Die Francfälscheraffäre

Die Woche vor Weihnachten im Jahr 1925 verlief in Europa ruhig. Die Geschäfte klagten, wie in den Jahren davor, über schlechte Umsätze. Luxuswaren waren kaum gefragt. Gekauft wurden nur für Geschenkszwecke geeignete Bedarfsartikel und Kleidung. Infolge eines Überangebots sanken in Wien die Preise für Weihnachtsbäume.

Mehrere Nebenflüsse der Donau traten in Ungarn über die Ufer und überschwemmten einige Dörfer.

In Holland wurden am 21. Dezember drei Ungarn verhaftet.
Sie hatten versucht, gefälschte französische Tausendfrancscheine in Umlauf zu bringen. Einige Blätter berichteten mit wenigen Zeilen darüber. Entsprechende Notizen in den Zeitungen wurden vom Publikum kaum wahrgenommen. Man überflog Meldungen über Geldfälschungen. Fast täglich wurde irgendwo in Europa irgendwer wegen einer Geldfälschung verhaftet. Entweder handelte es sich um die Fälscher selbst oder um Mittelspersonen, die die Falsifikate in Umlauf bringen wollten. Nachrichten dieser Art brachten die Zeitungen meist nur einmal. Was weiter mit den Verhafteten geschah, welchen Schaden sie anrichteten oder wo die Druckereien waren, in denen die Scheine hergestellt wurden, erfuhr der Zeitungsleser nie. Es waren keine Nachrichten, die sich verkauften. Sie wurden gebracht, da sie über irgendwelche Nachrichtenagenturen in die Medienlandschaft gesetzt wurden und die Konkurrenz sie ebenfalls abdruckte. Wirklich interessiert hat das aber niemand.

Geldfälschen war in dieser Zeit fast ein Modedelikt. Erst vor wenigen Tagen wurde in Portugal eine Bank, die erst vor einer Woche eröffnet wurde, von den Behörden geschlossen und deren Besitzer verhaftet. Es stellte sich nämlich heraus, dass das gesamte einbezahlte Grundkapital aus gefälschten Banknoten bestand. In Bankkreisen schüttelte man über solche Nachrichten den Kopf und ging zur Tagesordnung über. In Nichtbankkreisen, vorwiegend bei Menschen die kein Geld hatten und Banken ohnehin nur von außen kannten, lächelte man vielleicht über eine solche Dreistigkeit.

Im Falle der in Holland Verhafteten entwickelte sich die Sache aber anders.

Bereits am nächsten Tag wurde die Festnahme der drei Ungarn in der Presse wieder erwähnt und auch deren Namen veröffentlicht. Es handelte sich um Aristid Jankovic, Georg Marsovszky und Georg Mankovicz. Mit den Namen konnten nur die wenigsten Zeitungsleser etwas anfangen, waren es doch Dutzendnamen, wie sie in Osteuropa häufig anzutreffen waren.

Doch da war noch eine Meldung: Die drei verantworteten sich bei der ersten Einvernahme damit, einer pazifistischen Organisation in Ungarn anzugehören. Das hatte einen politischen Anstrich. Das erweckte Interesse.

Abgespielt hatte sich die Sache so: Jankovic wollte in einer Wechselstube einen Tausendfrancschein in holländische Gulden umtauschen. Der Kassier untersuchte den Schein sehr gründlich. Es kamen ihm aber gewisse Zweifel an der Echtheit des Wasserzeichens. Er ließ die Polizei holen. Jankovic empörte sich über die Unterstellung, er hätte Falschgeld zum Eintausch hergegeben. Als Beweis knallte er seine Brieftasche auf den Tisch. Sie war prall mit Tausendfrancscheinen gefüllt.

Mit echten, wie sich bald herausstellen sollte.

Jankovic argumentierte, dass er wohl selbst Opfer von Fälschern geworden sei und man ihm gerade diese Note, die er jetzt umtauschen wollte, angedreht hätte.

Der holländische Polizeioffizier, osteuropäischen Männern gegenüber ohnehin grundsätzlich misstrauisch, ordnete eine Leibesvisitation an. Dabei wurde festgestellt, dass die beiden Schuhe Hohlräume hatten, in denen noch zehn Scheine versteckt waren.

Allerdings gefälschte, wie sich auch bald beweisen ließ.

Das genügte, um Jankovic sofort zu verhaften. Die Geheimpolizei wurde eingeschaltet. Sie suchte das Hotel auf, das Jankovic als seinen Wohnort angegeben hatte, fand dort Mankovicz vor, durchsuchte das Zimmer und fand gefälschte Tausendfrancscheine im Wert von zehn Millionen.

Die Holländer benachrichtigten ihre ungarischen Kollegen und teilten in wenigen Worten den Sachverhalt mit.

In Ungarn begann daraufhin die Polizei mit Nachforschungen. Bald stellte sich heraus, dass die drei Verhafteten in gehobenen Gesellschaftskreisen verkehrten.

Zwischen Budapest und Amsterdam begann ein reger Telegraphenverkehr. Die ungarischen Behörden wollten Details wissen und erbaten um Übermittlung, was die drei nach ihrer Verhaftung so geredet hätten.

Die Antwort kam prompt. Alle drei hatten ein Geständnis abgelegt. Bei den getrennt geführten Verhören erklärten Marsovszky und Mankovicz übereinstimmend, dass der Generalstabsoberst a. D. Aristid Jankovic der Anführer ihrer Gruppe sei.

 

Georg Mankovicz

Georg Mankovicz

Georg Marsovszky

Georg Marsovszky

Oberst Aristide Jankovic

Oberst Aristide Jankovic

In Budapest fand man schnell heraus, dass Marsovszky der Sekretär des Klubs der „Rassenschützler“ und darüber hinaus Personalsekretär von Gyula Gömbös war.

Gömbös war Abgeordneter im ungarischen Parlament. In der K.u.K Armee war er ein hoher, national denkender Offizier, der allerdings durch seine habsburgfeindliche Einstellung auffiel. Die Räterepublik des Bela Kun bekämpfte er erfolgreich an der Seite von Admiral Horty. Im Kommunismus sah er eine große Gefahr für Ungarn, die Juden mochte er gar nicht und bekämpfte sie, wo er nur konnte. Zu diesem Zweck gründete er einige politische Organisationen, von denen die „Rassenschützler“ und der Bund „Erwachendes Ungarn“ die bedeutendsten waren.

Gyula Gömbös

Gyula Gömbös

Neben Antisemitismus und national–ungarischen Bekenntnissen war der Hass auf Frankreich eines der bestimmenden politischen Triebfedern dieser Vereinigungen. Der Friedensvertrag von Trianon wurde als Diktatfriede bezeichnet und bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit gebrandmarkt. Immerhin verlor Ungarn nach dem Weltkrieg etwa zwei Drittel seines Staatsgebietes. Dementsprechend wurde Gömbös, der von 1932 bis 1936 Ministerpräsident von Ungarn wurde, von den Rechten geliebt und geachtet, von den Linken und den jüdischen Kreisen hingegen gehasst.

Die Meldungen aus Amsterdam, wonach die drei Verhafteten ausgesagt hätten, sie handeln für eine anarchistische Vereinigung und die Aufdeckung der Funktionen des Marsovszky in den Kreisen der Rassenschützler, riefen trotz der bevorstehenden Weihnachtsfeiertage die Gegner des Gyula Gömbös auf den Plan. Der gab sofort eine öffentliche Erklärung ab: Marsovszky sei seit drei Monaten nicht mehr sein Sekretär und wenn jemand auch nur den Versuch wagen sollte, ihn, Gömbös, in die Nähe dieser Fälscherbande zu bringen, werde er diesen sofort auf Verleumdung verklagen.

Die Presse schmatzte. Hier werde noch einiges ans Licht kommen.

Die ungarischen Behörden setzten einige Detektive, wie die Beamten der Kriminalpolizei bezeichnet wurden, auf den Fall an. Die Regierung forderte, die Sache restlos aufzuklären.

Immer, wenn alle Zeitungen über eine Affäre schreiben, melden sich in den Redaktionen Leute, die meinen, etwas Wesentliches berichten zu können, sei es aus dem Wunsch heraus, der Wahrheitsfindung zu dienen, oder aus reiner Wichtigtuerei. Oft stellt sich dann alles als ein nicht beweisbares Gerücht heraus oder die berichtete Sache hat mit dem Fall gar nichts zu tun.

Sensationslüsterne Blätter bringen gerne solche Nachrichten in marktschreierischer Aufmachung. So meldete sich ein junger Mann bei der Budapester Zeitung VILAG und gab zum Besten, dass vor einiger Zeit zwei Männer an ihn herangetreten seien und ihm das Angebot unterbreitet hätten, gegen eine hohe Provision gefälschte Francnoten in der Tschechoslowakei in Umlauf zu bringen. Aus der Sache sei aber dann nichts geworden, da er seine Provision in echten Francnoten haben wollte, die beiden Männer aber nur wieder gefälschte Scheine dafür anbieten konnten. Wer die Beiden waren, konnte er nicht sagen, da sie ihre Identität nicht lüfteten. Es gab nur einen einzigen Kontakt.

Auch diesem Hinweis gingen die ungarischen Detektive nach. Sie sahen nämlich darin eine Parallelität zu den Aussagen der in Amsterdam verhafteten Ungarn. Diese haben steif und fest behauptet, ihre Hintermänner nicht zu kennen. Dass es Hintermänner geben musste, war inzwischen allen an der Untersuchung des Falles eingeschalteten Beamten klar, denn die neueste Meldung aus Amsterdam zielte genau in diese Richtung.

Als die holländische Polizei die drei Ungarn verhaftet hatte und den Fall vorerst noch geheim hielt, suchten einen Tag später zwei Polizeibeamte nochmals das Hotel auf, in dem die drei Quartier genommen hatten. Sie wollten das Zimmer des Jankovic einer weiteren genauen Durchsuchung unterziehen, als der Hoteldiener mit einem Telegramm erschien. Es war an Georg Metz adressiert. Die Polizisten wussten, dass einer der drei Ungarn unter dem falschen Namen Metz in Holland eingereist war. Sie öffneten das Telegramm. Es enthielt. die Aufforderung, das Geschäft sofort abzubrechen und heimzukehren. Abgesandt wurde es in Budapest.

Die Holländer teilten diese Neuigkeit sogleich ihren ungarischen Kollegen mit und ergänzten mit der Meldung, dass Jankovic mit einem Diplomatenpass eingereist sei, der sich nach eingehender Untersuchung als echt erwies.

In Budapest musste nun rasch herausgefunden werden, wer der Absender des Telegramms war. Der Telegrammaufgeber konnte zu diesem Zeitpunkt von der Verhaftung des Jankovic noch nichts gewusst haben. Es musste demnach in Ungarn etwas vorgefallen sein, um die Aktion in Holland abzublasen. Und noch wichtiger: Wer hat dem Jankovic einen Diplomatenpass ausgestellt? Mit der Beantwortung dieser Fragen hoffte man auf die Hintermänner der ganzen Aktion zu stoßen.

Zudem wurden Details bekannt, wie die drei in Holland verhafteten Ungarn bis zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung vorgingen. Sie trieben sich vorzugsweise im Judenviertel von Amsterdam herum und suchten die dort angesiedelten Diamantenschleifer auf, um mit ihnen Geschäfte zu machen. So schlugen sie dem bekannten Steinehändler Manus vor, Diamanten für 50.000 Hollandgulden zu kaufen und den Gegenwert in französischen Francs zu hinterlegen. Manus war jedoch vorsichtig. Er ließ das Geschäft platzen, da ihm die Physiognomie der Ungarn nicht gefiel. Die Francnoten hat er sich gar nicht erst angeschaut.

So eine gute Menschenkenntnis wie Manus hatten aber nicht viele. Falsche Tausendfrancnoten tauchten bei den Erhebungen der Polizei in größeren Mengen bei den Diamantenhändlern auf.

Der Jahreswechsel stand bevor. Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr hatten sich viele ruhiger vorgestellt. In Paris wurde George Clinchent aus seinem Urlaub eiligst ins Außenministerium gerufen. Er war als der neue französische Gesandte in Ungarn nominiert und sollte sein Amt zu Jahresbeginn in Budapest antreten. Clinchet hatte vor, so gegen Mitte des Monats Januar die Reise anzutreten. Daraus wurde nun nichts. Er hätte, so wurde ihm bedeutet, sofort nach Budapest zu reisen. Entsprechende Weisungen, was er in der Francfälscheraffäre zu veranlassen habe, wurden ihm mitgegeben.

Für Frankreich war die Angelegenheit wichtig. Der Franc war eine immer wieder von Fälschungen heimgesuchte Währung. Falsche Francnoten tauchten an allen Ecken und Enden in Europa auf. Darüber hinaus war der Franc ein beliebtes Spekulationsobjekt für halbseidene Bankiers und andere Glücksritter. Der Kurs des Franc auf den Devisenmärkten wurde auf den Wirtschaftsseiten der Zeitungen penibel berichtet. Jede größere Veränderung war eine Überschrift wert.

Clinchent traf am 27. Dezember in Budapest ein. Er kam nicht alleine. Die Banque de France entsandte gleichzeitig die Beamten Hostinguet, Benoist und Doulcet, alle drei Kriminalisten für Fälschungen und deren Aufklärung.

Die Experten der Banque de France, Hostinguet, Benoist und Doulcet

Die Experten der Banque de France, Hostinguet, Benoist und Doulcet

Unmittelbar nach ihrem Eintreffen nahmen die Herren Kontakt mit den ermittelnden Behörden auf.

Während sich die Bankexperten vorläufig um die technischen Details kümmerten, interessierte sich der Gesandte mehr für die Hintermänner. In Paris kam so langsam der Verdacht auf, dass es sich bei dieser Fälschung nicht um eine der üblichen und bereits routinemäßig abzuhandelnden Arbeit einer kleinen Fälscherbande handelte, sondern dass womöglich doch mehr dahinter sein könnte.

Clinchent suchte daher gleich den mit der Ermittlung beauftragten Innenminister Rakovszky auf und führte mit ihm ein erstes Gespräch. Rakovszky versicherte dem Gesandten hoch und heilig, dass es sich hier um einen Kriminalfall handle, der jeder politischen Facette entbehre. Man werde die Sache innerhalb weniger Tage restlos aufklären und seine Excellenz könne ganz beruhigt sein und dies auch nach Paris berichten.

Wohl war dem Innenminister nach dieser Unterredung nicht.

Sicherheitshalber erfüllte er den Wunsch von Clinchent, mehr Beamte zur Untersuchung des Falles abzustellen. Als ersten Schritt in dieser Richtung wurden gleich zwei Herren nach Amsterdam entsandt, um mit der dortigen Polizei die Aufklärungsarbeit zu koordinieren und weitere Details über die Einvernahme der drei Ungarn zu erhalten.

Der Lohn für diese Maßnahme ließ nicht lange auf sich warten. Aus Amsterdam wurde berichtet, dass Marsovszky und Genossen einige Tage vor ihrer Abreise nach Holland in einer Budapester Bank einen Lombardkredit aufnahmen und ein Paket von Tausendfrancscheinen als Sicherheit dafür hinterlegten.

Die Polizei suchte dieses Bankhaus sofort auf und begann die entsprechenden Recherchen. Es handelte sich um eine Bank, die mit rechtsgerichteten Kreisen enge Beziehungen unterhielt. Man wollte das Geldpaket sehen, um zu prüfen, ob es sich um gefälschte Banknoten handelte. Zum größten Bedauern des Bankdirektors konnte er aber damit nicht dienen, da sich das Geld nicht mehr in seinem Besitze befand. Vor wenigen Tagen sei ein elegant gekleideter Herr erschienen und habe das Lombarddarlehen ausgelöst. Er habe mit ungarischem Geld bezahlt und das Paket mit den Francnoten ausgehändigt bekommen.

Die so heiße Spur versandete. Wer aber war der elegante Herr?

Die Untersuchung der ungarischen Behörden kam nicht vom Fleck. Mit dem Trost, dass wenigstens in Amsterdam drei Bandenmitglieder eingesperrt waren, ging man in die Silvesternacht.

Zum Feiern kamen die Beamten jedoch nicht. Aus Amsterdam kam die Meldung, in Budapest doch nach einem gewissen Kovacs zu suchen. Man fand nämlich bei Marsovszky ein Notizbuch, das nun ausgewertet war, mit einigen Namen, darunter der des Kovacs.

Kovacs ist in Ungarn ein sehr häufiger Name. In Budapest leben tausende Kovacs. Wie sollte man den Mann finden?

Da erinnerte sich einer der ermittelnden Beamten an einen Vorfall: Am 18. November hatte ein Mann in dem Kleidergeschäft Arvay & Salzer Damenkonfektionswaren, und zwar einen Mantel und ein Kostüm, gekauft und mit einem Tausenfrancschein bezahlt. Der Geschäftsinhaber sandte sofort einen Kommis in die nahegelegene Filiale der Ungarischen Sparkasse, um den Schein zu wechseln, was auch anstandslos erfolgte.

Der Verkäufer, der den Mann bediente, wunderte sich ein wenig über die veränderten Zeiten und dass es scheinbar in Mode kam, mit ausländischem Geld einkaufen zu gehen. Er erzählte von diesem kuriosen Einkauf am Abend bei einem Glas Wein seinem mit ihm befreundeten Kriminalbeamten.

Verdacht wurde nicht geschöpft. Warum auch. Man konnte doch nicht jeden, der mit einem Tausendfrancschein bezahlte, gleich verdächtigen. Nun aber ging man der Sache nach. Das Geschäft wurde aufgesucht und der Inhaber gab eine gute und brauchbare Personsbeschreibung des damaligen Käufers. Er erinnerte sich deshalb auch jetzt noch so genau an den Mann, da er auffallend elegant gekleidet war.

Auf Grund dieser Beschreibung konnte die Polizei den Kreis der Verdächtigen namens Kovacs sehr rasch eng schließen. Man vermutete, dass es sich um einen gewissen Kaspar Kovacs handeln müsste.

Die Detektive begaben sich in die Filiale der Ungarischen Sparkasse, in der der Tausendfrancschein gewechselt wurde und wollte dort die Bestände der Francnoten sehen. Der Bankdirektor bedauerte, da französische Banknoten in kaum nennenswerten Umfang in seiner Filiale umgetauscht wurden und daher nur ein kleiner Bestand vorhanden wäre. Dieser läge in einem Pappkarton verstaut im Haupttresor.

Der Karton wurde geöffnet. Neben einigen kleineren Scheinen war auch eine Tausender Note vorhanden.

Der Direktor erinnerte sich, dass der Schein vor einigen Wochen vom Kleiderhaus Arvay & Salzer eingetauscht und seither mangels Bedarfes nicht weiter verwendet wurde.

Man unterzog nach Aufforderung des Detektivs die Note nun einer eingehenden Untersuchung. Dem Direktor war das Ergebnis peinlich. Der Schein war falsch.

Inzwischen wurden von fünf Kaspar Kovacs die Adressen ermittelt. Sie sollten nacheinander aufgesucht werden, um mit größter Aufmerksamkeit nach Verdachtsmomenten Ausschau zu halten.

Bereits bei der ersten Adresse wurde man fündig.

Man läutete an der Wohnungstür, aber es war nur die Frau des Kovacs zu Hause. Ihr Mann sei verreist, wohin genau wüsste sie nicht, aber er müsse sich in der Gegend von Satoraja-Ujhely aufhalten. Die Detektive baten, einen Blick in ihren Kleiderschrank werfen zu dürfen. Dort fanden sich die Kleidungsstücke, ein Mantel und ein Kostüm, die ihr ihr Mann im November geschenkt hatte. Ihr Mann war Kaspar Kovacs.

Die Spur wurde warm.

Sie sollte innerhalb weniger Stunden brennheiß werden.

Das Innenministerium, als untersuchende Behörde, entsandte sofort einige Beamte nach Satoraja-Ujhely, um den Kovacs ausfindig und stellig zu machen.

Da traf aus Amsterdam eine neue Meldung ein. Der Oberst Jankovic reise mit einem diplomatischen Kurierpass. Er sei ordnungsgemäß ausgestellt, also keine Fälschung und sei mit den Siegeln des ungarischen Außenministeriums versehen. Dank dieses Passes konnte Jankovic den Koffer mit den gefälschten Francnoten über die Grenze bringen, ohne ihn vor den Zöllnern öffnen zu müssen. Der Koffer selbst war mit Originalsiegeln des ungarischen Außenministeriums plombiert.

Wieso verfügt Jankovic über einen Diplomatenpass und wieso war der Koffer versiegelt?

Das Außenministerium wurde eingeschaltet. Ein hoher Ministerialrat wurde mit der Sache befasst.

So schnell sei das nicht zu klären, wurde den Detektiven mitgeteilt. Sie hätten gewiss andere wichtigere Ungereimtheiten in dem Fall aufzuklären. Man werde sich aber bemühen, so rasch wie möglich die Sache mit dem Pass zu beantworten.

Wie es denn so mit der Aufklärung ginge, fragte der Ministerialrat des Außenamtes ein bisschen sarkastisch, denn er hatte auch gerüchteweise vernommen, dass in der Angelegenheit nichts weiterginge.

Man suche derzeit nach einem gewissen Kovacs, wurde ihm geantwortet.

Er wünsche viel Glück, Kovacs gäbe es Ungarn wie Sand am Meer. Ob sie nicht mehr wüssten?

Kaspar Kovacs sei der volle Namen.

Der Ministerialrat schwieg. Sein Gesicht versteinerte sich. Mit einer Handbewegung fuhr er über seine Stirn, als ob er einen bösen Gedanken verscheuchen wollte. Er erhob sich, ging ins Nebenzimmer und kam mit einem dicken Akt wieder zurück.

Er brauchte nicht lange darin zu blättern und erbleichte.

Mit einem Pass, lautend auf den Namen Kaspar Kovacs, reiste Kaiser Karl zu Ostern 1921 bei seinem ersten, kläglich gescheiterten Versuch, die Krone Ungarns wieder zu erringen, um als König Karl IV fortan zu regieren, von Prangins am Genfersee, seinem Schweizer Exilsitz kommend, in Ungarn ein.

Dem Ministerialrat versagte die Stimme und er brauchte einige Minuten, wieder seine Fassung zu erringen. Den Beamten des Innenministeriums war die Gefühlsregung des Ministerialrats nicht verborgen geblieben. Sie drängten in ihn, doch etwas zu sagen. Doch der schwieg. Er, ein Königstreuer, König Karl, zwar schon seit drei Jahren tot, in die Nähe von Geldfälschern gerückt, nein, nein, nein, das konnte nicht sein.

Er brach das Gespräch mit dem Ratschlag, sich den Kaspar Kovacs ganz genau anzusehen, ab und entließ seine Kollegen vom Innenministerium. Unmittelbar danach suchte er seinen Minister in dessen Privatwohnung auf und berichtete ihm über das Vorgefallene.

Auch die Detektive des Innenministeriums berichteten sofort ihrem Minister über das Gespräch im Außenministerium und die sonderbare Reaktion des Ministerialrats, als er den Namen Kaspar Kovacs hörte. Der Innenminister ordnete, ohne lange zu zögern, die Entsendung einer ganzen Truppe von Polizisten nach Satoraja-Ujhely an, um den Kovacs zu suchen.

Den drei Kriminalisten, die die Banque de France nach Budapest entsandt hatte und die sich fast ganztägig im Innenministerium aufhielten, entging die plötzliche, fast hektische Aktivität der ungarischen Behörden nicht. Sie schlossen sich der Polizeitruppe an, und reisten ebenfalls mit.

Doch groß war die Enttäuschung. Sie fanden eine öde Gegend vor: Nur Landwirtschaft, die Äcker verschneit, die Bauern verschlafen. Nur einige Saatkrähen scharrten an den Rainen nach Futter. Wie sollte man hier einen Kovacs finden?

Die Franzosen kehrten nach Budapest zurück.

Die ungarischen Beamten, auch bald bei diesem kalten Winterwetter der Herumfragerei bei den Bauern müde, suchten in dem Ort Sarospatak das dort befindliche Schloss des Prinzen Windisch-Graetz auf, um sich vor Antritt der Heimreise nach Budapest ein wenig aufzuwärmen und die Kälte aus ihren Gliedern zu vertreiben.

Schloß Sarospatak

Schloß Sarospatak

So nebenbei fragten sie ein Küchenweib, das ihnen einen Schnaps servierte, ob hier vielleicht ein Kaspar Kovacs bekannt sei.

Bei der Antwort entwich die Kälte schlagartig aus den Knochen. Die Müdigkeit wich gespannter Aufmerksamkeit.

Kovacs sei der erste Kammerdiener des Prinzen und seit vielen Jahren in seinen Diensten.

Andere Bedienstete gesellten sich zur Gruppe.

Kovacs sei ein arroganter und überheblicher Mann, spreche mit dem Personal nur das Notwendigste, sei viel in Budapest, oft sieht man ihn tagelang nicht. Beliebt sei er hier kaum.

Ob er denn jetzt da sei, wollten die Beamten wissen.

Hier sei er nicht, aber wo er sei, wisse man auch nicht. Wahrscheinlich in Budapest.

Kovacs hatte im Schloss eine kleine Wohnung. Die wollten die Beamten sehen. Es kamen erstaunliche Dinge zu Tage. So wurde festgestellt, dass Kovacs mehrere Briefsendungen an Jankovic nach Amsterdam gesendet hatte. Aufgabeort war das Postamt von Sarospatak.

Das genügte den Herren. Sie bedankten sich für die gereichten Erfrischungen und verabschiedeten sich. Ein Stubenmädchen nahm einen der jüngeren Beamten zur Seite und gab ihm den Wink, sollten sie Kovacs nicht zu Hause antreffen, mögen sie doch an dieser Adresse, sie flüsterte einen Straßennamen, Nachschau halten.

Nun ging es Schlag auf Schlag. Kovacs wurde wenige Stunden später in dem vom Stubenmädchen genannten Haus gestellt und in das Polizeipräsidium gebracht. Im Verhör leugnete er alles. Er habe mit der ganzen Francfälscheraffäre nichts zu tun.

In der Zwischenzeit waren die Ermittlungen weiter fortgeschritten. In der Wohnung des Kovacs wurden eine Reihe von Papieren beschlagnahmt und untersucht. Auf dem Telegraphenamt wurde das Originalblankett des Telegramms ausgehoben, mit dem die Ungarn in Holland aufgefordert wurden, die Aktion abzubrechen. Der Text war mit Bleistift geschrieben. Der Name und die Adresse des Aufgebers stellten sich schnell als falsch heraus. Ein Sachverständiger für Handschriften verglich die Schrift auf dem Blankett mit der Schrift auf den Papieren, die in der Wohnung des Kovacs beschlagnahmt wurden. Das Ergebnis dieser Untersuchung war eindeutig: Es war die gleiche Schrift, der Aufgeber war daher Kaspar Kovacs.

Das Spiel des Unbeteiligten konnte Kovacs im Verhör nicht lange spielen. Die Beweise, die die Beamten in der Hand hatten waren erdrückend. Zuerst gab er zu, im Konfektionshaus Arvay & Salzer Kleidungsstücke für seine Frau gekauft zu haben. Den Tausendfrancschein, mit dem er die Kleidungsstücke bezahlt hatte, hat er als Trinkgeld von einem vornehmen Gast des Prinzen Windisch-Graetz erhalten. Den Namen dieses großzügigen Spenders wollte er nicht nennen. Dass der Tausendfrancschein nicht echt gewesen sei, höre er heute zum ersten Mal. Doch als er mit dem Ergebnis der Schriftuntersuchung konfrontiert wurde, brach er zusammen und gab zu, das ominöse Telegramm nach Amsterdam abgesandt zu haben. Auch die Unwissenheit über die Echtheit der Tausendfrancscheine konnte er nicht aufrecht halten. Das Absenden von Briefen aus Sarospatak an Jankovic konnte er ebenfalls nicht leugnen.

Kovacs sass in der Falle. Er wurde in Haft genommen und eingesperrt.

Noch in der Nacht traten die höchsten Beamten des Innenministeriums zusammen, um zu beratschlagen, welche Auswirkungen die Verhaftung des Kovacs haben werden.

Es war schwer vorstellbar, dass Kovacs Aktivitäten dem Prinz Windisch-Graetz verborgen bleiben konnten. Seine plötzlich elegant gewordene Kleidung, seine Tätigkeiten in Sarospatak und seine Kontaktpflege zum Oberst Jankovic konnte nicht spurlos und für den Prinzen unsichtbar stattgefunden haben.

Allerdings den Prinzen in die Nähe von Geldfälschern zu rücken – an das wagte niemand auch nur im Entferntesten zu denken. Auch in die noch immer unaufgeklärten Verbindungen zu den rechtsextremen Kreisen der „Rassenschützler“ und der „Erwachenden Ungarn“, in der Untersuchung dieser Facette war man gar nicht weitergekommen, den Prinzen einzubeziehen – den Beamten schauderte bei dem Gedanken.

Es wurde beschlossen, den Prinzen aufzusuchen und ein Gespräch mit ihm zu führen. Dieses müsste mit Rücksicht auf die Person des Prinzen mit äußerster Diskretion geführt werden. Deshalb wurden die beiden ranghöchsten Beamten des Innenministeriums mit dieser Aufgabe betraut. Sie sollten Gewähr dafür geben, dass taktvoll und mit Behutsamkeit vorgegangen werde. Sicherheitshalber nahmen die beiden aber einige Detektive in Zivilkleidung mit, die vor dem Hause warten sollten.

Das Gespräch mit Windisch-Graetz verlief aber anders, als es sich die Herren im Ministerium vorgestellt hatten.

Windisch-Graetz stellte jede Verbindung mit den Fälschern in Abrede. Er konnte sich nicht erklären, wie sein Kammerdiener Kovacs in den Besitz der falschen Tausendfrancscheine gekommen war. Kovacs stehe seit 16 Jahren in seinen Diensten. Während des Krieges war er sein Offiziersdiener. Sie waren in der gleichen Division, deren Generalstabchef Oberst Aristide Jankovic war. Kovacs und Jankovic hatten auch unmittelbar nach dem Krieg private Kontakte, die jedoch wegen des schroffen und abweisenden Charakters des Jankovic einschliefen. Er wisse auch, dass Kovacs seit Jahren Valutaspekulationen machte und selbst Trinkgelder in Valuten anlege. Er wisse das von der Frau des Kovacs, die mit ihrem Mann in einer Wohnung in seinem Schloss in Sarospatak lebe.

Kovacs wurde von Windisch-Graetz auch für Kurierdienste zum Kaiserhaus verwendet. Wie ja allgemein bekannt sei, sei er Legitimist und habe engste und intimste Kontakte zu Kaiser Karl und dessen Familie gehabt. So sei es auch gekommen, dass Karl bei seinem Restaurationsversuch zu Ostern 1921 mit dem Pass des Kovacs in Ungarn eingereist sei.

All dies erzählte Windisch-Graetz mit großer Selbstsicherheit frei heraus.

Dann bot Windisch-Graetz den Beamten an, doch eine Hausdurchsuchung bei ihm vorzunehmen. Indigniert lehnten diese ab. Man wisse doch, dass er über jeden Verdacht erhaben sei.

Aber Windisch-Graetz insistierte. Es sei zu seiner eigenen Reputation notwendig, eine Hausdurchsuchung vorzunehmen, damit dummes Gerede von vornherein gar nicht aufkomme. Er wolle quasi eine amtliche Feststellung, dass er nichts, aber auch gar nichts mit der Angelegenheit zu tun habe.

Offensichtlich gefiel ihm der Gedanke einer offiziellen Reinwaschung so sehr, dass er sich so hineinsteigerte, bis die Beamten widerwillig, eher um den Prinzen zu beruhigen und ihm einen Gefallen zu tun, denn in der Aufklärung des Falles weiter zu kommen, zustimmten. Die vor dem Haus wartenden Detektive wurden herbeigeholt und die Durchsuchung durchgeführt.

Tatsächlich stellte sich heraus, dass der Prinz über keinerlei kompromittierende Unterlagen verfügte, die einen Verdacht gegen ihn aufkommen ließen.

Die Detektive begnügten sich jedoch nicht, nur die Räume des Prinzen zu untersuchen. In einem Nebenzimmer erkundigten sie sich, wem der dort stehende Schreibtisch gehöre und erfuhren, dass es sich um den Tisch des Desider Raba, Sekretär des Prinzen, handle.

Die Laden des Schreibtischs wurden durchsucht und man wurde fündig.

Es kamen Papiere zum Vorschein, die den eindeutigen Schluss zuließen, dass Raba der Lieferant der Tausendfrancscheine an Kovacs war.

Windisch-Graetz war wie vom Donner gerührt. Damit hatte er nicht gerechnet.

Man erkundigte sich noch nach der Wohnadresse des Raba und die Herren empfahlen sich.

Wenige Minuten später war Raba festgenommen.

Desider Raba

Desider Raba

Noch in seiner Wohnung leugnete Raba jeden Zusammenhang mit der Francfälscheraffäre. Er kenne den Prinzen seit dem Krieg, war als Oberleutnant diesem zugeteilt und bezeichnete sich als seine Vertrauensperson. Als Windisch-Graetz nach dem Krieg ungarischer Ernährungsminister war, ernannte er Raba zu seinem Sekretär. Später quittierte er den Staatsdienst und trat als Privatsekretär in die Dienste von Windisch-Graetz. Er begleitete den Prinzen auf zahlreiche Reisen ins Ausland, vor allem in die Schweiz zur Familie des Königs. Man möge ihn respektvoll behandeln und im Übrigen in Ruhe lassen.

Man tat das Gegenteil: Er wurde abgeführt und in das Polizeipräsidium gebracht.

Die Hausmeisterin beobachtete diesen Vorgang. Geschwätzig wie sie war, plauderte sie über einen Vorfall in der letzten Nacht. Gegen elf Uhr trommelte der, ihr bisher unbekannte Prinz Windisch-Graetz mit beiden Fäusten gegen das Haustor. Die Hausmeisterin wies ihn zurecht, er wecke ja das ganze Haus auf. Windisch-Graetz entschuldigte sich mit dem Hinweis, er sei sehr nervös, gab ihr ein fürstliches Trinkgeld, wies sie an zu warten und eilte in die Wohnung des Raba. Nach wenigen Minuten kam er in Begleitung Rabas sehr aufgeregt zurück und beide Herren fuhren mit einem bereitstehenden Auto weg.

Im Präsidium wurde Raba eingehend verhört.

Wenige Stunden später platzte die Bombe, die halb Europa erschütterte:

Prinz Ludwig Windisch-Graetz wurde verhaftet.

Prinz Ludwig Windisch-Graetz

Prinz Ludwig Windisch-Graetz

Ludwig Windisch-Graetz war eine schillernde Persönlichkeit. Er entstammte einem der ältesten und angesehensten Adelsgeschlechter Europas und konnte auf berühmte Vorfahren zurückblicken. Sein Urgroßvater Alfred rettete für den jungen Kaiser Franz Josef 1848 die Monarchie. Er unterdrückte den Aufstand in Prag und wurde daraufhin mit dem Oberkommando zur Niederschlagung der Revolution in Wien betraut. Mit einem Blutgemetzel, einigen tausend Toten und unzähligen zerstörten Gebäuden gelang ihm das im Oktober 1848. Wenige Monate später siegte er über die ungarischen Aufständischen bei Kopolna. Er trug im Volksmund den Beinamen „der Henker der Revolution“.

Feldmarschall Fürst Alfred Windisch-Graetz

Feldmarschall Fürst Alfred Windisch-Graetz

Ein Onkel des Verhafteten war von 1893 bis 1895 Ministerpräsident von Österreich und anschließend bis zum Ende der Habsburgermonarchie Präsident des Herrenhauses. Der Cousin Otto heiratete Elisabeth, die Tochter des in Mayerling ums Leben gekommenen Kronprinz Rudolf. Die Ehe hatte allerdings keinen Bestand. Elisabeth ist unter dem Namen „die rote Erzherzogin“ in die Geschichte eingegangen. Die Liste der bekannten und berühmten Windisch-Graetz ließe sich noch lange fortsetzen.

Über den im Gefängnis einsitzenden Ludwig Windisch-Graetz wusste die breite Öffentlichkeit sehr wenig oder hatte nur schemenhafte Vorstellungen. Es war in erster Linie der Name, der den Leuten Respekt einflößte. In Ungarn wurde der Adel, zum Unterschied zu Österreich, nach dem Krieg nicht abgeschafft. Adelige waren in den Augen des Großteils der Bevölkerung angesehene Personen.

Angehörige des Hochadels waren die angesehensten der Angesehenen. Ihnen war Tür und Tor geöffnet. Sie erreichten alles im Leben. Sie waren so hoch in der Gesellschaft angesiedelt, dass ihnen niemand etwas anhaben konnte. Eigentlich auch der Staat nicht.

Und ein Angehöriger dieses Standes wurde nun festgenommen, verhört und eingesperrt. Wie ein gewöhnlicher Hühnerdieb. Das hat die Menschen in Europa geschockt. Der Name Windisch-Graetz war überall bekannt. Bereits im 13. Jahrhundert wurden sie urkundlich erwähnt. Die Familie war weitverzweigt. Durch Heirat war das Geschlecht mit allen Familien des Hochadels verwandt. In den Ländern der Monarchie hatten sie Schlösser und Grundbesitz.

Eine Bodenreform oder eine Enteignung der Großgrundbesitzer fand in Ungarn nicht statt. Auch Ludwig Windisch-Graetz war reich an Land. Rund um sein Schloss Sarospatak gehörte ihm jedes Joch Ackerland. Weitere Besitztümer und Jagdschlösser fanden sich in ganz Ungarn. In Budapest besaß er ein Stadtpalais und mehrere gut vermietete Zinshäuser in besten Lagen, in Wien eine feudale Wohnung. Sogar ein Automobil hatte er. Was wollte er denn noch, warum hat er sich mit Geldfälschern eingelassen?

Während die Zeitungen rätselten und sich auf die wildesten Spekulationen über die Motive des Ludwig Windisch-Graetz einließen, während in den Salons und diversen Zirkeln in Wien und Budapest die Gerüchteküche brodelte, begann, vorerst noch unhörbar, die zweite Bombe zu ticken.

Sie sollte nicht lange ticken.

Im Gefängnis von Budapest wurde dem Prinzen die komfortabelste Einzelzelle angewiesen. Das Wachpersonal behandelte ihn ehrerbietig, er musste nicht das Anstaltsessen zu sich nehmen, sondern ließ sein Nachtmahl aus dem besten Restaurant Budapests kommen. Seine Schnürsenkel wurden ihm nicht, wie den anderen Gefangenen, abgenommen.

Mit der Untersuchung wurde Staatsanwalt Dr. Sztrache beauftragt. Er begann mit dem Verhör des Windisch-Graetz.

Dr. Sztrache war einer der gefürchtetsten Staatsanwälte Ungarns. Seinen messerscharfen Verstand, verbunden mit einer frappierenden Kombinationsgabe, verbarg er hinter einer Maske der Freundlichkeit. Er baute zwischen Windisch-Graetz und ihm ein scheinbares Vertrauensverhältnis auf, dem der Prinz prompt auf den Leim ging.

Staatsanwalt Dr. Sztrache

Staatsanwalt Dr. Sztrache

Windisch-Graetz legte innerhalb kurzer Zeit ein umfassendes Geständnis ab. Er nannte Details und die Namen der an der Fälschung beteiligten Personen, ob sie nun mit der Herstellung oder mit der Verwertung der Banknoten befasst waren.

Doch Windisch-Graetz brachte eine völlig neue Farbe in die Affäre. Er sprach von einem politischen Hintergrund und von reiner politischer Motivation.

Der Staatsanwalt hielt sich vorerst an greifbare Tatsachen und ließ elf weiteren Personen, alle entweder aus dem engen Umfeld des Prinzen oder aus dem Bereich der inzwischen festgestellten Fälscherwerkstätte verhaften. Spektakuläre Namen waren nicht darunter.

Erst in den frühen Abendstunden des nächsten Tages zündete Dr. Sztrache die zweite Bombe. Er erließ einen Haftbefehl gegen den allmächtigsten Staatsfunktionär, dem Landespolizeichef Emmerich Nadossy, der den Beinamen „Scarpia von Budapest“ trug.

Der Knall dieser Bombe übertönte alles, was in der Affäre bisher da gewesen war.

Landespolizeichef Emmerich Nadossy

Landespolizeichef Emmerich Nadossy

Nadossy war in Ungarn wenig geliebt, dafür umso mehr gefürchtet. Er begann seine Karriere im Justizministerium, wo er anfänglich ein unscheinbarer Dutzendbeamter war. Doch bald schätzte man an ihm den präzise denkenden Menschen, der alle an ihn gestellten Aufgaben mit eisernen Willen erfolgreich zu Ende führte. Als 1916 Vazsonyi Justizminister wurde, ernannte er Nadossy zum Leiter des Präsidialbüros. Das war die große Stunde des Nadossy.

Der Minister kümmerte sich nicht um Personalangelegenheiten. Nadossy nahm die Chance, die ihm sein Amt bot wahr, Karrieren zu fördern, zu hemmen oder gar sie zu vernichten. Er schuf sich in dieser Zeit zwar mehr Feinde als Freunde, konnte sich jedoch hohe und höchste Persönlichkeiten im Staate wenn schon nicht gefügig machen, so doch wohlwollend ihm gegenüber zu stimmen. Die Förderung eines Protektionskindes machte sowohl den Geförderten, als auch dessen Protektor zu seinen Freunden.

Stets elegant gekleidet konnte er sehr rasch Zugang in die höchsten gesellschaftlichen Kreise finden. Er fehlte bei keiner Premiere, besuchte die großen Bälle und war bei vornehmen gesellschaftlichen Veranstaltungen zu sehen. Dort war er ein gern gesehener Gast, wusste er doch durch gute Umgangsformen und Eloquenz seine Umgebung für sich einzunehmen. In zwei der feudalsten Klubs Budapests, dem Magnatenkasino und dem Gentry-Kasino war er Mitglied. Obwohl er verheiratet war, wurde er nie in Gesellschaft seiner Frau gesehen. Im Gegenteil, er führte trotz seiner Ehe ein regelrechtes Junggesellenleben. Einige Affären mit Damen der Gesellschaft machten ihn als Mann noch interessanter.

Unmittelbar nach dem Krieg war er kurze Zeit Minister. Dann schuf man eigens für ihn die Position eines Landespolizeichefs, die es vorher in Ungarn noch nicht gab.

Nun war Nadossy allmächtig, ohne im Vordergrund stehen zu müssen. Eine parlamentarische Kontrolle seiner Tätigkeit gab es nicht.

Politisch war Nadossy erzkonservativ. Er näherte sich der Bewegung der Rassenschützler und der „Erwachenden Ungarn“ an und wurde bald deren wichtigster Protektor.

Dieser Mann wurde nun von Dr. Sztrache persönlich verhaftet.

Nachdem ihm der Haftbescheid vorgelesen wurde, antwortete Nadossy:

„Ich ergebe mich achtungsvoll in die Verhaftung. Als einer der ersten Funktionäre des Landes weiß ich, dass die Königliche Staatsanwaltschaft Grund zur Verhaftung hat. Ich betone nochmals, ich wusste nicht nur von dem was geschehen ist, ich habe es sogar unterstützt. Aber ich bin genug Patriot, um zu bekennen, dass man einem Lande gegenüber, welchem Ungarn den Verlust von zwei Dritteln seines Gebiets verdankt, mit den Waffen nicht wählerisch sein müsse“.

Er wurde vom Staatsanwalt Sztrache im Gefängnis abgeliefert. Dabei spielten sich kuriose Szenen ab. Der Assistent Sztraches, der bei der Festnahme anwesend war, war ein Protektionskind des Polizeichefs und nur durch dessen Hilfe in den Justizdienst gekommen. Wie sollte er sich verhalten? Noch war ja nichts entschieden. Nadossy wurde ja lediglich verdächtigt, vielleicht würde er in wenigen Stunden oder Tagen wieder frei gehen. Aber dann sollte Sztrache auf seiner Hut sein und er, der Assistent auch. Nadossy würde wohl keine Sekunde zögern und sich über die ihm angetane Schmach rächen. Vorsorglich behandelte er daher Nadossy mit aller Höflichkeit und Unterwürfigkeit, als ob er zum Vortrag zu ihm bestellt sei.

Die Gefängniswärter waren da nicht so zimperlich. Sie nahmen Nadossy alles ab, was er bei sich trug, durchsuchten seine Taschen, fanden eine geladene Pistole, nahmen alles in Verwahrung und verfrachteten ihn in eine Zelle.

Sofort begann in Budapest die Gerüchteküche zu kochen. Nadossy konnte doch unmöglich ein materielles Interesse an der Fälschergeschichte gehabt haben. Welche Rolle spielte denn hier die Politik?

Details wurden bekannt. Windisch-Graetz sei bankrott, wurde hinter vorgehaltener Hand erzählt. Obwohl er in Ungarn und der Tschechoslowakei Grund und Boden im Ausmaß von über fünfzigtausend Katastraljoch besaß, habe er Schulden in Millionenhöhe, einige seiner Güter seien an ausländische Banken verpfändet, um Sicherheit für eingeräumte Kredite zu geben. Das Geld sei aber weg. Im Schloss Sarospatak sei man nicht mehr imstande, die Schusterrechnungen zu bezahlen. Er lebt weit über seine Verhältnisse und, dies sei der wahre Grund für seine miese Finanzlage, er sei ein maßloser Spieler. Im vornehmen Wiener Jockeiclub, der nur Adeligen zugänglich war, habe Windisch-Graetz sein Vermögen verspielt. Die Herren hielten sich bedeckt.

Auf der anderen Seite war es kein Geheimnis, dass der Prinz seit Jahren die Nähe der Rassenschützler gesucht hatte.

Diese Verstrickung persönlicher Schulden mit politisch rechtsgerichteten Kontakten machte die Sache für die Öffentlichkeit spannend.

Die Affäre blieb allerdings nicht auf Ungarn beschränkt.

Da war einmal Frankreich.

Frankreich war bei den Friedensverhandlungen im Jahr 1919 in Paris, die ohne die Teilnahme Ungarns und Österreichs stattgefunden hatten, die treibende Kraft was die „Bestrafung“ der Donaumonarchie betraf. Zuerst wurde mit Österreich abgerechnet und mit dem Friedensvertrag von Saint-Germain am 10. September 1919 der Kriegszustand offiziell beendet. Dann war Ungarn an der Reihe.

Doch bis es dazu kam, hatten die Nachbarländer kräftig zugelangt. Noch im Oktober 1918 okkupierte der neugeschaffene Staat Tschechoslowakei den Nordteil Ungarns, ein Monat später folgten die Rumänen und schnitten sich im Osten ein Gebiet ab, das größer als das letztendlich verbleibende Restungarn war und wenige Tage danach war das ebenfalls neugeschaffene Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen nicht untätig und verleibte sich den Süden des Landes ein. Diese Gebietsabtrennung war für Ungarn besonders schmerzreich, denn der Zugang zum Meer war dadurch verloren und Ungarn wurde ein Binnenstaat.

Der Friedensvertrag von Trianon besiegelte die neuen Grenzen Ungarns. Zwei Drittel des Landes waren verloren. Die Ungarn beweinten sich und fühlten sich von aller Welt verlassen. Was sie allerdings in ihrem Schmerz nicht wahrhaben wollten war die Tatsache, dass die abgetrennten Gebiete überwiegend von Nichtungarn bewohnt waren. Diese Völker, Rumänen, Slowaken, Kroaten und Serben, wurden in den vergangenen Jahrzehnten systematisch einem Magyarisierungsprozess unterworfen, der mit unnotwendigen Härten einen Ungarnhass nährte, der nun nach dem verlorenen Krieg in den Gebietsabtrennungen sein Ventil fand.

Die ungarische Delegation versuchte zwar in Paris Volksabstimmungen in den verlorenen Gebieten im Nachhinein durchzuführen, was jedoch von den Alliierten, mit Ausnahme der Abtrennungen zu Österreich, abgelehnt wurde.

Die Gebietsabtrennungen waren eine Seite, die zwar jeder Ungar bis in das entfernteste Dorf als Schmach empfand, doch der Vertrag von Trianon enthielt noch andere Beschämungen, die vor allem den Intellektuellen des Landes unter die Haut gingen. Da war einmal die alleinige Zuweisung der Schuld, den Krieg verursacht zu haben, obwohl jeder wusste, dass, Frankreich, England und Russland mit ihren Verbündeten am Balkan einen nicht unbeträchtlichen Teil der Kriegsschuld mittrugen.

Die Krönung waren jedoch die Reparationen, die Ungarn an seine Nachbarländer zu leisten hatte. Nicht nur, dass diese Länder sich schamlos Gebiete angeeignet hatten, musste Ungarn nun auch noch Reparationen an sie bezahlen. Schlacht- und Zuchtvieh mussten zu tausenden abgeliefert werden, dazu Getreide und Futtermittel, obwohl im eigenen Land Hunger herrschte.

Die Reparationen wurden von einem sogenannten „Wiedergutmachungsausschuß“ der Siegermächte festgesetzt. Im Vertrag war das so geregelt, dass der Ausschuss nach Billigkeit der ungarischen Regierung Gehör gewähren kann, ohne dass dieser jedoch irgendein Anteil an den Beschlüssen des Ausschusses zusteht. Der Ausschuss ist an keine Gesetzgebung, keine bestimmten Gesetzbücher, auch nicht an besondere Vorschriften über die Untersuchung und das Verfahren gebunden; er lässt sich nur von der Billigkeit und von Treu und Glauben leiten.

Damit nicht genug und um die Beschämung des Kriegsverlierers vollständig zu machen, hat Ungarn auch noch die Bezüge und Kosten des Ausschusses und des von ihm etwa beschäftigten Personals zu bestreiten.

Dies wurde von den Ungarn als die größte Demütigung empfunden. Man musste quasi den Räuber im eigene Haus noch bewirten und für seine Beutezüge auch noch bezahlen!

Man wusste in Budapest genau, wer hinter diesen Vertragsbestimmungen stand. Frankreich war es und die entsprechenden Paragraphen wären noch härter ausgefallen, hätten nicht England und Amerika mäßigend auf die Franzosen eingewirkt.

Treibende Kraft der Franzosen war der Ministerpräsident Clemenceau. Seine Strategie war eine von Sicherheitsdenken für Frankreich, gepaart mit – nie zugegebenen – Hassgefühlen gegenüber den Mittelmächten, geprägte Politik. Er zog sich zwar noch vor der Unterzeichnung des Vertrages mit den Ungarn als fast Achtzigjähriger aus der Politik zurück, sodass sein Nachfolger Alexandre Millerand für Frankreich den Vertrag unterschrieb, jedoch blieb Clemenceaus Handschrift des Vertragstextes unverkennbar.

Millerand blieb auch nicht lange Ministerpräsident. Er musste den unter einer schweren Demenz leidenden Staatspräsidenten Paul Deschanel ablösen, da dieser im Amt des Ersten Bürgers im Staate untragbar wurde. Trotz totaler Verblödung wurde Deschanel zum Senator auf Lebenszeit ernannt, ein Amt das er noch zwei Jahre ausübte.

Die ungarischen Zeitungen brachten Meldungen über die Dekadenz von französischen Politikern und Degeneration der „Grand Nation“ im Allgemeinen, in großer Aufmachung. Jede noch so unbedeutende Randerscheinung wurde zum Anlass zur Abfassung hämischer Kommentare wahrgenommen.

Auf diesem Humus, wenn man nicht Mistbeet sagen möchte, konnten politische Parteien und Vereinigungen wie die „Hakenkreuzler“ und die „Erwachenden Ungarn“, prächtig gedeihen. Der Hass auf Frankreich war die Triebfeder für tausende Ungarn, sich solchen rechtsgerichteten Bündnissen anzuschließen oder zumindest mit ihnen zu sympathisieren.

Frankreich hatte nicht nur ein staatspolitisches Interesse an der Aufklärung des Falles sondern wollte unbedingt alle Details des Fälschungsvorganges als solchen wissen. Die Banque de France sandte zusätzlich Spezialisten nach Budapest. Die Herren interessierten sich vor allem, wo und auf welchen Druckmaschinen die Noten hergestellt wurden und woher das Papier kam.

Auf die Beantwortung der ersten Frage brauchten sie nicht lange zu warten. Die ungarische Polizei, die Tag und Nacht an der Aufklärung der Affäre arbeitete – auf Anordnung des Ministerpräsidenten musste der Justizminister persönlich die Leitung des Falles übernehmen – war diesbezüglich fündig geworden.

Sie verhaftete Ladislaus Gerö, den technischen Leiter des Kartographischen Instituts. Nach anfänglichem Leugnen gestand er schließlich, dass die Francnoten unter seiner Leitung im Kartographischen Institut hergestellt wurden, und zwar von der Herstellung der Klischees bis zum Druck. Er nannte auch gleich alle Namen und Adressen der an dem Fälschungsprozess beteiligten Personen.

Dies führte noch in der Nacht zu einer Verhaftungswelle in Budapest. Am nächsten Morgen prangten von den Titelseiten der Zeitungen im In- und Ausland die Schlagzeilen in Riesenlettern. Da war vom größten Geldfälscherskandal der Weltgeschichte die Rede, vom nationalen Schandfleck Ungarns, der ausgebrannt werden musste usw. usw.

Die Journalisten stellten eigene Recherchen an. Interessante Details kamen zu Tage. Das Kartographische Institut war ein Staatsbetrieb, demnach wurden die falschen Banknoten in einer staatlichen Druckerei hergestellt. Der verhaftete technische Leiter Gerö war neben seiner hohen Funktion im Institut ein wichtiger und sehr umtriebiger Funktionär der „Erwachenden Ungarn“. Der Phantasie der Zeitungen waren keine Grenzen mehr gesetzt. Man erging sich in den wildesten Kombinationen, wobei immer wieder die Frage gestellt wurde, was von der ganzen Angelegenheit die Regierung und ihr Chef, der Graf Bethlen wussten.

Bethlen gab daraufhin ein Kommunique heraus, in dem unmissverständlich aufgezeigt wurde, dass es sich bei der Affäre um eine verbrecherische Tat von Privatpersonen handle, die mit dem Staat und seinen Organen nichts zu tun habe. Man werde ohne Rücksicht auf Personen und Parteien die Sache restlos aufklären.

Den französischen Kommissaren interessierten solche Aussendungen der Regierung wenig. Sie wollten vielmehr von Gerö Auskünfte über die Herkunft und den Verbleib der Druckermaschinen wissen. Das war für sie wichtig, denn es hätte ja sein können, dass trotz der massenweise vorgenommenen Verhaftungen irgendwo in Europa noch immer Tausendfrancscheine damit gedruckt werden. Im Kartographischen Institut waren die Maschinen nicht mehr.

Gerö, durch die pausenlosen Verhöre mürbe geworden, gab das Maschinengeheimnis preis. Die ungarische Nationalbank, zuständig für den Druck der ungarischen Banknoten, bestellte bei einer Leipziger Firma zwei Schnellpressen, die jedoch den hohen Anforderungen der Nationalbank nicht entsprachen. Die Maschinen wurden nicht übernommen. Der Leipziger Lieferant transportierte die Maschinen jedoch nicht sofort zurück nach Deutschland, sondern lagerte sie in Budapest ein. Gerö kam zu Ohren, dass sich in einer Budapester Lagerhalle zwei funkelnagelneue Notenpressen befänden. Er nahm mit der Leipziger Firma Kontakt auf, besichtigte die Maschinen, was ihm als technischer Leiter des Kartographischen Instituts gewährt wurde, und erwarb sie. Die Pressen wurden dann im Souterrain des Kartographischen Instituts aufgestellt und zur Herstellung der Falsifikate benutzt. Nach der Aufdeckung der Tat wurden sie unbrauchbar gemacht, teilweise zerlegt und dem Alteisenhändler Nemes & Stein verkauft. Bei einer dort sofort durchgeführten Hausdurchsuchung wurden alle Teile in einem Haufen von Gerümpel aufgefunden. Die Stücke wurden beschlagnahmt und den Herren der Banque de France übergeben, die sie umgehend nach Paris zu weiteren Untersuchungen sandten.

Die Franzosen wollten über den Herstellungsvorgang Näheres erfahren. Dabei stellte sich heraus, dass Gerö bei seinen Fälschungsversuchen eine neue, man kann sagen geniale, Methode der Banknotenfälschung erfand. Es gelang ihm, das Wasserzeichen so täuschend echt nachzumachen, dass es selbst Experten schwer fiel, die Fälschung sofort zu erkennen.

Die Maschinen liefen täglich mehrere Stunden. Es waren bis zu zehn Helfer, die der Staatsanwalt sofort verhaften ließ, am Druck beteiligt. Jeder Bogen der die Druckmaschine verließ, wurde genau überprüft. Wiesen sie einen Fehler auf, wurden sie vernichtet. Am schwierigsten war die richtige Farbgebung. Oftmals mussten die Maschinen angehalten werden, um die richtige Farbmischung einzustellen.

Der Staatsanwalt wollte wissen, wie es möglich war, dass alle diese Vorgänge geheim bleiben konnten.

Gerö gab zu Protokoll, dass er sich nicht vorstellen könne, dass dem Generaldirektor des Kartographischen Instituts dies alles verborgen bleiben konnte. Die Druckmaschinen waren sehr laut, man hörte sie im ganzen Haus. Auch der Transport der Maschinen in den Hof und die anschließende Montage im Keller konnten den leitenden Herren nicht entgangen sein.

Generaldirektor des Instituts war General Haits. Dr. Sztrache ließ ihn sofort verhaften.

Noch etwas gab Gerö zu Protokoll: Weder er noch seine Mitarbeiter haben für ihre Tätigkeit auch nur einen Heller Extraentlohnung erhalten. Sein Auftraggeber Prinz Windisch-Graetz habe immer nur an seine patriotischen Gefühle appelliert und ihn an seine vaterländische Pflicht gemahnt. Die für Ungarn einzige Möglichkeit Frankreich zu schaden und die Schmach von Trianon zu tilgen, sei die Unterminierung der französischen Währung. Er selbst lebe mit seiner Familie in ärmlichsten Verhältnissen, wovon sich der Herr Staatsanwalt überzeugen könne.

Das tat dieser auch. Er sandte zwei Detektive in die Wohnung Gerös. Die brauchten zur Beurteilung seiner Lebensumstände nur wenige Minuten. So viel Elend auf engstem Raum hatten sie lange nicht gesehen.

Woher das Papier kam blieb vorerst unbekannt. In dieser Frage hielten sich alle Beteiligten bedeckt, wussten es entweder nicht oder gaben vor es nicht zu wissen.

Nach und nach wurden fast alle Einzelheiten aufgedeckt.

Für den Vertrieb der Falsifikate wurde eine eigene Organisation geschaffen. Man traf sich in Ofen im Gasthaus Ketter. Die Gruppe nannte sich „Gesellschaft der Huligane“. War etwas Wichtiges zu besprechen, zogen sich die Herren in das Extrazimmer zurück und durften nicht gestört werden. Die Wirtsleute gaben zu Protokoll, dass hochgestellte Persönlichkeiten immer wieder zu Besprechungen erschienen. Landespolizeichef Nadossy war häufig zu Gast und auch Prinz Windisch-Graetz war oft gesehen.

Fast alle Mitglieder der „Gesellschaft der Huligane“ waren auch bei den Rassenschützlern und den Erwachenden Ungarn in irgendeiner Form engagiert.

Der Absatz größerer Geldmengen bedurfte eines Netzwerks unbescholtener Männer, die auf Auslandsreisen die Falsifikate eintauschen sollten. In den Kreisen rechtsgerichteter Parteien fanden sich genug Personen, die sich bereit erklärten, mitmachen zu wollen. Sie wurden mit rein patriotischen Begründungen motiviert. Es gelte Frankreich zu treffen. Frankreich sei an der ganzen Misere Schuld. Dass es Ungarn heute so schlecht ginge, sei ausschließlich auf die französische Politik im Jahre 1919 zurückzuführen. Ungarn sei es unmöglich einen Krieg gegen Frankreich zu führen, aber deren Währung könne beschädigt werden. Darum brauche es für den Vertrieb der Falsifikate aufrechte Patrioten.

Man versuchte auch ausgefallene Vertriebswege. So wurde eine Dame der Aristokratie von einem Mitglied der Huligane kontaktiert, um sie ins Ausland zu schicken und dort Juwelen für die Exkaiserin Zita anzuschaffen. Eine Gesellschaft von Legitimisten hätte beschlossen, die Kaiserin mit einem Geschenk zu erfreuen. Der Huligan wollte der Dame auch gleich das Geld überreichen, damit sie die Juwelen an Ort und Stelle bezahlen könne. Es waren ausschließlich Tausendfrancscheine. Die Aristokratin erbat sich eine Bedenkzeit, um sich mit ihrem Rechtsanwalt zu beraten. Der riet ihr aber von der Aktion ab, da er die Hintergründe nicht durchschauen konnte. Exkaiserin Zita hat das Geschenk nie erhalten.

Nadossy war für den Vertrieb der Falsifikate eine Schlüsselfigur. Er wurde von Windisch-Graetz in die Angelegenheit eingeweiht. Der Prinz suchte ihn in seinen Amtsräumen auf und erklärte ihm den Plan, durch falsche Francnoten das wirtschaftliche Gleichgewicht Frankreichs zu stören. Nadossy erklärte diese Idee für absurd, insbesondere die Tatsache, dass für eine nachhaltige Beeinflussung des Währungsgefüges so große Geldmengen hergestellt und in Umlauf gesetzt werden müssten, dass die Sache nicht lange geheim bleiben könnte. Doch Windisch-Graetz gelang es, ihn von der Durchführbarkeit zu überzeugen. Er sprach von den heiligen Zielen des Vaterlandes, von der Schmach des Friedensvertrags von Trianon und der Verpflichtung jedes aufrechten Patrioten, Rache an Frankreich zu üben.

Schließlich willigte Nadossy ein, sich an der Sache zu beteiligen.

Die Kreativität Nadossys gebar eine Fülle von Ideen zur Realisierung eines reibungslosen Notenvertriebs. Dank seiner herausragenden Stellung im Staate konnte er alles beschaffen, was die Huligans für ihre Tätigkeit benötigten. So verschaffte er dem in Holland verhafteten Jankovic einen Kurierpass, der das Reisen ins Ausland fühlbar erleichterte, da Grenzkontrollen eines solchen Passträgers unterblieben.

Auch die Versiegelung der Koffer mit den Falsifikaten für die Reise nach Holland ermöglichte Nadossy. Er begab sich mit Jankovic ins Außenministerium, wo in seiner Gegenwart die Koffer mit Amtssiegeln versehen wurden. Niemand wagte es, den obersten Polizeichef zu fragen, was in den Koffern sei. Nur einmal wagte es ein Beamter, nachdem er die Schlösser eines großen Koffers versiegelt hatte, Nadossy zu fragen, was er denn so oft auf so geheimnisvolle Art ins Ausland zu schaffen habe. Damit konnte er Nadossy aber nicht in Verlegenheit bringen. Jovial klopfte er dem Mann auf die Schulter und sagte: „Sie werden es nicht glauben, es handelt sich um falsche Banknoten.“ In allgemeinem Gelächter verabschiedeten sich die Herren und es wurden nie mehr solche Fragen gestellt.

Die französischen Beamten der Banque de France, die an die Idee der Unterminierung der französischen Währung nicht recht glauben konnten, stellten an Windisch-Graetz in harmlosen Tonfall die Frage, warum er ausgerechnet französisches Geld machen ließ. Der Prinz tappte in die Falle. Die französische Währung sei in dieser Zeit, wo alle europäischen Staaten unter dem Joch der Inflation zu leiden hätten, die einzige Währung, die stabil sei.

Kaum hatte er das ausgesprochen, wurde ihm bewusst, dass er damit ja indirekt zugegeben hatte, nicht Frankreich als Staat treffen zu wollen. Schlagartig stellte er daher seine Argumentation auf die Schiene des Patriotismus um. Doch die Herren ließen sich nicht beirren und rechneten Windisch-Graetz vor: Es wurden täglich etwa fünfhundert Stück Tausendfrancscheine hergestellt. Das ergibt in einem halben Jahr 75 Millionen Franc. Angesichts eines Banknotenumlaufs von 60 Milliarden muss es ja gerade als kindisch anmuten, mit 75 Millionen die französische Währung unterminieren zu wollen.

Windisch-Graetz schwieg.

Staatsanwalt Dr. Sztrache ließ sich alle Verdächtigen unbeschadet ihrer politischen Stellung im Staat vorführen. Besonders hatten es ihm die „Erwachenden Ungarn“ angetan.

Der erwachende Ungar

Der erwachende Ungar

Die mögliche politische Motivation der Francfälscher war nicht wegzudiskutieren. Der Ministerpräsident Graf Bethlen musste mehrmals beim Reichsverweser Admiral Horthy vorsprechen und ausführlich Bericht erstatten. Nach diesen Vorträgen wurde ein amtliches Kommunique veröffentlicht, das im Wesentlichen immer den gleichen Inhalt hatte, nämlich dass die Francfälscheraffäre eine Aktion verbrecherischer Individuen sei und der Staat mit der Angelegenheit nichts zu tun habe. Man werde die Sache ohne Rücksichtnahme auf die handelnden Personen aufklären und die Schuldigen vor Gericht stellen.

Den Botschaften im Ausland wurden genaue Informationen über den Stand der Ermittlungen gegeben und den Herren Gesandten Instruktionen erteilt, wie sie sich zu verhalten hatten. Dies war wichtig, denn nach und nach wurde eine zunehmende Nervosität in den Außenministerien sowohl befreundeter, als auch feindlich gesinnter Staaten festgestellt.

In Washington wurde der ungarische Geschäftsträger ins State Department bestellt, um der amerikanischen Regierung Aufklärung über die Hintergründe der Affäre zu geben. In London war man besonders aufmerksam. Jede politische Veränderung in Ungarn wurde mit Argusaugen registriert. Der Botschafter war täglicher Gast im Foreign Office. Selbst in Berlin musste der Gesandte im Auswärtige Amt antreten und die deutsche Regierung über den Stand der Ermittlungen unterrichten.

Der ungarische Botschafter in Paris kam kaum mehr zum Schlafen. Ständig wurde er von der Regierung, von der Banque de France und von höchsten Kreisen der Wirtschaft kontaktiert. Die französischen Behörden pflegten eigene Ermittlungen. Kaum hatten sie wieder etwas Neues ausgeforscht, wurde der Botschafter damit konfrontiert. Der wusste natürlich nichts davon und hinterließ einen kläglichen Eindruck. Mindestens einmal in der Woche fuhr er im Nachtschnellzug nach Budapest, konferierte mit den Ermittlungsbeamten und reiste in der nächsten Nacht wieder zurück nach Paris.

Es gelang ihm, die französische Regierung dazu zu bringen, ein Kommunique herauszugeben, in dem sich die Franzosen der Meinung des ungarischen Ministerpräsidenten Bethlen anschlossen und der Francfälscheraffäre jeglichen politischen Hintergrund absprachen.

Der Botschafter meldete voll Stolz dieses Ereignis nach Budapest, war es doch sein ureigenstes Verdienst, die französische Regierung zu diesem Schritt gebracht zu haben. Jetzt war die Voraussetzung geschaffen, endlich Ruhe in die Sache zu bringen und auf den Titelseiten der internationalen Presse Platz für andere Schlagzeilen zu machen, die sich nicht mit Ungarn befassten.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte er noch nichts von der dritten Bombe, die bereits beim Staatsanwalt tickte und deren Explosion alles Bisherige in den Schatten stellen sollte.

Viele Kreise waren in die Affäre bereits verwickelt.

Da war einmal an vorderster Stelle die Politik. Rechtsgerichtete Parteien fanden sich in der Rolle der Täter, die Linken wurden nicht müde, als Ankläger und Anprangerer lauthals ihre Stimmen zu erheben und im Parlament jede Gelegenheit zu nützen, auf die Rechten einzuschlagen. Der Ministerpräsident stand formal zwar über den Dingen und hielt sich aus dem Tagesgeplänkel weitgehend heraus. Trotzdem wurde er den Geruch nicht los, irgendwie und irgendwo in die Sache verwickelt zu sein. Seine Dementis, der Staat habe mit der Sache nichts zu tun, wurden von immer weniger Menschen geglaubt.

Dann waren die staatlichen Ermittlungsbehörden engagiert. Sie mussten gegen ihren, inzwischen zwar vom Dienst suspendierten, Chef ermitteln. Es war bekannt, dass dieser über Beziehungen in die höchsten Kreise verfügte. Das war ein guter Nährboden für Gerüchte der absonderlichsten Art.

Die weite Welt der Diplomatie war ohnehin für die meisten Menschen undurchsichtig. Die Verwicklung mit Frankreich, dem wohl meistgehassten Land der Magyaren, machte eine objektive Betrachtung der Angelegenheit fast unmöglich. Immer wieder kamen Sondergesandte aus Paris, blieben einige Tage, sandten verschlüsselte Botschaften nach Hause, wurden von anderen Experten abgelöst, die sofort Vorsprachtermine beim Ministerpräsident erhielten. Was die alle wollten und zu sagen hatten drang nur bruchstückhaft an die Öffentlichkeit.

Schließlich der Hochadel. Einer der klingendsten Namen an der Spitze der Affäre. Ein Adelshaus mit Reichtümern gesegnet, mit Landbesitz und Schlössern in allen Ländern der alten Monarchie, mit internationalen gesellschaftlichen Beziehungen und Verflechtungen; an ein Verbrechen mit niedrigen materiellen Motiven wollte in Verbindung mit diesem Namen kaum jemand wirklich glauben. Da passte schon eher ein patriotischer, zumindest ein hochpolitischer Hintergrund zum Hause Windisch-Graetz. Der Vertrag von Trianon, durch die sich jeder ungarische Patriot tief gedemütigt fühlte, musste einem Hochadeligen in einem viel größeren Ausmaß schmerzen und im Rahmen seiner Möglichkeiten Reaktionen hervorrufen, die eben nur ein Mann vom Schlage eines Windisch-Graetz fähig war. Dass dies alles ohne stillschweigendes Wissen allerhöchster Regierungskreise möglich war, glaubten nur wenige, da mochte Graf Bethlen dementieren, was er wollte. Selbst Horthy bezichtigte man hinter vorgehaltener Hand der Mitwisserschaft.

Doch eine mächtige und einflussreiche Institution gab es noch im Lande, die in einsamer Höhe über den Dingen stand: die Kirche. Von keiner Seite gab es zu den Vorfällen und Ermittlungen einen Kommentar. Vom Kardinal bis zum kleinsten Dorfkaplan enthielten sich alle einer Äußerung. Es war auch nicht die Welt, in der der Klerus lebte. Sie hatten genug Arbeit mit den Sünden des kleinen Mannes, mit den Problemen ihrer Schäfchen im täglichen Leben. Geldfälscherei war kein Delikt, mit dem die Schwarzröcke umgehen konnten.

Die Regierung gab ein Kommunique heraus in dem mitgeteilt wurde, dass die Untersuchungen abgeschlossen und die Anklageschrift fertiggestellt seien. Der Fall ist restlos geklärt.

Wenige Stunden nach der Veröffentlichung dieses Kommuniques kam aus Paris, genauer aus den Couloirs der Banque de France, das Gerücht, in Budapest stünde eine spektakuläre Verhaftung bevor. Wie sei denn dieses Gerücht, das von manchen Persönlichkeiten bereits als eine Tatsache weitererzählt wurde, mit der soeben veröffentlichten Aussendung der Regierung vereinbar.

Irgendwer lügt doch hier.

Die Telegraphendrähte zwischen Paris und Budapest glühten, die französischen Zeitungen fragten bei ihren Korrespondenten an der Donau an, was denn Wahres daran sei und ob schon eine Festnahme erfolgt sei. In Budapest war man ahnungslos, ging der Sache jedoch sofort nach. Jeder Reporter ließ seine Verbindungen spielen, bei der Staatsanwaltschaft und im Justizministerium war ein Kommen und Gehen.

Doch die Behörden gaben sich zugeknöpft. Zu ungeheuerlich war der Verdacht, nicht absehbar die Auswirkungen einer Verhaftung. Man suchte noch nach einer Lösung.

Am Sonntag den 10. Januar platzte die Bombe.

Bischof Zadravecz wurde von der Polizei in seiner Wohnung festgenommen und zum Verhör überstellt.

Feldbischof Zadravecz

Feldbischof Zadravecz

Der Staatsanwalt wollte ihn nach der Einvernahme, die sich fast über den ganzen Tag erstreckte, sofort verhaften. Doch er hatte nicht mit der Reaktion der Kirche gerechnet.

Unmittelbar nach der Festnahme von Bischof Zadravecz nahm sein Sekretär Kontakt mit dem Erzbischof von Budapest, Kardinal Janos Csernoch, auf. Dieser sagte seinen Sonntagsgottesdienst ab und sandte ein Telegramm an den Vatikan mit der Bitte, dieses sofort dem Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri vorzulegen. Gasparri war neben seinem Amt als Kardinalstaatssekretär auch Kardinalpräfekt der Kurialkongregation für Außerordentliche Kirchliche Angelegenheiten.

Csernochs Überlegung war, dass die Festnahme eines Bischofs zweifelsfrei keine alltägliche, sondern eine außerordentliche kirchliche Angelegenheit war und Gasparri entsprechend handeln müsste.

Zuerst wusste man in Rom nicht genau, was mit dem Bischof Zadravecz geschehen war. Das Telegramm aus Budapest, in lateinischer Sprache abgefasst, ließ den Begriff der „Festnahme“ auch als Verhaftung interpretieren. Gasparri zögerte nicht lange und sprach noch vor dem Mittagessen bei Papst Pius XI vor.

Rom entschied schnell: Die Verhaftung eines Bischofs durch weltliche Staatsorgane widersprach geltendem Kirchenrecht. Der apostolische Nuntius in Budapest wurde sofort telegraphisch aufgefordert, an höchster Stelle für eine sofortige Freilassung des Bischofs mit allem Nachdruck zu intervenieren.

An höchster Stelle bedeutete für den Nuntius eine Vorsprache bei Horthy. Dort wurde ihm jedoch beschieden, der Herr Reichsverweser sei auf der Jagd und würde erst am Dienstag wieder in Budapest sein. Daraufhin verfügte er sich zum Ministerpräsidenten. Der war auch auf der Jagd, wurde jedoch bei seinem Pirschgang von den Vorkommnissen in Budapest unterrichtet, worauf er, Böses ahnend, die Jagd abbrach und unverzüglich in sein Amt zurückkehrte. Er kam so rechtzeitig, dass er den bereits zum Abgehen bereiten Nuntius gerade noch abfangen konnte.

Ministerpräsident Graf Bethlen sagte dem hohen vatikanischen Würdenträger, der hier als direkter Abgesandter seiner Heiligkeit auftrat, zu, alles in seiner Macht stehende zu unternehmen, um Bischof Zadravecz sofort freizulassen. Der Nuntius verwies auf die bestehende Rechtslage. Wenn der Bischof Zadravecz vor ein Gericht gestellt werden müsste, dann könnte dies nur ein Tribunal der Kirche sein und niemals ein weltliches Gericht.

Alles konnte der Ministerpräsident im Augenblick gebrauchen, nur, einen Streit mit dem Heiligen Stuhl vom Zaun zu brechen, war wohl das Letzte was er in dieser Affäre haben wollte. Entsprechende Schritte wurden unternommen und der Justizminister angewiesen, für die sofortige Freilassung Zadravecz zu sorgen.

Doch es gab noch eine zweite Organisation, die sich um die Freilassung des Bischofs bemühte. Zadravecz war nämlich kein gewöhnlicher Bischof, er war „Feldbischof“.

Der Feldbischof war der oberste Militärseelsorger der katholischen Kirche in der ungarischen Armee. Er stand im Range eines Generals, ohne jedoch dessen Uniform zu tragen. Als Angehöriger der Armee unterstand er, so die Ansicht der Militärs, der Gerichtsbarkeit der Armee und auf keinen Fall jener eines weltlichen Gerichts.

Einige Generäle trafen sich noch am Sonntagvormittag zu einer dringlichen Sitzung und beschlossen, die sofortige Freilassung des Zadravecz zu verlangen. Von Seiten des Militärs wurde diesbezüglich beim Justizminister vorgesprochen.

Somit trat der kuriose Fall ein, dass sich gleich zwei mächtige Organisationen darum bemühten, einen Mann nach ihren eigenen Gesetzen vor den Schranken zu stellen, ohne dass sie wussten, was der Bischof eigentlich verbrochen haben sollte.

Jedenfalls wies der Minister den Staatsanwalt Dr. Sztrache, der die Einvernahme des Feldbischofs Zadravecz persönlich führte, an, sofort bei ihm zu erscheinen. Sztrache war sich jedoch von Anfang an der unsicheren Rechtslage bezüglich der Person des Feldbischofs bewusst. Er konnte sich leicht ausmalen, dass hier von verschiedenen Seiten an allerhöchster Stelle interveniert werden würde. Es war ihm klar, dass er Zadravecz nicht so schnell wieder zu einer Einvernahme in sein Büro bekommen werde. Deshalb reagierte er auf die Vorladung zum Minister zunächst nicht und verhörte den Bischof weiter.

Erst als der Minister einen zweiten Boten, diesmal mit einer handschriftlichen Note, zu Sztrache sandte, verfügte er sich ins Ministerium zu seinem obersten Chef. Das Verhör wurde jedoch nicht unterbrochen, sondern von hohen Beamten der Staatsanwaltschaft weitergeführt. Diese hatten den Ehrgeiz, es nun ihrem Chef zu zeigen und unterzogen Zadravecz einem scharfen Kreuzverhör, so lange, bis er ein umfassendes Geständnis ablegte.

Dr. Sztrache nahm indessen vom Minister die Weisung entgegen, Zadravecz sofort freizulassen. Als er in sein Büro zurückkehrte, wurde er von seinen Mitarbeitern mit dem Geständnis des Feldbischofs konfrontiert.

Mit dem Hinweis, dass er, der Bischof, zwei mächtige Organisationen hinter sich habe, entließ er ihn, nicht ohne den Hinweis, sich mit Äußerungen in der Öffentlichkeit zu dieser Angelegenheit zurückzuhalten.

Zadravecz schwoll der Kamm. Er konnte sich ausmalen, wer die beiden mächtigen Organisationen waren, die da für ihn eintraten und fühlte sich seiner Haut sicher.

Auch war er eine Plaudertasche. Der Schar von Reportern, die vor dem Gebäude warteten, und denen nicht entgangen war, dass der Nuntius beim Ministerpräsidenten, die Spitze der Armee zusammengetreten und Dr. Sztrache beim Minister war, erzählte er locker und entspannt, was er von der Francfälscheraffäre wusste. Er hatte enge Kontakte zu den Rassenschützlern und den Erwachenden Ungarn, er weihte die Druckmaschinen, auf denen die Falsifikate hergestellt wurden, segnete die Leute, die mit der Papierbeschaffung betraut waren und gab sonst noch einige Details bekannt, die von den Reportern gierig aufgesaugt wurden.

Am Montag konnte man in den Zeitungen ganz Europas gleichzeitig das Kommunique der Ungarischen Regierung von der restlosen Aufklärung, sowie von der ungeheuerlichen Ausweitung der Affäre lesen.

In allen Kreisen wurde über die Francfälschungen gesprochen. Die Zeitungen kommentierten, entsprechend ihren politischen Ausrichtungen, über die Verwicklung des Bischofs Zadravecz in die Angelegenheit. Die Diskussionen gingen weit über die monetäre Facette des Ereignisses hinaus. Nationale Fragen der Magyaren wurden mit rassistischen Elementen verwoben, die Juden wurden, obwohl sie nichts mit der Sache zu tun hatten, von den rechtsgerichteten Blättern hineingezogen, was zu antisemitischen Auswüchsen führte. Klerikale Zeitungen spielten die Rolle des Feldbischofs herunter und stellten ihn an den Randbereich einer rassistisch ausgerichteten Minderheit.

Zentralfigur war nach wie vor Prinz Windisch-Graetz. Er wird in den In-und Ausländischen Zeitungen immer wieder beleuchtet. Da ist von aristokratischem Pülchertum die Rede, von einem, der sich die Ideologie des patriotischen Nationalismus anzieht wie ein Hemd, unter dessen Schutz er seine verbrecherische Geschäftigkeit entwickelte, nur um seine zerrütteten Finanzen wieder in den Griff zu bekommen.

Über diese Finanzen wurde viel spekuliert. Man wusste, oder man glaubte zu wissen, dass der Prinz über unermessliche Reichtümer verfügte. Da war Grundbesitz in allen Ländern der niedergegangenen Monarchie. Schlösser, Jagdhäuser, Zinshäuser und einige Prachtwohnungen in Wien und Budapest sollten Windisch-Graetz gehören. Aber sobald in einer Zeitung eine Meldung über sein Vermögen erschien, tauchten wie aus dem Nichts Leute auf und belehrten die Redakteure, dass da gar nicht so viel dahinter sei. Das Schloß X sei an eine englische Bank verpfändet, da der Prinz einen Millionenkredit damit besichert hatte, von dem eigentlich nichts mehr da sei, die Ländereien in Y gehören nur mehr auf dem Papier ihm, eine Bank suche bereits einen Käufer dafür.

Windisch-Graetz habe sich in wilde Spekulationsgeschäfte eingelassen und dabei keine glückliche Hand bewiesen. Beispiele mit fragwürdigen Beweisen wurden angeführt.

Anonyme Briefe flatterten in die Redaktionen. Von einem zügellosen Spieltrieb des Windisch-Graetz war da die Rede. Man möge sich doch einmal im vornehmen Jockeiklub in Wien umhören.

Windisch-Graetz war im Jockeiklub ein gern gesehener Gast, weniger seines großen Namens wegen, sondern wegen seiner Spielleidenschaft. Er setzte immer hohe Summen und verlor viel, doch niemand dachte sich etwas dabei. Man wusste, dass er immens reich war. Als pünktlicher Zahler bekannt, wurde seine Partnerschaft am Spieltisch gesucht. Er hatte gute Manieren, war immer höflich und zuvorkommend und konnte sich in mehreren Sprachen unterhalten.

"Ich bin gegen den Ausschluß von Windisch-Graetz; das Geld, das er bei uns verspielte war echt".

„Ich bin gegen den Ausschluß von Windisch-Graetz; das Geld, das er bei uns verspielte war echt“.

In Budapest überschlugen sich die Ereignisse. Staatsanwalt Sztrache verfügte nach der Einvernahme des Feldbischofs Zadravecz mehrere Verhaftungen. Er hatte genug belastendes Material. Noch in der Nacht wurde der Leiter des Kartographischen Institutes, ein Litograph und zwei Männer, die das Papier für die Banknoten beschafft hatten, verhaftet.

In der gleichen Nacht kam das Gerücht auf, es stünde ein Putschversuch unmittelbar bevor. Ministerpräsident Graf Bethlen dementierte gegenüber ausländischen Berichterstattern die Staatsstreichgerüchte. Er konnte jedoch keine glaubhafte Erklärung darüber abgeben, dass in den Hauptstrassen Budapests die Polizei die Aufsicht verstärkt hatte. In der Umgebung der Markostrasse, in der sich das Gefängnis befand, wurde eine Abteilung von Polizisten zu Fuß, ein Detachement zu Pferde sowie ein Zug Radfahrerpolizisten zur Überwachung eingesetzt.

Genährt wurden die Gerüchte eines Putschversuches durch heftige Interventionen der „Kleinen Entente“ bei den Siegermächten Frankreich und England. Die „Kleine Entente“ war ein Bündnis der nach dem Weltkrieg neugegründeten Staaten Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien, gerichtet gegen Ungarn. Ungarn musste im Friedensvertrag von Trianon mehr als die Hälfte seines Staatsgebietes an diese drei Staaten abgeben, nämlich die Slowakei an Tschechien, Siebenbürgen an Rumänien und Kroatien an Jugoslawien. Da die Stimmung in Ungarn weit davon entfernt war, dies für immer so hinzunehmen, und darüber hinaus in den abgetrennten Gebieten einige Millionen Ungarn lebten, die einer „Heimkehr“ in ein Vaterland in den Grenzen der Monarchie lautstark das Wort redeten, sahen sich die betroffenen drei neuen Staaten genötigt, durch bilaterale Beistandspakte ein Bündnis gegen den „Erzfeind“ Ungarn, eben die „Kleine Entente“, zu schließen.

Gerüchte über einen Putschversuch in Ungarn konnten die Regierungen in Prag, Bukarest und Belgrad nicht tatenlos hinnehmen. Wenn in Ungarn jemand die Lust auf einen Putsch haben könnte, dann doch nur die rechtsgerichteten Bewegungen der Rassenschützler und der Erwachenden Ungarn, die als Motto ihrer Vereinigung die Worte „Nem! Nem! Soha!“ (Nein! Nein! Niemals!) trugen. Aber gerade diese revanchelüsternen Gruppierungen waren es, die am lautesten eine Revision des Vertrags von Trianon forderten. Sollte ein Putsch gelingen, wären von Unruhen bis zu einer Revolution in den abgetrennten Gebieten alles möglich.

Das musste verhindert werden. Solche Bewegungen mussten im Kein erstickt werden.

Die Regierungen der „Kleine Entente“ intervenierten mit Nachdruck in London und Paris, um den politischen Hintergrund der Francfälscheraffäre vor den Völkerbund zu bringen. In Prag wurden sogar Überlegungen einer Teilmobilmachung der Streitkräfte angestellt.

Doch Paris und London versuchten zu beruhigen. Auf der einen Seite glaubte man dem Ministerpräsidenten Graf Bethlen, dass es sich um einen verbrecherischen Akt ohne politischen Hintergrund handle, auf der anderen Seite wollte man sich wegen einer Geldfälschergeschichte nicht der Lächerlichkeit vor dem Völkerbund preisgeben, umsomehr als soeben in Holland eine weitere Geldfälschung mir weit größeren Summen aufflog. Die Behörden in Rotterdam beschlagnahmten gefälschtes portugiesisches Papiergeld im Gegenwert von zwölf Millionen Gulden. Die Pikanterie dabei war, dass der Staat Portugal sein Papiergeld in England herstellen ließ und just aus dieser Druckerei die beschlagnahmten Falsifikate stammten. Aufgeflogen ist die Sache als plötzlich Geldscheine entdeckt wurden, die die gleiche Seriennummern wie das offizielle portugiesische Papiergeld aufwiesen. Verwickelt in die Sache waren neben dem portugiesischen Botschafter in Holland noch einige Persönlichkeiten der portugiesischen Hochfinanz.

Vor einem solchen Hintergrund wollte Paris nicht mit der ungarischen Francfälscheraffäre vor den Völkerbund. Man stellte sich vor was passieren würde, wenn jeder Staat mit seinen falschen Banknoten den Völkerbund befasste!

Paris war vielmehr an den technischen Einzelheiten und Hintergründen der Banknotenherstellung interessiert, ging es doch den Herren an der Seine darum, möglichst viel Wissen über die Technik der Fälschungen zu sammeln, um in Zukunft in aller Welt den Gaunern mit einem Wissensvorsprung ihr Handwerk rasch und zuverlässig zu legen.

Bischof Zadravecz erwies sich als eine Fundgrube. Er durfte zwar nicht mehr offiziell verhört werden, da die schützenden Hände über ihn jede weitere Festnahme verhinderten; nicht verhinderte jedoch seine eigene Geschwätzigkeit die Preisgabe von Einzelheiten. So erzählte er den sensationslüsternen Journalisten, dass er auf die Häupter jener Personen, die mit der Beschaffung des Papiers und der Farben befasst waren, in einer nächtlichen Zeremonie den Segen Gottes herbeigeholt und allen die Absolution erteilt hatte.

Aus den Aussagen anderer Verhafteter ging hervor, dass Zadravecz allen mit der Herstellung der Banknoten befassten Personen einen heiligen Eid abgenommen hatte, niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen über diese Angelegenheit zu verraten. Dadurch erhielt die Sache für die Beteiligten eine Art mystische Erhöhung im Dienste für das Vaterland.

Wer sich schützender Hände erfreuen kann, sollte seine Feinde nicht aus dem Auge verlieren. Bischof Zadravecz erwuchsen wegen seiner Geschwätzigkeit täglich neue Gegner. Das Oberkommando der Armee nahm sich der Akte Zadravecz an.

Der Bischof war im Range eines Generals. Es galten auch für ihn die Gesetze des Militärs. Nach diesen war es einem Offizier untersagt, aktives Mitglied einer politischen Partei zu sein. Man wusste von der Nähe des Feldbischofs zu den erwachenden Organisationen. Eine aufrechte Mitgliedschaft konnte jedoch nicht nachgewiesen werden. Dieser Weg führte die Gegner des Bischofs nicht zum Ziel.

Ein findiger Kopf fand aber heraus, dass der Bischof sein Gehalt nicht aus dem Militär-, sondern aus dem Kultusbudget erhielt. Daher ist das Kultusministerium die vorgesetzte Behörde des Bischofs und demnach ist nicht die Militärgerichtsbarkeit, sondern sind zivile Gerichte für den Fall zuständig.

Die Staatsanwaltschaft bereitete sich sofort auf eine neuerliche Einvernahme des Zadravecz vor und überlegte auch eine Verhaftung des Bischofs. Er war nach Auffassung des Staatsanwalts zu sehr in die Angelegenheit verstrickt, wurde von anderen Verdächtigen schwer belastet und könnte, würde er auspacken, den Ermittlern viel mühselige Aufklärungsarbeit ersparen.

Doch Bischof Zadravecz konnte sich auf Rom verlassen. Der Nuntius intervenierte bereits zum Zeitpunkt als die Militärs sich der Akte Zadravecz annahmen bei Horty. Diese schützende Hand bewahrte Zadravecz vor allen weiteren Belästigungen. Es wurde ihm aber von Rom mit Nachdruck nahegelegt, sich in Zukunft äußerste Zurückhaltung bei Aussagen zu der Affäre aufzuerlegen. Es wurde zwar ein Sprechverbot nicht direkt ausgesprochen, aber es wurde empfohlen, der Herr Bischof möge sich bis auf weiteres in ein Kloster zurückziehen und dieses nicht verlassen; und um ganz sicher zu gehen, sollte er sich ein Kloster im Ausland auswählen.

Bischof Zadravecz kam dem Wunsche Roms nach. Er zog sich in ein österreichisches Kloster zurück.

Der Staatsanwalt hatte das Nachsehen.

Ganz traurig musste er deswegen aber nicht sein. Zadravecz hatte in dem Verhör einige Namen genannt, die den Beamten weiterhalfen. Es erfolgten eine Reihe von Verhaftungen. Bekannte Namen waren darunter. Schließlich gelang es der untersuchenden Behörde, fast alle Personen, die mit der Herstellung der Banknoten befasst waren, hinter Schloß und Riegel zu bringen.

Es war ein bunter Haufen. Jeder rechtfertigte sich auf seine Weise: subalterne Beamte des kartographischen Instituts, wo die Noten gedruckt wurden, beriefen sich auf eine Art von Befehlsnotstand, denn sie hätten nur gemacht, was ihnen angeordnet wurde, leitende Köpfe in der Fälschungskette stellten ausschließlich politische Motive in das Zentrum ihrer Verteidigung, einige redeten sich auf Windisch-Graetz und Nadossy aus.

Das Parlament trat nach den Weihnachtsfeiertagen zu einer Plenarsitzung zusammen. Auf der Tagesordnung standen der Bericht des Ministerpräsidenten zur Francfälscheraffäre sowie ein Antrag der Opposition zur Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Bereits einige Tage vor der Sitzung meldeten sich Abgeordnete in den verschiedenen Zeitungen zu Wort. Die Standpunkte die hier eingenommen wurden, konnten kontroverser nicht sein. Eine stürmische Sitzung schien sich abzuzeichnen.

Die Polizei riegelte am Sitzungstag bereits am Morgen das Parlamentsgebäude weiträumig ab. Nur wer sich legitimieren konnte durfte die Absperrungen passieren.

Der Ministerpräsident Graf Bethlen ergriff das Wort und berichtete dem Parlament über die Vorgänge der Affäre. Lange konnte er nicht sprechen. Wütende Zwischenrufe aus den Reihen der Oppositionsparteien störten immer wieder seine Rede. Die Sitzung musste mehrmals unterbrochen werden. Es kam auch zu Handgreiflichkeiten. Der Präsident erteilte mehrere Ordnungsrufe und brach am Abend die Sitzung ab und vertagte auf den nächsten Tag. Noch in der Nacht fanden Gespräche zwischen der Regierung und der Opposition statt. Es kam ein Kompromiss bezüglich der Aufgaben des Untersuchungsausschusses zustande. Dieser sollte aus 25 Abgeordneten bestehen und ausschließlich die politische Seite der Affäre behandeln.

Außerhalb des Parlaments begann die Debatte über eine andere Frage hitzig zu werden. Staatsanwalt Dr. Sztrache ließ anklingen, dass er auch gegen den Feldbischof Zadravecz Anklage erheben werde. Durch dessen vorgenommenen Vereidigungen hätte er in gewissen Kreisen erst den Nährboden geschaffen, auf dem ein sorgloses Arbeiten der ganzen Bande möglich gewesen war.

Von kirchlicher Seite wurde dem sofort widersprochen. Wenn jemand gegen den Bischof Anklage erheben dürfte, dann nur der Papst. Der werde dies aber nicht tun, da die Abnahme eines Eides keine kirchliche Handlung sei. Jeder könne jeden vereidigen. Darüber hinaus sei ein Eid nur dann gültig, wenn er zur Durchführung guter Handlungen geleistet werde. Für verbrecherische Taten verliere der Eid seine Gültigkeit und seine bindende Kraft.

Diese Aussage von kirchlicher Seite rief sofort die Pazifisten auf den Plan. Sie erinnerten an die Vereidigungen von Millionen Soldaten im Krieg, stellten in Frage, ob diese Eidesleistungen nur für gute Taten gemacht wurden und man sich Trianon ersparen hätte können, wären diese Eide unterblieben. Die Kirche entgegnete, dass der Eidabnehmer nicht verantwortlich für die Handlungen der Eidesleister sei.

In der französischen Öffentlichkeit fand die ungarische Affäre regen Widerhall. Alle großen Blätter hatten längst ihre Sonderkorrespondenten nach Budapest entsandt, von wo sie täglich ihre Leserschaft mit Neuigkeiten versorgten.

Da die ungarische Regierung auf ein baldiges Ende der Untersuchungen und auf die Anklageerhebung drängte, fürchteten die französischen Journalisten, es könnte bald der Stoff ausgehen, mit dem sie ihre Blätter versorgten. Da kam das Auftreten eines Mannes in Budapest gerade zur rechten Zeit. Das angesehene Pariser Blatt „Le Matin“ sandte ihren Chefredakteur Jules Sauerwein nach Budapest. Sauerwein, der noch in der Monarchie und vor seinem Wechsel in die Journalistik Botschaftssekretär in Wien war, verfügte über hervorragende Kontakte zur französischen Regierung, war auf dem internationalen Parkett sehr erfolgreich unterwegs, sprach mehrere Sprachen und verschaffte sich sofort Zutritt zum Ministerpräsidenten. Er überbrachte Graf Bethlen eine persönliche Botschaft des französischen Ministerpräsidenten Briand, über deren Inhalt er aber nichts verlauten ließ.

Sauerwein war ansonst gegenüber der Presse sehr gesprächig. Er nahm sich kein Blatt vor den Mund, kritisierte offen alles, was ihm nicht gefiel. Am meisten störte es ihn, dass französische Polizisten an den Verhören, die der Staatsanwalt führte, nicht teilnehmen durften. Das hätte nicht nur er gerne gesehen, auch die Regierung in Paris war daran interessiert. Briand hätte den französischen Geschäftsträger in Budapest Clinchant angewiesen, bei Bethlen vorstellig zu werden und die Teilnahme französischer Organe bei den Verhören zu erwirken.

Für Bethlen hatte diese Frage eine rechtliche und eine politische Facette. Rechtlich war klar, dass nur der Staatsanwalt darüber zu entscheiden hatte, wer an den Verhören teilnehmen durfte. Politisch gefiel ihm das Ansinnen Briands gar nicht. Auch Bethlen liebte die Franzosen nicht. Der Stachel der Schmach von Trianon saß auch bei ihm zu tief. Er wollte das Problem diplomatisch lösen: Dr. Sztrache sollte innerhalb weniger Tage die Untersuchungen abschließen und innerhalb einer Woche die Anklageschrift fertig stellen. Damit müssten weitere Verhöre nicht mehr stattfinden und es würde sich demnach die Frage einer Teilnahme von Franzosen an den Verhören nicht mehr stellen.

Am nächsten Tag ging Sauerwein zum Angriff über. Im „Le Matin“ schrieb er einen Leitartikel, in dem er die Ungarische Regierung bezichtigte, die vollständige Aufhellung der Francfälscheraffäre zu hintertreiben. Es sei überhaupt nicht nachvollziehbar, was in den Verhören die Verdächtigen so gefragt, oder noch schlimmer, was sie nicht gefragt wurden. Wer da wen deckte, wessen Arm wie weit reichte – immerhin saß der oberste Polizeichef des Landes hinter Gittern – ,welch schützende Hände da noch im Spiel waren, all das versuche die Regierung zu vertuschen.

Die Reaktion der Franzosen ließ nicht lange auf sich warten. Paris drohte, den Fall doch vor den Völkerbund zu bringen. Es werde der Weltöffentlichkeit nahegebracht werden, dass Ungarn ein Herd der Agitation geworden sei, der den Frieden in Europa gefährde.

Für Bethlen stand der internationale Kredit Ungarns auf dem Spiel.

Der Ministerpräsident sah sich zwei Fronten gegenüber. Im Landesinneren betrieb die Organisation „Erwachendes Ungarn“ Propaganda im Sinne von: uns Magyaren kann Frankreich gar nichts anhaben und forderten offen die Ausweisung der sich im Land aufhaltenden Franzosen. Im Ausland wuchsen unkontrollierbar die Ressentiments gegen Ungarn. Und Frankreich machte Druck.

Sauerwein gelang der Spagat. Er brachte den Französischen Geschäftsträger Clinchant und den Ministerpräsident Graf Bethlen zu einer Dreierunterredung an einen Tisch. Man einigte sich darauf, dass Clinchant zehn präzise Fragen stellen dürfe, diese dem Staatsanwalt übermittle und der die Fragen den Verdächtigen unmittelbar stellen würde und das Ergebnis sofort dem Botschafter weiterleiten werde.

Clinchant war darauf vorbereitet. Er zog aus einer Mappe die zehn Fragen hervor und präsentierte sie den Herren. Bethlen war sichtlich erleichtert. Es handelte sich ausschließlich um Fragen der Geldfälschung. Die Franzosen wollten aus dem Fall das meiste herausholen, um in Zukunft in ähnlich gelagerten Fällen entsprechend schnell agieren zu können. Politische Fragen schnitt Clinchant nicht an.

Graf Bethlen honorierte dieses Verhalten des Franzosen. Er bot ihm an, das gesamte Material über die Fälschungsvorgänge den französischen Ermittlungsbeamten zur Verfügung zu stellen.

Nach dieser Unterredung gab es drei Sieger: Clinchant, der das, was die Franzosen interessierte, an der richtigen Adresse angebracht hatte, Bethlen, der Paris beruhigen konnte und mit diesem Gespräch eine Entspannung der bilateralen Verhältnisse einleiten konnte und schließlich Sauerwein, der sich damit im nächsten Leitartikel des „Matin“ damit brüsten konnte, das alles eingefädelt zu haben.

Staatsanwalt Sztrache tat wie ihm geheißen. Er hätte die Fragen auch ohne ein zusätzliches Verhör beantworten können, so wenig Neues war darin enthalten.

Am Ende der Woche legte der Staatsanwalt wie versprochen die Anklageschrift vor.

Ab diesem Zeitpunkt schwand das öffentliche Interesse. Es gab zwar noch gelegentlich Einvernahmen, die aber kaum neue Erkenntnisse brachten,

Am 7. Mai 1926 begann die Hauptverhandlung gegen die Francfälscher.

Angeklagt sind 24 Personen: Prinz Windisch-Graetz, sein Sekretär Raba und sein Kammerdiener Kovacs, der Landespolizeichef Nadossy, der Generaldirektor der Postsparkasse, der Leiter und alle an der Herstellung der Noten beteiligten Angestellten des Kartographischen Instituts, die mit der Papierbeschaffung befassten Personen sowie alle mit der Verwertung der Noten beschäftigten Individuen. Die drei in Amsterdam verhafteten Gauner konnten an dem Prozess nicht teilnehmen, da sie bereits vor einigen Wochen in Holland angeklagt und verurteilt wurden und dort eine Gefängnisstrafe verbüßten. Nicht angeklagt ist der Feldbischof Zadravecz.

Dieser ist aber als Zeuge vorgeladen. Insgesamt hat das Gericht fünfzig Zeugen geladen, darunter den Ministerpräsident Graf Bethlen, weitere zwei Minister, drei Abgeordnete sowie eine Fülle von Personen, die im Laufe der Ermittlungen entweder selbst verdächtig oder zu irgend einem Zeitpunkt in die Sache verwickelt waren und dann ausgestiegen sind.

Die 24 Angeklagten werden von 22 Anwälten verteidigt. Windisch-Graetz wird von dem rassenschützlerischen Abgeordneten Dr. Ulain verteidigt. Nadossy, selbst ein Rassenschützler, sorgte wenige Tage vor Prozessbeginn für Schlagzeilen. Er wechselte den Anwalt; statt eines Rassenschützlers nahm er den jüdischen Advokaten und Präsidenten der Demokratischen Partei Dr. Gal.

Die Anklage gegen Windisch-Graetz und gegen alle mit der Herstellung befassten Angeklagten lautet auf Täterschaft wegen des Verbrechens der Geldfälschung, gegen Nadossy und die meisten übrigen Beschuldigten auf Helfershelfer.

Das öffentliche Interesse für diesen Prozess sprengt alles bisher Dagewesene. Im großen Schwurgerichtssaal sind von den 120 Zuseherplätzen 50 für inländische und 20 für ausländische Korrespondenten reserviert. Die Galerielogen sind ausnahmslos den Botschaften vorbehalten. In einem Nebensaal sind für die ausschließliche Benützung durch die ausländischen Presse mehrere interurbane Telephonstationen eingerichtet.

Der erste Prozesstag beginnt mit der Frage, ob sich die Angeklagten schuldig bekennen. Nur Nadossy bekennt sich schuldig. Die übrigen bestreiten ihre Schuld unter Betonung ihrer patriotischen Motive.

Der Richter beginnt die Befragung mit Nadossy, dem ehemaligen Landespolizeichef. Im Grunde genommen war das aber gar kein Verhör. Die Prozessbeobachter hatten vielmehr den Eindruck, dass sich hier zwei Gentleman unter Wahrung aller Höflichkeiten unterhielten. Es gelang Nadossy sogar nach kurzer Zeit die Gesprächsführung zu übernehmen. Auf die Frage des Vorsitzenden, warum Windisch-Graetz gerade ihn als Landespolizeichef in die Fälschungsangelegenheiten verwickelt habe, antwortete er, dass ausschließlich patriotische Gründe maßgebend waren. Seine Aufgabe sei es gewesen, Reisepässe für jene Leute zu besorgen, die mit der Verwertung der Francnoten im Ausland beschäftigt waren. Auch hatte er zu kontrollieren, dass das Geld weder für eine Partei noch für irgendwelche Personen, sondern ausschließlich für patriotische Zwecke verwendet werde. Was darunter zu verstehen sei hat der Richter nicht weiter hinterfragt.

Nach Nadossy kam der Auftritt von Windisch-Graetz. Ein schmächtig, in die Höhe geschossener Mann, mehr den Eindruck eines degenerierten Adeligen hinterlassend, beantwortet er die Fragen mit leiser Stimme, stockend und mit gesenktem Haupt. Er bekennt sich nicht schuldig. Alles was man ihm vorwirft sei nicht aus Eigennutz oder aus egoistischen Motiven entsprungen, sondern galt ausschließlich dem Kampf für Ungarn. Die Idee der Francfälschung sei nicht von ihm, sondern sei von gewissen Kreisen an ihn herangetragen worden. Diese wollten denjenigen Schaden zufügen, die das Ungarntum unterdrückten und dazu brauchten sie die erforderlichen Mittel. Wie und auf welchen Ebenen der Kampf für Ungarn geführt werden sollte, hat der Richter nicht weiter hinterfragt.

Immer wenn der Vorsitzende glaubte, den Windisch-Graetz mit einer besonders listigen Frage in die Zange nehmen zu können, flüchtete sich dieser in Aussagen wie „darüber kann ich mich nicht äußern“ oder „darüber zu sprechen verbietet mir meine Ehre“. Niemals sagte er, dass er das nicht wisse. Er sagt aber mehrmals, dass keine in die Angelegenheit verwickelte Person jemals damit gerechnet habe, deswegen angeklagt zu werden.

Die Einvernahme der Angeklagten erstreckt sich über mehrere Tage. Nachdem die Fragen der Papierbeschaffung und der Herstellung der Banknoten abgehandelt waren, konzentrierte sich das Verfahren immer mehr um die Frage, ob die Regierung in die Sache eingeweiht war, ob sie es stillschweigend geduldet oder vielleicht gar die Aktion unterstützt und Rückendeckung dazu gegeben oder ob sie sogar den Auftrag dazu erteilt hatte. Windisch-Graetz verstrickt sich immer häufiger in Widersprüche und auf die Forderung des Vorsitzenden, eine klare Antwort zu geben, verweigert Windisch-Graetz diese.

In der zweiten Prozesswoche begann die Befragung der Zeugen. Da gab es Widersprüche über Widersprüche, groteske Aussagen, was einer gesehen und gehört haben wollte, Schreiduelle zwischen Angeklagten und Zeugen forderten ein energisches Eingreifen des Vorsitzenden und manchmal schien es, als ob das ganze Verfahren aus den Fugen geraten könnte.

Auch bei der Zeugenbefragung stand die Frage der Mitwisserschaft der Regierung im Mittelpunkt. Mehrmals wurde Windisch-Graetz einzelnen Zeugen gegenübergestellt.

Vorsitzender: Antworten Sie, ob der Ministerpräsident Graf Bethlen von der Aktion gewusst habe oder nicht. Ja oder nein?

WindischGraetz: Ich weiß es nicht.
Vorsitzender: Sie wissen es nicht?
Windisch-Graetz: Ich weiß es nicht.
Vorsitzender: Hat er von Ihnen die Sache erfahren oder nicht?
Windisch-Graetz: Von mir hat er es nicht erfahren.
Vorsitzender: Konnte er es Ihres Wissens von anderen erfahren haben?
Windisch-Graetz: Ich habe mit dem Ministerpräsidenten nicht darüber gesprochen.
Vorsitzender: Haben Sie konkrete Handhaben dafür, dass der Ministerpräsident von der Sache wusste?
Windisch-Graetz: Diesbezüglich kann ich mich nicht äußern. Ich will nichts sagen, ich kann meine Meinung darüber nicht äußern.
Vorsitzender: Haben Sie hierüber konkrete Anhaltspunkte? Ich frage Sie noch einmal: Wußte der Ministerpräsident von der Aktion?
Windisch-Graetz: schweigt
Der Vorsitzende stellt einige Fragen an einen Zeugen und wendet sich dann wieder Windisch-Graetz zu.
Vorsitzender: Haben Sie dem Zeugen gesagt, dass der Ministerpräsident oder die Regierung von der Sache wisse? Ja oder nein?
Windisch-Graetz: Ich glaube nicht.
Vorsitzender: Können Sie dies auf konkreter Grundlage sagen? Ich bitte darauf zu antworten.
Windisch-Graetz (beginnt zu schreien): Auf die Fragen, die sich auf die Teilnahme oder Nichtteilnahme der Regierung beziehen, muß ich erklären, dass ich mich in diesem Augenblick zu einer Meinungsäußerung nicht für berechtigt halte………….
Einige Minuten später (immer erregter werdend): Ich erkläre, dass ich mit dem Herrn Ministerpräsidenten niemals darüber gesprochen habe. Ich erkläre offen und aufrichtig, erhobenen Hauptes, dass ich die Aktion begonnen, finanziert und abgewickelt habe. Ich erkläre, dass ich es auch heute tun würde, wenn dies für das Land von Erfolg begleitet wäre. Über meine Verbindung mit der Regierung kann ich mich aus den eben angeführten Gründen als Gefangener und Angeklagter nicht äußern.
Vorsitzender: Diese Haltung wird keinesfalls zur Bereinigung des Tatbestandes dienen.

In diesem Tonfall geht es in den nächsten Tagen weiter. Zur Einvernahme eines Zeugen musste sich das Gericht ins Spital begeben, da der Zeuge nicht geh fähig war und vor Gericht nicht auftreten konnte.

Windisch-Graetz behielt seine Taktik des Nicht-Wissens und des Schweigens bei, verstrickte sich aber immer häufiger in Widersprüche.

Alles wartete gespannt auf die Einvernahme des letzten Zeugen.

Am 18. Mai forderte der Vorsitzende den Zeugen Ministerpräsident Graf Stephan Bethlen auf, vor die Estrade zu treten.

Im Saal herrscht atemlose Stille. Bethlen ist souverän, spricht mit fester Stimme und beantwortet die an ihn gestellten Fragen mit einer für Politiker ungewöhnlichen Präzision. Er hat ein Bündel Akten bei sich, in denen er blättert und dem Gericht Dokumente zur Untermauerung seiner Aussagen vorlegt. Die Einvernahme dauert über eine Stunde.

Er sei von Windisch-Graetz über seinen Plan zur Vereinheitlichung der irredentistischen Organisationen unter seiner, Windisch-Graetz´s Leitung, unterrichtet worden, habe diese Idee aber nicht gut geheißen. Eine solche Aktion würde Ungarn in den Nachfolgestaaten schädigen. Es sei überflüssig, eine solche Organisation zu schaffen. Von einer Franc Fälschung sei nie die Rede gewesen. Er habe zwar irgendwann von anderen, nicht von Windisch-Graetz , von dieser Aktion gehört, sie aber nie gut geheißen, geschweige denn in irgendeiner Form unterstützt.

Auf Befragung durch den Vorsitzenden erklärt Bethlen, dass er Windisch-Graetz als einen Gentleman kenne und es für ausgeschlossen halte, dass er sich von materiellen Motiven leiten ließ.

Mit der Vereidigung des Grafen wird das Zeugenverhör abgeschlossen.

Am 20. Mai werden die Plädoyers gehalten.

Staatsanwalt Dr. Sztrache, der viereinhalb Stunden redet, holt weit aus:

Der verlorene Krieg, die Revolution, der Bolschewismus, die feindliche Besetzung, das Schwinden der Autorität, das Aufhören des Glaubens an die ehrliche Arbeit, die Zerstückelung des Vaterlandes haben einen schrecklichen Zustand geschaffen. Die Atmosphäre schuf einen Niedergang der Moral. In diesem Unglück wurden viele in ihrer Willenskraft gestärkt, die Schwachen aber und Irregeführten wollten in krankhafter Phantasie ihrem Vaterlande helfen. ………. Der Patriotismus aber, der sich in der Tätigkeit der Francfälscher offenbart ist anrüchig. Einen Patriotismus, der helfen will, indem er fremde Taschen leert, muß ich ablehnen.

….dass trotz des Leichtsinns und der schlechten Eigenschaften des Prinzen Windisch-Graetz kein Beweis dafür vorhanden ist, dass er von egoistischen und materiellen Interessen geleitet gewesen wäre. ………… Die Strafbarkeit der Handlung kann aber durch patriotische Zwecke nicht aufgehoben werden. Einen solchen Paragraphen gibt es nicht.

Dr. Sztrache geht auf alle 24 Angeklagten ein und beleuchtet noch einmal ihre Rolle in der Affäre. Er fordert harte Urteile für die Angeklagten, die die Strafhandlungen organisierten und leiteten und tritt für eine billige Bestrafung jener jungen Leute ein, die eine untergeordnete Rolle gespielt hatten.

Die Verteidigung sieht die Sache naturgemäß anders. Der Anwalt von Nadossy, der sich zu Beginn des Prozesses als einziger schuldig bekannt hatte, fordert für seinen Mandanten, alle mildernden Umstände bei der Bemessung des Urteils anzuwenden.

Der Verteidiger des Prinzen Windisch-Graetz schildert den Charakter seines Mandanten und stellt ihn als ganz außergewöhnlich tapferen Soldaten und glühenden Patrioten hin. Er vergleicht Windisch-Graetz mit Napoleon, der am Gipfelpunkt seiner Gloire englisches und russisches Geld gefälscht habe. Der Gerichtshof möge bedenken, dass er hier Geschichte macht und dass die Geschichte eine größere Macht ist als das Gericht. Die Geldfälschungen würden nicht verfolgt, wenn zwei Millionen Bajonette dahinter stehen, sondern nur dann, wenn in einem zerstückelten Land einige Exaltados ihr Vaterland zu retten suchten.

Er bittet um die Freisprechung des Prinzen Windisch-Graetz.

Die Verteidiger der anderen Angeklagten verlangten entweder Freisprüche oder die Anwendung mildernder Umstände.

Am 26. Mai wird das Urteil verkündet:

Im Gerichtssaal, der normal 120 Personen fasst, warteten über 400 Menschen dicht gedrängt auf die Urteilsverkündigung.

Nadossy und Windisch-Graetz werden wegen des Verbrechens der Geldfälschung und der öffentlichen Urkundenfälschung zu vier Jahren Zuchthaus und zehn Millionen Geldstrafe verurteilt.

Kaspar Kovacs, der Kammerdiener von Windisch-Graetz, auf dessen Spur man im Schloß Sarospatak gekommen war und der mit einer falschen Tausend Franc Note Kleidung für seine Frau gekauft hatte, erhielt zehn Monate Kerker und zwei Millionen Geldstrafe.

Desider Raba, der Sekretär des Prinzen fasste ein Jahr und sechs Monate und zwei Millionen aus.

Alle übrigen Angeklagten erhalten Gefängnisstrafen zwischen vier Monaten und zwei Jahren sowie Geldstrafen zwischen einer und zwei Millionen. Zwei Angeklagte werden frei gesprochen.

In der Urteilsbegründung stellt das Gericht fest, dass der Ministerpräsident Bethlen von den Fälschungen nichts gewusst habe.

Nadossy wurde bald auf Bewährung entlassen.

Prinz Ludwig Windisch-Graetz wurde zwei Tage nach dem Prozess in das Inquisitenspital überstellt, da ein altes Kriegsleiden akut wurde. Dort darf er uneingeschränkt Besuche empfangen und sich frei bewegen.

In der Berufungsverhandlung im August 1926 werden die Urteile der ersten Instanz bestätigt.

Die Verhandlung in der dritten Instanz im Dezember 1926 bringen auch keine Veränderungen.

Zu Weihnachten wird Windisch-Graetz begnadigt und entlassen.

Vierzig Jahre später veröffentlicht Windisch-Graetz im Alter von 85 Jahren seine Lebenserinnerungen. Die Franc Fälscher Affäre nimmt darin einen breiten Raum ein.

Es ist erstaunlich, mit welcher Detailkenntnis er die Vorgänge, und vor allem den Prozessverlauf schildert. Natürlich unterlaufen nach so vielen Jahren einige Fehler, die aber ebenso wenig der Sache einen Abbruch tun, wie das Herausheben der eigenen Persönlichkeit und die Darstellung der Lauterkeit des eigenen Charakters.

Aber der Knalleffekt dieser Memoiren ist, dass Windisch-Graetz behauptet, er habe im Auftrag der Regierung gehandelt. Der Ministerpräsident habe nicht nur alles gewusst, sondern Windisch-Graetz wurde von Bethlen persönlich mit der Durchführung der Aktion beauftragt. Erst nachdem klar geworden war, dass die Sache undurchführbar wurde, das war zum Zeitpunkt der Festnahme der Kuriere in Holland, bat Bethlen Prinz Windisch-Graetz die ganze Schuld auf sich zu nehmen und die Staatsführung vorne weg zu lassen.

Bethlen vereinbarte mit dem Staatsanwalt Dr. Sztrache die Verhörprotokolle mit Windisch-Graetz so zu verfassen, dass niemand auf die Idee kommen könnte, die Regierung hätte etwas gewusst. So seien Protokolle entstanden, die man nur als Dichtung und Wahrheit bezeichnen konnte.

Kurz vor Prozessbeginn vereinbarte der Ministerpräsident Bethlen über Mittelsmänner mit Windisch-Graetz, dass

Windisch-Graetz in der Verhandlung alle Schuld auf sich nehme, die Regierung den ungarischen Grundbesitz des Windisch-Graetz entschulde, Bethlen in seiner Zeugenaussage eine Ehrenerklärung für Windisch-Graetz abgebe und Windisch-Graetz keinen Tag länger im Gefängnis zu bleiben hätte, als das gerichtliche Verfahren dauern würde.

Darüber hinaus ließ man Windisch-Graetz wissen, dass auch der Vorsitzende des Gerichts in die Sache eingeweiht sei und die Prozessführung so gestalten werde, dass kein Verdacht auf eine Mitwisserschaft der Regierung auftreten könne.

Weiters führt Windisch-Graetz in seinen Memoiren aus, dass noch vor der Hauptverhandlung der Ministerpräsident Bethlen in Begleitung des Justizministers, beide als Gefängniswärter verkleidet, mit einer Flasche Scotch Whisky und Zigarren in seine Zelle gekommen seien, um Windisch-Graetz die über Mittelsmänner getroffenen Vereinbarungen persönlich zu bestätigen.

Alle Punkte der Vereinbarung wurden von Seiten der Regierung eingehalten.
Von den Beteiligten lebt niemand mehr.
Wo die Wahrheit dieser Affäre wirklich war, wird nie aufgeklärt werden.