Und darüber haben sie sich aufgeregt

Die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts waren in Europa von gesellschaftlichen Umwälzungen geprägt, die sich in ihrer Tiefgründigkeit und Tragweite in der Geschichte der Menschheit bisher nicht ereignet hatten. Ein Weltkrieg mit verheerenden Auswirkungen auf die beteiligten Völker, mit unsäglichem Leid in fast allen Familien und zum krönenden Abschluss mit Friedensverträgen, die keinen Frieden brachten, sondern den Keim zu neuen Kriegen in sich trugen, waren Grundlage und Nährboden des täglichen Lebens.

Dynastien wurden gestürzt, Herrscherfamilien zu unbedeutenden Randfiguren degradiert, staatstragende Häuser verfielen zu Ruinen und Jahrhunderte alte Traditionen wurden zu Schutt zertrümmert. Aus diesem Humus sprossen neue politische Ideen aller Richtungen hervor. Eine Inflation vernichtete alle Geldwerte und brachte weite Kreise der Bevölkerung an den Bettelstab.

In diesen 20er Jahren ereigneten sich Skandale, die die Gesellschaft erschütterten, Ereignisse, die ihre Spuren quer durch Europa zogen und ein Millionenpublikum in ihren Bann zogen.

Viele sind heute vergessen, an manche Namen knüpft sich vielleicht eine bruchstückhafte Erinnerung, ohne jedoch Zusammenhänge zu wissen.

Dieses Buch greift einige der spektakulärsten Episoden und Ereignisse auf und versucht sie vor dem Vergessen zu bewahren.

  • Die Umtriebe des Finanzjongleurs Camillo Castiglioni, der es verstand in der Zeit der größten Inflation ein Vermögen zu schaffen und ein europäisches Wirtschaftsimperium aufzubauen, um am Ende alles zu verlieren, erinnern in manchen Details an Vorgänge in unserer Zeit.
  • Die Wiener Musikerin Eva Maria Mayer war die erste Frau, die die Berliner Philharmoniker dirigierte. Wie sie allerdings den Kartenverkauf organisierte, löste einen Skandal aus, der in Berlin und Wien weit über Musikerkreise hinaus zum Tagesgespräch wurde.
  • Ein künstlerisches und gesellschaftliches Ereignis war der erste Auftritt des „Sterns aus dem Osten“ an der Wiener Staatsoper. Es war die Geburtsstunde einer Weltkarriere. Wien stand Kopf, die Damenwelt lag dem Tenor zu Füssen.
  • In Holland wurden drei Ungarn festgenommen, weil sie gefälschte Franc-Noten in Umlauf bringen wollten. Die Spur zu den Fälschern führte rasch nach Budapest. Im Zuge der Ermittlungen wurde festgestellt, dass hohe und höchste Kreise in die Affäre verwickelt waren. Mitglieder des Hochadels, der Regierung und selbst der Kirche wurden im Zuge der Aufklärung der Fälschung belastet. Paris erwog die Anrufung des Völkerbundes, die Staaten der „kleinen Entente“ berieten über eine Kriegserklärung an Ungarn.
  • Der gefeierte Tenor der Wiener Staatsoper Trajan Grosavescu wurde in der Blüte seiner Jahre von seiner eifersüchtigen Frau erschossen. In einem spektakulären Geschworenenprozess wurde ein sensationelles Urteil gefällt. Wien spaltete sich in zwei Lager. Erst von einem anderen Fehlurteil eines Geschworenengerichts wurde das Grosavescu – Urteil bald danach überschattet.
  • Im burgenländischen Schattendorf wurden bei einer Demonstration ein Mann und ein Kind erschossen. Eine politische Polarisierung heizte die Stimmung im ganzen Land an.
  • In einem aufsehenerregenden Prozess wurden die Todesschützen von Schattendorf frei gesprochen. Die Folge war eine Großdemonstration, in deren Verlauf der Wiener Justizpalast in Brand gesteckt wurde. Über achtzig Menschen verloren bei diesem Ereignis ihr Leben. Das war der Anfang vom Untergang Österreichs.

Die Schilderungen dieser Begebenheiten sind so aufgebaut, dass sie sich nicht nur auf das jeweilige Ereignis beschränken. Es wurde versucht, ein möglichst umfassendes Bild der 20er Jahre zu zeichnen. Vor den Augen des Lesers öffnet sich ein Gemälde dieser Zeit. Viele Vorgänge aus der Geschichte des nachfolgenden Jahrzehnts werden dadurch transparenter und es kann den folgenschweren Ereignissen mehr Verständnis entgegengebracht werden.

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