Camillo Castiglioni

Die wirtschaftlichen Verhältnisse zu Beginn der Zwanziger Jahre waren in Österreich schlecht. An allen Ecken und Enden musste gespart werden. Der Kampf ums tägliche Brot war keine leere Redewendung, er fand tagtäglich statt. Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmittel und Heizmaterial war eine der größten Sorgen der Regierung.

Vergnügen leistete der kleine Mann sich nur, wenn es billig war. Ein Besuch beim Heurigen, wo ein Sänger auftrat, der dann mit dem Hut in der Hand sein „Honorar“ abkassierte, gehörte schon zu den Besonderheiten des Alltags. Ein Besuch in einem Kabarett oder gar in einem Theater war für die meisten Menschen ein unerschwingliches Vergnügen.

Ein Theater musste aber jeden Tag gefüllt sein, damit es überleben konnte, gefüllt mit zahlenden Zusehern und nicht mit Publikum, das mit Freikarten in die Vorstellung kam. Dazu bedurfte es aber guter Stücke und guter Schauspieler, damit überhaupt Karten verkauft werden konnten

Josef Jarno war seit 1899 Direktor des Theaters in der Josefstadt. Das war für einen Theaterdirektor eine lange Zeit. Und er hatte schwierige Jahre hinter sich: Der Weltkrieg, der Untergang des Kaiserreiches, die von Hungersnöten gezeichnete Jahre nach dem Krieg, die neue Republik und jetzt noch die Inflation. Er wollte nicht mehr. An seine Erfolge konnte er nicht mehr anknüpfen. Er hatte französische und ungarische Boulevardkomödien gespielt, dazwischen moderne ernsthafte Stücke, seine Frau, die populäre Volksschauspielerin Hansi Niese, die hier wahre Triumphe feierte, zog es immer mehr zum Film; Nein, er wollte wirklich nicht mehr. Der tägliche Kampf mit der leeren Kassa und schließlich der bereits als desolat zu bezeichnende technische Zustand des Hauses ließen ihn resignieren.

Wenn in Wien ein Theater mit dem Zusperren bedroht ist, erwachen in der Öffentlichkeit seltsame Gefühle. Zuerst wird auf die lange Tradition des Hauses hingewiesen. Es wird aufgezählt, was hier nicht alles uraufgeführt wurde, meist Stücke, die schon vor hundert Jahren gespielt wurden, welch berühmten Schauspieler hier aufgetreten sind, verklärt mit dem Glanz der Vergangenheit und schließlich der Aufschrei, dass das Abendland untergehen werde, würde man das Theater wirklich schließen.

Der nächste Schritt waren die Vorschläge, welche künstlerische Linie das Theater in Zukunft einschlagen müsse. Da wurde der ganze Kosmos der Bühnenliteratur zitiert, vom Boulevard bis zu den hehren Klassikern.

Wenn diese Suppe lange genug gekocht war, meldeten sich Stimmen, die auf mögliche Retter hinwiesen. Der und der wären doch der ideale Mann, um dieses traditionsreiche Haus im Geiste des Vorgängers weiterzuführen. Darauf folgten Dementis der Genannten, dafür drängten andere, die weder befähigt noch berufen waren, ins Rampenlicht.

Das ganze steigerte sich zu einem Hexensabbat, der jäh mit einem Paukenschlag beendet wurde, nämlich mit der Frage, wer das alles bezahlen sollte.

Dann trat Stille ein. Das Thema verschwand aus den Zeitungen. Das Problem Theater verfiel in einen Winterschlaf.

Im Falle des Theaters in der Josefstadt war es nicht anders.

Aber da war im Hintergrund einer, dem die Sache nicht gleichgültig war, einer von dem man sich allerdings keine Hilfe erwartete. Aber einer, der, wenn er einmal etwas anpackte, keine Halbheiten machte. Entweder das Beste oder gar nichts.

Es war Camillo Castiglioni.

Castiglioni, Sohn des Oberrabbiners von Triest mit dem Geburtsnamen Chaim, war der erfolgreichste Bankier, den Österreich besaß. Ihm gehörte die Depositenbank, ein angesehenes und aus alten Traditionen hervorgewachsenes Bankhaus. Castiglioni war unermesslich reich, ein gutaussehender Mann, charmant im Umgang mit Frauen und von geschliffenen Manieren. Er scharte die hervorragendsten Künstler des Theaters um sich, kannte Gott und die Welt und spielte in der Wiener Gesellschaft eine herausragende Rolle.

Camillo_Castiglioni

Camillo Castiglioni

Er war bereit, eine Generalsanierung des Theaters in der Josefstadt zusammen mit einer Erneuerung und Modernisierung der Bühnentechnik zu finanzieren. Er stellte ein Konsortium von Mitfinanziers auf die Beine und das Theater wäre gerettet gewesen.

Aber er stellte eine Bedingung.

Die Leitung des Hauses müsste der beste Mann übernehmen, den das deutschsprachige Theater hatte: Max Reinhardt.

Max Reinhardt

Max Reinhardt

Reinhardt war einer der größten Regisseure, des deutschen Theaters. Er war in Berlin und Wien äußerst erfolgreich. Von seinen Freunden wurde als ein „Magier der Bühne“ bezeichnet.

Doch Reinhardt war teuer. Er führte ein sehr aufwendiges Leben und war gewohnt, dass man ihm die Gagen bezahlte, die er verlangte.

Die Verhandlungen mit Castiglioni waren kurz. Reinhardt nannte seine Bedingungen: niemand von den Geldgebern mischt sich in künstlerische Fragen, er führt das Theater nach seinen Vorstellungen, ein mögliches Defizit tragen die Finanziers, ebenso wie sie seine eigene Gage garantierten.

Castiglioni stimmte zu.

Der Umbau begann, und damit eine Zeit, die das Theater in der Josefstadt weder vorher noch nachher erlebte. Die besten Schauspieler deutscher Zunge stellten sich bei Reinhardt an, um in seinem Haus spielen zu können.

Castiglioni hatte sich ein ewiges Denkmal gesetzt.

Wer war dieser Camillo Castiglioni, woher kam sein unermesslicher Reichtum, welche Geschäfte machte er und warum war er so erfolgreich?

Die Methode, die Castiglioni bei der Abwicklung seiner Geschäfte anwandte, war von einigen Grundsätzen geprägt, von denen er niemals abwich:

  • Kein Geschäft wird alleine gemacht, es gibt immer Compagnons
  • Mit den Compagnons wird redlich geteilt, sie müssen so wie er am Geschäft gut verdienen
  • Das Geschäft muss über mehrere Stationen und Etappen abgewickelt werden
  • Bestechungsgelder nimmt er selbst nicht in die Hand, das müssen die Compagnons machen

Bereits bei seinen ersten wirklich großen Geschäftsabwicklungen geht er nach diesen Grundsätzen vor.

Einige Jahre vor dem Weltkrieg beginnt in Europa eine wahre Euphorie des Flugzeugwesens. Etrich baut in Deutschland einen Flugapparat, der unter dem Namen „Etrich-Taube“ bekannt wurde. Es war das erste Flugzeug, das in großer Stückzahl hergestellt wurde. Berühmtheit erlangte die Maschine in der Schlacht von Tannenberg, dem ersten großen Sieg der deutschen Armee gegen die Russen im Weltkrieg, wo es als Aufklärungsflugzeug eingesetzt wurde und den gesamten Aufmarsch der russischen Verbände beobachtete und dem deutschen Generalstab somit alle erforderlichen Informationen für eine siegreiche Schlacht lieferte.

Castiglioni erkannte sehr früh die militärische Bedeutung der Flugzeuge. Er gründete mit einigen Compagnons die „Motor-Luftfahrzeug-Gesellschaft m. b. H“, kurz MLG. Vorerst als eine reine Handelsgesellschaft konzipiert, vertrieb er in Österreich – Ungarn die Etrich-Tauben. Durch Fusionierung der MLG mit anderen kleinen Betrieben entstand die Firma UFAG, Ungarische Flugzeug AG.

Auch in Italien wurde Castiglioni rührig und gründete eine Gesellschaft, die Phönixwerke.

Nun war die Zeit reif, selbst Flugzeuge herzustellen. Castiglioni, das heißt die Firmen UFAG und Phönix, erwarben eine 50 % Beteiligung an den deutschen Etrich Werken in Briest, zu denen in der Zwischenzeit der später so berühmte Flugzeugkonstrukteur Heinkel gestoßen war. Es dauerte nicht lange und Castiglioni übernahm die ganze Gesellschaft. Es wurden Flugzeuge für die deutsche Marine und die Österreichische Armee gebaut.

Langfristige Verträge sicherten volle Auftragsbücher. Castiglioni verdiente ein Vermögen, da er ohne Konkurrenz anderer Werke das Militär belieferte und daher entsprechend hohe Preise verlangen konnte.

Über zehn Jahre später wird Castiglioni in Wien verklagt, dass er mangelhafte Flugzeuge geliefert hätte, die reihenweise abgestürzt seien. Auch habe er hohe Militärs bestochen, damit sie ihn mit Aufträgen versorgten. Die Angelegenheit endet wie das Hornberger Schießen. Nicht er habe die Armee mit Flugzeugen beliefert, sondern die Firmen X und Y, an denen er nur Anteile besessen hatte, und was die Bestechungen betrifft, leugne er grundsätzlich alles, man möge ihm das beweisen. Der Beweis gelingt nach so langer Zeit natürlich nicht, da einige der angeschwärzten Militärs gar nicht mehr am Leben sind.

1917, ein Jahr vor Kriegsende glaubt Castiglioni nicht mehr an einen Sieg Deutschlands und Österreich – Ungarns. Er verkauft alle seine Anteile an eine deutsche Bank und wendet sich anderen Geschäften mit der Armee zu.

Zu diesem Zweck kauft er sich seine eigene Bank und zwar die „Depositenbank“. Ein Jahr nach Kriegsende wird er Präsident dieses Bankhauses, die leitenden Positionen besetzt er mit Compagnons. Sie müssen die Arbeit machen, während er strategisch weitblickend disponieren wollte und konnte.

Eines der Geheimnisse des Erfolges Castiglionis war die unfehlbare Treffsicherheit im Aufspüren der käuflichen Charaktere in der Militär- und Zivilverwaltung. Er wusste, wer nimmt und wer nicht nimmt. Gleichzeitig arbeitete er mit Fleiß und Emsigkeit daran, dass die Anzahl der letzteren ständig abnahm.

Die Wirren der Nachkriegszeit, das unübersehbare Dickicht der Steuer- und noch viel mehr der Devisenvorschriften, die ständig wechselnden Ein- und Ausfuhrverbote, züchteten treibhausartig die Korruption, die sich bis in die entlegensten Gebiete des Verwaltungsapparates ausdehnte. Je tiefer der Geldwert sank, umso wohlfeiler wurde das Einkaufen der entscheidenden Menschen.

Dazu gehörte natürlich die Presse. Der Großteil der leitenden Redakteure der Wirtschaftsressorts der österreichischen und ungarischen Zeitungen waren Castiglioni in Freundschaft zugetan. Da gab es Einladungen zu rauschenden Festen, ein Präsent hier, ein Präsent da und vor allem Tipps aus der Welt der Hochfinanz. Diese Tipps waren einmal Hinweise allgemeiner Natur oder auf bevorstehende Transaktionen, die der Redakteur dann als erster in seiner Zeitung als Sondermeldung („wie wir von gut informierter Seite erfahren haben,…..“) bringen konnte, einmal in rein persönlichen Winks, etwa über eine unmittelbar zu erwartende kräftige Kursbewegung an der Börse, die der Zeitungsmann dann persönlich nutzen konnte.

Die Depositenbank finanzierte vorwiegend Industrieunternehmen. Wurde ein Kredit notleidend, was gleichbedeutend war mit Rückzahlungsproblemen des Schuldners, verwandelte Castiglioni den Kredit in eine Beteiligung, die immer wertmäßig höher war als die ausstehende Kreditsumme. Auf Grund ihrer internationalen Beziehungen war es für die Depositenbank nicht schwierig, für Castiglioni interessante Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten zu bringen.

Dabei ging er folgendermaßen vor: Über Mittelsmänner wurde dem (noch) gesunden Unternehmen angeraten, sich nicht ausschließlich über die Depositenbank zu finanzieren, sondern im Sinne einer Risikostreuung auch Kredite bei einer anderen Bank aufzunehmen, um nicht in Abhängigkeit eines einzelnen Bankinstituts zu kommen. Mit diesem Ratschlag wurde auch gleich die andere Bank ins Spiel gebracht. Um der Angelegenheit einen seriösen Anstrich zu geben, war diese andere Bank meist ein ausländisches Kreditinstitut. Was der Unternehmer oder die Direktoren nicht wussten war, dass Castiglioni an dieser Bank eine verdeckte Mehrheitsbeteiligung über Mittelsmänner hielt.

Eine Zeit lang lief die Sache gut. Wenn das Unternehmen gute Gewinne machte und in seiner Substanz gesund war, schlug Castiglioni zu. Die Zweitbank stellte aus irgendwelchen, oft an den Haaren herbeigezogenen Gründen, in einem prekärem Stadium ihre Kredite kurzfristig fällig. Da das Unternehmen nicht sofort zurückzahlen konnte, musste es sich in seiner Not, die Zeit drängte, an die Depositenbank wenden.

Leider konnte diese aber auch nicht so schnell einspringen und ihre Kredite erhöhen, die Zeiten waren ja schlecht. Aber man werde sehen. Vielleicht könnte man über eine Beteiligung reden. Es wurde einseitig geredet. Der Unternehmer hatte gar keine Wahl. Er musste, um einer Insolvenz vorzubeugen, die Kassen waren ja leer, einen Anteil seiner Firma abtreten. Die Depositenbank zahlte die offenen Kredite an die ausländische Bank und diese hatte keine Forderungen mehr an den Unternehmer.

Tatsächlich hatte Castiglioni sein eigenes Geld von der linken in die rechte Tasche gesteckt und bei dieser Umschichtung die halbe Firma erworben.

Es ging dann so weiter, dass irgendwann auch der Rest des Unternehmens um wenig Geld erworben wurde. Bei günstiger Gelegenheit, das Unternehmen war ja in seinem Kern gesund, wurde alles verkauft. Mit einem satten Gewinn.

Bei größeren „Umschichtungen“ der Eigentümerstruktur wurde mit einem verzweigten und für den Außenstehenden unübersichtlichen Netz gearbeitet. Es wurden mehrere Banken als Kreditgeber eingeschaltet und als Kaufinteressenten traten nicht Personen auf, sondern andere Firmen. Diese waren alle mehrheitlich im Besitz von Castiglioni.

Castiglioni hatte immer viele Eisen im Feuer. Seine Beteiligungen wuchsen und wuchsen, sein Vermögen wurde immer größer und damit auch sein finanzieller Spielraum. An Phantasie mangelte es ihm nicht, mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln immer neue Geschäfte abzuwickeln.

Zu einem ersten Finanzskandal kam es im Jahre 1919.

Die Depositenbank war Geldgeberin und auch Großaktionärin einiger Spiritusfabriken in Ungarn und in der Tschechoslowakei. In beiden Ländern hatte der Staat ein Spiritus- und Branntweinmonopol. Spiritus war in Europa eine begehrte Ware. Die Beamten, die das Monopol verwalteten, waren keine erfinderischen Kaufleute. Sie verwalteten eben. Und das zu kleinen Gehältern.

Castiglioni hatte da so seine Ideen.

In der Tschechoslowakei hatten die von der Depositenbank beherrschten Spiritusfabriken einige Konkurrenten. Die größten und wichtigsten waren die Firma Lederer und eine Firmengruppe, die den Gebrüdern Bondy gehörte. Castiglioni lotete die Möglichkeiten aus, sich an diese beiden Unternehmungen zu beteiligen. Die waren aber hellhörig und blockten schon beim Namen Castiglioni ab. Gute Geschäfte zu machen waren sie aber nicht abgeneigt.

Castiglioni schlug ihnen die Bildung eines Syndikats vor. Unternehmensgegenstand und –ziel war der Ankauf von Spiritus von der staatlichen Monopolverwaltung und der Weiterverkauf ins Ausland. Da die Ware sehr begehrt war, hatte man sich um die Erlöse aus dem Verkauf keine Sorgen zu machen. Der Gewinn konnte aber beträchtlich gesteigert werden, wenn man preisgünstig einkaufen konnte. Dazu war die Mithilfe der Verwalter des Monopols erforderlich. Castiglionis Compagnons erledigten diese Aufgabe.

Lederer und den Gebrüdern Bondy gefiel diese Idee. Das Syndikat wurde gegründet. Die Depositenbank hielt einen Anteil von 37,5 % und war damit vereinbarungsgemäß am Gewinn und Verlust beteiligt.

Es wurden aber nur Gewinne gemacht, und diese nicht bescheiden.

Die später gelegte Verrechnung wies einen Reingewinn von 84 Millionen tschechischer Kronen auf. Dies war die offizielle Verrechnung. Ein größerer Teil blieb unverrechnet und verschwand in den Taschen diverser Gefolgsleute. In einem später geführten Prozess von Lederer gegen das Syndikat mussten die Anwälte Castiglionis zugeben, dass bei der „Vereinigten Mährisch-Ostrauer AG“ .- die im Mehrheitsbesitz von Castiglioni war -Bücherfälschungen vorkamen und der Gewinn von 200 Waggons zu je 10.000 Liter Spiritus verschleiert wurde.

Vorerst ging es aber darum, die 84 Millionen zur Seite, das heißt in Castiglionis Taschen, zu schaffen. Die Compagnons lösten elegant diese Aufgabe.

Zunächst wurde festgestellt, dass das Syndikat einen größeren Bedarf an Tschechenkronen hatte. Leider verfügte die Depositenbank nicht über die erforderlichen Valuten in dieser Größenordnung. Die Geschäfte drohten zu platzen. Die Folgen wären nicht absehbar, lief doch alles wie am Schnürchen, weil es so gut eingefädelt war. Ohne Tschechenkronen konnte man aber nichts machen.

Aber, Glück wie man es im Leben gelegentlich braucht, es gab da in der valutastarken Schweiz eine Bank, die helfen könnte. Es war die „International Investment Company“ (IIC) in Zürich. Diese erklärte sich bereit, die Beteiligung der Depositenbank am Spiritussyndikat zu übernehmen. Unentgeltlich natürlich, denn es war ja eine gefährliche Beteiligung. Man sollte froh sein, dass die IIC nicht noch für die Übernahme dieses Risikos etwas dafür verlangen würde.

Die IIC wird aber, aus unerklärlichen Gründen, ihres Besitzes nicht froh. Sie gibt ihren Anteil wieder ab, kostenlos natürlich, und zwar an:

Camillo Castiglioni        5,67 %
Paul Goldstein                3,37 %
Gabriel Neumann          3,37 %
Franz Herzberg              3.37 %
Paul Flandrak                 3,37 %
Heinrich Bronner          3,37 %

Alle Herren waren Direktoren der Depositenbank. Sie besaßen somit fast 23 % des Syndikats und 23 % des Gewinns.

Der Rest vom Gesamtanteil wurde an zwei ungarische Firmen abgegeben. Diese gingen sogenannte Subbeteiligungen ein, die wiederum, nach einigem Hin- und Herschieben, in Castiglionis Hände gingen.

Der Depositenbank blieb nichts.

Es bleibt nun noch die Frage zu prüfen, warum die „International Investment Company“ sich dieses Geschäft entgehen hat lassen, wo sie doch völlig unentgeltlich zu dem 37,5 % Anteil gekommen war.

Die Antwort war schnell gefunden. Besitzer sämtlicher Aktien der IIC war Camillo Castiglioni.

Castiglioni hat den Riesengewinn aus dem Spiritussyndikat, der von rechts wegen der Depositenbank gehört hätte, in eine seiner vielen Taschen, in diesem Fall der „International Investment Company“ in Zürich, geleitet und von dort seine Compagnons fürstlich entlohnt.

Dieses Syndikat ist bekannt geworden, weil Lederer wegen der verschwundenen 200 Waggons bei der „Vereinigten Mährisch-Ostrauer AG“ die Depositenbank verklagt hatte. Die Anwälte Castiglionis erklärten die Bücherfälschungen damit, dass der Direktor der „Vereinigten Mährisch-Ostrauer AG“, Samuel Bronner dies veranlasst hätte. Er wurde strafweise entlassen und ist seither geisteskrank und nicht vernehmungsfähig. Nach Prozessende wurde allerdings bekannt, dass er anlässlich seines Ausscheidens einen ansehnlichen Millionenbetrag als Abfindung erhalten hat. So sah also die strafweise Entlassung des Sami Bronner aus. Castiglioni zeigte sich seinen Helfern gegenüber immer sehr großzügig.

Die ganze Angelegenheit wurde auf Grund einer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft anhängig. Es wurde ein Sachverständiger der Bankenkommission beauftragt, die Verschiebung der 37,5 % Anteile der Depositenbank zu untersuchen. Er stellte in seinem Gutachten fest, dass diese Prozedur von Zessionen und Rückzessionen an sich befremdlich gewesen sei, im übrigen jedoch als einwandfrei bezeichnet werden müsse.

Die Erhebungen wurden von der Staatsanwaltschaft eingestellt und auch die Bankenkommission fand keinen Anlass, die weitere Verfolgung des Camillo Castiglioni zu beantragen.

Wie viele andere Syndikate Castiglioni eingegangen und betrieben hatte, ist ebenso wenig bekannt geworden wie die Wege, den die Gewinne aus anderen, nicht ordnungsgemäß verrechneten Geschäften, genommen haben.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach dem persönlichen Lebensstil Castiglionis. Bei einem Mann, der soviel Geld verdiente, musste doch der Reichtum Auswirkungen in seinem Alltag und seinem Umfeld zeigen.

Castiglioni zeigte es in der Tat. Als 1919 der Industrielle Eugen von Miller zu Aichholz verstarb erwarb Castiglioni sein Palais in der Prinz Eugenstrasse Nr. 28 und nannte es fortan „Palais Castiglioni“.

Palais Castiglioni

Palais Castiglioni

Eugen von Miller stammte aus Tirol und erwarb in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Vermögen. Er gehörte dem Wiener Geldadel an und ließ sich um 1880 das Palais erbauen, in dem er seine reiche Kunstsammlung zur Schau stellte. Er liebte allerdings keine Gesellschaften, sondern hatte lieber Einzelbesucher, denen er seine Sammlungen zeigen konnte. Eugen, der bis zu seinem Tod ein Junggeselle blieb, war ein sehr feinfühliger Kunstsammler.

Architektonisches Kernstück des Hauses war der Stiegenaufgang: Wände und Stufen aus prächtigem Marmor und als Krönung, drei Kolossalgemälde von Tiepolo. Der Architekt hatte den Treppenaufgang in seinen Maßen den Gemälden des Tiepolo angepasst, so dass der Marmor der Wände wie eine Fassung der Bilder erschien.

Stiegenaufgang mit den drei Tiepologemälden

Stiegenaufgang mit den drei Tiepologemälden

Castiglioni war ein anderer Menschenschlag als Eugen von Miller. Er liebte große Gesellschaften, Effekte, knallige Überraschungen, und sonnte sich im Ruhme seiner Sammlungen. Selbst verwöhnte ausländische Diplomaten wurden bei seinen Routs in Entzücken und Erstaunen versetzt.

Zuerst ließ er Umbauarbeiten vornehmen. Nach dem Vorbild der Renaissance- und Barockfürsten, die in ihren Palästen eine Kirche oder zumindest eine Privatkapelle hatten, ließ Castiglioni ein intimes Theater für sechzig Zuschauer einbauen. Dort wurden Vorstellungen gegeben, in denen die besten Schauspieler Wiens auftraten. Die Zuseher saßen auf bequemen Fauteuils in Renaissancestil. Ein ausgezeichnetes Souper nach der Vorstellung war ihnen gewiss.

Die Tiepolos im Treppenhaus ließ er durch Vorhänge verhüllen, die sich in der Farbe dem Marmor der Wände anglichen. Gab er eine größere Gesellschaft, so versammelte er diese im Laufe des Abends auf dem hell beleuchteten Treppenabsatz. Auf ein geheimes Zeichen von ihm zogen die Diener, unsichtbar für die Gäste, über einen ausgeklügelten Mechanismus, gleichzeitig die Vorhänge vor den drei Gemälden zur Seite. Die Tiepolos strahlten, erfüllten den Raum, der erst nun seine architektonische Raffinesse voll entfaltete. Das gefiel den Gästen.

Außer den Tiepolos übernahm Castiglioni keine Kunstwerke der Sammlung Eugen von Millers. Er brauchte den Platz, denn er sammelte selbst mit großem Eifer die erlesensten Meisterwerke. Kernstück seiner Sammlung waren italienische Bronzeskulpturen mit den Prachtexemplaren „Herkules und der Kentaur“ und „Herkules und Antäus“, beide von Giovanni da Bologna. Besonders stach die vergoldete Herkulesstatue von Francesco de Sant Agata hervor. Sie nahm einen Ehrenplatz in den Räumlichkeiten des Palais ein. Doch auch erlesene Stücke des Kunsthandwerks konnte man bewundern, die alle in einem bedeutenden Museum hätten gezeigt werden können, Venezianische Bronzeleuchter ebenso wie kunstvolle Türgriffe von Roccatagliata.

Am meisten beeindruckte seine Gemäldesammlung. Hier war (fast) alles vertreten, was in der venezianischen Malerei Rang und Namen hatte: Tizian, Tintoretto und Canaletto. Er hatte aber auch herrliche Gemälde der niederländischen Schule gesammelt, wie ein Herrenportrait von Rembrandt, Werke von Cranach und Rubens, Van Dyck war mit zwei Werken vertreten, Frans Hals mit einem Portrait.

Von erlesener Qualität war die Sammlung alter Möbel. Italienische Renaissance aus dem 15. Jahrhundert und französische Louis XIV Stücke schmückten die Räume seines Palais.

Als viele Jahre später Castiglioni gezwungen war, die Kunstsammlung zu versteigern, landeten viele Werke in Museen. Die Tiepolos aus dem Treppenaufgang musste Castiglioni der Familie Mendel, Besitzer der Ankerbrotwerke, als Sicherstellung für einen Kredit verpfänden. Als er dann das Darlehen nicht zurückzahlen konnte, verkaufte Mendel kurzerhand die Bilder dem Metropolitan Museum in New York.

Die Finanzierung seiner Kunstankäufe erfolgte so, wie die Ankäufe der Aktien, nämlich auf Pump unter Ausnutzung der Zeitumstände, und das war in erster Linie die Inflation.

Die Inflation begann schon zu Anfang des Weltkriegs. Die Gelddruckmaschinen des Staates wurden in Bewegung gesetzt und immer mehr Papiergeld in Umlauf gebracht, das keine entsprechende Deckung hatte. In der Mitte des Krieges war die Geldumlaufmenge doppelt so groß wie zu Anfang des Krieges, die Preise hatten sich ebenfalls verdoppelt. Der Dollarkurs stieg an, jedoch nicht im gleichen Verhältnis wie die Geldumlaufmenge. Hier war noch ein gewisser Verzögerungseffekt bemerkbar. Der Krieg war noch nicht verloren, es bestand ja immerhin noch die Möglichkeit, die enormen Kriegsschulden mit Reparationszahlungen der besiegten Staaten zurückzuzahlen.

Im November 1918 kam dann die Stunde der Wahrheit. Die Reparationsleistungen mussten Österreich und Deutschland zahlen, von einer Rückzahlung der im eigenen Land begebenen Kriegsanleihen war keine Rede mehr. Das von der Monarchie übriggebliebene Österreich konnte nicht einmal annähernd daran denken, irgendwelche alten Verpflichtungen zu übernehmen.

Die Krone verfiel zusehends. Im November 1918, dem Kriegsende, war der Kurs zum Dollar 4 Kronen, ein Jahr später nur mehr 30 Kronen. Die Inflation der Währung galoppierte. Im November 1921 lag der Dollarkurs bei 1000 und erreichte schließlich im November 1922, dem Höhepunkt der Krise, einen Kurs von 20.000.

In Deutschland war die Situation noch schlimmer.

Durch die Inflation verarmten weite Teile der Bevölkerung. Vermögenswerte schmolzen dahin, Ersparnisse wurden völlig entwertet und Spargelder von Generationen vernichtet. Mit den mündelsicheren Kriegsanleihen konnte man einheizen oder sie in Streifen schneiden und als Lesezeichen verwenden. Durch Mangel an Kaufkraft verloren auch Immobilien ihren Wert und mussten bei Notveräußerungen geradezu verschleudert werden.

Es gab aber auch Gewinner der Inflation. Wer sich höherwertiges Geld borgte und damit Sachwerte kaufte und das Geborgte später mit entwertetem Geld zurückzahlte, konnte nach dem Grundsatz „Krone ist gleich Krone“ seine Schulden billig los werden.

Der größte Gewinner war der Staat. Deutschland hatte Kriegsschulden von 164 Milliarden Goldmark, die sich nach der Währungsumstellung am Ende der deutschen Inflationszeit im November 1923 auf gerade 16 Pfennige beliefen.

Schulden musste man in dieser Zeit haben. Doch um Geschäfte in großem Stil machen zu können und wirklich erfolgreich zu sein, musste man eine eigene Bank in der Hinterhand haben.

Castiglioni hatte diese.

Die Depositenbank war eine seriöse Bank, allen Spekulationsgeschäften abhold und in alter Tradition geführt. Das sollte sich, nachdem Castiglioni die Mehrheit der Aktien in Händen hatte und Präsident der Bank wurde, bald ändern. Castiglioni benötigte ein Finanzierungsinstrument für seine Geschäfte, wo keine Fragen gestellt wurden und wo er rasch und direkt alles bekam was er brauchte. Der erste Schritt war, die leitenden Herren in ihren Funktionen auszutauschen. Er besetzte die Direktorenposten mit seinen Compagnons Paul Goldstein und Gabor Neumann.

Nun konnte er sein einfaches Konzept anwenden. In den Jahren als der Wert der Krone sank, nahm er Kredite auf, die er später mit schlechteren Kronen zurückzahlte. Sein Kreditbedarf stieg ins unermessliche. Er kaufte sich bei dem vornehmen Motorrad- und Flugmotorenhersteller BMW in München ein, erwarb Papierfabriken, namhafte Werke der Zellstofferzeugung, der Metallindustrie, kurz: Industriebeteiligungen in allen Sparten.

Die Depositenbank lieferte die Kredite. Nach außen hin blieb sie das seriöse Bankhaus nach altem Schlag. Das bürgerliche Publikum hatte Vertrauen und ahnte nichts von den Machenschaften der neuen Eigentümer.

Niemand, regte sich über Castiglioni auf. Man hatte andere Sorgen. Der Kampf ums tägliche Brot beschäftigte die Menschen und das war für die überwiegende Anzahl der Bevölkerung schwer genug.

Doch dann kam der Mai 1923.

In den Couloirs des Parlaments raunt man sich hinter vorgehaltener Hand zu, dass sämtliche Steuerakten Castiglionis spurlos verschwunden seien. Musische Abgeordnete witzelten, dass sie sich verirrt hätten wie Tannhäuser im Venusberg, und dass sie vielleicht irgendwann sündenbefleckt heimkehren werden. Dabei handelte es sich bei den Akten keineswegs um ein schmächtiges Päckchen, sondern sie waren, wie alles was von Castiglioni herrührte, sehr gewichtig. Sie wogen ganze vier Kilo. Soviel wie ein neugeborenes Kind, stellte eine der wenigen Journalistinnen fest.

Die Akten waren zuletzt bei der Finanzbezirksdirektion in der Marxergasse und hätten an das Finanzministerium zurückgestellt werden sollen. Sie sind dort nie angekommen und blieben unauffindbar.

Die Öffentlichkeit erfuhr vom Verschwinden der Akte. Es begann eine lebhafte Diskussion, wer wohl ein Interesse an den Steuerakten Castiglionis haben könnte. Castiglioni selbst doch wohl nicht. Er wurde vom Finanzministerium bereits aufgefordert, die einzelnen Dokumente zu rekonstruieren. Aber waren die Akte nicht der zusammengepresste Extrakt seiner Geschäfte? Wie schön ließe sich diese Detailkenntnis verwerten, wie viele Dolche schlummerten in den Zahlen!

Wenige Wochen nach dem Verschwinden bereiten die sozialistischen Abgeordneten eine dringliche parlamentarische Anfrage an den Bundesminister für Finanzen über die Kriegssteuern des Herrn Castiglioni vor:

„Wir sind in der Lage, der Öffentlichkeit die folgenden Mitteilungen zu unterbreiten, die die Rücksichten, deren sich Herr Castiglioni bei einem löblichen Finanzministerium erfreut, ins rechte Licht rücken.

Für die Jahre 1914 bis einschließlich 1918, in welcher Zeit Herr Castiglioni sein immenses Vermögen begründete, das ihn zu einem der größten Kriegs- und Nachkriegsgewinner Österreichs macht, wurden ihm an Kriegssteuern insgesamt 5,697.500 Kronen vorgeschrieben. Jeder, der weiß, welche ungeheuren Reichtümer dieser Mann nach dem Kriege, zum großen Teil aber auch schon während des Krieges gesammelt hat, wird über die Lächerlichkeit dieser Zahl nicht im Zweifel sein. Aber was die Angelegenheit zu einem unerhörten Skandal macht, ist die geradezu unglaubliche Tatsache, das Herr Castiglioni von dieser Summe bis zum 30. April 1921 lediglich 2,511.912 Kronen wirklich bezahlt hat. Für den Rest hat sich der Bund mit einem Garantiebrief der Depositenbank, deren Präsident bekanntlich Herr Castiglioni ist, begnügt, was natürlich nichts anderes bedeutet, als dass ihm der größte Teil dieser an und für sich viel zu geringfügigen Steuer einfach geschenkt worden ist. Denn an Stelle der Kronen der Jahre 1916, 1917 und 1918 wird Herr Castiglioni nun, nachdem wir die Sache ans Licht gebracht haben, die aushaftenden 3,1 Millionen in Kronen des Jahres 1922 bezahlen. Das heißt, eine Schuld, die entstanden ist zu einer Zeit, als die Krone durchschnittlich 50 Centimes gegolten hat, wird bestenfalls in einem Augenblick getilgt werden, da 100 Kronen weniger als 1 Centimes sind! An Stelle von etwa 1,6 Millionen Schweizer Franken wird Herr Castiglioni dem österreichischen Staate 318 Franken bezahlen und damit wird nach Auffassung der Bundesverwaltung die Angelegenheit in bester Ordnung sein………..“

Es folgen vier Fragen an den Minister über die Verantwortlichkeit etc.

Aus völlig unerklärlichen Gründen wird diese Anfrage, die von den sozialistischen Abgeordneten gründlich diskutiert und vollständig ausformuliert wurde, niemals im Parlament eingebracht. Castiglioni macht mit dem Staat das selbe Spiel, das er bei seinen Firmenkäufen macht: er leiht sich Geld, und nicht bezahlte Steuern ist nichts anderes als sich vom Staat Geld zu leihen, das er später in entwerteten Kronen zurückzahlt.

In der politischen und wirtschaftlichen Situation Österreichs bahnte sich jedoch eine grundlegende Änderung an.

Im Jahre 1922 wurde Prälat Ignaz Seipel Bundeskanzler. Seipel war Obmann der Christlichsozialen Partei. Er war Priester, Universitätsprofessor für Moraltheologie und Politiker. Im Jahre 1918 formulierte er für Kaiser Karl das Abdankungsschreiben.

Ignaz_Seipel

Seipel

Für Seipel gilt Schillers Wort über Wallenstein:

Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt,
schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.

Seine Gegner, allen voran die Sozialdemokraten, nannten ihn den „Prälat ohne Milde“, besonders scharfe Kritiker bezeichneten ihn, wohl wegen seiner unnahbaren Art, als „Bundeskanzler von Österreich, Stellvertreter Gottes im Nebenberuf“. Die Kommunisten riefen öffentlich zu seiner Ermordung auf, die rechte Reichshälfte sah in ihm den großen Sanierer des Staates und bedeutendsten Staatsmann, den Österreich seit dem Weltkrieg hatte.

Vordringlichstes Problem der Regierung Seipel war die Lösung der Währungsfrage. Den beiden Regierungen vor Seipel war dies nicht geglückt. Allerdings hatte Seipels Amtsvorgänger Schober die internationalen Verhandlungen schon sehr weit vorwärts gebracht.

Gleich nach seinem Amtsantritt gelingt es Seipel, die Siegermächte davon zu überzeugen, dass Österreich untergehen werde, wenn man dem Lande nicht sofort unter die Arme greife. Nach einer beeindruckenden Rede vor dem Völkerbund in Genf, in der Seipel mit drastischen Worten die Folgen eines Untergangs Österreichs für Europa darstellt, erklären sich Großbritannien, Frankreich, Italien und die Tschechoslowakei bereit, eine Garantie für eine Anleihe des Völkerbundes an Österreich, in Höhe von 650 Mio. Goldkronen, zu gewähren.

Diese Völkerbundanleihe war die Voraussetzung zur Einführung einer neuen Währung. 1924 wurde der Schilling eingeführt. Der Wechselkurs betrug 10.000 Papierkronen ist ein Schilling. Die Folge war eine stabile Währung in Österreich.

Der Preis dafür war aber hoch: Der Zinssatz betrug 7 3/4 %; Österreich musste die Einnahmen aus dem Tabakmonopol und die Zolleinnahmen als Sicherstellung des Kredits verpfänden; Die Staatsfinanzen mussten der Kontrolle eines Kommissars des Völkerbundes unterworfen werden; Österreich musste innerhalb von zwei Jahren ein ausgeglichenes Budget vorweisen.

Der politische Preis war der Verzicht Österreichs auf einen Anschluss an Deutschland, und dies für die nächsten zwanzig Jahre. Damit hofften die Siegermächte ihre größte Sorge vom Tisch zu haben, denn der Ruf Österreich mit Deutschland zu vereinigen, kam aus allen Parteikreisen, ausgenommen die Monarchisten und Kommunisten. Jede Partei hatte eine Vereinigung mit Deutschland in ihr Parteiprogramm aufgenommen und ließ keine Gelegenheit verstreichen, diese Forderung öffentlich kundzutun.

Die hohe Auslandsverschuldung hatte ein extrem hohes Zinsniveau zur Folge, was die Investitionsbereitschaft der Industrie und des Gewerbes lähmte. Die Einhaltung der Auflage, einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen, erforderte drastische und einschneidende Sparmaßnahmen. Die Arbeitslosigkeit stieg stark an.

Für Leute wie Castiglioni war eine stabile Währung ungünstig für ihre Geschäfte. Österreich war für sie uninteressant geworden.

Aber da gab es ja noch Deutschland. Dort tobte die Hyperinflation. Sie war um ein vielfaches größer als in Österreich. Castiglioni verlegte sein Arbeitsgebiet nach Berlin. Dort lernte er Fritz Mannheimer näher kennen. Mannheimer, ein waghalsiger Spekulant, war damals der größte Bankier Europas. Er war Chef des Bankhauses Mendelsohn & Co in Amsterdam, hatte Bankbeteiligungen in ganz Europa und war Ritter der Ehrenlegion. Ein respektabler und honoriger Mann.

Fritz Mannheimer

Fritz Mannheimer

Auch Mannheimer war ein großer Kunstsammler. Zu seiner Sammlung gehörten u.a. Gemälde von Rembrandt, Vermeer, Canaletto, Watteau, und Fragonard. Auf Kunstauktionen gerieten sich die beiden Sammler gelegentlich in die Haare.

Castiglioni lud Mannheimer zu einem rauschenden Fest nach Wien ein. Hier sollte er sehen, was im Palais Castiglioni so alles an den Wänden hing und in Vitrinen exponiert war.

Man sprach über das Geschäft und über die schlechter werdenden Zeiten. Castiglioni hatte einen kühnen Plan, zu dessen Durchführung er aber einen oder mehrere starke Partner brauchte. Mannheimer wäre der richtige.

Im Visier hatte Castiglioni den französischen Franc. Nachdem die österreichische und die ungarische Währung zu Fall gebracht wurde, die deutsche Mark nicht einmal mehr röchelte, musste man nun den Franc von seiner Höhe herunterholen. Eine kräftige Inflation sollte der Nährboden für gute Geschäfte werden, Geschäfte die Mannheimer durchaus nicht fremd waren.

Frankreich hatte zwar den Krieg gewonnen, lag jedoch wirtschaftlich am Boden. Der Krieg hatte tiefe Wunden geschlagen. Zu den Millionen Toten kamen zerstörte Städte und verwüstete Industriegebiete. Die Regierungen wechselten ununterbrochen, von einer innenpolitischen Stabilität war keine Rede. Der Zustand der Staatsfinanzen war chaotisch.

Es brauchte nicht viel Überzeugungsarbeit, um Mannheimer in Castiglionis Boot zu holen. Ein Plan wurde ausgeheckt und auch gleich damit begonnen, ihn in die Tat umzusetzen.

Das Duo Castiglioni – Mannheimer verschaffte sich erst einmal Riesenkredite in französischen Franc. Dieses Geld wurden dann auf den Finanzmärkten in Zürich, London und Amsterdam angeboten. Die Devisenbörsen schwammen in Franc, die vorerst keiner haben wollte. Das Angebot war groß, die Nachfrage gering Der Kurs des Franc begann nach unten zu gleiten.

Die anderen Banken beobachteten. Kleine Häuser wurden nervös. Vorsichtshalber stießen sie ihre Bestände an Francs ab. Noch mehr Geld stand zum Kauf an. Gerüchte, von gezielter Hand ins Publikum gestreut, gingen die Runde. Bald pfiffen es die Spatzen vom Dach: In Franc muss man spekulieren, das ist der sicherste „Geheimtipp“, der Stunde. Die Spekulation begann. Erst von wenigen und mutigen Häusern, dann von der ganzen Bankenwelt.

Der Kurs bröckelte und bröckelte. Castiglioni und Mannheimer hatten längst still und heimlich billige Franc zurückgekauft und damit ihre Kredite, aufgenommen in teuren Franc, zurückgezahlt.

Der erste Schnitt war getan. Nun sollte es an die Sachwerte gehen.

Die Spekulation wurde fiebrig. Die kleinen Bankhäuser, und von denen gab es in Wien hunderte, animierten ihr Publikum – nur das bessere, das noch Vermögenswerte besaß – doch in Franc zu spekulieren. Jetzt wäre der Moment gekommen, sich für die erlittenen Verluste der letzten Jahre schadlos zu halten.

Termingeschäfte war das Zauberwort hinter vorgehaltener Hand. Und das wirkte. Alle schlossen Termingeschäfte ab. Doch die Termine kamen, aber der Franc blieb im Keller. Der Franc wurde zur Mangelware Plötzlich war ein Bedarf an Franc vorhanden, der von den kontinentalen Börsenplätzen nicht befriedigt werden konnte. Die Banken wandten sich nach London. Zwecks Deckung ihrer Engagements liehen sie von englischen Banken Französische Franc zu einem Satz von 5 % pro Monat!

Erste schwere Liquiditätsprobleme traten auf. Es ging ans Eingemachte. Aktienpakete wurden verkauft, aber es fanden sich kaum Käufer. Die Preise der Effekten sanken ins Bodenlose. Die Börse stand kurz vor dem Kollaps.

Die große Katastrophe zeichnet sich ab. Die Anzahl der Selbstmorde von Bankiers steigt. Die Zeitungen berichten täglich über neue Fälle. Besonders der Selbstmord des Bankiers Isidor Eisner, Gesellschafter des Bankhauses Herz & Strauß, ließ aufhorchen, handelte es sich doch hier um einen Mann, dessen untadeliger Ruf bisher außer Zweifel stand. In einem Abschiedsbrief führt er als Grund für sein Ausscheiden aus dem Leben an, dass er bei verschiedenen Francspekulationen nicht nur das gesamte Firmenvermögen verloren, sondern darüber hinaus noch Einlagen von Kunden, die ausdrücklich nicht spekulieren wollten, verspielt hatte.

Eisner hat sich das kommende Blutbad unter den Banken, die sich fast ausnahmslos an der Francspekulation beteiligt hatten, erspart.

Die französische Politik trug nichts zu einer Sanierung der Währung bei. Die Kabinette waren kurzlebig, die Parteien untereinander zerstritten, Koalitionen hielten nicht.

Bis Poincaré kam. Der Ministerpräsident erreichte vom amerikanischen Bankhaus Morgan eine 100 Millionen Dollaranleihe zur Rettung des Franc.

Damit war das Ende der Franc Spekulation eingeläutet. Es kam so schnell, dass die kleinen Banken sowieso nicht mehr reagieren konnten, aber auch Castiglioni nicht.

Die Depositenbank war pleite. Hunderte kleine Banken ebenfalls. Die Zeitungen brachten fast täglich Meldungen über die Schließung von Bankfirmen.

Menschenschlangen bildeten sich vor der Tür der Depositenbank. Alle wollten ihr Geld haben. Aber da war keines mehr. Die Kassen waren leer, die riesigen Aktienpakete der Industriebeteiligungen waren bereits verkauft, sodass auch von dieser Seite kein Mittelzufluss zu erwarten war.

Die „Castiglionipresse“, das waren etwa fünf Wiener Zeitungen die mehrheitlich im Besitz von Castiglioni waren, berichteten zwar täglich, dass die Depositenbank alles auf Heller und Pfennig zurückzahlen werde und niemand um seine Einlagen fürchten müsse. Die Praxis sah anders aus. Es wurden die Bankkunden zwar in die Schalterhalle eingelassen, doch hinter den Schaltern saß niemand. Anstelle dessen mussten die Kunden komplizierte Formulare ausfüllen, und Nachweise ihrer Einlagen machen.

Der nächste Schritt war die Ankündigung in den Zeitungen Castiglionis, dass die Bank alle Einlagen, die seit Mai 1924 getätigt wurden, mit Zinsen zurückzahlen werde, von einer Rückzahlung der vor diesem Datum hinterlegten Gelder war keine Rede mehr. Mit der Auszahlung werde in den nächsten Wochen begonnen. Doch in den nächsten Wochen wurde die Befürchtung zur Gewissheit: die Depositenbank war endgültig pleite und zahlungsunfähig.

Es kam zu Tumulten. Die Behörden mussten handeln. Es wurde von der Staatsanwaltschaft eine Untersuchung eingeleitet. Direktor Hilbert Pick, zuständig für das Filialnetz der Bank, wartete das Ergebnis der Untersuchung erst gar nicht ab, sondern erhängte sich gleich in seiner Badener Villa.

Die Volksseele kochte. Castiglioni wurde zum meist gehassten Mann von Wien. Die sozialdemokratische Arbeiterzeitung schüttete Spott und Hohn auf ihn. Der Chefredakteur Friedrich Austerlitz entfaltete sein ganzes Repertoire an Bosheit und Häme. Die Karikaturisten hatten Konjunktur.

Camillo Castiglioni

Camillo Castiglioni

Die Anhängerschaft der Sozialdemokraten hatte vergleichsweise wenig Geld verloren, da sie ohnehin nur das wenige zum täglichen Leben brauchten und gar nicht die Möglichkeit zum Spekulieren hatte. Für das Heer der Arbeiter kam es trotzdem ganz dick. Die von der Depositenbank abhängigen Industriebetriebe, und das waren über dreißig an der Zahl, waren nicht nur ihre Firmengelder los, sondern sie bekamen auch keine Betriebsmittelkredite, um die Produktion aufrecht zu halten. Ein Unternehmen nach dem anderen ging in Konkurs, Tausende Arbeitsplätze waren verloren. Das Heer der Arbeitslosen wuchs.

Doch nicht nur die Arbeiter, sondern auch der Mittelstand, der sich auf Grund der hinter vorgehaltener Hand gegebenen Ratschläge mit dem Franc verspekuliert und nun nicht die Verluste der vergangenen Jahre wettgemacht, sondern das letzte Geld verloren hatte, war verzweifelt. Die Selbstmorde stiegen weiter rasant an. Die Zeitungen veröffentlichten die Namen der Selbstmörder in Listenform, da die Berichte, ob sich einer aufgehängt oder mit Leuchtgas umgebracht hatte, ohnehin niemand mehr interessierte.

Eine parlamentarische Kommission wurde eingesetzt, um die Ursachen der Bankpleiten zu eruieren. Das Ergebnis war, dass das Parlament von der Regierung ein Gesetz verlangte, die Eröffnung einer Bank an die Erteilung einer Konzession zu binden. Mit dem bisherigen Zustand musste Schluss gemacht werden, dass jeder, ob er Geld hatte oder nicht, ob er vom Geldgeschäft etwas verstand oder nicht, eine Bank gründen durfte.

Der Deutschösterreichische Gewerbebund, eine Vereinigung national gesinnter Geschäftsleute und Handwerksbetriebe, verlangte die Bekanntgabe der Namen der Francspekulanten und deren strenge Bestrafung.

Man verlangte die Verhaftung Castiglionis.

Der Oberstaatsanwalt bereitete den Haftbefehl vor. Er tat dies ganz geheim, damit niemand von der Sache Wind bekommen könnte. Nur der Untersuchungsrichter war eingeweiht. Unterfertigt hat den Haftbefehl der Oberstaatsanwalt persönlich. Ein verlässlicher Bote wurde ausgesandt, den Befehl einem hohen Polizeioffizier persönlich zu überbringen, damit dieser sofort Castiglioni verhaften möge.

Die Sache verzögerte sich um genau eine halbe Stunde.

Als die Polizisten mit Handschellen zu Castiglioni kamen, mussten sie erfahren, dass Herr Castiglioni vor einer halben Stunde Österreich verlassen habe und sich im Ausland aufhalte. Auch die beiden leitenden Direktoren der Depositenbank, Goldstein und Neumann, befänden sich im Ausland.

Castiglioni reiste nach Italien, um mit italienischen Bankhäusern zwecks Rettung der Depositenbank zu verhandeln. Nach einigen Tagen meldete er sich via Zeitungsinterview zu Wort. Er verstehe die ganze Aufregung nicht, er werde alle, die einen Schaden erlitten haben, sicherstellen und schadlos halten. Er habe einen Rettungsplan für die Depositenbank entwickelt und dessen Durchsetzung bereite er jetzt mit italienischen Banken vor.

In Justizkreisen überlegte man einen Weg, damit Castiglioni gegen Zusicherung freien Geleites nach Wien kommen könnte. Es gab da die Möglichkeit, gegen Hinterlegung einer Kaution einer vorläufigen Verhaftung zu entgehen.

Der Finanzminister wollte Castiglioni sprechen und mit ihm Verhandlungen wegen der Sanierung der Depositenbank führen.

Der Karikaturist der Arbeiterzeitung sah das so:

Karikatur Castiglioni

Castiglioni kam nach Wien, ohne Hinterlegung einer Kaution. Er kam mit leeren Händen, denn er dachte nicht daran, auch nicht über seine italienischen Bankverbindungen, an denen er ohnehin die Mehrheit hatte, dem Pleitebetrieb Depositenbank gutes Geld nachzuwerfen.

Castiglioni wurde auch nicht verhaftet.

Die Überwachung der Staatsfinanzen durch den Völkerbund wurde nicht wie vorgesehen beendet, da der Kommissär zur Überzeugung gekommen war, dass die finanzielle Stabilität Österreichs nicht erreicht sei und die allgemeine Wirtschaftslage eine Beendigung der Überwachung nicht rechtfertige.

Die Ersparnisse von Tausenden waren für immer vernichtet.
Die Industrie hat sich nur in Ausnahmefällen von dem Schlag erholt. Unzählige Arbeitsplätze waren verloren gegangen..
Die „Hakenkreuzler“ bekamen verstärkt Zulauf.
Gegen Camillo Castiglioni wurde nie Anklage erhoben. Der gescheiterte Initiator der Francspekulation blieb unbestraft.

Max Reinhardt legte in Ermangelung der Mittel für seine Inszenierungen die Direktion des Theaters in der Josefstadt zurück.