschmerzen hatte. Wie sich herausstellte, sollen die Weisheitszähne durchgekommen sein, was solche Schmerzen verursachte, dass er nicht singen konnte. Was soll denn das für ein Tenor sein, der noch gar kein vollständiges Gebiss hatte? Derzeit sei er in Lemberg unter Vertrag. Und was dort an Opernkunst geboten wird weiß man ja.

Schalk kann dem Druck nicht mehr standhalten und sendet ein Kabel nach Lemberg. Er ladet den jungen Mann zum Vorsingen am 15.September nach Wien ein.

Am 10. September geht ein junger Mann am Lemberger Bahnhof zum Schalter und kauft eine Bahnkarte nach Wien. Einfach.

Zur gleichen Zeit teilt das Betriebsbüro des Operntheaters dem Solokorrepetitor Oscar Schlammberg mit, dass er sich für den 15. um 14.00Uhr bereit halten möge, da ein Sänger von Direktor Schalk zum Vorsingen eingeladen wurde und er die Klavierbegleitung übernehmen müsse. Er erkundigte sich nach dem Namen des Sängers, legte das Gesicht in Falten, so dass es den Ausdruck: Ach der! annahm.

Schlammberg war Vater dreier Töchter im gerade heiratsfähigen Alter. Am nächsten Tag, es war Sonntag, erwähnte er bei Tisch so ganz nebenbei, das bevorstehende Vorsingen. Die Töchter, alle drei selbst musikalisch und über alle Vorgänge an und in der Oper, wohl durch den Beruf des Vaters, bestens informiert, beendeten unter irgendwelchen Vorwänden das Mahl und verließen kurz darauf das Haus. Diese Meldung musste man sofort den Freundinnen weitergeben. Und so wie sich eine gezüchtete Bakterienkultur entwickelt, verbreitete sich die Nachricht vom bevorstehenden Vorsingen in ganz Wien.

Vorsingtermine werden in der Regel vom Publikum nicht wahrgenommen und verfolgt. Unbekannte Damen und Herren betreten das Opernhaus, ohne dass jemand Notiz von ihnen nehmen würde. Das Vorsingen zieht sich meist über Stunden hin, da immer mehrere Sänger und Sängerinnen zum gleichen Termin eingeladen wurden. Die meiste Zeit verging mit Warten. Der Direktor war nur selten dabei anwesend. Er verließ sich auf das Urteil von Dirigenten, Korrepetitoren und sonstiger Fachleute. Ensemblemitglieder waren nur in Ausnahmefällen anwesend, und auch dann nur, wenn es darum ging einen womöglich gefährlich werdenden Konkurrenten gleich vorzeitig so schlecht zu machen, dass dem Direktor alle Lust darauf verging, einen solchen Menschen unter Vertrag zu nehmen.

Am 15. September gegen ein Uhr Mittag versammelten sich die ersten Damen beim Bühneneingang. Die Töchter Schlammbergs standen ganz vorne wie drei Nymphen, waren sie es doch, die der Ursprung der Meldung über das Vorsingen waren. Ihre beste Freundin Hannah Lemnitzer wusste eine ganz genaue Beschreibung des Sängers zu geben, war ihr Vater, aus Tradition und der Vergangenheit verpflichtet, doch Abonnent des Lemberger Tagblattes, das in den letzten Monaten einige Bilder des Sängers brachte.

Die wartende Menge, vornehmlich weiblichen Geschlechts, schwoll allmählich an und füllte den Arkadenraum beim Bühneneingang. Man wollte, ja man musste als erste diesen Stern gesehen haben, auch schon deshalb, um vor den Freundinnen sich wichtig machen zu können.

Direktor Schalk kam gegen halb zwei vom Mittagstisch zurück und wunderte sich, was hier für ein Auflauf sei und was er zu bedeuten hätte. Eine Verbindung dieser Menschenansammlung mit dem Vorsingtermin eines Belcanto Tenors herzustellen, lag dem Wagner- und Straußspezialisten fern.

Pünktlich um zwei Uhr ging ein junger Mann von der Kärntnerstrasse kommend, zur Oper. Dies war die Stunde der Hannah Lemnitzer. Mit einem Freudenschrei erkannte sie ihn als erste und es setzte Totenstille ein. Da war er! Das ist er! Ein Wesen, nicht von dieser Welt!

Lächelnd, jugendlich strahlend, nach links und rechts grüßend, ging er durch die entstandene Gasse zwischen den jungen Frauen und Mädchen zum Eingang., wo er schon vom Inspizienten erwartet und auf die Bühne geführt wurde.

Im nur spärlich beleuchteten Parkett konnte man schemenhaft eine große Anzahl von Menschen erkennen.

Das Klavier stand auf der Bühne, Schlammberg war bereit. Schalk erschien ebenfalls auf der Bühne und hieß den Sänger mit freundlichen Worten willkommen.

Was er denn singen möchte? Er wünschte mit der Tenorarie der Tenorarien zu beginnen: Di quella pira mit zwei hohen Cs.

Durch den Saal ging ein Raunen. Hohes C ohne sich vorher eingesungen zu haben, na, das kann ja was werden. Einige bedauerten bereits, hergekommen zu sein.

Doch von jetzt an überschlugen sich die Ereignisse.

Schlemmberg griff in die Tasten und die ersten staccatohaften Töne erklangen. Er gab mit dem Kopf den Einsatz und der Raum füllte sich mit schönen klanggesättigten Tönen einer prachtvollen Mittellage. Dann das erste C. Bombensicher mit Glanz und Leuchtkraft strahlt es.

Zur völligen Verblüffung Schalks und des gesamten Auditoriums legte er noch ein drittes C ein. Schlemmberg vergaß den Mund zuzumachen und bekam feuchte Augen.

Was er noch singen möchte? Schalk kam gar nicht auf die Idee, selbst etwas von dem jungen Mann zu fordern, wie bei einem Vorsingen üblich. La Donna e mobile. Auch hier reicherte dieser junge, selbstsicher auf der Bühne stehende Mensch die doch von Verdi so schlichte Stimmsetzung um zwei weitere hohe C an.

Schalk stand wie versteinert. Er, ein Wagnerspezialist, der auf Text- und Notentreue allergrößten Wert legte und der keine noch so kleinen Ungenauigkeiten durchgehen ließ, musste sich nun Extempores anhören, die auch noch aus dem Halbdunkel des Parketts mit Applaus belohnt wurden. Unerhört, dieses schamlose und plakative Auftreten des jungen Mannes. Ob er überhaupt schon über ein vollständiges Gebiss verfügte? Aber im Parkett saßen ja ausschließlich Kenner. Denen konnte man doch nichts vormachen.

Schalk brach das Vorsingen ab und bat den Sänger in die Direktion.

Dort bot er ihm sofort und ohne Umschweife einen Vertrag an. Antrittsvorstellung in sechs Tagen. Tosca.

Nun muss man wissen, dass das Wiener Operntheater damals ein reines Ensembletheater war. Alle Sänger waren während der gesamten Spielzeit in Wien anwesend und der Direktor konnte kurzfristig Vorstellungen absetzen und andere ansetzen, Umbesetzungen vornehmen u.s.w. Kurzfristige Abänderungen des Spielplans waren an der Tagesordnung. Wenn ein Hauptdarsteller indisponiert war und gerade kein gleichwertiger Ersatz zur Verfügung stand, wurde eben an diesem Abend eine andere Oper gespielt. Das Publikum erfuhr dies entweder durch die Tageszeitungen oder überhaupt erst direkt vor der Vorstellung: es war eben ein anderer Theaterzettel affichiert und damit basta!

Die Tageszeitungen nahmen an dem Geschehen in der Oper einen großen Anteil. Jeden Tag wurde nicht nur die heutige Vorstellung angekündigt, sondern auch die Besetzungsliste. Wenn ein Sänger wegen Indisposition absagen musste, wurde das gemeldet und gleich mitgeteilt, wer für ihn die Rolle übernahm. Kam dafür ein Künstler aus dem Ausland, wurde dem Publikum bekannt gegeben, in welchem Opernhaus der Gast im Engagement stand.

Als unser Vorsänger das Zimmer des Direktors verließ, standen schon zwei Sängerinnen des Ensembles hier und warteten, bei Schalk vorgelassen zu werden. Die Primadonnen der Oper gaben sich in den folgenden Stunden die Klinke in die Hand, jede wollte an diesem Abend die Partnerin dieses neuen, Tenors sein. Fällt doch dabei auch ein Abglanz des Ruhmes auf einen selbst.

Natürlich hatten sie gegen die Primadonna assoluta des Hauses keine Chance. Schalk setzte als Tosca Maria Jeritza an und verfügte, hier roch der Geschäftsmann Schalk den Braten, dass die Vorstellung zu erhöhten Preisen verkauft werde.

Die Damenwelt, die vor dem Bühneneingang auf den Sänger wartet, erfuhr als erste, dass in sechs Tagen Tosca mit ihm gegeben werde. Die Abendblätter brachten die Meldung am selben Tag und am nächsten Tag war die Vorstellung, trotz der erhöhten Preise, ausverkauft. Für die damalige Zeit eine Sensation.

Am 21. September 1926 betrat im Kostüm des Cavaradossi die Bühne der Wiener Oper und damit die Bühne der Welt, Jan Kiepura.

Was sich an diesem Abend abspielte, ging in die Annalen der Wiener Oper ein.

Gleich nach der ersten Arie, Ricondita armonia brach ein Beifallssturm los, der Piccaver, dem Bel-canto Haustenor, der der Vorstellung in der Direktionsloge beiwohnte, in der dritten Reihe stehend, dass ihn niemand sehen konnte, in solcher Heftigkeit niemals entgegenschlug.

Im folgenden Liebesduett mit Tosca gab es Schwierigkeiten. Jeritza hatte keinen guten Tag. Es irritierte sie, dass Kiepura, ohne Rücksicht auf die Partnerin und das Orchester, endlos lange die hohen Töne hielt. Passagen im Duett, wo jeder Tenor einmal Zwischenatem holen musste, sang er auf einem Atem.

Diesem Diktat der Effekte wollte sie sich nicht beugen. Aber genau das gefiel der Galerie. Die Vittoriarufe im 2. Akt wurden mit Zwischenapplaus bedacht, doch der Dirigent ließ weiterspielen, um den Fluss der Handlung nicht zu unterbrechen.

Die wahre Sensation erfolgte aber im 3. Akt. Nach der Arie „E lucevan le stelle“ rastete das Publikum aus. Die Opernhabitues standen Kopf, die Damen waren aufgelöst und badeten im Strom ihrer Tränen. Der Applaus, besser die Beifallsstürme nahmen orkanartige Größe an und endeten nicht. Das Unglaubliche geschah. Kiepura trat an die Rampe und gab dem Dirigenten ein Zeichen, die Arie zu wiederholen. Das hat es an der Wiener Oper noch nicht gegeben. Der Dirigent Hugo Reichenberger wandte sich um und suchte den Blick von Schalk. Als er wahrnehmen musste, dass dieser auch noch applaudierte, hob er den Taktstock und die Arie wurde wiederholt.

Dirigent Hugo Reichenberger

Dirigent Hugo Reichenberger

Der Schlussapplaus war nicht endenwollend, es wurden über sechzig Vorhänge gezählt.

Schalk, der nach dem letzte Ton auf die Bühne eilte, versuchte Kiepura zu erklären, dass solche Mätzchen wie die Wiederholung einer Arie vielleicht in Lemberg oder in Warschau üblich seien, er in Wien dieses jedoch in Zukunft unterlassen möge.

Doch der junge Mann konnte kaum zuhören, so badete er in dem Jubel, der ihm bei jedem Erscheinen vor dem Vorhang entgegenbrandete. Es war ihm in diesem Augenblick bewusst, was dieser Abend, dieser Erfolg an der Wiener Oper für seine zukünftige Karriere für eine Bedeutung hatte.

Die Presse sah die Aufführung kühler.

Der Kritiker der „Bühne“ schreibt:

Das Haus war bei erhöhten Preisen ausverkauft. Man sah wirklich schöne, elegante Frauen, Reste von Gesellschaft und alles, was über Gesang und Sänger mitsprechen möchte.

Jan Kiepura, der Tenor aus Warschau. Oder, wie die Agenten verkünden, der „König der Tenöre“, der polnische Caruso. Dazu Frau Jeritza, Madame Jeritza, Signora Jeritza. Denn es wird einen ganzen Abend lang italienisch gesungen werden, zum mindesten in jener Sprache, die in der Heimat der Frau Jeritza und auch an der Wiener Oper für italienisch gilt.

Mario, der Gast, schlank, jung, nach seiner Art zu gehen: kein Schauspieler. Seine ersten Töne, prachtvolles Material. Das Cantabile „Recondita armonia“ bringt Entfaltung, eine helle, schöne, völlig nach italienischer Methode gebildete Stimme, deutliche Phrasierung, müheloser Atem. Edelwarm, prachtvoll timbriert leuchtet diese Stimme.

Wir vergessen keinen Augenblick, wen wir sonst gehört haben und gewiss auch keinen Piccaver. Aber dieser junge Kiepura hat sicherlich eine Zukunft. …..Möge er der Reklame Trotz bieten, wie er ja auch hier trotz Reklame gesiegt hat.

Über die Tosca der Frau Jeritza ist ein ernstes Wort zu sagen. Sie singt nachgerade bis zur Unerträglichkeit willkürlich, oft auch unrein. Ihr Spiel wird von Mal zu Mal schlechteres Provinzkino. Wenn sie das Gebet auf dem Bauch liegend beginnt, vor dem Dolchstoß rasch noch ein Glas vom Tisch hinabwirft, unaufhörlich die Finger verkrampft, so ist das nicht so sehr lächerlich wie vielmehr traurig; darüber hilft keine Claque hinweg. Die Sehnsucht nach der Tosca der Lehmann, der Frau Vera Schwarz stieg auf…..

Die Reichspost meint:

Jan Kiepura …obwohl erst 24 Jahre alt, hat sich in seiner Heimat bereits den Titel „König der Tenöre“ ersungen…..Schon sein Erscheinen machte besten Ein druck. Er ist ja noch zu jung, um schon die Körperfülle der ganz berühmten Tenöre zu besitzen.   Man konstatierte gerne, dass dem jungen Künstler ausgezeichnetes Stimmmaterial, Kraft des dramatischen Ausdrucks und gediegene Schulung des Organs in italienischer Art zur Verfügung steht.

Wenn seine Landsleute Jan Kiepura heute schon den polnischen Caruso nennen, so sei ihnen solche Freude unbenommen; der Weg zu solcher Höhe ist aber doch noch nicht soweit zurückgelegt, dass er schon ganz nahe an das italienische Vorbild heranreichte. Das ist immerhin noch Zukunftsmusik.

Der Kritiker der sonst so knochentrockenen „Wiener Zeitung“ schrieb:

Der erst 24 jährige Künstler ist von jünglingshafter Statur, von außerordentlicher Geschmeidigkeit und Grazie in den Bewegungen….Die Stimme ist noch lange nicht auf der Höhe ihrer vollen Entfaltung, aber dies besagt etwas, denn so wie der Künstler nun bereits vor das Publikum tritt, liegt in dieser Stimme Glanz und Feuer, die mit fortreißen. Diese Stimme hat Wärme, Herz, Sinnlichkeit und hat alle Möglichkeiten zu einer großen Künstlerlaufbahn.

Neben ihm stand Frau Jeritzas sieghaft unwiderstehliche Tosca: nach wie vor ein Wunder und ein Ereignis des gesungenen Dramas.

Das bis auf den letzten Platz ausverkaufte Haus bereitete…….stürmische Ovationen.

Beim Lesen dieser Kritiken fällt auf, dass sich wenig gegenüber heute verändert hat. Maria Jeritza scheint das Publikum in zwei Lager gespalten zu haben, oder, wie auch heute noch so häufig, stellt sich der Leser der Kritik die Frage, ob denn die Herren Kritiker auch in der gleichen Vorstellung gewesen waren.

Ziemlich eindeutig ist die Meinung, dass Kiepura über eine prachtvolle Stimme verfügte, der eigentlich noch ein wenig an Reife fehle. Was man damals darunter verstand, drückt der Kritiker der Reichspost ja klar aus: es fehle ihm an der Körperfülle der ganz berühmten Tenöre. Offensichtlich galt für die Sänger das Gleiche, wie für die großen Sopranistinnen dieser Zeit, nämlich als Voraussetzung eines großen Tones ein entsprechender Brust- und Bauchumfang.

Jan Kiepura

Jan Kiepura

Schalk stand nun weiter unter Druck. Das Publikum wollte gefüttert sein. Die Kassa ebenfalls. Kiepura war für ihn, dem Geschäftsmann Operndirektor so etwas wie ein Kassenmagnet.

Schalk traf Schlemmberg zufällig auf dem Gang zur Ballettgarderobe. Sie wechselten ein paar Worte, natürlich über Kiepura. Auch Schlemmberg hatte über den Kassenmagnet nachgedacht. Wie alle langgedienten Mitglieder des Hauses machte auch er sich Sorgen über die oft so schlechte Sitzauslastung der Oper und war dabei auf eine Idee gekommen, die er dem Direktor schon gestern mitteilen wollte, jedoch noch keine Gelegenheit dazu fand. Sie gingen zurück in das Direktionszimmer und Schlemmberg versuchte ganz zaghaft, der Ungeheuerlichkeit seines Gedankens voll bewusst, den Direktor darauf hinzuweisen, dass in drei Wochen doch die Premiere der Turandot angesetzt sei. Es war eine wirkliche Premiere, keine Neuinszenierung oder Neueinstudierung. In Wien wurde das Werk noch nie gegeben. Die Welturaufführung fand erst vor sechs Monaten in Mailand statt.

Schalk fragte ihn, was er damit meine. Der Kalaf sei mit Slezak besetzt, die Einstudierung und die Bühnenproben seit Wochen im Gange, die Termine für Haupt- und Generalprobe festgesetzt. Eine deutschsprachige Welturaufführung. Wenn er meine, nun den Kalaf mit einem Neuzugang, umzubesetzen, wäre dies das Ende seiner Direktionszeit. Der Streit mit Slezak über die Höhe seiner Gage und alle damit aufgeworfenen Hässlichkeiten und Auswirkungen auf andere Sänger seien ihm noch in bester Erinnerung. Nein, mit Slezak wolle er sich nicht anlegen.

Doch Schlemmberg ließ sich von seinem Gedanken nicht abbringen. Argumente wurden hin und her getauscht und nach einer Stunde war das Kind geboren, ein Kind, das die Wiener Oper noch nie gezeugt hatte: Doppelpremiere.

Kiepura musste die Rolle des Kalaf innerhalb weniger Tage lernen, was ihm keine Mühe machte. Die anderen Hauptrollen wurden schnell mit anderen Sängern des Hauses besetzt, was nicht schwer fiel, da ohnehin eine Zweitbesetzung, die aber künstlerisch gegen die Erstbesetzung nicht abfiel, in Wartestellung stand.

Es gab zwei Hauptproben, zwei Generalproben und zwei Premieren.

Jan Kiepura als Kalaf

Kiepura als Kalaf

Zutritt zu einer Generalprobe hatten nach damaligem Regelement des Operntheaters nur Vertreter der Fachpresse mit entsprechender Legitimation. Trotzdem fand die zweite, jene mit Kiepura, vor vollem Hause statt. Wie das Publikum in den Zuschauerraum kam, wird ein ewiges Geheimnis bleiben.

Der Erfolg Kiepuras stand dem in der Toska in nichts nach. Nur die große Arie wiederholte er nicht, obwohl das Publikum es lautstark forderte. Der Chef selbst stand diesmal am Dirigentenpult, und da gab es solche „Mätzchen“ nicht.

Operndirektor Franz Schalk am Dirigentenpult

Operndirektor Franz Schalk am Dirigentenpult

Schalk hatte gut getan, die Turandot mit Kiepura zu besetzen. Denn schon traten die Direktoren anderer berühmter Häuser an den jungen Sänger heran. Innerhalb weniger Wochen trat er in Budapest als Werther, in Berlin als Herzog in Rigoletto und in der Tosca auf und schließlich bot ihm die Scala eine Premiere an. Es war das erstemal in der Geschichte dieses Hauses, dass ein ausländischer Sänger für die Hauptrolle einer Premiere verpflichtet wurde.

Die Weltkarriere des Jan Kiepura hatte in Wien begonnen und war nicht mehr aufzuhalten.