Am Rande des Bürgerkriegs

Das Umfeld

Sie waren zwei gute Freunde, Tassilo und Ignaz.

Tassilo entstammte einer jungen Adelsfamilie, aber er legte aus zwei Gründen keinen Wert auf einen Adelstitel: Erstens war der Adel in Österreich seit dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 abgeschafft und zweitens wurde sein Vater erst 1918 von Kaiser Karl als Dank für irgendwelche Verdienste fürs Vaterland, in den Adelsstand erhoben. 18er Barone wurden diese Leute von den alten Adeligen verächtlich genannt. Verachtung mochte Tassilo aber nicht, wer immer sie ihn auch spüren ließ.

Er war in das renommierte Gymnasium der Schotten gegangen, hatte dann in kurzer Zeit das Studium der Rechte absolviert und ist in eine Wiener Industriebank eingetreten.

Sein Vater war ein glühender Patriot und ein treuer Diener seines Kaisers. In diesem Sinne hatte er auch seine Kinder erzogen. Für ihn ist 1918 eine Welt zusammengebrochen. Wenige Wochen nach Ausrufung der Republik starb er.

Für Tassilo waren die Werte, die im alten Österreich der Kaiserzeit gegolten haben und hochgehalten wurden, eine Verpflichtung. Er war nicht grundsätzlich gegen die Republik, stand dem Neuen aufgeschlossen gegenüber, legt aber trotzdem immer wieder die Maßstäbe seiner Erziehung bei der Beurteilung von Ereignissen an.

Tassilo war unverheiratet. Es genügte ihm, die Eheprobleme seiner Arbeitskollegen in der Bank mitzubekommen. Das musste er nicht auch selbst haben.

Ignaz entstammte einer kleinen Beamtenfamilie und hatte seit seinen Jugendtagen – er war 16, als der Krieg zu Ende war – eine starke Tendenz zu den Linken, ohne jedoch einer Partei anzugehören. Er war Augenzeuge, als heimkehrende Offiziere am Nordbahnhof vom Pöbel ihrer Distinktionen beraubt, angespuckt und geschlagen wurden. Dieses Erlebnis dämpfte eine Zeitlang seinen Linksdrall.

Als Absolvent einer Lehrerbildungsanstalt bemühte er sich um eine Anstellung als Lehrer in einer Hauptschule, die er auch erhielt, aber im Zuge von Sparmaßnahmen wieder verlor, da er keinen Rückhalt in christlichen Kreisen hatte. Da seine Sympathien für die Linken nicht unverborgen blieben, waren seine Chancen gering, wieder als Lehrer in den öffentlichen Dienst aufgenommen zu werden.

Er brachte sich durch Nachhilfestunden und Gelegenheitsarbeiten (Schreibarbeiten, Verfassen von Eingaben für die Bauern) im Dorf seiner Tante im Burgenland durch. An Heirat war nicht zu denken, da das Geld niemals gereicht hätte, eine Familie zu ernähren.

Ignaz war kein Kommunist, sondern ein Bürgerlicher mit ausgeprägten Sympathien zur linken Reichshälfte. Seine Liebe galt der Musik. Er hatte als Kind Klavierspielen gelernt und es relativ weit mit dem Studium gebracht. Er gab auch einige Konzerte in kleinen Kreisen, galt als talentierter junger Mann und lernte bei diesen Gelegenheiten Menschen mit unterschiedlicher Weltanschauung kennen. Oft versuchte er vermittelnd einzugreifen, wenn die Wogen der Erregung bei politischen Diskussionen hochgingen, musste aber bald erkennen, dass es wenige Menschen gab die bereit waren, von einer vorgefassten Meinung auch nur einen Jota abzuweichen.

Die Umwälzungen in der Nachkriegsgesellschaft und den Niedergang des Adels in allen seinen Formen, betrachteten beide aus ihren unterschiedlichen Positionen: Tassilo blickte immer mit Hochachtung auf die Familien mit großen Namen, versuchte dort viel zu verstehen und tolerierte auch viel. Ignaz war diese Welt fremd. Für die Ehrbegriffe, um die in diesen Kreisen viel Aufhebens gemacht wurde, hatte er kaum Verständnis und belächelte die oft dramatischen Vorkommnisse in diesen Zirkeln als lächerliches Überbleibsel einer vergangenen Zeit.

Die Inflation traf beide. Tassilo mit voller Wucht, da die von seinem Vater geerbten geldwerten Vermögensteile in nichts zerrannen. Die Zertifikate der Kriegsanleihen, die sein Vater in patriotischer Pflicht regelmäßig zeichnete und dafür Wertgegenstände aus dem Familiensilber verkaufte, konnte er jetzt zum Unterzünden des Ofens verwenden.

Für Ignaz war die Inflation in erster Linie eine Belästigung und Störung seines ohnehin nicht ausgefüllten Alltags. Er musste das wenige Geld das er verdiente, so rasch als möglich ausgeben, um auch nur annähernd einen Gegenwert dafür zu erhalten.

Doch die Inflation war kein Thema mehr, als sie sich zu Jahresende 1925 trafen, um vom alten Jahr Abschied zu nehmen. Die österreichische Währung war dank der Politik des Bundeskanzler Seipel längst stabil und in Europa anerkannt. Die Krone war abgeschafft und durch den Schilling ersetzt worden. Der Staatshaushalt wies Überschüsse auf.

Ignaz_Seipel

Bundeskanzler Seipel

Andere Sorgen hatte das Land.

Eine politische Polarisierung griff zunehmend um sich und drohte das Land langsam aber sicher zu spalten.

Auf der einen Seite stehen die Rechten. Unter dem Sammelbegriff „Frontkämpfer“ scharen sich wirkliche ehemalige Frontkämpfer, Sympathisanten der in Deutschland um sich greifenden Bewegung der Hakenkreuzler, Gegner der Roten, wer immer darunter einzureihen war, militante Bauern und unzufriedene Deutschnationale.

Gegründet wurde die „Frontkämpfervereinigung Deutschösterreichs“ im April 1920 in Wien. Ihr Leitspruch lautete: „Allgemeines Volkswohl geht vor kleinlicher Parteipolitik“. Der Zweck der Vereinigung umfasste von der Pflege der Liebe zur Heimat und zum deutschen Volke, über Ehrung der gefallenen Kameraden an der Front, Schutz von Personen und des rechtlich erworbenen Eigentums, bis zur Hilfeleistung bei Elementarereignissen. Die Vereinigung verstand sich als Gemeinschaft aller arischen Frontkämpfer. Juden, Sozialisten und Kommunisten konnten nicht Mitglieder werden.

Ähnlichkeiten mit der zwei Monate vorher in München gegründeten NSDAP waren nicht von der Hand zu weisen.

Rasch dehnte sich die Vereinigung in ganz Österreich aus. Im Burgenland begann der Aufbau der Organisation im August 1923.

Demgegenüber standen auf der anderen Seite die Roten. Hier waren die Proletarier zu Hause. Sozialisten bildeten die Überzahl, aber auch von Moskau und von Deutschland ferngesteuerte Kommunisten fanden sich auf dieser Seite. Die Sozialdemokraten, die im Parlament die Opposition bildeten, fühlten sich im gegenwärtigen System, mit einem Prälaten an der Spitze der Regierung, nicht in ausreichendem Maße vertreten. Für den Arbeiter musste jede Verbesserung schwer erkämpft werden, während die Bauern und die ganze Landwirtschaft vom Staat gefördert wurden. Die Oberschichte, oder wie sie von den Kommunisten genannt wurden, die „Reichen“, waren das natürliche Feindbild der Roten.

Diese zwei Gruppen hatten bewaffnete Arme und Fäuste, jedoch unterschiedlicher Qualität. Die Rechten wurden von den Verbänden der Heimwehr, die Linken vom Republikanischen Schutzbund militant unterstützt.

Der republikanische Schutzbund wurde im Februar 1923 gegründet. In Wien und den Industriegebieten Österreichs war er am stärksten vertreten. Der Zweck der Vereinigung ging von der Sicherung der republikanischen Staatsverfassung über den Schutz von Personen und Eigentum bis zum Eingreifen bei Elementarereignissen.

So gesehen hatten Frontkämpfer und Schutzbund gemeinsam hehre Ziele. Im täglichen Leben sah es anders aus.

Im Burgenland fasste der Schutzbund im Jahr 1925 Fuß.

Da zu dieser Zeit auch die Frontkämpfer in verstärktem Maße Stützpunkte in burgenländischen Gemeinden einrichteten, baute sich ein Konfliktpotential auf, das sehr bald zu den ersten Zusammenstößen führte.

In der Publizistik war die Lagerspaltung am ausgeprägtesten. Die Zeitungen bekannten sich fast ausschließlich zur einen oder anderen Seite. Manche in sehr direkter Sprache, andere in eleganterer Umschreibung.

Diese Konstellation barg Sprengkraft in sich. Besonnenheit war nicht gerade ein Begriff, der in den Zwanziger Jahren Konjunktur hatte.

Naturgemäß war Wien Zentrum der Polarisierung. Doch auch die Industriegebiete in Nieder- und Oberösterreich sowie der Steiermark waren immer wieder mit Zwischenfällen gesegnet. In den westlichen Bundesländern, wo die Macht der Kirche vorherrschte, hatten die Roten wenig zu reden.

Ein Sonderfall war das Burgenland. Von den Magyaren neidvoll betrachtet, durch eine manipulierte Volksabstimmung in seinen Besitzansprüchen geschmälert, sorgte das Burgenland immer wieder zu heftigen diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen Österreich und Ungarn.

Um dem Land eine gedeihliche Entwicklung zu ermöglichen, kamen die Roten und die Schwarzen auf höchster Ebene zu einer Übereinkunft, das Land aus den politischen Querelen herauszuhalten. Weder der Schutzbund noch die Frontkämpfer sollten neue Stützpunkte im Land errichten. Doch der Schutzbund hielt sich nicht an die Vereinbarung. Etwa 60 Ortsgruppen des Schutzbunds standen 23 der Frontkämpfer gegenüber. Es kam zu ersten Auseinandersetzungen.

Ignaz kannte die Situation im Burgenland sehr gut. Von großen Reden und Gesten hielt er nicht viel. Er sah die Lage realistisch.

„Der Wein spielt bei uns leider eine zu große Rolle. Überall entstehen neue Wirtshäuser. Dörfer, wo man früher nicht einmal wusste, was ein Wirtshaus ist, haben jetzt schon zwei oder mehr dieser Schenken. Dann kommen die Leute und politisieren, trinken, und schon ist eine Rauferei im Gange.“

„Eine Rauferei wäre ja kein Malheur, aber wenn geschossen und ein Blutbad angerichtet wird wie letzte Woche in Steinberg, dann wird die Sache problematisch“ erwiderte Tassilo. „Wenn so ein Frontkämpfer die Beherrschung verliert und dann noch eine Waffe bei der Hand hat, darf man sich nicht wundern, wenn die Sozis ebenfalls mit Gewalt reagieren.“

„Das in Steinberg war doch eine besoffene Geschichte, das hat mit Politik überhaupt nichts zu tun. Der Bäcker war seit Stunden im Wirtshaus und hat getrunken. Ein Frontkämpfer war der nicht.“

Sie diskutierten noch eine Weile über den Vorfall, konnten aber nicht klären, ob es eine politische Tat war oder nicht. Der Fall war auch nicht zu klären.

In Steinberg trank der Bäckermeister Stein im Mayerschen Gasthaus mehrere Viertel Wein. Als am Nebentisch eine Bemerkung fiel, an deren Wortlaut sich aber bei der anschließenden Untersuchung niemand erinnern konnte, kam es zu einer Auseinandersetzung. Stein verließ daraufhin das Lokal und holte von zu Hause ein Jagdgewehr und kehrte ins Gasthaus zurück. Noch in der Tür stehend, feuerte er einen Schrotschuss in das vollbesetzte Lokal. Drei Schwerverletzte und vier Leichtverletzte lagen am Boden. Stein ging dann nach Hause und erschoss sich.

Von der untersuchenden Behörde wurde nie geklärt, ob es sich um eine politisch motivierte Tat gehandelt hatte. Der Täter war tot, die Verletzten wurden versorgt, es ist Gras über die Sache gewachsen. Aber nur in den Amtsstuben. In der Bevölkerung sorgte der Schuss von Steinberg noch monatelang für erregenden Gesprächsstoff.

Alles drehte sich um die beiden neuen politischen Kräfte in der Welt. Aus Italien kam der Faschismus mit dem vollmundigen Benito Mussolini an der Spitze, der nach seinem Marsch auf Rom seine Anhängerschaft stark vermehrte, aus Moskau der Bolschewismus mit dem Ziel, der Errichtung einer Diktatur des Proletariats. Beide Bewegungen fanden in Österreich ihre Anhänger. Der Nährboden für einen Umsturz war bereitet. Unzufriedenheit mit der derzeitigen Lage des Landes in allen Kreisen der Bevölkerung herrschte vor. Demokratie war zwar die offizielle Staatsform, durchgesetzt hatte sie sich in den Köpfen der Menschen jedoch noch nicht. Die einst übermächtige Kirche verlor schrittweise an Einfluss, obwohl ein Prälat an der Spitze der Regierung stand.

Im Burgenland war die Situation noch um eine Facette reicher. Die Magyaren konnten den Verlust des Burgenlandes nicht verwinden. Sie setzten alle Hebel in Bewegung, um dieses Land wieder unter ihre Herrschaft zu bekommen.. In Österreich fanden sie in den Reihen der Monarchisten willfährige Helfer. In Gendarmerieberichten wurde immer wieder vor irredentistischen Umtrieben gewarnt. Auch in Kreisen der Frontkämpfer gab es viele mit magyarischer Gesinnung.

Tassilo und Ignaz trafen sich wöchentlich. Meist ging das Gespräch gleich ins Politische und es dauerte nicht lange, dass das Thema Burgenland zur Sprache kam. Europäische, geschweige denn weltpolitische Ereignisse standen den beiden fern, waren sie doch als Österreicher bestenfalls Zaungäste in diesem Spiel. Das Burgenland lag ihnen näher und gab jede Woche neuen und aktuellen Gesprächsstoff.

Fast an jedem Wochenende kam es irgendwo im östlichsten Bundesland zu Schlägereien. Ignaz empörte sich: „Die Frontkämpfer veranstalten jeden Samstag und Sonntag Aufmärsche und werben neue Mitglieder an. Das wird alles von der Gendarmerie geduldet. Sie ziehen mit Blasmusik durch die Dörfer, halten Ansprachen, geben Freibier aus und verführen so die Menschen.“

„Und die Schutzbündler sind zufälligerweise immer in den gleichen Orten und stören die friedlichen Frontkämpfer. Sie pfeifen und johlen wenn die Musikkapelle vorbeimarschiert und pöbeln die Zuschauer an. Wenn eine Ansprache gehalten wird, stören sie durch Zwischenrufe.“

„Warum halten denn die Frontkämpfer Ansprachen? Was haben sie denn so wichtiges mitzuteilen?“ Die Antwort auf seine Fragen gab er sich gleich selbst. „Sie schimpfen auf die Roten mit unflätigen Worten.“

„Wenn die Sozis ihre Veranstaltungen stören, dann beschimpfen sie sie eben. Kein Mensch würde anders reagieren.“

„Aber die Frontkämpfer beginnen mit der Schlägerei. Vorigen Sonntag haben sie in Oberpullendorf gleich Knüppel mitgebracht, damit die Hiebe recht saftig ausfallen.“

„Worauf die feinen Herren des Schutzbundes ihre Gürtel abgeschnallt und einigen Hakenkreuzlern damit Striemen geschlagen haben.“

Sie konnten auch an diesem Tag, wie immer, die Frage wer angefangen hatte, nicht klären. Das wäre aber wichtig gewesen, denn nur wenn man weiß wer angefangen hat, kann auch die Schuldfrage beantwortet werden.

So ging das einige Monate. Fast jedes Wochenende kam es irgendwo in Österreich zu Reibereien zwischen Frontkämpfern und Schutzbündlern. Verletzte gab es häufig, doch wurde selten Spitalshilfe in Anspruch genommen. Man war ja hart und versorgte die Wunden im Kameradenkreis.

Dann kam der Winter 1926/1927.

In der Sylvesternacht kam es in Loipersbach im Gasthaus Schneeberger zu einer eher harmlos beginnenden Auseinandersetzung zwischen Angehörigen der Frontkämpfervereinigung und der Sozialdemokratischen Partei. Doch schnell erhitzten sich die Gemüter, man hatte schon kräftig getrunken, um das alte Jahr würdevoll zu verabschieden, und die Auseinandersetzung artete in eine Schlägerei aus, bei der das Mobiliar des Gasthauses fast vollständig demoliert wurde.

Die Gendarmerie rückte aus, verhaftete mehrere Frontkämpfer und brachte sie in das Bezirksgericht Mattersburg.

Am 2. Januar, es war ein Sonntag, als sie ihre Blessuren von der nächtlichen Schlägerei versorgt und ihre Räusche ausgeschlafen hatten, versammelten sich die Frontkämpfer und beratschlagten, wie sie den gefangenen Kameraden Hilfe zukommen lassen könnten. Wegen des Sonntags, hätte niemand Petitionen entgegen nehmen können. So kam man auf die Idee, zum Gerichtsgebäude nach Mattersburg zu marschieren und dort die Freilassung der Gefangenen zu fordern.

Rasch wurden die Frontkämpfervereinigungen der umliegenden Gemeinden mobilisiert und als am Nachmittag die Frontkämpfer vor dem Gerichtsgebäude erschienen, war die Truppe mehrere hundert Mann stark.

In der Zwischenzeit wurden die beiden, es waren letztlich nur zwei Mann, die von den Gendarmen dem Gericht übergeben wurden, vom Untersuchungsrichter verhört und wegen des Verdachts des Verbrechens der öffentlichen Gewalttätigkeit in Verwahrungshaft genommen.

Die Frontkämpfer verlangten den Gerichtsvorsteher zu sprechen. Der erklärte sich bereit, eine Delegation der vor dem Hause versammelten Truppe, deren Stimmung durch aufreizende Reden bereits aufgeheizt war, zu empfangen. Die Delegierten erklärten dem Präsidenten, dass sie für nichts garantieren könnten, würde er ihre Kameraden nicht sofort enthaften. Den Präsident beeindruckte diese offene Drohung nicht und er lehnte das Ansinnen rundweg ab. Gleichzeitig ließ er die Gendarmerie verständigen, die auch sofort anrückte und die Versammlung der Frontkämpfer zerstreute.

Am nächsten Tag wurden die Verhöre fortgesetzt. Wieder versammelten sich Frontkämpfer vor dem Gerichtsgebäude. Da es ein Werktag war, kamen nur einige Weltkriegsveteranen, die ohnehin nichts zu tun hatten. Die Gendarmen forderten sie auf, den Platz zu räumen was sie auch angesichts der herrschenden Kälte sofort taten. Am Nachmittag wurden die beiden Einsitzer enthaftet, da die Haftgründe weggefallen waren.

Tassilo und Ignaz besprachen den Vorfall bei ihrem Neujahrsumtrunk.

Nachdem sie sich alles Gute für das neue Jahr gewünscht hatten, wagten sie einen Blick in die Zukunft. Was wird das neue Jahr wohl bringen?

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt war ihre größte Sorge. Ignaz hatte die Hoffnung auf einen Platz als Lehrer noch nicht aufgegeben, Tassilo fühlte sich zwar sicher in seiner Bank, doch wusste man in diesen Zeiten ja nie!

„Und was wird uns das neue Jahr im Burgenland bringen?“ wollte Tassilo von Ignaz wissen, „Du verdienst ja dein Brot dort unten und kennst dich ja gut aus.“

„Hoffentlich keine Fortsetzung der Sylvesternacht. Die Regierung muss endlich etwas unternehmen. Es kann doch so nicht weitergehen, dass an jedem Wochenende die Hakenkreuzler Versammlungen abhalten, die dann in einer Schlägerei mit den Sozialisten enden.“

„Was soll denn die Regierung dagegen tun, dass zufälligerweise immer dann, wenn die Frontkämpfer eine Versammlung abhalten, die Sozis zur Stelle sind?“

„Sollen die Sozialisten das Burgenland den Hakenkreuzlern überlassen? Da kannst du gleich den Horthy einmarschieren lassen und das Burgenland den Ungarn überschreiben.“

„Mit Verboten wirst du nichts erreichen. Du kannst aus dem Burgenland keinen Polizeistaat machen und in jedem Dorf eine Gendarmeriekompanie einquartieren. Die Gesinnung der Menschen muss sich ändern. In den Köpfen muss eine Wandlung vor sich gehen. Die Menschen müssen sich zu Österreich bekennen.“

„Da verlangst du etwas, was nicht einmal in den Köpfen unserer Spitzenpolitiker drinnen ist. Alle, ob rot oder schwarz, wollen den Anschluss an Deutschland. Wer glaubt denn wirklich an dieses Österreich?

„Der Seipel. Der ist für Österreich.“

„Ich glaube dem nicht. Man muss zwischen Seipels öffentlichen Reden im Parlament und den Aussprüchen seiner Parteimitglieder unterscheiden. Da hört sich manches ganz anders an, als es in den Sitzungen gesagt wird.“

„Der rote Renner ist für den Anschluss und die Kirche wahrscheinlich auch.“

In dieser Tonart ging das Gespräch weiter. Eine Lösung des Burgenlandproblems fanden die beiden nicht.

Ein Monat später brach die Katastrophe herein.

Die Bluttat von Schattendorf

Schattendorf, der Nachbarort von Loipersbach im burgenländischen Bezirk Mattersburg, liegt an der ungarischen Grenze. Es ist ein Ort mit etwa zweitausend Einwohnern. Viel Arbeit gab es nicht. Ein bisschen Gewerbe, sonst überwiegend Landwirtschaft. Der Großteil der Männer fuhr nach Wien oder Wiener Neustadt zur Arbeit.

Schattendorf

Schattendorf

Am 30. Januar 1927, einem Sonntag, zog sich der Gemeindediener von Schattendorf namens Kleinrichter, nach dem Frühstück seine alte Infanterieuniform an, packte seine Trommel und setzte sich in Bewegung. Er war nicht nur Gemeindediener, sondern auch Ausrufer. In dieser Funktion hatte er allen in der Gemeinde die Verlautbarungen des Bürgermeisters bekannt zu geben. Dazu gab es im Dorf ausgewählte Punkte, die er ansteuerte. Dort rührte er einige Minuten die Trommel. Die umliegenden Einwohner, seit Jahrhunderten an dieses Schauspiel gewöhnt, kam auf die Straße, um zu hören, was der Ausrufer mitzuteilen hatte.

Mit lauter Stimme, so dass es auch die weiter entfernt Stehenden hören konnten, verkündete er, dass heute um drei Uhr im Gasthaus Tscharmann eine Versammlung der Frontkämpfer stattfinden werde. Er teilte den Dorfbewohner auch mit, dass gleichzeitig der Republikanische Schutzbund eine Versammlung im Gasthaus Moser abhalten werde.

Dies war eine offizielle Bekanntmachung des Bürgermeisters. Der hatte nach ordnungsgemäßer Anmeldung der Veranstaltungen diese genehmigt und bekannt geben lassen. Eine Befürchtung, dass es zu Reibereien kommen könnte, hatte der Bürgermeister nicht. Die Gasthäuser Tscharmann und Moser lagen weit voneinander entfernt. Sowohl die Frontkämpfer als auch die Schutzbündler könnten ungestört ihre Versammlungen abhalten.

Hätte der Bürgermeister damals geahnt, was die Genehmigung zur gleichzeitigen Abhaltung der beiden Veranstaltungen für Folgen haben würde, hätte er wahrscheinlich davon Abstand genommen.

Die Schattendorfer Frontkämpfer planten eine größere Veranstaltung. Sie hatten mit den Kameraden aus dem Nachbardorf Loipersbach verabredet, dass sie gegen zwei Uhr nach Schattendorf kommen mögen, damit gegen drei Uhr eine mächtige Formation zum Empfang einer Abordnung der Frontkämpfer aus Wien und Wiener Neustadt am Bahnhof bereitstehen könnte.

Der Bahnhof von Schattendorf liegt auf freiem Feld außerhalb der Ortschaft und auf halbem Weg nach Loipersbach.

Die Schutzbündler hatten natürlich von den Plänen der Frontkämpfer erfahren. So groß war Schattendorf nicht, dass nicht einer vom anderen alles wusste.

Für den Schutzbund war es im Laufe der Zeit unerträglich geworden, dass sich die Frontkämpfer überhaupt nicht an die Vereinbarung hielten, dass im Burgenland keine Werbeveranstaltungen stattfinden sollten. Um eine solche dürfte es sich aber hier in Schattendorf offensichtlich handeln: eine Demonstration der Stärke unter Mithilfe der Kameraden aus den umliegenden Gemeinden, aus Wiener Neustadt und vor allem aus Wien.

Eine solche Veranstaltung der Frontkämpfer musste verhindert werden.

Es wurde ein strategischer Plan ausgearbeitet. Was in dem Plan nicht berücksichtigt wurde, war der Alkohol.

Die Frontkämpfer wiederum hatten von den geplanten Störmanövern des Schutzbundes Wind bekommen. Sie beschlossen daher, ihren Aufmarsch wie vorgesehen durchzuführen und sich keinesfalls von den Schutzbündlern darin stören zu lassen. Was in ihren geplanten Gegenmaßnahmen nicht berücksichtigt wurde, war der Alkohol.

Die Schattendorfer Frontkämpfer versammelten sich wie vorgesehen im Gasthaus Tscharmann und stärkten sich einmal mit einem deftigen Mittagessen. Gegen den Durst wurde Bier und Wein getrunken, Schnaps zum Aufwärmen und als Schutz gegen die grimmige Kälte.

Gegen halb zwei Uhr hörten sie von der Strasse her Trompetensignale. Einige gingen vor die Türe um nachzusehen, woher die Musik kam.

Es waren vorbeiziehende Schutzbündler, die vom Gasthaus Moser in Richtung Bahnhof marschierten. Dort sollte ja eine Delegation der Frontkämpfer aus Wien, mit dem Chef der Vereinigung, Oberst Hiltl eintreffen. Hiltl sollte auf der Versammlung eine Rede halten. Dieser Delegation aus Wien wollten die Schutzbündler einen hübschen Empfang bereiten.

Als sie beim Gasthaus Tscharmann vorbeikamen, wurden sie gleich von den dort versammelten Frontkämpfern gebührend begrüßt. „Schleich dich, du rote Sau“, „Hund, heute bist noch hin“ und andere Höflichkeiten wurden ausgetauscht.

Die Stimmung erhitzte sich. Einige Schutzbündler drangen in das Gasthaus Tscharmann ein und verprügelten ältere Frontkämpfer. Die anwesenden Frauen wurden als Kanaillen beschimpft, worauf sie kreischend und schreiend aus dem Haus flüchteten. Als die ersten Gläser zu Bruch gingen, fürchtete der Wirt um sein Lokal. Angst griff um sich. Die Frontkämpfer hatten nicht mit einer solchen Übermacht der Schutzbündler gerechnet. Josef Tscharmann, einer der Söhne des Wirtes, ging in die gegenüber gelegene Wohnung der Wirtsleute, holte ein Jagdgewehr hervor und gab aus der Wohnung mit dem Schrotgewehr zwei Schüsse gegen das Wirtshaus ab, die jedoch niemanden trafen.

Als die Schüsse gefallen waren, verzogen sich die Schutzbündler sehr schnell in Richtung Bahnhof. Im Ort kehrte vorerst einmal Ruhe ein.

Die Frontkämpfer, durch die erhaltenen Prügel gedemütigt, sannen auf Rache. Die zurückgekehrten Weiber halfen der Wirtin beim Aufräumen und sparten nicht mit Ratschlägen, was mit dem roten Gesindel zu tun sei.

Als die Schutzbündler am Bahnhof ankamen, ergab sich völlig unerwartet eine Gelegenheit, wieder Denkzettel zu verteilen. Die Loipersbacher Frontkämpfer, die an der Versammlung in Schattendorf teilnehmen wollten, näherten sich dem Bahnhof. Auch sie wollten die Kameraden aus Wien vom Zug abholen und dann gemeinsam mit ihnen nach Schattendorf marschieren.

Kaum wurden die beiden Gruppen einander ansichtig, ging es auch schon los. Nach einer kurzen verbalen Einleitung wurde zugeschlagen. Die Schutzbündler waren nicht zimperlich. Mit Schlagringen wurden den Frontkämpfern erhebliche Kopfverletzungen zugefügt. Aber es wurde auch geschossen. Diesmal von den Schutzbündlern. Der Kommandant der Frontkämpfer erlitt einen Streifschuss am Kopf.

Die Sache wurde den Frontkämpfern zu heiß. Ihres Kommandanten beraubt, setzten sie zum Rückzug an. Einige Schutzbündler verfolgten sie über die Felder, gaben noch einige Schüsse ab, die aber nichts trafen und kehrten dann zu ihrer Truppe am Bahnhof zurück. Diese war durch Zuzug aus den umliegenden Gemeinden inzwischen auf eine Größe von etwa 200 Mann angewachsen.

Die Gendarmerie war zwischenzeitlich verständigt worden. Der Posten in Schattendorf war aber nur mit zwei Mann besetzt, die eher unwillig ihre Verdauungsruhepause unterbrachen. Die Gendarmen begaben sich zum Bahnhof und rekognoszierten die Lage.

Die von den Schutzbündlern vertriebenen Loipersbacher Frontkämpfer dachten natürlich nicht daran, sich für heute zurückzuziehen und ihre Kameraden aus Wien ungeschützt dem roten Terror auszusetzen. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass der Streifschuss am Kopf ihres Kommandanten nicht lebensgefährlich war und rasch versorgt werden konnte, die Blessuren anderer Kameraden auch notdürftig verbunden waren, kehrten sie auf Umwegen und in Schwarmlinien zum Bahnhof zurück, hielten sich aber in einer respektvollen Entfernung. Die Ankunft des Zuges aus Wiener Neustadt stand ja unmittelbar bevor.

Der Zug kam um 14.30 Uhr. Es entstiegen ihm sechs Frontkämpfer. Sie wurden sofort mit Pfuirufen und Pfiffen empfangen. Als sie über den Bahnhofvorplatz in Richtung Schattendorf marschieren wollten, stürzte eine Gruppe von Schutzbündlern über sie her und richtete sie ordentlich zu. Der Capo der Ankömmlinge, Hauptmann Seifert, wurde im Gesicht verletzt, ebenso zwei seiner Begleiter.

Wegen der Überzahl der Schutzbündler liefen die sechs Frontkämpfer zum Bahnhof zurück, um dort Schutz zu suchen. Der Stationsvorstand hatte aber sicherheitshalber das Gittertor geschlossen und abgesperrt. Ihm lag daran, dass die Streithähne ihre Händel vor, und nicht im Bahnhofsgebäude austrugen.

Nun mischten sich endlich die beiden Gendarmen ein. Es gelang ihnen, ein Gespräch zwischen dem Anführer der Schutzbundtruppe und dem Hauptmann Seifert zu vermitteln. Als Verhandlungsort wurde das Wartezimmer des Bahnhofs ausgewählt. Widerwillig musste der Stationsvorstand das Gittertor wieder aufsperren.

Die Schutzbündler verlangten nun von Seifert eine schriftliche Erklärung, dass seine Truppe nie mehr in das Burgenland kommen werde. Als Gegenleistung dürfe er mit seinen Leuten, ohne weiters behelligt zu werden, abziehen.

Seifert lehnte entrüstet ein solches Ansinnen ab. Ein Wort gab das andere. Kosenamen aus dem Bereich der bäuerlichen Zoologie, angereichert mit schmutzigen Vokabeln („Mistviech“, „Drecksau“, „stinkender Hornochse“ u.s.w.) wurden ausgetauscht. Den Gendarmen gelang es immer wieder, Tätlichkeiten hintanzuhalten.

Schließlich einigte man sich auf die einfache Formel: Seifert bleibt mit seinen Leuten hier im Bahnhof und fährt mit dem nächsten Zug zurück nach Wien, während die Schutzbündler zurück zum Gasthaus Moser gehen.

Der Weg zum Moserwirt führte aber beim Gasthaus Tscharmann vorbei. Obwohl die Schutzbündler in der Überzahl waren, wurden sie dort von einem Pfeifkonzert, untermalt mit wüsten Beschimpfungen, empfangen. Einige Schutzbündler ließen das aber nicht auf sich sitzen, sondern versuchten in das Wirtshaus einzudringen. Es kam zu einer heftigen Rauferei. Die ersten Schüsse fielen, wohl aus Waffen der Schutzbündler abgefeuert. Sie trafen nur die Hausmauer des Gasthofs. Ein Projektil schlug in die Wand des Heustadels ein und blieb dort stecken.

Doch plötzlich fielen auch aus den Fenstern des Gasthauses Schüsse. Unter den Schutzbündler und den die Ereignisse begaffenden Dorfbewohnern brach eine Panik aus. Der Bergmann Mathias Csmarits flüchtete sich hinter einen Kastanienbaum, der ihm aber nicht genügend Schutz bot. Ein Schrotschuss traf ihn im Kopf. Er stürzte auf der Stelle tot um. Der achtjährige Eisenbahnersohn Josef Grössing, der auf der Seite stand, wurde ebenfalls durch einen Schrotschuss in die Brust getroffen. Er verstarb in den Armen seines Onkels.

Die Versammlung im Gasthaus Moser wurde sofort abgebrochen. Gendarmen, die in der Zwischenzeit aus den Nachbargemeinden als Verstärkung herbeigeholt wurden, drangen in das Gasthaus Tscharmann ein, das aber inzwischen von den Frontkämpfern und den männlichen Familienmitgliedern verlassen worden war.

Noch in der Nacht traf eine Gerichtskommission aus Mattersburg ein, um den Fall zu untersuchen.

Tassilo und Ignaz trafen sich am Montagabend auf ein Bier. Die blutigen Ereignisse von Schattendorf waren das einzige Gesprächsthema. Ignaz war aufgebracht.

„Dreißig Schüsse und zwanzig Schwerverletzte! Die Frontkämpfer sind alle toll geworden!“

„Aber so wild war es doch gar nicht. Zwei Tote und ein Schütze, der wohl die Beherrschung verloren hat. Schuld sind doch die Roten selbst, sie haben wieder einmal angefangen. Mir tut nur das Kind leid, das unschuldig zum Opfer wurde.“

„Angefangen haben die Hakenkreuzler, wie immer. Die Schutzbündler sind friedlich durch das Dorf gezogen und haben ihre Lieder gesungen.“

„Die haben nicht durch das Dorf zu ziehen, ihr Aufmarsch war illegal, nicht angemeldet und auch nicht genehmigt.“

In diesem Ton ging ihre Diskussion weiter. So lange, bis sie feststellten, dass sie beide nur die Zeitungen die ihrer politischen Einstellung entsprachen, gelesen hatten.

Es war in der Tat so, dass am Tag nach den blutigen Ereignissen die linksorientierten Zeitungen wahre Horrormeldungen verbreiteten, während die rechten Blätter die Vorfälle unter dem Deckmantel der Objektivität eher verharmlosten. Hätten Ignaz und Tassilo alle Wiener Zeitungen an diesem Montag gelesen, sie wären sicherlich nicht klüger geworden, so klaffte die Berichterstattung auseinander. Eine ruhige, der Objektivität dienende Schilderung der Ereignisse und der Sachlage, war in keinem Blatt zu finden. Dafür herrschten Schuldzuweisungen, begleitet von Hasstiraden vor. Die Kommentare der Leitartikler verloren sich in Mutmaßungen, das Ausland, hier natürlich die Magyaren, wurden ins Spiel gebracht. Die Ungarn mussten sich, je nach der Linie des Blattes, einmal als stille Drahtzieher der Roten, oder sich gar als Geldgeber der Frontkämpfer bezeichnen lassen.

Der ungarische Regierungschef Admiral Horthy wurde wegen seiner faschistischen Grundhaltung besonders von der linken Presse heftig angegriffen.

Nur in einem Punkt glichen sich die Meldungen: im Hass gegen den anderen.

Die Gerichtskommission kam am Dienstag zu einem abschließenden Bericht. Bewaffnet waren die beiden Söhne des Wirts, Josef und Hieronymus Tscharmann sowie deren Schwager Johann Pinter. Wer von den Dreien die tödlichen Schüsse abgegeben hatte, konnte die Kommission nicht klären. Außer den beiden Toten gab es fünf Leichtverwundete, die sich aber alle in häusliche Pflege begeben konnten, ohne die Hilfe eines Arztes in Anspruch genommen zu haben.

Verhaftet wurde der Wirt Tscharmann, und sein Sohn Josef, der nach der Tat geflüchtet war, sich aber am nächsten Tag der Polizei stellte. sowie zwei weitere Frontkämpfer, die sich im Lokal aufgehalten hatten,

Tassilo und Ignaz, die sich für den nächsten Tag wieder verabredet hatten, beschäftigte die Frage, wie es denn jetzt im Burgenland weiter gehen sollte.

„Die Hakenkreuzler werden doch keine Ruhe geben. Es ist zu erwarten, dass die Veranstaltungen an den Wochenenden weiter stattfinden werden. Noch ist Winter und die Tage sind kurz. Aber wenn der Frühling kommt, wird die Lust dieser Streithanseln zu neuen Taten erwachen“.

„Man müsste die Lage im Land beruhigen“ erwiderte Tassilo.

„Aber wie macht man denn das?“

„Ich glaube, das Kernproblem ist die Angst vor den Roten. Jede Woche kommen neue Schreckensmeldungen aus Moskau. Begonnen hat es gleich nach dem Krieg, als in der russischen Revolution Ströme von Blut vergossen wurden. Nun scheint Stalin die Macht fest in der Hand zu haben und es fließt Blut wohin man schaut. Der Adel ist ausgerottet, entweder umgebracht oder ins Exil gegangen, Bürgerliche haben nichts zu reden und den Bauern geht es gleich schlecht wie unter dem Zar. Und vor einer solchen Situation haben die Menschen in Österreich einfach Angst. Lies doch einmal die Zeitung der Kommunisten, „Die rote Fahne“. Da wird dir Angst und Bange. Die wollen bei uns Zustände wie in Russlands haben.“

„Aber diese Angst kann doch nicht mit dem Gehabe der Hakenkreuzler bekämpft werden.“

„Die Frontkämpfer fühlen sich dazu berufen, ein Gegengewicht zu dem roten Moloch zu bilden.“

„Vielleicht wäre ein Verbot des Ausschanks von alkoholischen Getränken das Richtige.“

„Du meinst, wie an Wahltagen? Da musst du in jedes Wirtshaus einen Gendarmen stellen und selbst dann könnte man nicht sicher sein, dass es eingehalten wird, denn der Gendarm ist auch durstig.“

„Ob der Wein wirklich so einen großen Einfluss auf den Ablauf der Ereignisse hat, ist ohnehin zu bezweifeln.“

„Ich glaube das Gegenteil. Überlege doch einmal: Wenn eine Veranstaltung für zwei Uhr Nachmittag angesetzt ist, so gehen doch die Leute nicht pünktlich um zwei Uhr hin wie zum Gottesdienst. Die kommen schon am Vormittag, um ihre Kameraden zu treffen und zu politisieren. Und was trinken sie da im Wirtshaus? Sicherlich kein Brunnenwasser. Vergiss nicht, dass am Vorabend ein Ball der Sozialisten stattgefunden hat. Da waren doch alle jungen Leute dort. Ein Großteil wird erst in den Morgenstunden heim gekommen sein und das nicht nüchtern. Ob die alle ihren Rausch ausgeschlafen hatten, als die Krawalle losgingen, bezweifle ich. Als die Schüsse in Schattendorf fielen, waren wahrscheinlich die meisten, ob Hakenkreuzler oder Schutzbündler, zumindest stark angeheitert, wenn nicht gar betrunken.“

„In den offiziellen Berichten steht aber nichts davon.“

„Es wird auch nichts davon drinnen stehen. Wer sollte denn das feststellen? Hunderte waren in die Streitereien verwickelt. Gerade stehen werden sie ja wohl noch gekonnt haben! Hätte die Untersuchungskommission jeden antreten lassen sollen und sich anhauchen lassen, ob er eine Fahne hat oder nicht?“

Wieder fanden sie keine Lösung, wie man es im Burgenland in Zukunft besser machen könnte.

Die Zeit danach

Am Dienstag fanden die Leichenbegängnisse statt. Die Behörden befürchteten schwere Ausschreitungen und sorgten durch die Entsendung starker Gendarmeriekontingente vor.

Zuerst wurde am Morgen der Knabe Grössing in Schattendorf, zu Grabe getragen. Mehrere tausend Schutzbündler aus den Nachbargemeinden, aus Wien und den Industriegebieten Niederösterreichs, mit Fahnen und acht Musikkapellen, waren in Sonderzügen nach Schattendorf gekommen. Die Einsegnung vollzog der Abtpfarrer von Mattersburg. Der Dorfpfarrer blieb an diesem Tag unsichtbar. Gegen ihn hatten die Sozialdemokraten eine Hetzkampagne mit Morddrohungen gestartet, sodass er lieber dem guten Rat seiner Freunde unter den Frontkämpfer folgte, und an diesem Tag nicht in Erscheinung trat.

Politiker durften nicht fehlen. Die Landesregierung war vertreten, zahlreiche Abgeordnete aller Parteien waren erschienen. Ein Chor der Kinderfreunde sang ergreifende Grablieder.

Nach erfolgter Einsegnung in der Kirche, bewegte sich der Trauerzug durch das Dorf zum Friedhof. Das Gasthaus Tscharmann war geschlossen, die Fenster verhängt. Am Stamme des Kastanienbaumes, wo Csmarits erschossen worden war, hatte man ein hölzernes schwarzes Kreuz errichtet, an der Stelle wo der Knabe tödlich getroffen wurde, stand ein weißes Kreuz. An beiden Plätzen hatte eine Ehrenwache des Schutzbunds Aufstellung genommen.

Ehrenwache an der Stelle, wo Csmarits erschossen wurde

Ehrenwache an der Stelle, wo Csmarits erschossen wurde

Von Schattendorf bewegte sich der Zug in das Nachbardorf Klingenbach, wo am Nachmittag die Beerdigung des Csmarits stattfand. Pfarrer war keiner zugegen, da Csmarits Freidenker war und keiner Religionsgemeinschaft angehörte. Anstelle einer kirchlichen Feier wurden kraftvolle Grabreden von den Genossen gehalten.

Der Abmarsch sowie die Heimfahrt verliefen reibungslos und ohne weitere Vorkommnisse.

Außenpolitische Verstimmungen gab es mit den Ungarn. Die von außerhalb kommenden Schutzbündler hatten bei der Anreise zu den Beerdigungen die Waggons der Sonderzüge mit Transparenten und Aufschriften wie „Nieder mit Horthy“, „Rache an Horthy!“ versehen. Die Züge mussten aber, da im Bahnhof Schattendorf keine Möglichkeit dazu war, im Ödenburger Rangierbahnhof bis zur Heimreise abgestellt werden. Ödenburg liegt aber in Ungarn. Erboste ungarische Eisenbahner rissen die Transparente ab und entfernten die Aufschriften. Das ungarische Außenministerium protestierte in Wien.

Während in Schattendorf das Begräbnis stattfand, hatten die Sozialisten für elf Uhr einen viertelstündigen österreichweiten Generalstreik ausgerufen. Dieser wurde zwar nur in Wien und den Industriegebieten befolgt, Privatbetriebe beteiligten sich nicht an dem Ausstand. Die Züge der Bahn und der Wiener Straßenbahn blieben punkt elf Uhr stehen. Die Wiener, an Betriebsstörungen gewöhnt, dachten, dass es sich wieder einmal um eine solche handeln würde und waren sehr verwundert, als ihnen der Schaffner, während er ruhig eine Zigarette rauchte, den wahren Grund des Stillstandes erklärte.

Telephon und Telegraphenverkehr waren ebenfalls eingestellt. In Wien ruhte die Arbeit in allen Betrieben der Gemeinde.

Kurios war die Situation im Burgtheater. Dort fand um halb elf Uhr eine Generalprobe statt. Punkt elf Uhr trat der Betriebsrat an die Rampe und erklärte den Anwesenden, dass nun ein viertelstündiger Streik zum Gedenken der Toten von Schattendorf stattfinden werde. Das Stück war gerade zum Ende des 1. Aktes gekommen. Der Vorhang fiel, das Publikum ging in die Pausenräume. Dort bekamen sie nichts zu essen und zu trinken, da das Buffetpersonal ebenfalls streikte.

Nachdem die Zuseher wieder in den Saal gerufen wurde, öffnete sich der Vorhang und es wurde ein einziger, nämlich der letzte Satz des 1. Aktes gesprochen, worauf wieder der Vorhang fiel und die Pause begann. Die Pause war notwendig, da die Bühnendekoration für den zweiten Akt aufgebaut werden musste.

Das Publikum schimpfte, Rufe vom „roten Terror“ wurden laut und die festliche Theaterstimmung war dahin.

Am 3. Februar trat der Nationalrat zu einer Sitzung zusammen.

Die Sozialdemokraten hatten eine dringliche Anfrage an die Bundesregierung über die Vorfälle in Schattendorf gestellt:

Ob die Bundesregierung bereit sei, die schuldtragenden Personen mit aller Energie zur Verantwortung zu ziehen,

und, dies war der wahre Kern der Anfrage, ob sie weiters bereit sei:

die Frontkämpferortsgruppen im Burgenland, die nicht nur zu einer Gefahr für Ruhe und Ordnung in einzelnen Teilen des Burgenlandes, sondern auch zu Trägern einer hochverräterischen Bewegung gegen die Sicherheit der Republik Österreich geworden seien, aufzulösen?

Bundeskanzler Seipel ergreift sofort nach Verlesung der Anfrage das Wort. Den ersten Teil der Frage beantwortet er damit, dass von den zuständigen Behörden und Gerichten alles geschehen wird, damit die Tat so gesühnt wird, wie sie es verdient, und die Regierung ist sich ihrer Pflicht vollkommen bewusst, darauf zu sehen, dass es so sei.

Was die Auflösung der Frontkämpferortsgruppen betraf, holte Seipel weit aus und ging in die Vergangenheit bis zu den Tagen der Gründung der Republik zurück. Er beleuchtete die Entwicklung der beiden feindlichen Lager und führte einige Beispiele von Übergriffen der Sozialdemokraten und ihren Organisationen an. Besonders kritisierte er Störungen von Fronleichnamsprozessionen durch sozialistische Stosstrupps und Übergriffe von Mitgliedern der sozialistischen Jugendorganisation „Rote Falken“ auf ein Lokal der katholischen Jugend. Seipel trat der Auffassung entgegen, dass die Frontkämpfer Ursache und Auslöser der Raufereien seien. Vielmehr träfe die rote Seite ebenfalls ein gehöriges Maß an Schuld am derzeitigen Zustand: „denn aus den scheinbar kleineren Verletzungen der Gleichberechtigung entstehen die großen Ereignisse, die Unglücksfälle von der Art jener, die wir heute beklagen.“

Ein Verbot der Organisation der Frontkämpfer würde daher das Problem nicht lösen.

Seipel schloss mit den Worten:

Meine Frauen und Herren von allen Parteien dieses Hauses! Nehmen sie es als ein Zeichen des Ernstes an, mit dem die Bundesregierung dem traurigen Ereignis von Schattendorf gegenübersteht, ………, sondern davor warne, auch nur wieder den Weg zu beschreiten, der schließlich zu Blutopfern führt.

Unmittelbar nach der Rede Seipels wurde die Debatte eröffnet.

Abgeordneter Dr. Renner von der Sozialdemokratischen Partei verweist auf die Besonnenheit der Arbeiterschaft: Wenn man sich frage, wie es komme, dass die österreichische Arbeiterschaft auch in einem solchen Momente die Selbstbeherrschung nicht verliere, die es dem Bundeskanzler erspart habe, allzu lange zu zittern und ihm ermöglicht habe, heute so abwägend zu reden, so sei diese Selbstbeherrschung in erster Linie der systematischen Erziehungsarbeit der österreichischen Sozialdemokratie an den Massen des Volkes zu danken. Die Massen sind dazu erzogen, die Gewalt abzulehnen, …….und dass die Gewalt für uns keine andere Rolle spielen kann, als das letzte Mittel der Selbstverteidigung. Die strafrechtliche Verantwortung für Schattendorf werde der Richter feststellen. Die politische Verantwortung treffe die christlichsoziale Partei, …..weil ein großer Teil der christlichsozialen Partei liebäugeln mit Ideen wie den Faschismus.

In der Folge verliert Renner ein wenig die Linie in seiner Rede, verzettelt sich in Nebensächlichkeiten und kommt mit der Aussage:

Die Universität ist das eigentliche Rekrutierungsgebiet der Frontkämpfer und der Hakenkreuzler, die Pflanzstätte, wo nicht die Idee der Wissenschaft, sondern geradezu das Evangelium der Gewalt verkündigt werde.

Als Renner schließlich der Presse die Hauptschuld an der Entwicklung in Österreich gibt, hagelt es Zwischenrufe, es kommt zu lautstarken Rededuellen zwischen den Abgeordneten der einzelnen Parteien und der Vorsitzende muss wiederholt zur Glocke greifen und zur Ruhe mahnen.

Renner wird vorgeworfen, dass er, als er selbst die Macht in Händen hatte und Bundeskanzler war, nichts für das Burgenland getan und die Entwicklung, an deren Ende heute zwei Tote stünden, nicht verhindert hätte.

Die Stimmung im Hause treibt dem Siedepunkt entgegen. Wenn ein sozialdemokratischer Abgeordneter das Wort ergreift, trommeln die Großdeutschen auf ihre Pulte, sodass man kein Wort verstehen kann, wenn ein christlichsozialer Redner spricht, wird er pausenlos von Sozialdemokraten unterbrochen. Minutenlang tobt der Lärm. Ein Schreien und Johlen erfüllt den Raum. Im Halbkreis vor den Sitzen der Abgeordneten und der Regierungsbank spielen sich laute Wortduelle ab und als schließlich der Abgeordnete Witzany von den Sozialdemokraten den Abgeordneter Hampel von den Christlichen am Rock packt und ihn durchschüttelt, droht es zu Tätlichkeiten zu kommen. Der Präsident unterbricht die Sitzung.

Nach Wiederaufnahme der Debatte verlassen die Abgeordneten der Parteien immer dann den Saal, wenn ein Redner einer anderen Partei am Wort ist. Die Debatte verflacht und die Sitzung wird geschlossen.

Renner hatte mit seinen Ausführungen über die Universität nicht ganz Unrecht. Während die Sondersitzung des Nationalrats im Gange war, spielten sich an der Universität Krawallszenen ab, die bald in wilde Schlägereien ausarteten. Stein des Anstoßes waren die Ereignisse des letzten Wochenendes in Schattendorf.

Sozialdemokratische Studenten verteilten Flugblätter, auf denen gefordert wurde: „Kein Frontkämpferaufmarsch mehr an der Universität!“ und „Fort mit den reaktionären Studentenorganisationen!“

Die völkischen Studenten, so nannten sich die rechts Organisierten, forderten die Zettelverteiler auf, ihre Tätigkeit sofort einzustellen und das Haus zu verlassen. Diese dachten jedoch nicht daran. Sie beschimpften die Deutschnationalen als Kindermörder, was diese aber nicht auf sich sitzen ließen. Es kam wie es kommen musste: Die Völkischen prügelten auf die Sozialisten ein und warfen sie in einem Handgemenge aus der Universität. Dabei stellte sich heraus, dass ein Teil der Kolporteure gar keine Studenten waren, sondern von irgendeiner kommunistischen Organisation stammten.

Nachdem die völkischen Studenten die Eingangstüren blockiert hatten, versammelten sich die sozialdemokratischen Hochschüler auf der Rampe der Universität und entrollen mitgebrachte Transparente. In Ansprachen wurden die Zustände im Burgenland, insbesondere die Frontkämpferverbände, angeprangert. Zwischen den Reden wurden Arbeiterlieder gesungen.

Die Ansammlung erregte bei den Fahrgästen der vorbeifahrenden Straßenbahn neugierige Aufmerksamkeit. Es war leicht zu erkennen, dass die Demonstranten auf der Rampe Sozialdemokraten waren. Rasch kamen in den Wagen erregte Diskussionen auf. Die Schaffner, fast überwiegend in der roten Gewerkschaft organisiert, wurden entweder zum Angriffsziel der Fahrgäste oder zu Sprechern und Befürwortern sozialistischer Ideen. Obwohl in der Straßenbahn niemand wirklich wusste, worum es vor der Universität ging, wurde ausschließlich über Schattendorf diskutiert.

Rädelsführer der sozialistischen Studenten riefen zu einem Demonstrationsmarsch in das Unterrichtsministerium auf. Die inzwischen aufgezogenen Polizeieinheiten, die sich bisher still verhalten hatten, da die Demonstration auf Universitätsboden stattfand, verhinderte jedoch einen Abmarsch der aufgebrachten Studentenschar in Richtung Ministerium. So zogen sie zum Parlament, wo sie in Sprechchören auf sich aufmerksam machten. Eine Delegation ging in das Haus und wurde vom Sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Ellenbogen empfangen.

Die Deutschnationalen Studenten veranstalteten, kaum waren die Sozialisten von der Universitätsrampe abgezogen, eine Gegendemonstration. Sie marschierten ebenfalls zum Parlament, bogen jedoch vorher in Richtung Rathaus ab. In den Seitengassen hinter dem Parlament kam es zu wilden Schlägereien mit den Sozialistischen Hochschülern. Die Polizei griff ein und nahm einige der wildesten Radaubrüder auf beiden Seiten fest.

Der Rektor der Universität verfügte eine Suspendierung der Vorlesungen auf unbestimmte Zeit. Damit wollte er Ruhe in die aufgeheizte Stimmung bringen und den Gemütern auf beiden Seiten Zeit zum Abkühlen geben.

Durch das Vorlesungsverbot wurde jedoch das Gegenteil erreicht.

Am nächsten Tag weiteten sich die Studentenunruhen aus. Womit jedoch niemand gerechnet hatte, war auch ein Ausufern der Themen. Schattendorf stand nicht mehr im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen.

Gegen Mittag versammelten sich die völkischen Studenten auf der Universitätsrampe. Sie trugen Transparente mit sich, auf denen die sofortige Ausweisung der ausländischen Juden und die Einführung des Numerus clausus gefordert wurden. Besonderes Angriffsziel war Prof. Julius Tandler, Inhaber des Lehrstuhls für Anatomie. Tandler, ein Sozialist, war auch in der Wiener Kommunalpolitik als Stadtrat für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen tätig, und schon aus diesem Grund den völkischen Studenten ein Dorn im Auge.

Eine entsprechende Resolution wurde verabschiedet. Man beschloss, sie sofort zu überreichen und formierte sich zu einem Marsch zum Parlament. Dagegen hatte aber die Polizei etwas. Sie untersagte die Demonstration und riegelte die Ringstrasse ab. Es kam zu einer Unterbrechung des Verkehrs. Die Fahrgäste der Tramway mussten am Schottentor und an der Bellaria aussteigen und zu Fuß weitergehen. Dabei kam es vor der Universität zu Wortgefechten mit den Studenten, gelegentlich auch zu Balgereien. Die Polizei nahm einige Männer fest.

Inzwischen waren die sozialistischen Studenten nicht untätig. Sie marschierten vom Studentenheim in der D’Orsaygasse am Alsergrund zum Rathaus. In ihren Reihen befanden sich viele Arbeitslose, die ohnehin nichts zu tun hatten und gerne, gegen die Ausspeisung von Frankfurter Würstchen und einem Glas Bier, die Studentendemonstration verstärkten. Vor dem Rathaus wurden Reden gehalten, in denen für die Juden Partei ergriffen wurde. Professor Tandler wurde von den Sozialisten mit Hochrufen bedacht. Sollten die völkischen Studenten ihren Widerstand gegen Tandler nicht aufgeben, wurde mit einem Vorlesungsstreik gedroht. Es wurden beschlossen, sofort eine Delegation zu Tandler zu entsenden, um ihm der Solidarität der sozialistischen Studenten zu versichern.

Professor für Anatomie Julius Tandler

Professor für Anatomie Julius Tandler

Anschließend zogen sich die Sozialisten, ohne die Universität zu berühren, wieder in ihr Heim am Alsergrund zurück. Sie wurden von einem starken Polizeiaufgebot begleitet. Es kam zu keine weiteren Reibereien.

Vor der Universität änderte sich die Lage. Die Deutschnationalen verprügelten einige jüdische Studenten, die aus dem Hause kamen. Sie hatten allerdings nicht mit den Kommunisten gerechnet, die sich eine solche Situation nicht entgehen ließen. Immer wenn Rabatz in der Luft lag, waren die Kommunisten zur Stelle und förderten alleine durch ihre Anwesenheit die Hitze der Stimmung. Wenn es zu Tätlichkeiten kam, mischten sie kräftig mit, wenn Deutschnationale auf der anderen Seite standen, legten sie sich besonders ins Zeug.

So entwickelte sich die Situation auch hier. Es gelang den jüdischen Hörern, die sich kräftig zur Wehr setzten, die Nationalen in Richtung Schottentor zu drängen. Dort standen in geschlossener Formation die Kommunisten. Die völkischen Studenten kamen in die Klemme. Es gab Verwundungen, das erste Blut floss.

Die Polizei, die sich in unmittelbarer Universitätsnähe auffallend zurückhielt, drängte nun, nachdem sich die ersten Verletzten auf der Strasse wanden, in die Menge und versuchte sie zu zerstreuen. Dies gelang erst, nachdem sie blank gezogen hatten. Die Säbel der Polizisten hatten eine starke moralische Wirkung. Rasch verschwanden die Rabauken aller Couleurs in den Seitengassen.

Dem Rektor der Universität gelang es am Nachmittag, nationale und sozialistische Studentenführer an einen Tisch und zu einem vernünftigen Gespräch zu bringen. Beide Gruppen gaben das Versprechen ab, in Zukunft alles zu tun, damit sich Ereignisse wie in den letzten Tagen nicht wiederholen würden. Der Rektor hob daraufhin die Vorlesungssperre ab kommendem Montag auf. Vorsichtshalber nahm er die Vorlesungen und Übungen auf der Lehrkanzel für Anatomie von dieser Regelung aus.

Tassilo und Ignaz besprachen die Lage.

„Was mich so verwundert ist, dass in der Folge der Ereignisse von Schattendorf ganz andere Wunden in diesem Staat aufbrechen. Wer hätte vor einer Woche an antisemitische Ausschreitungen im Zusammenhang von Schattendorf gedacht!“ meinte Ignaz.

„An der Universität herrscht doch seit Ende des Krieges ein latenter Antisemitismus vor. Der Professor Tandler mit seinen rigorosen Prüfungsmethoden war doch nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.“

„Aber die Deutschnationalen forderten doch die Ausweisung aller ausländischen Juden. Das hat doch mit Tandler nichts zu tun.“

„Du hast das richtig gesehen. Sie fordern nicht die Ausweisung der jüdischen Studenten, sondern ganz allgemein die der Juden. Damit meinen sie aber die jüdischen Professoren. Mit dieser Forderung erfassen sie alle Fakultäten, denn mit Ausnahme der rein technischen Fächer sind jüdische Professoren überall anzutreffen.“ Tassilo erinnerte sich an seine Studienzeit auf der juridischen Fakultät. Auch Professor Kelsen, der an der Ausarbeitung der Österreichischen Verfassung an führender Stelle mitgearbeitet hatte, musste sich immer wieder antisemitische Anwürfe gefallen lassen. Wenn jemand ein Passus in der Verfassung nicht passte, beschimpfte er den Juden Kelsen.

„Bei Tandler musst Du noch etwas beachten. Er ist ja in der Wiener Kommunalpolitik stark engagiert. Die Einführung der Schulimpfungen, des Säuglingspaketes, der Kinderfreibäder sind ja alles seine Ideen. Dagegen hätte ja kein vernünftiger Mensch etwas Aber das kostet alles Geld. Sehr viel Geld. Und das muss der Stadtrat Breitner, zuständig für die Finanzen, beschaffen. Ich habe unlängst gelesen, dass Breitner gesagt hat, Tandler ist mein teuerster Freund. Und woher nimmt Breitner das Geld? Er führt neue Steuern ein. Da werden nicht nur die Nachtlokale besonderes besteuert, sondern alle Betriebe des Gastgewerbes. Du hast ja fast jede Woche eine Veranstaltung gegen Breitner. Ganze Delegationen der Innung pilgern zu ihm und fordern die Rücknahme der neuen Steuern. Aber Breitner bleibt hart. Die Ideen Tandlers müssen durchgeführt und finanziert werden. Das heißt aber indirekt, dass jeder dieser studentischen Biertrinker bei jedem Krügel den Tandler finanziert.“

Tassilo resignierte: „Wir haben wieder einmal ein tiefgründiges und vielschichtiges Problem, das wir beide nicht lösen werden. Hoffentlich kehrt jetzt in die Köpfe der Studenten Vernunft ein.“

Fasching war. Die Wiener ließen sich wegen der zwei Toten im Burgenland und den Krawallen rund um die Universität doch nicht ihr Tanzvergnügen stören. Bälle waren angesagt. Wenn man die Vorbereitungen, die so ein Fest erfordert, so recht ins Kalkül setzt, war an eine Absage aus tagespolitischen Gründen nicht zu denken. Und warum auch? Wo ist denn dieses Schattendorf überhaupt? Das neue Ballkleid, ohnehin mühsam abgespart, musste ausgeführt werden.

Auch die Frontkämpfer veranstalteten ihren Ball. Traditionsgemäß in den Sophiensälen. Es war der siebente Ball seit der Gründung der Vereinigung. Zahlreiche Ehrengäste erschienen auf diesem Fest. Nationalräte, allen voran Kunschak, Landtagsabgeordnete, Offiziere der alten Armee in ihren ordensgeschmückten Uniformen, Graf Gudenus als Vertreter des Adels sowie Herren des Klerus.

Diese illustre Schar war das Feindbild der Kommunisten schlechthin. Konzentrierter konnte man diese Gesellschaft zu keiner Zeit und an keinem Ort antreffen. Seit Tagen lief die Agitation gegen diese Ballfest auf Hochtouren. In ihrem Organ „Die rote Fahne“ wurden Hetzartikel geschrieben und zur Störung des Festes aufgerufen. Flugzettel wurden verteilt, um recht viele Demonstranten zusammenzubekommen.

Die Polizei war in Alarmbereitschaft versetzt.

Bereits um sechs Uhr abends versammelten sich die Kommunisten vor den Sophiensälen. Es war ihr Ziel, die Gäste und Ballbesucher am Eintritt in das Gebäude zu hindern. Der Ball sollte um neun Uhr eröffnet werden, mit dem Eintreffen der ersten Besucher war zwischen sieben und acht Uhr zu rechnen.

Die Kommunisten rekrutierten sich vorwiegend aus jugendlichen Männern. Dies deutete schon auf die Absicht hin, gewaltsame Aktionen durchzuführen. Das hatte auch die Polizei durchschaut. Die Demonstranten wurden nachdrücklich angewiesen, – „Schleichts euch, es Gsindel“ – den Platz vor dem Gebäude zu räumen. Diese Aufforderung ging ins Leere. Die Polizei musste daher Gewalt anwenden. Zimperlich gingen die Polizisten nicht vor. Es kam zu über fünfzig Festnahmen. Verbotene Waffen wurden abgenommen, wie Schlagringe, Dolche, Totschläger und bei einem Demonstranten ein Revolver mit Patronen.

Als die Ehrengäste kamen, war von einer kommunistischen Demonstration weit und breit nichts mehr zu sehen. Die Polizei zog sich in die Seitengassen zurück, war jedoch die ganze Nacht wachsam. Das Fest konnte ungestört stattfinden.

Ignaz empörte sich beim abendlichen Bier: „Warum mussten die Hakenkreuzler ihren Ball abhalten? Warum haben sie nicht alles abgesagt, nur dass nicht wieder neue Unruhe um sich greift?“

„Wie stellst du dir denn das vor? Ein Ball muss lange vorher organisiert sein, die Damenspenden müssen hergestellt und gekauft, der Saal muss reserviert und dekoriert werden. Und die Ehrengäste! Die müssen sich diesen Abend freihalten. Aber das ist ja nur die materielle Seite. Vergiss nicht die politische Komponente. Die Sozis halten überall ihre Faschingsfeiern ab. Jeder Arbeiterturnverein hat im Fasching sein Bezirkskränzchen. Sollen die Schwarzen dann kleinlaut zurückstecken? Dein Weltbild scheint aus dem Gleichgewicht geraten zu sein.“

„Aber wir waren uns doch einig, dass Ruhe einkehren muss. Wie soll denn das geschehen, wenn immer wieder solche Veranstaltungen abgehalten werden?“

„Da musst du bei den Sozialisten anfangen, damit sie einmal aufhören.“

Die Diskussion der beiden kehrte wieder an den Kernpunkt zurück: Wer hat angefangen? Um diese Nabe drehte sich die Frage der Zeit. Bei ihrem abendlichen Umtrunk war dies nicht zu lösen.

Vier Wochen nach den tödlichen Schüssen wurde in Schattendorf wieder gezündelt.

Am Sonntagvormittag kam ein Trupp Schutzbündler ins Gasthaus Tscharmann. Alle bestellten Bier. Der bereits aus der Untersuchungshaft entlassene Wirt brachte die Getränke. Während er noch servierte, fingen die Stänkereien schon an. Nach einer Stunde gingen die Männer und es kam eine andere Gruppe. Es war wie bei einem Staffellauf. Die einen gingen und die anderen kamen.

Es spielte sich die gleiche Szene wie vorhin ab, nur dass die Schmähungen auf die Hakenkreuzler heftiger wurden.

Eine Stunde später war wieder Wachablöse. Frische Leute kamen. Nicht mehr ganz nüchtern. Sie bestellten wie ihre Vorgänger Bier, beschimpften den Wirt und schmähten die Frontkämpfer. Die ersten Biergläser gingen zu Bruch. Tscharmann, der sich auffallend zurückhielt, forderte die Männer auf, das Lokal zu verlassen. Das taten sie aber erst nach einer Stunde, als eine neue Gruppe sie ablöste.

Wieder das gleiche Schauspiel. Jetzt wurden die Biergläser, nachdem sie ausgetrunken waren, grundsätzlich gegen die Wand geworfen. Der Wirt, nun schon aufgebrachter, forderte wieder die Leute auf, das Lokal zu verlassen. Er werde nichts mehr ausschenken. Drei Männer verließen daraufhin die Gaststube, jedoch nicht, um nach Hause zu gehen. Sie suchten die Toilette auf und zertrümmerten sie vollkommen.

Nun sandte der Wirt nach der Gendarmerie. Es war inzwischen Abend geworden. Die Gendarmen rückten in das Gasthaus ein, warfen die Randalierer auf die Straße und verfügten die sofortige Schließung aller Wirtshäuser in Schattendorf.

Damit kehrte Ruhe in den Ort ein. Die Schutzbündler verzogen sich.

„Heute brauchst du aber nicht lange nach den Anfängern zu suchen. Die Roten haben doch gestern in Schattendorf neue Unruhen provoziert. Das war eine ausgemachte und geplante Aktion. Wäre die Gendarmerie nicht eingeschritten, wäre wahrscheinlich wieder Blut geflossen.“ Tassilo war sich seiner Sache sicher.

Ignaz entgegnete: „Ich glaube, die Führung der Sozialdemokraten hat ihre Leute nicht im Griff. So besonnene Männer wie Seitz, Renner und Bauer können doch eine Aktion wie gestern in Schattendorf nicht wirklich wollen. Da machen sich kleine Grüppchen selbständig, hecken in ihrem Dusel etwas aus und fühlen sich als Rächer der Sozis.“

„Der Tscharmann ist allen Schutzbündlern ein Dorn im Auge. Die zerstörte Toilette wird er wohl verkraften.“

„Es geht doch nicht um das kaputte Häusel des Tscharmann. Da war ja eine Steigerung in der Aktion. Jede Truppe musste ihre Vorgänger übertreffen. Was sollte denn am Ende von dem Ganzen stehen? Das kannst du dir leicht ausmalen.“

„Gott sei Dank ist es nicht zum Ende gekommen. Jetzt wird ja irgendwann der Prozess gegen die Todesschützen beginnen. Dann wird Gerechtigkeit und dann wird ein Schlussstrich gezogen sein. Dann wird endlich Ruhe einkehren!“

Sie stießen mit ihren vollen Gläsern auf die Ruhe an, die nach dem Prozess einkehren sollte.

Der Prozess

Am 5. Juli 1927 beginnt der Geschworenenprozess.

Angeklagt sind die Brüder Josef (31) und Hieronymus (22) Tscharmann, sowie deren Schwager Johann Pinter (26). Sie werden verteidigt von den Rechtsanwälten Dr. Bleier, Dr. Foglar – Deinhardstein und Dr. Riehl.

Vorsitzender des Gerichts ist Hofrat Dr. Ganzwohl.

Die Anklage wird vom Staatsanwalt Dr. Sacher vertreten.

Die Angehörigen der beiden Getöteten, die sich dem Strafverfahren angeschlossen hatten, werden von Dr. Reichart, dem Wiener Neustädter sozialdemokratischen Parteianwalt vertreten.

Die zwölf Geschworenen sind:

Victor Dupa, Selchergehilfe aus Wien
Johann Staufer, Zimmermeister aus Achau
Josef Segar, Oberoffizial aus Wien
Lorenz Reisenberger, Realitätenbesitzer aus Bruck / Leitha
Johann Schlaffer, Zimmermannsgehilfe aus Deutsch-Schützen
Anton Berger, Sekretär aus Wien
Leopold Pinas, Druckergehilfe aus Wien
Karl Beer, Friseur aus Wien
Anton Teischer, Pensionist aus Wien
Franz Schmidhofer, Spenglergehilfe aus Wien
Franz Sideritz, Landwirt aus Stegersbach
Wilhemine Zelensky, Private aus Wien

Die zwölf Geschworenen

Die zwölf Geschworenen

Der Andrang des Publikums hielt sich in Grenzen. Es wurden Platzkarten ausgegeben, jedoch waren nicht alle Plätze im großen Schwurgerichtssaal besetzt.

Die drei Angeklagten antworten auf die Frage, ob sie sich schuldig bekennen übereinstimmend: sie geben zu geschossen zu haben, jedoch nicht in der Absicht zu töten oder zu verletzen.

In der anschließenden Einvernahme, die jeweils einzeln erfolgt – die anderen beiden Angeklagten werden währenddessen aus dem Gerichtssaal gebracht – zeichnet sich bereits die Verteidigungslinie ab: sie hätten furchtbare Angst gehabt. Es war sehr laut, alle hätten geschrien und die Schutzbündler versuchten immer wieder in das Wirtshaus Tscharmann einzudringen.

Der Vorsitzende versucht die Tatzeit minutiös nachzuvollziehen. Er zieht die Verantwortung der Angeklagten in Zweifel. Alle drei hatten sich mit einem Gewehr bewaffnet und standen einer Schar Unbewaffneter gegenüber. Womit sie ihre große Angst begründen könnten? Die Angeklagten stellten sofort in Abrede, dass sie einer Schar von Unbewaffneten gegenüberstanden. Die ersten Schüsse hätten die Schutzbündler abgegeben. Auch gingen wilde Gerüchte durch das Dorf. Die Schutzbündler haben einen Mann erschlagen und am Bahnhof habe es Schießereien gegeben und es liegen einige Tote dort.

Und dann der Preschitz!

Preschitz war in der Räterepublik im Jahre 1919 unter Bela Kun von den vielen selbsternannten Provinzführern einer der schlimmsten. Er war ein bekannter Gewalttäter, der Bauern erschießen und aufhängen ließ. Den Pfarrer Nikitsch erschoss er eigenhändig. Alle hatten auch heute, also Jahre nach der ungarischen Kommunistenzeit, vor Preschitz furchtbare Angst. Und dieser Preschitz ist der Anführer der Schutzbundversammlung an diesem Tag in Schattendorf!

Einer Truppe unter der Anführung von Preschitz sei alles zuzutrauen. Wenn auch heute die Angst, der Kommunismus könnte wiederkommen, nicht mehr so groß sei, verbleibt doch eine gewisse Urangst vor den Roten. Rot bleibt rot, ob sie sich nun Schutzbündler oder Kommunisten nennen. Alle haben doch nur ein einziges Ziel, die Macht an sich zu reißen und die Bauern und ihren Stand zu vernichten.

Wiederholt wurden die Bauern von Preschitz mit dem Wort Kulaken beschimpft. Dieses russische Schmähwort, das von Stalin gerne für die Bauern gebraucht wurde, nährte die Angst vor den Kommunisten, oder überhaupt vor den Roten. Wenn es aus dem Munde von Preschitz kam, entstand blanker Hass gegen ihn und seine Schutzbündler. Die Zeit der Räterepublik sei ja gottlob vorbei, aber man wisse ja nie.

Es gelang den drei Angeklagten mit einfachen und schlichten Worten mit dieser Angst zu rechtfertigen, dass sie sich mit Gewehren bewaffnet hatten.

Die Verteidigung ließ eine Reihe von Zeugen aufmarschieren, die die Situation aus hautnaher Entfernung miterlebt hatten. Natürlich dominierte bei den Aussagen die Angst vor den Roten. Übereinstimmend wurde ausgesagt, dass die Schutzbündler mit der Schießerei begonnen hatten. Josef Tscharmann, der Vater der beiden Angeklagten, zeigt dem Gericht eine Narbe auf der Hand, die von einem Streifschuss aus der Waffe eines Schutzbündlers herrührte.

Der Staatsanwalt Dr. Sacher und der Vertreter der Privatbeteiligten, Dr. Reichart, versuchen die Glaubwürdigkeit der Zeugen in Frage zu stellen.

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Staatsanwalt Dr. Sacher

 

Dr Reichert

Dr Reichert

Mit bohrender Hartnäckigkeit und gegen die Proteste der Verteidigung versucht Dr. Reichart den Leumund der Zeugen zu hinterfragen. Aber mehr als einige Vorstrafen wegen Raufhandels kommen dabei nicht zu Tage.

Erfolgreicher ist der Staatsanwalt. Er befragt Angeklagte und Zeugen was sie in den Stunden unmittelbar vor den tödlichen Schüssen gemacht hatten. Gegessen und getrunken haben sie, einige haben Karten gespielt. Was und wie viel sie getrunken hatten. Und da geben schon einige zu, dass sie schwer betrunken waren, die meisten waren in einem Zustand, der im Gerichtsjargon als angeheitert bezeichnet wird.

Die Liste der Zeugen ist lang. Die Einvernahme zieht sich über einige Tage, immer wieder unterbrochen von erregten Duellen zwischen der Verteidigung und dem Anwalt der Privatbeteiligten, Dr.Reichart.

Der Vorsitzende versucht die Frage zu klären, wer zuerst geschossen habe, die Schutzbündler oder die Frontkämpfer. Je nachdem welcher der beiden Vereinigungen der Zeuge nahe stand, fiel die Antwort aus. Eine genaue Rekonstruktion der Abläufe während der Tatzeit war nicht möglich.

Dr. Riehl, Verteidiger des Johann Pinter verlangte die Exhumierung und neuerliche Obduktion der beiden Erschossenen. Es kam nämlich während der Zeugeneinvernahme der Verdacht auf, dass Grössing gar nicht von Kugeln der Angeklagten, sondern aus Waffen von Schutzbündlern tödlich getroffen wurde. Bei der Anhörung der Ärzte, die die Obduktion vorgenommen hatten, müssen diese zugeben, dass das tödliche Projektil im Kopfe des Csmarits nicht gefunden wurde. Auch konnten die Ärzte keine Angaben darüber machen, aus welcher Richtung die Schrotkugeln in den Schädel eingedrungen sind. Das Gericht gab den Anträgen aber nicht statt, da es den Standpunkt vertrat, dass die Obduktionen in sach – und fachgerechter Weise vorgenommen wurden und eine neuerliche Untersuchung der Leichen keine neuen Erkenntnisse zu Tage bringen würden.

Immer wieder glitt die Zeugeneinvernahme ins Politische ab. Sowohl die Verteidigung als auch die Anklage versuchten, die Hintergründe und das politische Umfeld zu beleuchten. Die Verteidiger forderten mehrmals, dass die Anführer der Schutzbündler hier auf der Anklagebank sitzen müssten, denn sie hätten die ganze Entwicklung im Burgenland zu verantworten. Dass es so weit gekommen ist, Tote zu beklagen, müsse das Gewissen der Schutzbundführer schwer belasten.

Der Vorsitzende muss mehrmals betonen, dass hier nicht ein Hochverratsprozess geführt werde, sondern ein Spruch über eine Mordtat zu fällen sei.

Am 13.Juli, der Prozess ist inzwischen über eine Woche alt, werden den Geschworenen die Schuldfragen gestellt. Insgesamt sind es 27 Fragen, und zwar je neun für jeden der drei Angeklagten.

Die ersten vier Fragen betreffen das Hauptdelikt, nämlich die öffentliche Gewalttätigkeit unter erschwerenden Umständen Die anderen Fragen behandeln den Komplex der Notwehr und der Notwehrüberschreitung, wobei einige Fragen als Eventualfragen formuliert waren, die im Falle eines ja oder nein einer vorhergehenden Frage zu beantworten seien.

Der Verteidiger Dr. Foglar – Deinhardstein beantragt eine Abänderung der Fragestellung, was vom Gerichtshof nach kurzer Beratung aber abgelehnt wurde.

Nachdem keine weiteren Anträge gestellt werden, hält der Staatsanwalt Dr. Sacher sein Plädoyer.

Er geht zu Beginn seiner Ausführungen auf die Auswahl der Geschworenen ein. Während des Prozesses war es mehrmals zu Vorwürfen an das Gericht gekommen, es seien einige Geschworene parteiisch. Sowohl der Vertreter der Privatbeteiligten Dr. Reichart, als auch die Verteidigung behaupteten dies und zwar immer dann, wenn bei einer Zeugeneinvernahme ein Geschworener eine Gemütsregung zeigte, die entgegengesetzt zu der erwarteten Wirkung war. Der Staatsanwalt betont, dass es sein Bestreben war, auf der Geschworenenbank keine Leute zu sehen, die rot oder schwarz eingestellt sind. Dies habe er auch dem Verteidiger Dr. Foglar vor dem Prozess mitgeteilt. Im Übrigen sei von der Verteidigung niemals ein Einspruch gekommen oder ein Antrag gestellt worden, die Zusammensetzung der Geschworenenbank zu ändern.

Der Staatsanwalt geht dann ausführlich auf die Ereignisse ein und beleuchtet die Handlungen der Hauptpersonen. Zu Preschitz, dem Anführer der Schutzbündler, führt er aus, dass sein Eindringen in das Gasthaus sich zwar dem Verbrechen des Hausfriedensbruchs nähere, jedoch die Verbrechensgrenze nicht erreicht habe, da das Moment der Gewalt gefehlt habe.

Eine ernste Warnung richtet Dr. Sacher an die Geschworenen, nicht an eine moralische Schuld zu denken, sondern es sei ausschließlich über eine strafgesetzliche Schuld zu urteilen. Er räumt ein, dass die moralische Schuld durchaus auf Seiten jener liegen möge, die damals den sozialdemokratischen Gegenaufmarsch organisiert haben. Dies ist bei diesem Prozess jedoch nicht maßgeblich. „Wo kämen wir denn hin, bei solchen Prozessen nach den moralisch Schuldigen zu fahnden und die anderen laufen zu lassen?“

Es wird den Geschworenen nicht schwerfallen darüber zu entscheiden, ob die Verteidigungslinie der Angeklagten nicht ein durchsichtiges Manöver sei. Die drei Angeklagten hätten ihre Tat nicht verübt, als sie in Verteidigung gegen einen Angriff waren. Ihr Standpunkt sei vielmehr gewesen, „das lassen wir uns nicht gefallen“, als sie einen Angriff nur vermuteten. Aus solch einem vermuteten Angriff haben sie das Recht abgeleitet, mit voller Ladung zu schießen. Es entschuldigt einen Angeklagten nicht, wenn er einem angedrohten Angriff gewaltsam zuvorkommt. Erst der Angriff berechtigt zur Tat der Notwehr. Die drei Angeklagten haben ihre Tat nicht gesetzt, als sie in Verteidigung eines Angriffs waren.

Schließlich geht der öffentliche Ankläger auf die Glaubwürdigkeit der im Laufe des Prozesses abgegebenen Zeugenaussagen ein und meint, dass zahlreiche Aussagen bewusst, zahlreiche unbewusst falsch gewesen wären und bittet die Geschworenen, nicht jeder Zeugenaussage unbedingt Glauben zu schenken, sondern nur das zu glauben, was durch eine Vielheit von Aussagen als glaubwürdig erscheine. Die Verantwortung der Angeklagten war durchaus widerspruchsvoll und deshalb in den meisten Punkten nicht glaubwürdig.

Mit dem Schlusssatz: „Die Angeklagten mochten sich provoziert fühlen, ihre Nerven mochten aufgereizt sein. Sie hatten aber deswegen nicht das Recht, jemanden mit voller Ladung anzuschießen. Die drei Angeklagten sind schuldig und ich muss auch Sie bitten, wenn Sie alles beachten, was beachtet werden muss, sprechen auch Sie die Angeklagten schuldig „, beendet der Staatsanwalt seine Rede.

Nach dem Staatsanwalt kam der Vertreter der Privatbeteiligten zu Wort. Dr. Reichardt beginnt seine Ausführungen mit der Feststellung, dass die Angeklagten Meuchelmörder seien, da sie zum Zeitpunkt der Todesschüsse gar nicht gefährdet gewesen seien.

Auch er geht auf die Frage der moralischen Schuld ein und sieht diesen Fragekomplex als sozialistischer Parteianwalt naturgemäß anders. Nicht der angeblich so gefürchtete Thomas Preschitz sei der moralisch Schuldtragende, sondern die Frontkämpferleitung in Wien, welche den Pakt, im Burgenland keine militanten Organisationen aufzustellen, nicht eingehalten hätten. Die Burgenländische Bevölkerung habe vor den Frontkämpfern Angst gehabt. Viele Menschen haben geglaubt, und glauben das heute noch, dass die Frontkämpfer Budapester Emissäre seien und mit ungarischem Geld subventioniert werden.

Dr. Reichardt bezeichnet die Verantwortung der Angeklagten, sie hätten vor Preschitz Angst gehabt, als lügenhaft. Vielmehr haben die Sozialdemokraten Angst bekommen, als sie erfuhren, dass auch aus Loipersbach Frontkämpfer zur Frontkämpferversammlung nach Schattendorf kommen sollten.

Auch Dr. Reichardt stellt die Glaubwürdigkeit der Zeugen in Frage. So sei es für ihn eine Tatsache, dass die Steinwurfspuren am Tscharmannschen Haus erst nachträglich künstlich gemacht wurden und nicht von den Schutzbündlern hergerührt haben können. Diese Behauptung der Angeklagten sei eine glatte Lüge und auch die Zeugen, die die Steinwürfe gegen das Haus unmittelbar vor den tödlichen Schüssen bestätigten, seien Lügner.

Dr. Reichardt schloss mit den Worten, dass die Öffentlichkeit einen Schuldspruch erwarte und dass dieser Schuldspruch ein Prüfstein der Schwurgerichtsbarkeit sein werde. Weder die Witwe des Csmarits, noch der Vater des Knaben Grössing würden es verstehen, dass ihre Angehörigen hier in Österreich getötet wurden, ohne dass die Schuldigen bestraft werden.

Es kommt dann noch zu einem erregten Geplänkel mit dem Vorsitzenden, das dieser mit der Bemerkung beendet, dass Dr. Reichardt im Drange der Geschäfte auf die Hauptsache ganz vergessen habe, nämlich auf die Geltendmachung der Ansprüche der Privatbeteiligten. Unter allgemeiner Heiterkeit im Auditorium holt Dr. Reichardt dies nach.

Die Plädoyers der Verteidigung sind, verglichen mit der Rede des Staatsanwalts, ein Feuerwerk. Es werden alle Register gezogen. Schonungslos wird jede Schwäche im vergangenen Prozess hervorgeholt, analysiert und zur Entlastung für die Angeklagten umgedeutet.

Dr. Riehl, in der roten Presse als Nazianwalt bezeichnet, geht sofort auf das politische Umfeld der Ereignisse ein. Er stellt die Frontkämpfervereinigung als eine unpolitische Organisation hin, die nur die Interessen von Leuten vertrete, die an der Front gekämpft hatten. Keinesfalls handle es sich um eine Gegenbewegung zum Republikanischen Schutzbund. Er kritisiert, dass in dem Prozess eine Art „Hochverratriecherei“ betrieben wurde.

Eingehend auf den Kern der Anklage versucht Dr. Riehl den Staatsanwalt mit dessen eigenen Argumenten zu schlagen. Der Staatsanwalt habe ja zugegeben, dass die Schutzbündler die Versammlung der Frontkämpfer sprengen wollten und dass die Angeklagten „ganz blind dreingeschossen haben“. Ganz blind schießt man aber nur aus Angst und Furcht.

Die Geschworenen hören gespannt zu.

Dr. Riehl setzt nach: Es ist sehr fraglich, wer dem Csmarits überhaupt die tödliche Verletzung beigebracht hat. Von den drei Beschuldigten scheint es keiner gewesen zu sein, weil keiner eine Waffe verwendete, dessen Kaliber mit der Einschussöffnung im Schädel des Csmarits übereinstimme. Das Gericht habe die Kernfrage der Anklage nicht klären können.

Schließlich steigert der Anwalt sein Plädoyer zu einem furiosen Schluss: Wir haben hier drei Angeklagte und zwei Tote. Wer wen erschossen hat, konnte das Gericht nicht klären. Die Geschworenen könnten daher auch nicht mit einem Schuldspruch darüber befinden, was die Experten nicht klären konnten. Damit es auch ja jeder versteht, wiederholt er: Drei des Mordes Angeklagte und zwei Tote!

Er empfiehlt den Geschworenen, nur die Frage der Notwehr zu bejahen und schließt mit dem Hinweis, dass sie niemandem, auch keiner Partei, wegen ihres Wahrspruches Rechenschaft schuldig sind.

Die Geschworenen sind beeindruckt.

Der zweite Verteidiger Dr. Bleyer ist ein Meister der Rhetorik. Er beginnt theatralisch: „Ich klage an! Ich klage an die Anklage, vor Ihnen meine Herren Geschworenen und durch Sie vor dem Volke und vor Gott!“ Er wirft der Anklage vor, falsches Zeugnis abzulegen über gutes deutsches Recht, über die Schuld an dem Blute, das geflossen ist und das, worüber hier entschieden werden soll. Er beschwört immer wieder Gott, beruft sich auf gutes deutsches Recht und warnt, dass hier nicht Moskowiterrecht gelten dürfe.

Seine Wortwahl verfehlt nicht ihre Wirkung. Der Angeklagte Pinter und seine im Saal anwesende Frau weinen still vor sich hin, die Geschworenen sind tief beeindruckt. Die linke Presse wird am nächsten Tag sein Plädoyer als ein Gemisch von ranziger Sentimentalität und schwulstigem Pathos bezeichnen.

Als letzter ergreift Dr. Foglar – Deinhardstein, der Verteidiger des Johann Pinter das Wort. Er spricht ernster und sachlicher als seine beiden Vorredner und bedient sich hauptsächlich juristischer Argumente, bleibt aber haarscharf bei der Linie des Konzepts der Verteidigung. Durch seine rechtliche Argumentation stiftet er zeitweise bei den Geschworenen Verwirrung, die sich aber bemühen, sich das nicht anmerken zu lassen. Auch er vertritt die Ansicht, dass es wohl unmöglich sei, die wahre Täterschaft zu ermitteln. Zu viele Widersprüche seien in den Gutachten der Sachverständigen und der Ärzte enthalten. Und jetzt sollen die Geschworenen einen Spruch fällen, den sie mit ihrem Gewissen vereinbaren müssen.

Geschickt arbeitet der Verteidiger die Frage der Notwehr heraus. Es sei hier versucht worden, die Bewaffnung der Schutzbündler abzuleugnen. Zeugen aus den Reihen der Schutzbündler haben in auffallender Übereinstimmung erklärt, „sie seien nicht bewaffnet gewesen, sie dürfen überhaupt keine Waffen tragen“. Doch weiß heute jedes Kind, dass der Republikanische Schutzbund eine bewaffnete Organisation ist. Woher sind denn die Schüsse auf die fliehenden Frontkämpfer aus Loipersbach am Bahnhof gekommen? Aus welcher Waffe wurde der Streifschuß auf den Kommandanten abgegeben? Man soll doch hier den Geschworenen keine Märchen erzählen!

Würde denn ein großer Teil der Bevölkerung eine so große Angst vor dem Schutzbund haben, wenn man nicht wüsste, dass er bewaffnet ist? Auch die Angeklagten wussten es und fürchteten sich deshalb vor ihnen.

Auch Dr. Foglar – Deinhardstein fordert die Geschworenen auf, alle Schuldfragen zu verneinen und bestenfalls die Notwehrfrage zu bejahen.

Als er auf das Strafausmaß zu sprechen kommen will, wird er vom Vorsitzenden unterbrochen. Die Erörterung der Strafe in den Schlussvorträgen vor dem Wahrspruch sei nicht zulässig.

In seinem Schlusssatz richtet Dr. Foglar – Deinhardstein an die Geschworenen einen letzten Appell: „Lassen Sie sich nicht einschüchtern, lassen Sie sich in Ihrem Urteil nicht beirren. Sprechen Sie recht und ich bin überzeugt, dass Sie nur einen Spruch fällen werden: den Freispruch!“

Nach einer kurzen Pause beginnt der Vorsitzende mit dem Resümee. Er fasst die Hauptergebnisse der zehntägigen Verhandlung zusammen und gibt den Geschworenen eine ausführliche Rechtsberatung.

Um halb sechs Uhr ziehen sich die Geschworenen zur Beratung zurück.

Nach drei Stunden erbitten sie sich eine Rechtsberatung, die ihnen der Vorsitzende im Beisein des Staatsanwalts und der Verteidiger erteilt.

Um halb zehn erscheinen die Geschworenen im Saal und ihr Obmann verkündet das Verdikt: Die Hauptfrage der öffentlichen Gewalttätigkeit unter erschwerenden Umständen wurde mit 9 Nein und drei Ja, die Frage nach der versuchten schweren Körperverletzung mit 6 Ja und 6 Nein und die Frage Vergehen gegen die Sicherheit des Lebens mit 5 Ja und 7 Nein beantwortet. Die Beantwortung aller übrigen Fragen entfiel.

Die Angeklagten wurden in den Saal geführt und der Vorsitzende brachte ihnen das Verdikt zur Kenntnis und verkündete den Freispruch aller Angeklagten.

Vor dem Landesgericht hatten sich einige hundert Menschen versammelt. Nach Bekanntwerden des Urteils kam es zu Pfiffen und Hochrufen. Die Polizei zerstreute die Ansammlung und es herrschte bald wieder Ruhe.

Die Familien der Angeklagten mussten in den folgenden Wochen mehrere Grundstücke verkaufen, um die Anwaltskosten bezahlen zu können.