15. Juli 1927

Der Chef der „Arbeiter Zeitung“ persönlich verfasste den Leitartikel. Friedrich Austerlitz war außer sich.

„Eine Schurkerei ist diese Freisprechung, wie sie in den Annalen der Justiz wohl selten, vielleicht noch nie erlebt worden ist.“
……….
„Nach Ansicht dieser Geschworenen bedeutet es also gar nichts, auf Menschen zu schießen; das ist, wenn die Schiessenden Frontkämpfer sind, wohl ein erlaubtes Jagdvergnügen! Die aber den Eid, den sie geleistet haben, so schnöde mit Füssen treten, die sich über Recht und Gerechtigkeit so frech hinwegsetzen, die sind keine Geschworenen, sind ehrlose Gesetzesbrecher, denen für ihren schamlosen Freispruch Hass und Verachtung aller rechtlich denkenden Menschen gebührt. Diese Verdammung wird ihnen auch werden.“
………
„Denn die Wahrheit ist die…….dass Hakenkreuzler und Frontkämpfer, wenn sie auf Arbeiter schießen, wenn sie Sozialdemokraten ermorden, der Freisprechung anscheinend immer gewiss sein können.“

„Aber was neben dem Verfahren im Gerichtssaal dazu getan werden konnte, um die Geschworenen zu verwirren, zu beeinflussen, ihnen indirekt die Überzeugung zu vermitteln, es sei im Grunde ein wohltätiges Werk auf Schutzbündler zu schießen, das ist getan worden……..schon das war eine Vorbereitung für den lumpigen Wahrspruch“

„Die schamlosen Schiebereien des hakenkreuzlerischen Advokaten,….die Antimarxisten auf der Geschworenenbank zu einer unauflöslichen Einheit zusammenschmieden, die sich jeder Prüfung des Tatbestandes entbunden fühlt und ins Geschworenenzimmer schon mit dem Vorsatz geht, die Angeklagten, die doch nur Sozialdemokraten umgebracht haben, unter allen Umständen freizusprechen; derart frech hat sich die kunstgemäße Beeinflussung der Geschworenen nie hervorgetraut wie in diesem Prozess…..“

Austerlitz empört sich nicht nur über das Urteil und das Gerichtsverfahren, er geht der Sache auch auf den Grund und kommt auf die, seiner Ansicht nach, mitschuldige Regierung unter dem verhassten Bundeskanzler Seipel.

„Was aber noch zu leisten war, das hat die Regierung durch ihre Zeitungen besorgt; denn an der infamen Hetze des christlichsozialen Regierungsblatts, das Herr Seipel befehligt, ist die Regierung geradezu unmittelbar mitschuldig. Diese Hetze war sorgsam vorbereitet, planmäßig angelegt. Zuerst wurde der Verhandlungsbericht geradezu teuflisch gefälscht: Jede Aussage, die die Schuld der Angeklagten bezeugte, wird retouchiert oder unterdrückt, unbequeme Zeugen werden beschimpft und verdächtigt, dagegen werden alle Frontkämpferzeugen, denen die Angelerntheit von Weitem anzumerken war, und von denen auch der Staatsanwalt feststellen musste, dass zahlreiche Aussagen bewusst falsch waren, in den Himmel gehoben, ihre Aussagen als entscheidend erklärt. Dann folgen die Kommentare, die alle mit einer Schamlosigkeit , die nur aus der Zuversicht entspringt, dass sich die Regierungsorgane alles herausnehmen können, darauf hinauslaufen, dass die Angeklagten nur in berechtigter Notwehr gehandelt haben, wogegen die wahren Schuldigen diejenigen sind, auf die die Frontkämpfer geschossen haben; das Bosheitsgrinsen, es werde schon erreicht werden, dass sie Mordtaten ungesühnt bleiben, war in jeder Zeile zu spüren……..gerade während der Verhandlung gegen die Frontkämpfer die erbärmlichste Hetzte gegen den republikanischen Schutzbund zu betreiben, ihn als Ausbund aller Schlechtigkeiten hinzustellen und so die Geschworenen mit der richtigen Rachestimmung gegen die Schutzbündler zu erfüllen.“

………….

„So hat man das Verantwortungsgefühl der Geschworenen untergraben und da es unter ihnen auch Leute gegeben hat, wie jenen Geschworenen, der so breit und laut gelacht hat, wenn er eine Zeugenaussage verhöhnen wollte, und der, was diese Geschworenenbank schon ausreichend kennzeichnet, dann zu ihrem Obmann erwählt wurde, so haben die strategischen Manöver der Regierungspresse zum Ziele Geführt, zu dem ersehnten Ziele: dass die angeklagten Frontkämpfer freigesprochen worden sind, dass das Schiessen in Schutzbündler hinein als straflos erklärt wird.“

„Fluch und Schande allen denen, die an dieser Verhöhnung der Gerechtigkeit, an der Vereitlung der Sühne für eine Tat, die an Mord grenzt, Anteil haben.“

Schließlich verweist Austerlitz auf die Gefahr für den Staat, die von diesem Urteil ausgeht und besinnt sich offensichtlich auf die Leser seiner Zeitung:

„Aber ihnen allen, die der Geduld des arbeitenden Volkes mit den Freisprechungen der Arbeitermörder eine so schwere Belastung zufügen, ihnen allen sei gesagt, dass sie da ein frivoles, ein gefährliches Spiel treiben. Denn wenn die Arbeiter erkennen müssten, dass es für sie in dieser kapitalistischen Ordnung keine Gerechtigkeit gibt, dass die Justiz zur Komödie herabsinkt, wenn ein dem arbeitenden Menschen zugefügtes Unrecht zu sühnen ist, dann wird der Glaube an diese Gerechtigkeit vernichtet und das Vertrauen zu ihr verschüttet. Denn die Versagung der Gerechtigkeit ist das Schlimmste, das dem arbeitenden Menschen angetan werden kann, und wenn sie das einmal erkennen und ihr Bewusstsein von dieser niederdrückenden Tatsache erfüllt wird, so ist es um die Rechtsordnung geschehen.“

Austerlitz schließt mit einer ernsten Warnung:

„Die bürgerliche Welt warnt immerzu vor dem Bürgerkrieg; aber ist diese glatte, diese aufreizende Freisprechung von Menschen, die Arbeiter getötet haben, nicht schon selbst der Bürgerkrieg? Wir warnen alle, denn aus einer Aussaat von Unrecht, wie es gestern geschehen ist, kann nur schweres Unheil entstehen.“

Das saß.
Messerscharf.

Chefredakteur der Arbeiterzeitung Friedrich Austerlitz

Chefredakteur der Arbeiterzeitung Friedrich Austerlitz

Das waren keine markigen Sprüche, das war der pure Intellekt eines brillanten Journalisten. Ein Intellekt, der jedem Gebildeten unter die Haut ging, den aber auch der Mann an der Drehbank verstand.

Tassilo wird in einigen Tagen bei der Analyse der Vorfälle feststellen, dass Austerlitz in seinem Artikel keine Vorgaben gemacht hatte. Er zeigte nur auf, bemängelte das Urteil, begründete seine Empörung, aber sagte nicht, was nun zu tun sei. Er hinterließ eine Orientierungslosigkeit des Arbeiters, er überließ es dem Arbeiter, einen Satz wie: „Fluch und Schande allen denen, die an dieser Verhöhnung der Gerechtigkeit, an der Vereitlung der Sühne für eine Tat, die an Mord grenzt, Anteil haben“ auszulegen. Wie der burgenländische Maurer, der jeden Montag nach Wien pendelte, um die ganze Woche auf einer Baustelle zu arbeiten, „Fluch und Schande“ umsetzen sollte, daran dachte Austerlitz offensichtlich nicht, als er den Artikel zu Papier brachte.

Tassilo und Ignaz waren sich einig darüber, dass dies der erste Fehler der Sozialisten war.

Nachdem das Urteil über den Rundfunk bekannt gegeben wurde, zog am Abend eine Delegation von Betriebsräten der Straßenbahn und der Elektrizitätswerke in die Parteizentrale der Sozialdemokraten, um dort nicht nur ihrer Empörung Luft zu machen, sondern um sich mit der Parteispitze zu beraten, was nun weiter zu geschehen habe.

Doch an der Parteispitze herrschte ebenso Ratlosigkeit. Otto Bauer war in der Klemme. Das Urteil wurde von Geschworenen gefällt. Die Laiengerichtsbarkeit war eine demokratische Errungenschaft, die auf das Konto der Sozialisten ging. Wenn Bauer nun einer Demonstration gegen das Urteil zustimmen würde, oder noch mehr, wenn die Sozialdemokraten eine solche Demonstration selbst organisieren sollten, würden sie eine Einrichtung der Justiz in Frage stellen und damit einer Forderung der Bürgerlichen, nämlich der Abschaffung der Geschworenengerichte, Vorschub leisten.

Die Zeit drängte. Aber Otto Bauer machte den zweiten Fehler der Sozialdemokraten. Er empfing die Delegation der Betriebsräte nicht. In seiner Ratlosigkeit zog er es vor zu kneifen. Er ließ den Delegierten mitteilen, dass „Herr Bauer nicht mehr im Hause sei“, und verließ die Parteizentrale durch den Hinterausgang.

Otto Bauer war der Kopf der österreichischen Sozialdemokratie. Er war zwar nur der Generalsekretär, Parteivorsitzender war der Wiener Bürgermeister Karl Seitz, doch die wahre Führung der Partei hatte er inne. Rhetorisch und demagogisch war er Seitz weit überlegen. Ausgestattet mit einem messerscharfen Verstand, schlug er dem Kanzler Seipel in den Parlamentsdebatten empfindliche Wunden. Er verfügte aber nicht über die Ausstrahlung einer Galionsfigur. Diese Ausstrahlung hatte Seitz.

Für die Betriebsräte war Otto Bauer der Ansprechpartner. Er hatte in der Partei das Sagen. Aber er war an diesem Abend nicht mehr da. Doch Austerlitz war da. Man zog sich mit ihm zurück und debattierte die Lage. Auf die Frage, was nun zu tun sei, hatte er keine Antwort parat. Er, ein Intellektueller, konnte nur den Rat geben, keine Gewalt anzuwenden. Den Betriebsräten fiel auch nicht viel ein. Sie griffen zur Waffe, die ihnen geläufig war: am nächsten Tag sollte ein „Demonstrationsstreik“ stattfinden. Für eine Stunde sollte am Vormittag der Strom abgeschaltet werden und keine Straßenbahn fahren. In dieser Zeit sollten in den Betrieben Protestversammlungen stattfinden. Mit diesem Beschluss ging man auseinander.

Dies war der dritte Fehler der Sozialdemokraten.

Den Beschluss hatten nämlich nur die Betriebsräte der Straßenbahn und des E-Werks gefasst. In den Industriebetrieben der Vorstädte war davon nichts bekannt. Die mussten, wenn überhaupt, auf eigene Faust handeln.

Polizeipräsident Schober ließ noch in der Nacht in der Parteizentrale der Sozialisten anfragen, ob für morgen eine Demonstration geplant sei. Das wurde wahrheitsgemäß verneint. Schober hatte daher aus diesem Grund keine Veranlassung, den Polizeiapparat für den nächsten Tag wesentlich zu verstärken.

Die Nacht verlief ruhig. Nur in der Parteizentrale der Kommunistischen Partei in der Alserstrasse tagte das Zentralkomitee. Man wollte für den nächsten Tag gerüstet sein und die Initiative ergreifen. Auf die Aktivitäten der Sozialdemokraten wollte man nicht warten. Zu oft ist man von denen enttäuscht worden. Der Parteivorsitzende Koplenig nahm noch in der Nacht telephonischen Kontakt mit der deutschen Schwesterpartei in Berlin auf. Das Zentralkomitee in Moskau meldete sich bereits am Abend bei Koplenig.

Das Urteil von Schattendorf sollte für die Kommunisten zum Anlass werden, endlich Taten zu setzen. Morgen sollte die Arbeiterschaft eine Demonstration veranstalten, wie sie die Republik noch nicht gesehen hatte.

Rasch wurden die Beschlüsse gefasst. Fahrradboten wurden in die Betriebe gesandt, die auch in der Nacht arbeiteten. Die Genossen wurden unterrichtet, was sie morgen zu tun hatten. Vieler Instruktionen bedurfte es nicht. Längst war besprochen, was am Tage X zu geschehen hatte. Jeder Genosse war auf seinem Posten.

Mit den Sozialdemokraten wurde kein Kontakt aufgenommen. Es war nicht die Zeit, lange Diskussionen zu führen. Was hätte das auch bringen sollen. Zu lahm und ohne Pfeffer waren diese Sozis. Jetzt musste gehandelt werden.

Der Chefredakteur der „Roten Fahne“, dem Zentralorgan der Kommunisten, verfasste die ersten Flugblätter, die auch noch in der Nacht in Druck gingen. „Die Strasse den Arbeitern“ und das „Recht auf die Strasse“ war die Parole der Stunde. Entwürfe für weitere Flugblätter wurden gemacht. Die waren schon scharf formuliert. Da sollte der Ruf nach Bewaffnung der Arbeiterschaft ertönen.

Aber noch war es nicht soweit.

Am nächsten Morgen, es war der 15. Juli, versammelten sich in den Betrieben die Arbeiter. Flugblätter waren da im Umlauf: „Heraus auf die Strasse!“ und „Wir lassen uns das Recht auf die Strasse nicht rauben!“ Rasch war allerorts der Beschluss gefasst, in die Stadt zu marschieren und vor dem Parlament gegen das Urteil über die Schattendorfer Mörder zu demonstrieren. In lockeren Formationen wurde losmarschiert. Die kommunistischen Genossen waren präsent. Je näher man der Innenstadt kam, umso größer wurde der Zulauf. Gruppen einzelner Betriebe und Unternehmungen schlossen sich zusammen, Einzelgänger, meist Arbeitslose, die ohnehin nichts zu tun hatten, stießen dazu. Radaubrüder und sonstiges Gesindel, jedem Krawall zugetan, durften einen solchen Aufmarsch nicht versäumen.

Die Demonstranten aus den Bezirken jenseits der Donau vereinigten sich mit jenen aus der Brigittenau. Vom Kai, der Uferstrasse des Donaukanals, bog man in den Schottenring ein. Agitatoren mit roten Fahnen stießen zu dem Zug. Sprechchöre wurden intoniert. Kampfparolen, in rhythmisch abgehakten Silben, wurden von Einpeitschern vorgebrüllt, von der Menge aufgenommen und tausendfach verstärkt wiedergegeben.

Die gestern gefassten Beschlüsse der sozialdemokratischen Betriebsräte wurden wirksam. Die Tramway hatte den Betrieb eingestellt, der Strom wurde für eine halbe Stunde abgeschaltet.

Nun merkten auch die Bürgerlichen, dass irgendetwas in Wien vorgehen musste. An Stromstörungen war man ja gewöhnt, doch dauerten diese immer nur wenige Minuten. Heute aber war das anders.

Der Zug näherte sich der Universität. Die ersten Polizeieinheiten wurden sichtbar. Rufe wurden laut, man möge die Universität stürmen, denn da drinnen sei das Schlangennest, hier werden die Kader geschmiedet, die dann die Arbeiter erschießen. Schon versuchten die ersten den Polizeikordon, der vor der Rampe stand zu durchbrechen, da wurden auch schon die Tore der Universität verschlossen.

Es gelang der Polizei noch durch Zureden, den Zug von weiteren Aktivitäten gegen die Universität abzuhalten. Misslungen ist jedoch der Versuch der Polizei, die Demonstranten in die Seitengassen abzudrängen. Zuwenig Kräfte standen für ein solches Vorhaben zur Verfügung, zu groß war die Masse der aufmarschierten Arbeiter inzwischen geworden.

Polizeipräsident Schober, Schlimmes ahnend, beorderte währenddessen Verstärkung auf den Ring und vor allem vor das Parlament. Berittene und mit Säbel bewaffnete Einheiten wurden zusammengezogen und für den Ernstfall bereitgehalten.

Polizeipräsident Schober

Polizeipräsident Schober

Die durch Zustrom von allen Seiten inzwischen mächtig angewachsene Menge erreichte das Parlament. Längst waren hier alle Tore geschlossen. Ein dichter Polizeikordon sicherte das Gebäude.

Massen vor dem Parlament

Die erste bedrohliche Ansammlung der Massen vor dem Parlament

Agitatoren peitschten Sprechchöre ein. Kommunistische Jugendliche mit roten Fahnen stellten sich in die vorderen Reihen und drangen gegen den geschlossenen Polizeiring vor. Die Menge hinter ihnen drängte nach. Es kam zu den ersten Rangeleien mit den Polizisten.

In der Stadiongasse, die unmittelbar am Parlament vorbeiführt, war eine Baustelle der Straßenbahn. Es wurden neue Straßenbahngeleise verlegt. Das Schottermaterial für den Unterbau lag haufenweise herum. Durch ihre roten Fahnen weithin sichtbar, liefen die kommunistischen Burschen dorthin und füllten sich die Taschen mit Steinen. Das Beispiel machte schnell Schule und nach kurzer Zeit prasselte ein Steinhagel auf die Polizisten vor dem Parlament. Es gab die ersten Blessuren.

Auf beiden Seiten. Denn die Polizisten holten sich einige Rädelsführer und besonders eifrige Steinwerfer heraus und schlugen sie nieder. Mit Glacehandschuhen gingen sie nicht vor.

Von einem Baugerüst wurden Latten, Bretter und eiserne Klampfen geholt und die Polizei damit attackiert.

Polizeioffiziere erkannten den Ernst der Lage. Lange würden die Sicherheitskräfte diesem Druck nicht standhalten können. Im Straßenkampf nicht wirklich ausgebildet, dem Steinhagel mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert und in Balgereien mit den Latten- und Stangenbewehrten verwickelt, denen es schon da und dort gelang, eine Bresche in den Kordon zu schlagen und zum Parlamentsgebäude vorzudringen. Sie wurden zwar rasch abgefangen, aber die Lage spitzte sich zu.

Schober befahl den Einsatz der berittenen Polizei. Die hielt sich bis jetzt im Hintergrund. Nun aber ritten sie schonungslos in die Menge und versuchten die Demonstranten vom Parlament abzudrängen. Das gelang nur teilweise. Zu groß war die Menge geworden. Die Berittenen mussten in Richtung Justizpalast zurückgehen.

Berittene Polizei vertreibt Demonstranten

Berittene Polizei vertreibt Demonstranten

Der Rückzug wurde als Schwächesignal der Staatsgewalt angesehen. Einige Beherzte zerrten einen Polizisten vom Pferd und verprügelten ihn. Seine Kameraden kamen ihm zu Hilfe. Sie zogen blank und hieben mit den Säbeln in die Menge. Das zeigte Wirkung. Die ersten Verwundeten lagen auf dem Straßenpflaster, die ersten Blutlachen waren zu sehen.

Die Polizei ging nicht gezielt gegen die Demonstranten vor. Was sich ihnen in den Weg stellte, wurde niedergesäbelt. Dabei kamen auch Frauen und Kinder zu Schaden.

Das wiederum brachte die Stimmung auf Siedehitze. Bisher eher besonnene Arbeiter, die eben demonstrieren gingen, weil ihre Betriebsräte das so angeordnet hatten, nahmen an den Kämpfen, denn die ursprünglichen Raufereien waren zu solchen ausgeartet, teil.

Aber gegen die Macht der blanken Säbel waren die unbewaffneten Arbeiter machtlos.

Es gelang der Polizei, den Druck gegen das Parlamentsgebäude abzuwehren. Womit sie aber nicht gerechnet hatte, waren die Kommunisten. Längst waren alle Aktionen in ihren Händen. Von den Sozialdemokraten war nicht viel zu sehen und zu hören. Die meist jugendlichen Anführer mit den roten Fahnen, dirigierten die zurückweichende Menge zum Justizpalast.

Hier war das Kernstück des Hasses. Schließlich war es ja eine Demonstration gegen die Urteile von Schattendorf. Und die hat die Justiz gefällt. Und hier drinnen saßen sie alle, die für diese Schandurteile die Verantwortung trugen. Hier musste für die Klasseninteressen gekämpft, hier mussten die Hirne der Reaktion ausgelöscht werden. Wenn schon das Parlament mit unbewaffneten Händen nicht zu stürmen war, wollte man hier sein Glück versuchen.

Die Chancen standen nicht schlecht. Klein war die Polizeitruppe, die den Eingang in das Gebäude bewachte. Als die Polizisten der herannahenden Menge ansichtig wurden, beschlossen sie, sich in das Gebäude zurückzuziehen.

Aber da fiel plötzlich der erste Schuss. Niemand konnte feststellen, wer ihn abgefeuert hatte. In den Polizeiberichten wird es später heißen, dass ein Kommunist namens Fiala einen Pistolenschuss gegen die Wache vor dem Justizpalast abgefeuert hätte. Er wurde verhaftet. Die Zeitungen der Linken werden hingegen schreiben, dass einer der Torwächter aus Angst angesichts der herannahenden Meute seine Dienstpistole gezogen und in die Menge gefeuert hatte.

Wer immer es auch gewesen sein mag.

Von einem Baugerüst wurden Leitern herbeigeholt, die Fassade erklommen und die Fenster im Hochparterre eingeschlagen. Mutige stiegen in die Räume ein und warfen auf die Straße, was sie finden konnten: Mobiliar, Schreibmaschinen und Akten. Vor allem Akten. Papier flog zum Gaudium der Menge durch die Luft.

Bald war das ganze Erdgeschoss besetzt. Es dauerte nicht lange, wurden auch die Fensterscheiben im Halbstock eingeschlagen und wieder flogen Akte auf die Strasse. Es waren die Akte des Grundbuches. Im Justizpalast war nicht nur das Grundbuch von Wien, sondern auch jenes von Niederösterreich untergebracht. Mehr als 220.000 Grundbuchblätter wurden an diesem Tag vernichtet.

Die durch die Fenster in das Gebäude Eingedrungenen öffneten die schweren Eichentore des Gebäudes, sodass eine größere Menge an Menschen in das Haus eindringen konnte. Aus den Fenstern wurden nun nur mehr Akte geworfen. Was sonst brauchbar war, also so ziemlich alles, fand seinen Herrn und wurde weggetragen. Vorhänge, Sessel, Tische und das gesamte Büromaterial war gut zu gebrauchen oder ließe sich zu Geld machen.

Die Beamten und Richter, die ihre Büros in den oberen Stockwerken hatten, versuchten nun das Gebäude über Nebenausgänge zu verlassen, was ihnen aber nicht gelang. Von überall flogen Steine gegen die Fenster. Doch bald erschienen Retter. Eine Abteilung des Republikanischen Schutzbunds unter der Führung des Generals Körner stürmte in die große Halle. Den Beamten wurde Schutz gegeben, ein großer Teil des Personals konnte evakuiert werden. Einigen älteren Herren, die sich besonders fürchteten, wurden kurzerhand die Uniformjacken von Schutzbündlern angezogen. Sie konnten unbehelligt in der Menge untertauchen.

Ein alter Hofrat lehnte das Ansinnen, eine Uniformjacke eines Schutzbündlers anzuziehen entrüstet ab. Er verließ zusammen mit anderen, als Schutzbündler getarnten Beamten das Haus, wurde nach wenigen Metern aber aus der Gruppe herausgeholt, verprügelt, seiner Brieftasche und seiner goldenen Taschenuhr beraubt und blutüberströmt liegengelassen.

Hausarbeiter kannten im Keller einen Einstieg in die Kanalisation. Einige Richter und kamen auf die Idee, durch das Kanalsystem ins Freie zu gelangen. Zusammen mit Frauen der Schreibabteilung stiegen sie in das unterirdische Labyrinth, verloren aber in den unbeleuchteten Kanälen bald die Orientierung und mussten in der stinkenden Brühe in Gesellschaft tausender Ratten den ganzen Tag verbringen, ehe sie sich bemerkbar machen und aus ihrer unbequemen Lage befreit werden konnten.

Verletzte wurden in die Halle des Justizpalasts getragen und notdürftig versorgt. Die Rettung konnte nicht bis zum Gebäude vordringen, da sämtliche Zufahrtsstrassen verstopft waren. Zwei verwundete Pferde der Polizei wurden ebenfalls gebracht und lagen nun am Fuß der mächtigen Treppe vor der Statue der blinden Justitia.

Körner versuchte, den Plünderungen Einhalt zu gebieten. Aber er kam nicht mehr dazu.

Woher die Benzinkanister kamen und wer sie mitgebracht hatte, konnte nicht festgestellt werden. Das erste Feuer brach in der Einlaufregistratur im Erdgeschoss aus. Die Vorhänge wurden mit Benzin übergossen und brannten lichterloh. Aktenschränke wurden umgestoßen und ihr Inhalt angezündet. Das Feuer breitete sich rasch in die oberen Geschosse aus.

Der Justizpalast in Flammen

Der Justizpalast in Flammen

Die Sicherheitswache konnte wegen der Übermacht der nachdrängenden Menge nicht einschreiten.

Während ein Großteil der Demonstranten vor dem Justizpalast verharrte und das Feuerschauspiel mit Wohlwollen verfolgte, lenkten die Kommunisten die Aufmerksamkeit der Menge auf noch andere verhasste Objekte. Ziel des Hasses Nummer eins war im Augenblick die Polizei. „Wachstube Lichtenfelsgasse “ wurden als Parole ausgegeben.

Die normalerweise dort diensthabenden Beamten waren fast alle im Außeneinsatz. Nur einige Verletzte lagen auf dem Boden des Wachzimmers und warteten auf Versorgung. Es war für die Demonstranten ein leichtes, in das Wachzimmer einzudringen und es in Brand zu setzen.

Aus vielen Fenstern des Justizpalasts drangen Rauchwolken ins Freie. Die Feuerwehr, längst alarmiert, steckte in den Zufahrtsstrassen fest. Trotz Sirenen und Hupen war an ein Weiterkommen nicht zu denken. Eingekeilt in den Menschenmassen mussten die Löschmannschaften hilflos zusehen, wie der Justizpalast immer mehr ein Raub der Flammen wurde.

Bürgermeister Seitz bestieg ein Feuerwehrauto und hielt eine kurze, eindringliche Ansprache und forderte von den Demonstranten die Freigabe des Weges für die Feuerwehr. Er wurde von wütenden Pfiffen und Pfuirufen am Weiterreden gehindert und musste unverrichteter Dinge wieder vom Auto herabsteigen.

Bürgermeister Karl Seitz

Bürgermeister Seitz versucht Platz für die Feuerwehr zu schaffen

Die Lage war hoffnungslos. Im Justizpalast herrschte die Parole „Rette sich wer kann“, das Dach brannte bereits lichterloh. Der Windtrieb die Funken auf das Deutsche Volkstheater, das Naturhistorische und Kunsthistorische Museum. Auf der Strasse hatten die Kommunisten die Menge bis zur Weißglut aufgepeitscht. Rettung und Feuerwehr steckten hilflos in der Menschenmenge.

Polizeipräsident Schober mobilisierte neue Polizeieinheiten. Sie wurden mit Karabinern ausgerüstet und zum Justizpalast kommandiert. Nach einem kurzen Aufruf, den Platz zu räumen, dem erwartungsgemäß aber niemand Folge leistete, wurde Schießbefehl gegeben. Die ersten Salven krachten in die Menge.

Nach kurzer Zeit war auf dem Straßenpflaster ein Blutbad. Schwerverletzte krümmten sich schreiend neben den ersten Toten. Die Polizei rückte gegen die Menge vor. Helfer, die den Verwundeten zu Hilfe kommen wollten, wurden erschossen. Panikartig setzte eine Fluchtbewegung ein. Der Platz vor dem Justizpalast war nach kurzer Zeit geräumt. Die Feuerwehr konnte vorfahren, der Einsatz zur Brandbekämpfung beginnen.

Bewaffnete Polizeieinheiten drangen in das Gebäude ein und räumten es von den Eindringlingen. Zahlreiche Verwundete und Tote blieben zurück.

Im Parlament richtete die Rettung eine Lazarettstation ein und begann mit der Erstversorgung der Verwundeten. Im Rathaus wurden einige Autos requiriert, um die Schwerverwundeten ins Allgemeine Krankenhaus zu bringen. Doch man kam mit dem Abtransport nicht nach. Die Polizei hatte, nachdem der Platz vor dem Justizpalast geräumt war, die Flüchtenden verfolgt. In Schwarmlinien zogen sie durch die angrenzenden Strassen und schossen auf alles, was sich dort im Laufschritt vor ihnen bewegte. Überall lagen Tote und Verwundete.

Nachdem die ersten Schüsse gefallen waren, führten einige Kommunisten einen Trupp Demonstranten in die Strozzigasse. Dort war das Redaktionsgebäude der „Reichspost“. Diese Zeitung war eines der größten Hassobjekte der Linken. Das Blatt war schärfster Gegner der Kommunisten und der Sowjetunion sowie der Sozialdemokraten. Es unterstützte die Regierungspolitik Seipels. Unter ihrem Chefredakteur Friedrich Funder wurden in der Berichterstattung über Zusammenstöße zwischen Schutzbund und Frontkämpfer immer als Schuldige die Schutzbündler ausgemacht.

Dieser Zeitung sollte nun der Garaus gemacht werden. Die Redaktion wurde bereits am Morgen telephonisch davor gewarnt, dass heute mit Angriffen auf ihr Gebäude, in dem sich auch die Druckerei befand, zu rechnen sei. Aus diesem Grund wurde auch Polizeischutz angefordert, dem aber nicht entsprochen werden konnte, da zu wenig Mannschaften zur freien Verfügung waren. Schließlich wurden drei Mann als Wache entsandt, die später um weitere sechs Mann aufgestockt wurden.

Als die Menge unter den Schreien von Parolen anrückte, musste diese Polizeitruppe angesichts der Übermacht abziehen.

Demonstranten vertreiben einen Polizeitrupp

Demonstranten vertreiben einen Polizeitrupp

Eine Truppe von etwa fünfzig mit Brecheisen, Holzlatten, Benzinkanistern und Brandfackeln ausgerüsteten Leuten schlug das schwere Eichentor in Trümmer und drang in das Gebäude ein. Chefredakteur Funder hatte das Personal vorsorglich bereits nach Hause geschickt, anwesend waren nur noch er selbst und eine Handvoll Angestellte aus der Verwaltung. Ein Wachebeamter, der sich den Eindringlingen entgegenstellte, wurde von diesen niedergestochen und seiner Dienstpistole beraubt.

Mit Brechstangen wurden die Türen der Redaktion aufgebrochen und die Räume verwüstet. Die Setz- und Rotationsmaschinen wurden beschädigt, die Setzkasten ausgeleert und die Lettern am Fußboden ausgestreut.

Ein anderer Stoßtrupp drang in die Privatwohnung des Chefredakteurs Funder ein und bemächtigte sich aller Wertgegenstände, Geldbeträge, darunter die Ersparnisse der Hausgehilfin, Kleider und was sonst nicht niet- und nagelfest war. Ein silbernes Essbesteckservice fand einen neuen Besitzer.

In den oberen Stockwerken waren Wohnungen von Privatleuten, die mit der Redaktion der „Reichspost“ nichts zu tun hatten. Auch diese Wohnungen wurden geplündert und ausgeraubt.

Im Erdgeschoss wurde, ohne auf die Plünderer in den oberen Stockwerken Rücksicht zu nehmen Feuer gelegt. Das viele Papier, die leicht entzündlichen Vorräte an ölhaltiger Druckerfarbe gerieten in Brand. Das Feuer griff rasch um sich.

Die herbeigerufene Feuerwehr wurde in der Strozzigasse von Demonstranten an der Weiterfahrt zur Redaktion gehindert, sodass sich der Beginn der Löscharbeiten verzögerte. Als sich die Löschmannschaften schließlich doch durchkämpfen konnten, stand das Haus bereits in hellen Flammen. Die Arbeit der Feuerwehr wurde dadurch erschwert, dass von dem Stoßtrupp mehrmals versucht wurde, die Wasserschläuche zu zerschneiden, doch gelang es schließlich doch, den Brand zu löschen.

Das ausgebrannte Gebäude der "Reichspost"

Das ausgebrannte Gebäude der „Reichspost“

Die von dem Justizpalast verdrängte Menge zog sich in die umliegenden Strassen zurück und errichtete dort Barrikaden. Man wollte sich vor der verfolgenden Polizei schützen, die rücksichtslos auf alles, was sich fluchtartig wegbewegte, das Feuer eröffnete.

Eine Barrikade neben dem Palais Auersperg

Eine Barrikade neben dem Palais Auersperg

Auch wurden andere Objekte zur Zerstörung aufgesucht. Das Haus des „Verbandes der Hausbesitzer“ in der Landesgerichtsstrasse war ein solches. Hausbesitzer waren grundsätzlich Reaktionäre, die die Arbeiterschaft ausbeuteten. Ein solches Gebäude musste niedergebrannt werden.

Zuerst wurden die Fenster eingeschlagen und dann versucht, Brandfackeln in das Innere zu werfen. Doch die Polizei rückte an, ehe ein Brand ausbrechen konnte.

Das Redaktionsgebäude der „Wiener Neuesten Nachrichten“ war das nächste Ziel. Die Redaktionsräume wurden zerstört, Schriftstücke und Manuskripte auf die Strasse geworfen oder verbrannt. Erst nach Anrücken bewaffneter Polizeieinheiten, die sofort das Feuer eröffneten, zog sich die Menge zurück und die Feuerwehr konnte den aufkeimenden Brand bekämpfen.

Die Kommunisten hatten den Tag gut vorbereitet. Die Komintern in Moskau hatte den kommunistischen preußischen Landtagsabgeordneten und Gründungsmitglied der „Deutschen Kommunistischen Partei“, Wilhelm Pieck (er wird später der erste und einzige Präsident der DDR werden) blitzschnell nach Wien beordert, um den Genossen sein Wissen zur Verfügung zu stellen. Pieck hatte in Berlin 1919 am Spartakusaufstand teilgenommen und hatte ausreichende Erfahrung als Revoluzzer und Straßenkämpfer. Er entwirft in Grundzügen die Strategie für die Demonstrationen vor dem Parlament.

Pieck wird von der Polizei verhaftet und eingesperrt. Da er preußischer Landtagsabgeordneter ist, bleibt er das nicht lange, sondern wird kurzerhand und ohne viel Aufsehen nach Deutschland abgeschoben.

Wilhelm Pieck

Wilhelm Pieck

Am Nachmittag war in der Gegend rund um das Parlament, der Ringstrasse und in den angrenzenden Straßenzügen die Ruhe wieder hergestellt. Die Feuerwehr war mit der Brandbekämpfung im Justizpalast beschäftigt, die Rettung lieferte die Verwundeten in die Spitäler, die Bestattung sammelte die Leichen ein, die überall herumlagen. Die Polizei patrouillierte großräumig von der Universität bis zur Hofburg.

Womit niemand gerechnet hatte, war die Verlagerung der Unruhen in die Vorstädte. In Favoriten wurden einige Wachzimmer angegriffen. Auf der Mariahilferstrasse ein Waffengeschäft überfallen, in Hernals Plünderungen durchgeführt. Die in der Stadt patrouillierenden Einheiten wurden rasch in die Vorstädte verlegt. Zur Bewachung des Parlaments mussten Soldaten des Bundesheeres eingesetzt werden, um Polizeikräfte frei zu bekommen.

In den Vorstädten waren jetzt nur noch Randalierer, Gesindel und vor allem Kommunisten unterwegs. Arbeiter beteiligten sich nicht an diesen Streifzügen. Die Unruhen und Randale dauerten die ganze Nacht. Stellenweise war die Ansammlungen so bedrohlich, dass die Polizei von der Schusswaffe gebrauch machen musste.

Der Polizeibericht wird in wenigen Tagen die Bilanz dieses Bluttages melden: 4 tote Polizisten und 84 tote Demonstranten.

Zur Ruhe ist Österreich bis zu seinem Untergang nicht mehr gekommen.